Ostwärts - immer ostwärts

Hongkong-Reisebericht  |  Reisezeit: September 2019 - März 2020  |  von Janis Dinter

Hong Kong - Verlustängste

Als nächstes stand also die Ausreise aus China an. Oder doch nicht? Ist Hong Kong jetzt Ausland? Oder doch nur eine etwas andere chinesische Provinz? Würden wir Stunden an der Grenze verbringen wie bei der Einreise nur mit mehr Anspannung ob der momentanen Situation.
Nein. Zum Glück waren das alles Befürchtungen, die sich als unnötig herausstellten. Im Grunde lief die Zugfahrt von Guangzhou nach Kowloon Station in Hong Kong genauso ab wie jede andere in Festland China. Nur nach dem Aussteigen mussten wir kurz durch den Zoll, das wars.
Wie wir aber ziemlich schnell feststellen sollten, ist ansonsten aber sehr, sehr, SEHR viel anders als in Festland China. Meine Erwartungen an China und Hong Kong vor der Reise waren, dass die kommunistische Volksrepublik deutlich hinter dem kapitalistischen Hong Kong hinterher sein muss. Ich hatte erwartet, dass Hong Kong so ziemlich so aussieht, wie ich mir auch Singapur vorstelle: sauber, reich und schick. Zumindest in Teilen war diese Vorstellung aber nicht wirklich angebracht.

Hong Kong City ist grob in zwei Teile geteilt: der Festlandteil Kowloon, wo wir auch unser Hotel hatten, ist extrem eng und wuselig. Hier werden gerne auch mal Highways in zwei oder drei Lagen übereinander gebaut und hier gibt es auch die berühmt berüchtigten Käfigwohnungen, wo Menschen aus Platzmangel in winzig kleinen Parzellen leben. Der andere Teil ist Hong Kong Island. Hier stehen die großen Bankenzentren, hier ist der moderne westliche Schick, den man häufig mit der Stadt verbindet. Wenn man nicht genau hinsieht, könnte man hier zum Teil auch meinen, man wäre in New York, Chicago oder Sydney. Außerhalb der Innenstadt befinden sich die Wohngegenden. Wer aber mit gemütlichen Vorstadtsiedlungen rechnet, wird hier leider enttäuscht, denn hier sind alle Häuser mindestens 20 Stockwerke hohe Spargelstangen in der hügeligen Landschaft.
Hong Kong wird komplettiert von wunderschöner Natur um diese Großstadtkulisse drum herum. Mehrere hundert Meter hohe Berge und malerische subtropische Inseln geben einem die Möglichkeit, aus der hektischen Metropole auszubrechen und etwas zur Ruhe zu kommen.
Natürlich wollten wir uns in den vier Tagen hier von alledem etwas ansehen. Also starteten wir in...

Unser erster Blick auf Hong Kong: Hochhäuser so weit das Auge reicht.

Unser erster Blick auf Hong Kong: Hochhäuser so weit das Auge reicht.

Kowloon

Der Festlandteil Hong Kongs namens Kowloon ist ein wildes buntes Durcheinander. So hatte ich mir viele Städte in China vorgestellt, um dann aber festzustellen, dass es dort sehr viel sauberer und geordneter zugeht. In Kowloon hingegen, kann man die Nähe zu Südostasien bereits deutlich spüren. Märkte am Tag und in der Nacht, enge Straßen mit noch viel engeren Geschäftchen im Erdgeschoss, in denen alles verkauft wird, was man sich vorstellen kann (wir haben ein Möbelgeschäft gesehen, dessen Ladenfläche etwa dem einer Apotheke in Deutschland entsprach), und viele Stockwerke Wohnungen darüber mit brummenden Klimaanlagen und zum lüften in die stickige Stadtluft gehängter Wäsche. Das ist Kowloon. Richtige Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinne gibt es hier recht wenige, das Kommen und Gehen auf den Straßen ist hier, was man erleben muss.
Da sich unsere Unterkunft in diesem Stadtteil befand, lernten wir Kowloon besonders gut kennen. Wenn man sich erst einmal an die furchtbare Enge und das ewige Rauschen der Straßen gewöhnt hat, ist es eine echte Erfahrung, hier ein paar Tage zu verbringen.

Wir verbrachten die ersten eineinhalb Tage ausschließlich in Kowloon und ließen das Ganze erst einmal auf uns wirken. Wir besuchten einen komplett mit Räucherstäbchen eingedunsteten Tempel und einen Park bestehend aus Palmen und Rankpflanzen und Schildkröten in den Teichen statt Enten. Wir aßen bei Subway, das überall auf der Welt so herrlich gleich schmeckt, und genossen die Englischsprachigkeit, der Menschen um uns herum.

Markt in Kowloon.

