Seidenstrassenprojekt

Usbekistan-Reisebericht  |  Reisezeit: September 2015  |  von Herbert S.

zwangsverordneter Puffertag Taschkent

5 Stunden Schlaf müssen reichen, denn wir wollen vor dem angesetzten Stadtbesichtigungstermin noch eine kleine individuelle Runde um den Amir-Timur-Platz drehen, denn der Ausblick aus dem 13. Stock gewährt durchaus imposante Gebäude.

Pünktlich um 8.00 Uhr Lokalzeit (5 Uhr Aachen-Zeit) frühstücken wir in einem riesigen Saal, der Gott sei dank nicht so voll ist wie des des Pampahotels auf Sizilien. Das Buffet ist ordentlich aber nicht überwältigend (Untertassen scheint es heute morgen nicht zu geben)

Draußen ist es bereits 27 Grad als wir den Hotelkomplex verlassen. Die imposante Hotelfassade (verkleideter Plattenbau) liegt noch im Schatten. Daher wollen wir zunächst auf den großen Park. An der Unterführung werden wir zum ersten Mal von einem der ständig herumstehenden Sicherheitspolizisten angehalten, der mal einen kurzen Blick in unsere Taschen werfen will.

Amir-Timur-Denkmal

Amir-Timur-Denkmal

der Welt-Artikel 'Die Diktatur in Usbekistand ist allgegenwärtig" schriebt dazu: "Zum Beispiel an der Statue des zum Nationalhelden erkorenen Timur, eines Kriegsherren aus dem 14. Jahrhundert. Laut Präsidentenerlass darf der islamische Eroberer nicht mehr, wie zuvor, mit seinem Beinamen "Lenk" bezeichnet werden. Das bedeutet nämlich "der Lahme" - und darf ein Held lahm sein, auch wenn sein rechtes Bein gelähmt war?
Nein, befand Karimow. Also ordnete er an. Den Militärführer "Amir Timur" zu nennen, Timur der Fürst. Seine Statue in Taschkent thront standesgemäß auf einem Marmorsockel, auf dem zu kommunistischen Zeiten zuerst Stalin, danach Marx und Engels bewundert werden durften.

Im Park fällt dann eine gewaltige Kuppel auf, die wohl zum Museum der Geschichte der Timuriden gehört, das allerdings wiederum außerhalb des Parks liegt. Also nach einem Blick auf die Statue des Amir-Timur-Denkmals wieder über die mehrspurige Straße. (diesmal oberirdisch und ohne Polizeikontrolle)

"Als Dynastie der Timuriden wird ein von Timur (Tamerlan) gegründetes, muslimisches Herrscherhaus in Zentral- und Südwestasien bezeichnet, das von 1370–1507 unter anderem im Gebiet der heutigen Staaten Afghanistan, Iran und Usbekistan regierte. Hauptstadt der Timuriden war anfangs Samarkand, später auch Herat. Eine Linie eroberte 1526 das Sultanat von Delhi in Indien und regierte dort das Reich der Großmoguln bis zum Sturz durch die Briten 1857." aus wikipedia
Im Park vor dem Museum kehren Asiatinnen (Koreaner mit breiten Kremphüten) jedes einzelne Eichenblatt auf. Überhaupt ist alles wie geleckt. Der 1966 erstellte Protzbau weist auf das neue Selbstbewußtsein der Usbeken. Ob Türen oder Fenster – alles ist vom Feinsten ausgearbeitet.

Selbst der nebenan stehende Komplex der Universität ist mit aufwändiger Backsteinfassade erstellt und wird sorgfältig instandgehalten.

Universitätsgebäude

Universitätsgebäude

Wir laufen ein Stück die Sayelgosi Kolchasi entlang, an der besonders viele Prachtbauten – meist Banken – stehen. Der direkt neben dem Hotel liegende Kongreßkomplex – ebenfalls ein Palazzo Protzi – überzeugt mit seiner Einfachheit in der Struktur. Wegen des Lichteinfalls umrunden wir ihn und können auch eine sonnenbeschienene Fassade fotografieren.

jedes einzelne Eichenblatt wird aufgekehrt

jedes einzelne Eichenblatt wird aufgekehrt

Die Gruppe ist pünktlich und es geht in einem größeren Bus als gestern auf Stadtrundfahrt. Wir verlassen den Amir-Timur-Platz in nördlicher Richtung vorbei an tollen Bauten wie Ministerien aber auch auch an restaurierten und unrestaurierten Plattenbauten zum Kaffal-Shashi-Mausoleum.

Der eher unauffällige Backsteinbau des Kaffal-Shashi-Mausoleums hat einen konischen Eingangsbereich, den mir niemand erklären kann.
Der tendenziell negative Weltartikel sagt zwar: "Taschkent ist rar an besseren Sehenswürdigkeiten. Es gibt zwei alte Moscheen und bröckelnde Medresen - Internate für Koranschüler - sowie ein stalinistisches Opernhaus, in dem die Besucher noch Inszenierungen im altsowjetischen Stil erleben dürfen."
Aber die Besuche wissen trotzdem zu gefallen, wohl da sie die ersten Eindrücke dieser Welt zwischen Orient und Okzident sind.

