St. Peterburg, Moskau, Velikie Liuki. 3000 Kilometer durch Russland

Russland-Reisebericht  |  Reisezeit: April / Mai 2009  |  von Frank Kotzte

Das Abenteuer Russland beginnt

Der Aufbruch

Am 26.04.09, in aller Frühe ging es los. Das Auto war schon am Vorabend gepackt. Voller Ungeduld brach ich gen Ostsee auf. Um 05 Uhr sollte ich im Fährhafen Mukran bei Saßnitz zum Einchecken am Terminal sein. An der Hafeneinfahrt standen zwei Laster mit russischem Kennzeichen und mein Pkw. Ob ich da wo ich stand richtig stand ließ sich aus meiner Sicht überhaupt nicht deuten. Vor mir sah ich, außer den Lastern, nur ein erstaunlich leeres Hafengelände und leere dunkle Gebäude. Die Lkw Fahrer schliefen in ihren Kabinen, am Hafentor tat ein Wachmann seinen Dienst und ich wartete erst einmal ab. Plötzlich kam ein weiterer Pkw hielt in meiner Nähe, der Fahrer stieg aus, sprach mich mit meinem Namen an und bat mich, seinem Auto zu folgen. Die Tore zum Hafen öffneten sich, ich folgte dem mit hoher Geschwindigkeit vorrausfahrenden Wagen quer durchs gespenstisch leere Hafengelände. Wir hielten vor einem mehrstöckigen Bürogebäude. Der Mann, offensichtlich ein Angestellter der Reederei welcher für meiner Fährverbindung zuständig, führte mich in sein Büro.

Wer will denn schon nach Russland?
"Ich bediene die Linie nun fast 20 Jahre, aber da drüben in Russland war ich noch nie. Was treibt sie da rüber?" Wollte der Angestellte der Reederei von mir wissen, während er meine Papiere kontrollierte und die Reiseformulare ausfertigte. "Wer will schon nach Russland? Drum ist unser Hafengelände auch so leer. Der Handel ist wegen der Wirtschaftskrise fast zusammengebrochen, na und Touris fahren ehe nicht von hier, wenn dann ab Kiel. Wo das Schiff jetzt auch her kommt." Mit einem Blick auf den Bildschirm seines Rechners stellte er fest: "Ein Touristen-Pkw ist bereits an Bord. Na dann sind sie ja schon mal zu Zweit.". Freundlich drückte er mir meine Papiere in die Hand, zeigte mir von seinem Bürofenster aus den Stellplatz, welchen ich bis zur Ankunft der Fähre einnehmen sollte.

Ein Schiff wird kommen.
Gegen 06 Uhr stand ich mit Blick auf die Ostsee an der Hafenkante und wartete.
Kein Hafenarbeiter zu sehen, kein Kran in Betrieb, alle Lkw Stellflächen leer. Ich fragte mich, ob das wohl Zeichen der Weltwirtschaftskrise sind?
Gegen 06.30 Uhr fuhr sie langsam in den Hafen ein. Die "Transeuropa". Unmittelbar vor der Kaimauer wendete das riesige Schiff. Fast pünktlich um 7 Uhr befestigte die Besatzung, mit sicheren Handgriffen, das Heckteil der Fähre, an der Laderampe des Hafens. Beinahe zeitgleich kamen, wie aus dem Nichts, Hafenarbeiter, um mit Schleppern fünf Tieflader, offenbar mit Fertighausteilen beladen, zum Schiff zu ziehen. Während dessen hielt ein Auto der Bundespolizei neben meinem LADA. Ein Polizist verlangte meinen Reisepass und verschwand damit erst einmal in sein Auto. Auf dem Beifahrersitz sitzend, in der einen Hand meinen Reisepass haltend sprach er mal nickend, mal kopfschüttelnd, in ein Funkgerät, welches er in der anderen Hand hielt. Während sein Kollege eher gelangweilt hinter dem Lenkrad saß. Mit dem Satz: "Sagen sie mal, eine rein private Frage, was wollen sie denn als Tourist in Russland?", bekam ich meinen Pass zurück. Die Tieflader waren inzwischen im Rumpf des Schiffs verschwunden. Nur die Schlepper fuhren noch irgendwie ziellos umher. War ich jetzt daran? Noch während ich überlegte, kamen die beiden russischen Lkw angerollt welche draußen vor dem Hafentor standen und verschwanden im Rumpf der Fähre. Ich ließ meinen Blick noch einmal suchend schweifen, aber einen Einweiser oder Lademeister schien es nicht zu geben. Ein Schlepperfahrer gab mir ein Handzeichen, nun war ich dran. Und rein ging es in den riesigen Bauch des Schiffes. Irgendwo, wo Platz war, sollte ich mich Auto hinstellen. Und Platz war viel im Inneren des Frachtraumes. Kein Drängeln. Keine Hinweise: Handbremse anziehen, Fahrzeuge verlassen. Auch gut. Ich schnappte ich mir meine Sachen für zwei Tage, verschloss das Auto und begab mich an Deck. An der Rezeption wartete der Zahlmeister schon auf mich. Er schien an Bord für die Betreuung der Passagiere zuständig zu sein. Eine Kajüte wie ein Hotelzimmer eingerichtete, mit Blick auf die See, erwartet mich. Die Reise konnte beginnen.