Markt in Kowloon.

Ob Schlosserei oder Möbelgeschäft, in den Läden Kowloons bleibt kein Wunsch offen. Das einzige, das keiner hat, ist Platz.

Ob Schlosserei oder Möbelgeschäft, in den Läden Kowloons bleibt kein Wunsch offen. Das einzige, das keiner hat, ist Platz.

Erst ganz im Süden Kowloons am Hafen beginnt sich das Bild vom reichen Hong Kong zu bestätigen.

Erst ganz im Süden Kowloons am Hafen beginnt sich das Bild vom reichen Hong Kong zu bestätigen.

Blick herüber nach Hong Kong Island

Blick herüber nach Hong Kong Island

Lamma Island

Am zweiten vollen Tag in Hong Kong wollten wir eigentlich an einer Stadtführung teilnehmen, allerdings wurden wir durch die Proteste (später mehr) daran gehindert, rechtzeitig dort hin zu gelangen. Also entschieden wir uns zu einem spontanen Alternativprogramm, nämlich einem Besuch einer von Hong Kongs kaum bewohnten kleineren Inseln namens Lamma Island.
Mit der Fähre setzten wir für kaum mehr als drei Euro pro Person auf die Insel über und suchten uns eine Route für eine kleine Wanderung. Was für eine andere Welt! Auf Palmen gesäumten Wegen und von Schmetterlingen umschwirrt, spazierten wir über die Insel und bekamen das erste Mal ein richtig tropisches Feeling. Hier ist das Hong Kong der Großstadt überhaupt nicht wiederzuerkennen. Man trifft kaum Menschen und wenn, dann sitzen sie im Schatten unter einem Vordach und trinken ein kühles Getränk. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich uns auf den Philippinen oder in Thailand vermutet, aber gewiss nicht in Hong Kong.
Nach gut drei Stunden fuhren wir wieder zurück ins Stadtzentrum und das Gewusel hatte uns wieder.

Beachfeeling auf Lamma Island

Beachfeeling auf Lamma Island

Hong Kong Island

So. Zweiter Anlauf. Dieses Mal hat es geklappt. Wir sind rechtzeitig am Startpunkt der Stadtführung angekommen und sie findet auch statt. Der Tourguide macht gleich von Anfang an klar: Diese Stadtführung wird nicht so, wie die meisten. Sightseeing steht ausnahmsweise einmal kaum auf dem Programm, dafür full-on Hong Kong China Konflikt.
In Hong Kong tobt seit Frühjahr 2018 der Protest der jungen Leute, welche die Einmischung Chinas in die inneren Angelegenheiten Hong Kongs fürchten. Besonders die Auslieferung straffällig gewordener Hong Konger nach China bereitet den Menschen hier große Sorgen. Also gehen immer mehr von ihnen auf die Straße und verschaffen sich so international Gehör. Der Konflikt bestimmt zum Zeitpunkt unserer Anwesenheit hier (November 2019) ganz klar den Alltag der meisten Menschen.
Ich habe dieses Kapitel aus diesem Grund mit 'Verlustängste' betitelt, weil das der Eindruck ist, den man gewinnt. Über viele Jahrzehnte hat man sich hier daran gewöhnt, teil der freien Welt zu sein, zu konsumieren, zu kritisieren und zu debattieren. Es gibt freien Zugang zum Internet, es kann gesagt werden, was man will, und die meiste Zeit ging es den Hong Kongern auch vom Wohlstand her besser als den Chinesen. Das alles ist in Gefahr, wenn der Einfluss der Volksrepublik stetig wächst. Vertraglich geregelt ist ohnehin, dass Hong Kong im Jahre 2047 seine Autonomierechte verliert und dann völlig im Chinesischen Staat aufgeht. Bis dahin wollen die Menschen allerdings noch ihre Freiheit genießen.
Besonders nach den vier Wochen in China können wir diesen Wunsch nur zu gut nachvollziehen. Die Menschen blicken hier Wort wörtlich dem Verlust ihrer bisherigen Normalität entgegen. Vor diesem Hintergrund sind die massiven Proteste mehr als verständlich. Mehr noch: Die Friedfertigkeit der Mehrheit der Demonstrationen finde ich sehr beachtlich. Wenn man bedenkt, was für die Menschen auf dem Spiel steht, ist die Zahl der eingeschlagenen Fensterscheiben oder anders demolierten Dinge sehr übersichtlich. Wir haben ein Mal eine Demonstration von nahem gesehen, was natürlich keinen finalen Schluss über die tatsächliche Situation zulässt. Allerdings stört es mich schon, dass sich die mediale Berichterstattung bei uns immer wieder so sehr auf die wenigen Eskalationen versteift und nicht den friedfertigen Protest und die Beweggründe dahinter beleuchtet.
Die Stadtführung hat uns in zweieinhalb Stunden einen enorm guten Einblick gegeben. Ich bin froh, dass wir uns entschieden haben, hierher zu kommen.

