Mekong

Reisezeit: Juni - September 2017  |  von Beatrice Feldbauer

Phnom Penh

Kambodscha, Phnom Penh, Rote Kmer, Pol Pot. Da war doch was. Früher.

Die Zeit vergeht so schnell, die Nachrichten überschlagen sich manchmal, ein Schrecken jagt den Anderen. Wer weiss schon, was damals hier geschehen ist?

Es waren nur 4 Jahre, aber die haben Kambodscha, das wahrscheinlich ärmste Land Südostasiens für immer verändert.

Der TucTuc-Fahrer, der mich gestern ins Hotel brachte, bot sich an für eine Tour. Er will mir die Stadt zeigen. Das Gefängnis und die Killing Fields. Was ist das nur für eine Stadt, die solche Sehenswürdigkeiten hat. Soll ich mir die überhaupt antun? Ist das einfach der touristische Marathon?

Ich habe mich entschlossen, die Tour zu machen.

S-21, das Gefängnis.

Ich warte dort drüben im Restaurant, erwarte dich in eineinhalb Stunden zurück. So lange? Wozu soll ich so lange an diesem Ort verweilen?

An der Kasse werden Kopfhörer und Abspielgeräte verteilt. Es gibt die Beschreibungen und Tonbegleitungen in allen Sprachen.

Es ist wichtig, dass sie hierher gekommen sind, auch wenn es ihnen vielleicht schwer gefallen ist, höre ich aus dem Lautsprecher. Und dann erfahre ich, was im April 1975 hier in Phnom Penh passiert ist. Nach langen Jahren im Untergrund und vielen Kämpfen marschierte Pol Pot mit seinen Soldaten in Phnom Penh ein. Und übernahm die Stadt vollständig. Alle Menschen, wirklich alle Leute mussten die Stadt innert Stunden verlassen. Die Stadt wurde zu einer Geisterstadt.

Den Menschen wurde gesagt, es wäre nur für ein paar Stunden/Tage, so dass niemand etwas mitnahm. Doch niemand kam zurück. Die Familien wurden auseinander gerissen. Die Menschen sollten draussen auf den Feldern arbeiten. Nur Bauern waren noch gefragt. Die Elite, darunter alle Ärzte, Ingenieure, Lehrer, ja jeder, der eine Brille trug, wurde verhaftet.

Verhaftet und in dieses Gefängnis S-21 gesteckt. Oder in andere Gefängnisse im ganzen Land, die man vorwiegend in Schulen und in Tempeln einrichtete. Und niemand kam je wieder aus diesen Gefängnissen.

Die Gefängnisse waren Folterkammern. Die Menschen wurden systematisch verhört. Und wenn die Verhöre nicht das gewünschte Ergebnis brachten, wurde dieses aus ihnen herausgepeitscht.

Ich gehe durch die Räume. Da stehen Stahlbetten, hier wurden Menschen einzeln eingekerkert. In anderen Räumen wurden sie an Eisenstangen gekettet. Immer sieben eng zusammen an einer Stange. Gemeinsam mussten sie liegen oder sich aufsetzen. Bei den Verhören und Folterungen durfte kein Ton ertönen, denn draussen sollte nicht bekannt werden, was hier an dem geheimen Ort passierte. Auch die anderen Häftlinge sollten nicht wissen, was mit ihren Mitinsassen passierte.

Leute wurden hier zu Tode gefoltert und im Hof verscharrt.

Die Stimme im Kopfhörer erzählt von all den Taten, ich muss mich immer wieder draussen auf eine Bank setzen. Drinnen sind Fotos ausgestellt, denn die Peiniger haben die Toten fotografiert. Alles wurde bestens dokumentiert. Die Verhaftungen, die Folterungen, die Verhöre, die Geständnisse, die Strafen.

Wusste tatsächlich niemand davon wie es um dieses Land bestellt war? Was in den Gefängnissen passierte, das wusste nicht einmal das Volk. Aber dass die komplette Elite verhaftet wurde, die Stadt komplett verwüstet, wusste das jemand?

Fragen über Fragen.