Zwei Tage auf See
Pünktlich um 9 Uhr verließ die "Transeuropa" den Hafen. Das Abenteuer Russland begann. Lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Nun war er da, es wurde ernst, es gab kein Zurück mehr. Meine Visionen und Pläne wurde Realität. Allein mit dem Auto ein Teil Russlands durchqueren. Wird es gelingen? Werden Probleme auf mich warten? Werde ich sie meistern können? Bin ich wirklich, ausreichend vorbereitet?
Die ersten Stunden auf See waren richtig spannend. Es galt die sieben Decks des Schiffs zu erkunden. Vom Sonnendeck über Sauna bis hin zu einem wunderschönen Restaurant fehlt es an fast nichts. Essen gab es reichlich leckere russische Küche. Viermal am Tag, das herrlichste Büffet. Mit langen Wanderungen über die Außendecks, immer wieder mit einem genießenden Blick auf die Ostsee, vertrieb ich mir die Zeit. Schon nach sechs Stunden Fahrt konnte ich die Ankunft in St. Peterburg kaum noch erwarten. Dank der Einblendungen auf den zahlreichen Bildschirmen an Bord konnte man, via GPS Signal, jederzeit den aktuellen Standort des Schiffs auf der Ostsee genau verfolgen.
Vorbei an Polen, Litauen, Lettland, Estland. Zu sehen war an Deck von den Ländern eigentlich nichts. Man konnte nur ahnen, dass da draußen irgendwo Klaipeda, Riga oder Helsinki liegt. Mit 35 Knoten, knapp 65 km/h, ging es auf der Ostsee vorwärts. Im Finnischen Meerbusen jedoch nur noch mit 25 Knoten, gut 46 km/h. " Sicher, dass wir nicht zu früh in "Pjotr" sind," wie ein russischer Mitreisender meinte. Insgesamt waren nur vier Russen an Bord. Ein älterer Herr, adrett gekleidet, hinterließ er den Eindruck eines Geschäftsmanns. Sein Auto, ein gebrauchter Golf mit einem deutschen Überführungskennzeichen, und mein LADA waren die einzigen Pkw im Bauch des Schiffs. Der Mann kam aus dem Ruhrgebiet und wollte nach Hause, zu seiner Familie in Sibirien, wie er erzählte. Die drei anderen Russen waren Lkw Fahrer. Sie lehrten mich, warum wozu Schiffe auf ihren Stiegen und Gängen die Handgriffe immer in Greifnähe haben. Diese Herren waren während der Zweitagesreise durchweg so alkoholisiert, dass sie trotz ruhiger See, ohne diese Griffe, nicht grade aus laufen konnten. Weiterhin waren acht Holländer und fünf Deutsche an Bord. Sie unternahmen eine Schiffsreise von Kiel nach St. Peterburg und zurück. Sechs Tage Seereise und drei Tage St. Peterburg. Mehr Passagiere gab es an Bord nicht. Wer will denn schon nach Russland?

Ein Schreck
Ich vertrieb mir die Zeit an Bord mit ausgedehnten Wanderungen von Außendeck zu Außendeck, von Büffet zu Büffet und genoss nach den Saunagängen die frische Briese des Ostseewindes auf meiner Haut. Am Abend summte mich das gleichmäßige Dröhnen der Schiffsdiesel in den Schlaf.
Am Nachmittag des letzten Tages meiner Seereise erschreckte mich der russische Geschäftsmann mit der Aussage, dass es mit bleifreiem Benzin in Russland schwer werden würde. "In Russland fahre man überwiegend Diesel oder Gas." So seine Worte. Da war guter Rat teuer. Ich griff zum Handy und rief meine Werkstatt in Deutschland an. "Was mache ich wenn ich kein bleifreies Benzin bekomme?" Galt es zu klären. Es ginge auch mit verbleitem Kraftstoff, aber...., das nähmen die Einspritzdüsen auf kurz oder lang übel, war die Aussage des Meisters. Na, das waren ja Aussichten!
Ich legte mir einen Plan "B" zurecht, für den Fall, dass ich keinen bleifreien Kraftstoff bekäme. Vom Zahlmeister erfuhr ich, dass die Transeuropa nach dreitägiger Liegezeit in St. Peter, auf Heimatkurs geht und man mich, wenn es den nötig währe wieder mit zurück nähme. Ich sei da nicht der Erste.
Mit gemischten Gefühlen sah ich nun der Ankunft entgegen. Sollte meine Reise etwa schon zu Ende sein, ehe sie überhaupt richtig begonnen hatte?