Kurz zu Hong Kong Island: Hier befindet sich das Herz Hong Kongs mit Bankenzentren gepaart mit Parkanlagen und etwas Kolonialgeschichte. Da es nur auf einem künstlich aufgeschütteten Küstenstreifen flach ist und der Rest der Stadt hier an den Berg gebaut ist, bewegt man sich hier ständig entweder bergauf oder bergab. Eine anstrengende Sache also hier durch die Straßen zu schlendern. Wir drehten eine ausgedehnte Runde durch den Kern der Stadt, genossen einen sauteuren Tee und die für Hong Kong typischen Dim Sum und fuhren dann mit der U-Bahn zurück nach Kowloon.

Der Hafen von der anderen Seite. Im Hintergrund liegt Kowloon.

Der Hafen von der anderen Seite. Im Hintergrund liegt Kowloon.

Auf der Landzunge im Hintergrund weht seit 1997 statt der Britischen wieder die Chinesische Flagge.

Auf der Landzunge im Hintergrund weht seit 1997 statt der Britischen wieder die Chinesische Flagge.

Tee und Dim Sum

Tee und Dim Sum

Überbleibsel des Protests vom Mittag in Kowloon.

Überbleibsel des Protests vom Mittag in Kowloon.

Suicide Wall

Und schon war der letzte Tag angebrochen. Den wollten wir noch einmal dafür nutzen, um uns die wunderbare Natur Hong Kongs anzusehen. Wir fuhren also mit der U-Bahn einige Stationen in Richtung Nordosten und begannen eine Wanderung, der etwas anderen Art. Denn wir wollten auf den rund 400 Meter hohen Berg, dessen ausgesetztester Punkt einen tollen Blick über Hong Kong verspricht und den wenig vertrauenserweckenden Namen Suicide Wall trägt. Naja, dann mal rauf. Problem nur, dass ich dank eines miserablen Frühstücks bei McCafé absolut kraftlos war und Rieke durch die immer zugewuchert werdenden Wege von ihrer Krabbeltier-Phobie geplagt wurde. Der Aufstieg gestaltete sich daher als wenig erquickend und wir waren heilfroh, als wir uns endlich an der "Wand des Freitods" befanden. Und joa, wer es darauf anlegt, der könnte den Namen hier sicherlich mit Erfolg bestätigen. Wir wählten dann doch lieber den gesünderen Weg, behielten respektvollen Abstand zur Klippe und genossen den majestätischen Blick und ließen uns von dem ewigen Smog nicht die Stimmung verhageln.

Suicide Wall mit Kowloon im Vorder- und Hong Kong Island im Hintergrund

Suicide Wall mit Kowloon im Vorder- und Hong Kong Island im Hintergrund

Hong Kong ist nicht China. Es ist aber auch nicht der Westen. Hier prallt Asien mit voller Wucht auf Europa, allerdings auf eine Weise, die wir unfassbar interessant und größten Teils auch sehr bereichernd empfanden. Keiner kann heute sagen, wie sich das Leben der Leute hier in den nächten Jahren verändern wird. Doch es ist schön zu sehen, dass es die Menschen hier schaffen, positiv und mit einem Lächeln an die Herausforderungen heranzugehen. Ob sie gegen die Urgewalt, die sich da in China formiert eine Chance haben werden, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

Wir verließen Hong Kong wieder per Zug in Richtung China, genauer gesagt über die Grenzstadt Shenzhen und die Provinzmetropole Nanning, wo wir in einen Nachtzug nach Hanoi stiegen. Das nächste große Kapitel unserer Reise war also beendet, auf zu neuen Erlebnissen und wiedermal in eine komplett andere Welt in Südostasien.

© Janis Dinter, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine (halbe) Weltreise! Sechs bis sieben Monate überwiegend mit Bus und Bahn von Deutschland aus in Richtung Osten, dann Süden, dann wieder Osten. Unsere Reise führt uns durch Skandinavien, das Riesenreich Russland, die Mongolei und China, nach Südostasien und zuletzt nach Neuseeland. Ein halbes Jahr haben wir dafür grob eingeplant - ob es noch mehr wird, wer weiß?
Details:
Aufbruch: 04.09.2019
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: 22.03.2020
Reiseziele: Deutschland
Dänemark
Schweden
Finnland
Russland / Russische Föderation
Mongolei
China
Hongkong
Vietnam
Kambodscha
Laos
Thailand
Malaysia
Singapur
Australien
Neuseeland
Der Autor
 
Janis Dinter berichtet seit 28 Monaten auf umdiewelt.
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