Es ist heiss heute. Mindestens 32 Grad. Das war auch damals so. Wie konnte man das überleben? Heute sind grosse Ventilatoren in den Räumen montiert, damals wurden alle Fenster und die Lüftungslöcher verstopft, damit kein Ton von dem was drinnen passiert ist, nach draussen dringen konnte. Es gab nur sieben Überlebende aus diesem Horrorgefängnis.

Sie sind jetzt Wissender von dem was hier passiert ist, sie werden das nie vergessen, sagt die Stimme zum Schluss und bedankt sich für den Besuch.

Das Gefängnis wurde ins UNESCO Welterbe aufgenommen. Was für ein Erbe!

Die Gräber der letzten Insassen, die vor der Befreiung von den Wärtern umgebracht wurden.

Die Gräber der letzten Insassen, die vor der Befreiung von den Wärtern umgebracht wurden.

Das Denkmal

Das Denkmal

das war früher eine wichtige Schule

das war früher eine wichtige Schule

Der Stacheldraht wurde angebracht, damit sich die Insassen nicht vom obersten Stockwerk in den Tod stürzen konnten.

Der Stacheldraht wurde angebracht, damit sich die Insassen nicht vom obersten Stockwerk in den Tod stürzen konnten.

Auf den Gedenktafeln stehen über 10'000 Namen, denn die Verhaftungen wurden gewissenhaft dokumentiert.

Auf den Gedenktafeln stehen über 10'000 Namen, denn die Verhaftungen wurden gewissenhaft dokumentiert.

Der TucTuc-Driver wartet draussen, aber ich brauche jetzt erst einen Moment für mich. Ausserhalb dieser bedrückenden Mauern.

Und dann holt mich das hier und jetzt wieder ein. Mein TucTuc schlägt Bogen, kurvt um stehende Autos, nimmt die Abkürzung über die Tankstelle, fährt vor dem Verkehrspolizisten, der eigentlich den Verkehr regeln sollte, direkt in den Gegenverkehr und biegt dann über die Strasse nach links ab. Es funktioniert alles, ich versuche Fotos und Videos zu machen und bin komplett vom Verkehr gefangen. Angst habe ich übrigens bei all den Kapriolen überhaupt nie. Der Verkehr ist wie in Vietnam.

Mir fallen aber die vielen teuren Autos auf. In Vietnam gab es nicht so viele Autos, aber hier fahren jede Menge Lexus und Toyota Prius in der Stadt.

Das ist extrem auffällig. Die meisten sehen auch sehr gepflegt aus.

Daneben gibt es jede Menge Motorräder und kleine Transporter. Oder Motorräder mit kleinen Kindern, die zwischen Mutter und Vater eigeklemmt sitzen.

Wir fahren aus der Stadt heraus. Die Killing Fields liegen ca. 15 Kilometer ausserhalb der Stadt.

Einst ein chinesischer Friedhof, wurde er später als Richtstätte für die Gefangenen benutzt. Sie wurden mit verbundenen Augen in Lastwagen hierher gefahren. Sie wussten kaum, was mit ihnen passieren würde, sie wurden kurzerhand umgebracht. Nicht erschossen, Kugeln waren dafür zu schade. Erschlagen, erstochen, erdrosselt, mit scharfen Palmblättern ...

Die Transporte kamen in der Nacht, das Gelände wurde mit lauter Musik beschallt, damit man die Schreie der Sterbenden nicht hören konnte.

Es ist ungeheuer. Ich höre nicht nur von den Opfern, ich höre auch von den Tätern. Auch sie wurden nicht verschont, auch sie fielen dem Regime zum Opfer.

Auch hier wieder erzählt mir die Stimme aus dem Kopfhörer von all den ungeheuren Taten, von einem menschenverachtenden Regime wie es nicht vorstellbar ist.

Man fand hier viele Massengräber mit Leichen, alle ohne Kopf. Der Kopf sollte vom Schädel getrennt sein. Die Körper nicht mehr vollständig.

Der Ort soll nicht nur eine Erinnerung sein, sondern auch ein Ort der Heilung. Heilung durch Erinnern. Darum wurde eine grosse Stupa erstellt, in der die Schädel aufgebahrt wurden.