Die Ankunft
Auf keinen Fall wollte ich die Ankunft, die Einfahrt in den Hafen von St. Peterburg verpassen. Von Deck aus wollte ich sie miterleben. Am Abend stellte ich mir meinen Wecker auf 5 Uhr, um diesen für mich bedeutenden Moment gar nicht zu verpassen. 5.45 Uhr, ich war gerade aus der Dusche raus, kam eine Durchsage aus dem Bordlautsprecher: "Liebe Passagiere wir laufen in wenigen Minuten in den Hafen von Sankt Peterburg ein. Das Schiff wird gegen 6 Uhr an der Kaimauer festmachen. Die Ladeluken werden noch geschlossen und die Gangway noch oben bleiben. Bis gegen 7 Uhr die russischen Behörden an Bord kommen." Vom Deck aus sah ich den Hafen und die Stadt im Morgenlicht vor uns liegen. Ein wunderschöner Anblick, begleitet mit dem Gedanken "Russland ich komme!"

Die Gesichtskontrolle
Nach dem Frühstück gab es die nächste Ansage aus dem Lautsprecher: "Bitte alle Passagiere zur Gesichtskontrolle ins Restaurant." Ja, da klang es wirklich: "...zur Gesichtskontrolle...". Im Restaurant erwarteten uns mehrere russische Beamte in Zivile und Uniform. Vom Zahlmeister erhielten wir unsere Pässe zurück, welche wir beim einchecken abgegeben hatten. Die Beamten verglichen nun die Fotos in den Papieren mit den Gesichtern der Besitzer, und nahmen unsere Reisepässe an sich. Anschließend drückten sie uns die Vordrucke für die Zollerklärungen in die Hand und schickten uns, zum Bearbeiten der Papiere, zurück in unsere Kajüten. Beim Ausfüllen der Erklärung wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie wichtig das Kennen der russischen Sprache für die Reise seien sollte. Das Formular gab es nur in russischer Sprache. Englisch oder gar Deutsch - Fehlanzeige.

Die Kontrolleure kommen
Es war schon ein merkwürdig anmutendes Prozedere. Und wahrlich ein komisches Bild, wie alle Fahrgäste die Kontrolle erwartend, aus ihren Kajütentüren heraus den Gang entlang schauten.
Dann kamen sie, die Kontrolleure. Mit nahezu versteinerter Mine traten drei Mann, einer in Uniform, zwei in Zivil, in meine Kabine.
"Passport Maschina, Medizinskoje Straschowanje, ie Straschowanje Awtomobilie paschalusta.", den Fahrzeugschein, die Krankenversicherung und die Fahrzeugversicherung bitte, forderten mich die Herren auf.
Gewissenhaft sahen sie gemeinsam meine Papiere durch. Nach knapp drei Minuten, stellten sie fest, dass ich keine Fahrzeugversicherung für Russland vorweisen konnte. Im Rahmen meiner Reisevorbereitungen hatte ich mich aus Kostengründen entschieden eine Fahrzeugversicherung erst in Russland abzuschließen. Die Herren übergaben mir meinen Reisepass, forderten mich auf, noch in der Kabine zu warten und verabschiedeten sich.