Es wurden in den vier Jahren der Schreckensherrschaft von Pol Pot über 100'000 Menschen grausam ermordet. Insgesamt fielen dem System aber nach Schätzungen mehr als 2 Millionen Menschen zum Opfer. Das Land versank im Chaos. Moral und Ethik wurden zerbrochen, Familien getrennt, die gesamte Intelligenz ausgemerzt.

Die Stimme im Kopfhörer ist verstummt. Ich bin alle Stationen abgelaufen. Ich bin erschöpft, erschlagen, traurig. Wie kann ein Land nach einer solchen Katastrophe weiterleben. Was braucht es da für die Heilung.

Bevor ich zurück in die Stadt fahre, will ich von hier noch eine andere Erinnerung mitnehmen. Eine leichte, eine lebendige.

Ich schleiche um die Blumenbüsche, bin auf der Jagd nach Schmetterlingen. Sie flattern endlos, wollen sich nicht setzen, flattern weiter, immer in Bewegung. Es braucht viel Geduld, dann finde ich eine Libelle, und dann klappt es doch noch mit den Schmetterlingen.

mein vornehmes heutiges TucTuc

mein vornehmes heutiges TucTuc

Ich fahre zurück in die Stadt. Auf dem Weg begegnen mir die beiden Iren. Auch sie sind unterwegs zu den traurigen Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Gibt es nicht auch noch etwas Schönes, etwas was gut tut? will ich vom Driver wissen. Er versteht nicht, zeigt mir die Fotos der Orte, die man besuchen könnte. Royal Palast. Genau das ist es, da fahren wir jetzt hin.

Der königliche Palast, Kambodscha ist ein Königreich. Fast hätte ich das vergessen.

Beim Palast gibt es kein Audiophon, das mir den Ort erklären könnte. Aber es gibt Guides. Nam heisst er und er will mir den Palast zeigen.

Gleich beim Eingang bleibe ich stehen. Neben einem riesigen Mangobaum steht ein anderer Baum mit Blüten und Früchten, die direkt aus dem Stamm wachsen.

sehr spezielle Blüten. Eine Kombination von Lippenblüter und Korbblüter.

sehr spezielle Blüten. Eine Kombination von Lippenblüter und Korbblüter.

Wie ist der König? will ich von meinem Guide wissen.

Er heisst Norodom Sihamoni. Er ist Single, er lebt allein. -
Oh, das passt -
Er ist 64 - passt auch -

Mein Guide kann meinen Gedankengängen nicht ganz folgen. Der König ist Gott, da darf man sich solche Sachen gar nicht ausdenken. Er erzählt mir, dass er ausgebildeter Balletttänzer ist und früher gerne selber getanzt hat und er zeigt hinüber zum grossen Ballsaal. Hier gibt es manchmal Ballettaufführungen. Der König war der einzige mögliche Nachfolger des vorherigen Königs, der während der Herrschaft von Pol Pot im chinesischen Exil war.

Sihamoni aber kehrte 1976 ins Land zurück und war drei Jahre im eigenen Palast in Hausarrest.

Was ist mit dem Palast passiert, während dem Regime der Roten Khmer, die ja bekanntlich die ganze Stadt verwüstet hatten? will ich wissen.

Nichts, sie haben den Palast nicht angegriffen, er ist ein Heiligtum. Der König ist in Kambodscha mit Gott gleichzusetzen, nicht einmal die Roten Khmer trauten sich, ihm etwas anzutun. Und das, obwohl sie auch die Religion zerstören wollten.

2004 wurde der jetzige König im grossen Thronsaal gekrönt und seither lebt er als Mönch in der königlichen Residenz. Was für ein Schicksal. Bestimmt wäre er lieber auf den Bühnen der Welt oder vor und hinter Filmkameras, als hier ein göttliches Symbol ohne Macht zu sein.

Bestimmt ist es ihm zu verdanken, dass der alte König kurz bevor er altershalber zurücktrat, die gleichgeschlechtliche Ehe als von Buddha erlaubt erklärte.