Warum mit einem LADA?
Kurze Zeit später betraten zwei weiter Herren, dieses Mal in Zivil meine Kabine. Auch sie wollte meine Fahrzeugpapiere, die Fahrzeugversicherung und zusätzlich meinen Führerschein sehen. Die Männer durchblätterten meine Papiere abermals. Allerdings auffallend aufmerksam besahen sie sich den Fahrzeugbrief und schauten plötzlich, als trauten sie ihren Augen nicht. "Ein LADA? Warum mit einem LADA?" fragte mich einer sehr erstaunt auf russisch. "Eta charascho Maschina.", ein gutes Auto, antwortet ich, mit einem Schmunzeln.
Sie erklärten mir, dass wegen meiner Fahrzeugversicherung gleich noch jemand
käme und verließen lachend meine Kajüte. Hatten die Beamten etwa erwartet Deutsche reisen grundsätzlich mit einem Mercedes oder BMW in Russland ein? Nicht nur wegen des vermeintlichen technischen Vorteils hatte ich mich für einen LADA entschieden. Das russische Modell sollte auch ein wenig zur "Tarnung" dienen. Ich wollte nicht schon von weitem, als deutscher Tourist auffallen...
Nach den beiden Männern betrat nun eine kleine, etwas untersetzte Frau meine Kabine. Grußlos forderte sie mich barsch auf mein Gepäck zu nehmen und ihr zu folgen. Das heißt, eigentlich verstand ich ihr Russisch überhaupt nicht. Ihrer Mimik leitete ich mein Handeln ab. Ich schnappte mein Gepäck und folgte ihr mit schnellen Schritten. Irgendwie, ich weiß bis heute nicht wie, verstand ich, dass ich mein Auto vom Schiff fahren sollte. Endlich ging es los. Denn inzwischen war es 9 Uhr. Super, dachte ich, die Einreise wäre damit dann wohl geschafft. Fehlte nur noch die Autoversicherung. Aus dem Schiff raus und gut 50 Meter weiter, hieß es dann auch schon Stopp! Mehrere Uniformierte, sechs bis sieben, stellten sich um mein Auto und die kleine, untersetzte, barsche Frau unterhielt sich mit ihnen. Erst Kopf schütteln, dann ein Nicken, danach kam sie zu mir. Jetzt verstand ich ihr Russisch gar nicht mehr. Nicht mal mehr ihre Mimik. Nichts ging. Sie sprach so schnell und so undeutlich, dass ich zweifelte, ob ihre Landsleute sie überhaupt verstehen würden. Ein Uniformierter mischte sich in das Gespräch, besser in den Monolog, ein und erklärte mir, natürlich in Russisch, dass die Dame mit mir zum Abschluss einer Fahrzeugversicherung fahren würde. Wir also rein in einem weißen Mercedes Sprinter - Diesel wie ich sofort erkannte. Kaum saß ich drin, schon verriegelte der Fahrer die Türen und los ging's. Durch zig Schlagbäume kreuz und quer durchs Hafengelände. Bis der Fahrer seinen Sprinter vor einem maroden Fabrikgebäude stoppte. Hier wurden wir offensichtlich schon erwartet. Ein Herr, die Hände in den Taschen, mich nicht anschauend, begrüßte mich und forderte mich auf ihm zu folgen. Wieder, nur dieses Mal zu Fuß, ging es kreuz und quer durch den Hafen, vorbei an Hafenarbeitern die sich mit maroder russischer Technik abmühten. In einer Baracke klopfte er an eine Tür. Niemand antwortete, die Tür war verschlossen. Ich erkannte, dass es sich um das Büro eines Versicherungsmaklers handeln musste. "Pause", sagte der Mann auf Deutsch und gab mir mit einem Handzeichen zu verstehen, ich möge ihm folgen. Abermals ging es durch Staub und Schmutz kreuz und quer durch den Hafen, rein in ein Gebäude, an dem an einem Tisch sitzenden Wachmann vorbei und eine steile Treppe hinauf in ein Großraumbüro. Hier bat er mich Platz zu nehmen und verschwand. Eine nette junge, hübsche Sekretärin bot mir, freundlich in einem verständlichem Russisch, Kaffee und Kekse an. Zwei weitere Männer arbeiteten an Schreibtischen. Von meiner Anwesenheit schienen sie kaum Notiz zu nehmen. Ich hatte nun die ersten ruhigen Minuten in Russland und konnte, Kaffee trinkend, die Situation auf mich wirken lassen.

Fortsetzung folgt .....

© Frank Kotzte, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Der Autor wagte es, trotz Warnungen vieler, im Mai 2009 auf eigene Faust 3000 Kilometer mit dem Auto durch Russland zu fahren. 1000 Kilometer davon Abseits der Fernstraßen. Drei Wochen nach seiner Rückkehr bemerkten Freunde beim Autor eine schwere Erkrankung: Den Russlandvirus. Mütterchen Russland hatte offenbar seine Seele gestreichelt. Ein Unterhaltsamer und informativer Reisebericht.
Details:
Aufbruch: 25.04.2009
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 17.05.2009
Reiseziele: Russland / Russische Föderation
Der Autor
 
Frank Kotzte berichtet seit 9 Jahren auf umdiewelt.
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