Das Volk liebt ihn, erzählt mir Nam, während wir in den goldenen Thronsaal mit den riesigen silbernen Lüstern schauen. Eintreten oder Fotos machen vom Innern ist nicht erlaubt.

der offene Ballsaal

der offene Ballsaal

die königliche Residenz, das Wohnhaus, wo der König mit seiner über 80 jährigen Mutter wohnt

die königliche Residenz, das Wohnhaus, wo der König mit seiner über 80 jährigen Mutter wohnt

Naga, die siebenköpfige Schlange am Eingang zum Thronsaal schützt den König

Naga, die siebenköpfige Schlange am Eingang zum Thronsaal schützt den König

Die Silberpagode

Die Silberpagode

Die Farben der Woche, angefangen mit dem Sonntag

Die Farben der Woche, angefangen mit dem Sonntag

Nam erklärt mir die Farben der einzelnen Wochentage. Heute trägt er ein violettes Hemd, so wie alle Palastguides. Denn heute ist Samstag. Am liebsten mag er blau, das ist der Freitag.

Und als wir im Museum mit den goldenen Sänften eine Foto des Königs sehen, meint er, das muss ein Mittwoch gewesen sein, der König trägt eine grüne Hose.

Er zeigt mit noch die silberne Pagode. Hier ist der ganze Boden mit schweren Silberplatten belegt. Leider kann man sie nicht sehen, denn sie sind zum Schutz mit Teppichen belegt. Nur an einem Ort sind ein paar abgesperrrte Quadratmeter sichtbar. Fotos sind auch hier nicht erlaubt. Dafür erklärt mir Nam die verschiedenen Stellungen von Buddha und ich will schon mit meinem Wissen aus Thailand auftrumpfen, doch das gilt hier nicht mehr. Wir leben einen anderen Buddhismus. Er ist eine Mischung mit dem Hinduismus.

Dann zeigt er mir eine Abbildung der verschiedenen Stationen im Leben von Buddha. Er wurde unter einem Baum geboren und ist unter einem Baum gestorben. Es gibt Abbildungen des liegenden Buddhas. Manchmal ist es der schlafende Buddha, manchmal der tote Buddha. Du kannst das gut selber erkennen. Wenn er seinen Kopf auf die Hände stützt, oder wenn er ein Bein angewinkelt hat, dann ist er schlafend. Werde mich darauf achten.

Und dann habe ich genug von Pagoden, Buddha und König und schlendere noch kurz am Haupteingang des Königspalast vorbei, da wo die Garde in ihren Uniformen in der prallen Sonne Wache steht und dann fahre ich zurück ins Hotel.

Der Eingang mit den beiden behelmten Wachen

Der Eingang mit den beiden behelmten Wachen

Mit der Einladung zum Sunset-Drink klappt es auch diesmal nicht, denn mindestens einer der beiden jungen Iren scheint inzwischen doch etwas sehr mitgenommen zu sein. Vielleicht laufen wir uns anderswo wieder über den Weg. Ich hätte ihnen gern das Vergnügen des Pools gegönnt.

So drehe ich eben meine Runden im Pool allein, stosse mit mir an, denn auch die beiden Kanadier sind noch nicht da. Ich mag nicht warten, bis sie später vielleicht auftauchen und gehe ins Zimmer. Die Hitze hier schafft mich regelmässig.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es ist Zeit für etwas Neues. Für eine neue, mir völlig unbekannte Weltgegend. Spontan, ohne Planung, nur mit einer Idee: den Mekong sehen. Abflug am 16. Juni nach Bangkok. Ab dann wird es spannend. Freue mich, wenn auch diesmal wieder Freunde, Kunden und Bekannte virtuell mitreisen. Man kann den Reisebericht übrigens auch abonnieren, dann erhält man immer ein Mail, wenn ich etwas neues geschrieben habe.
Details:
Aufbruch: 16.06.2017
Dauer: 3 Monate
Heimkehr: 21.09.2017
Reiseziele: Thailand
Laos
Vietnam
Kambodscha
Myanmar
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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