Das Mausoleum (usbekisch Qaffol Shoshiy maqbarasi) wurde für den 926 n. Chr. verstorbenen Imam Abu Bakr Kaffal Schaschi gebaut.

Das Mausoleum (usbekisch Qaffol Shoshiy maqbarasi) wurde für den 926 n. Chr. verstorbenen Imam Abu Bakr Kaffal Schaschi gebaut.

1542 n. Chr. gebaut und im 19. Jahrhundert umgebaut

1542 n. Chr. gebaut und im 19. Jahrhundert umgebaut

Danach geht es zur benachbarten Medrese Barak Shan. Die Medrese wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vom Kokander Chan Barak errichtet. Der herkömmliche viereckige Hof hat 30 Wohnzellen, in denen heute usbekische Handwerks-Souvenirs angeboten werden.

im hinteren Kuppelbau sind neben den Handwerk-Souvenirs auch

im hinteren Kuppelbau sind neben den Handwerk-Souvenirs auch

ausgesprochen hübsche Wanddekorationen zu bewundern

ausgesprochen hübsche Wanddekorationen zu bewundern

In der Bibliothek des Hazrti Imam Komplex, in der man – streng bewacht – nicht fotografieren darf, wird neben anderen die älteste Koranschrift von Osman mit 338 Seiten aufbewahrt. Vor allem beeindruckt mich neben der Kalligraphie die Art der Buchbindung.

Das nächste imposante Gebäude ist die Hazrati-Imam-Moschee und die darf man nicht betreten, aber immerhin fotografieren.

Kleine Kinder haben wohl offensichtlich die Schule aus und präsentieren sich gerne in besonders properen Schulformen. - das wäre in unserem Land wohl auch hilfreich!

Mit unserem Bus fahren wir ein kleines Stück weiter (zu Fuß laufen scheint man uns Touristen nicht zumuten zu wollen) zu der Straße der Handwerker im Basar. Neben altem und bekanntem gibt es Brotstempel mit interessanten Motiven, beim ersten funktioniert mein Handeln nicht, beim Zeiten klappt’s – drei, zwei, eins, meins.

Handwerker-Basar

Handwerker-Basar

Brotstempel - noch können wir nicht viel damit anfangen

Brotstempel - noch können wir nicht viel damit anfangen

aber an den überall stehen Wagen mit frischem Brot können wir die unterschiedlichen Stempel 'studieren'

aber an den überall stehen Wagen mit frischem Brot können wir die unterschiedlichen Stempel 'studieren'

Wenn die Gäste kommen, stellt jede usbekische Familie auf den Dastarchan (=Tischtuch) allererstens Brot auf, es ist eine Tradition bei Usbeken. Auch in gewöhnlichen Tagen, zu jeder Mahlzeit darf Brot auf dem Tisch nicht fehlen.
Usbeken stellen das Brot nie auf den Kopf (mit der flachen Seite nach oben), es ist respektlos. Das usbekisches Volk hat groβen Respekt vor Brot. Brot ist fast eine heilige Nahrung für Usbeken. Es wird nicht weggeworfen, und wenn jemand ein Stück Brot auf dem Boden liegen sieht, muss er es unbedingt aufheben und an einen Ort legen, an dem es nicht zertreten werden kann. Es gibt auch eine andere Tradition: wenn jemand für die längere Reise das Haus verlässt, muss er ein kleines Stück von einem ganzen Brot beissen, das Rest wird aber aufbewahrt, bis er zurück kommt. aus: Usbekische Küche

Die Babywiegen ('Schumaks) mit Ablaufloch und ‚Zubehör’ sind besonders neuartig für uns.
Die Gebrauchsanleitung steht Im Geo Spezial Nr. 6/2007:
"Man könnte sie für eigentümliche Pfeifen halten, doch weit daneben. Denn „Schumaks“ sind Urinale für Babys. Mit der breiteren Öffnung senkrecht zwischen den Beinen der Jungen oder Mädchen eingepasst, sorgen sie dafür, dass die kleinen Geschäfte der Kleinen flüssig vonstatten gehen. Das funktioniert allerdings nur im stationären Gebrauch, also in der Wiege, da die Schumaks nur dort zwischen den Beinen der Babys fixiert werden können. Und gelingt mittels breiter, oftmals aufwändig verzierter Fesseln, die um die Bettchen geschlungen werden. In die Kleider und Decken ist ein großes Loch geschnitten, ebenso in den Boden der Wiege. Darunter steht schließlich ein Töpfchen für den gelungenen Abschluss. Seit rund 1000 Jahren schwören Mütter in Chinas Nordwesten auf das sehr eigene Abwassersystem für ihre Jüngsten. Auf den Märkten der muslimische Uiguren sieht man die aus Maulbeerbaumholz geschnitzten Urinale noch heute –eben auch in Kirgistan. Das Ende der Windeln kommt erst nach rund zwei Jahren – also dann, wenn die Kleinen trocken sind. Aber nicht nur diese mehrmalige Verwendung ein und desselben Exemplars schont die Umwelt. Auch seine Entsorgung geht ökologisch einwandfrei vonstatten – eine Schumak wird letztlich im heimischen Herd verfeuert."

Babywiegen

Babywiegen

die Unterscheide für männlich und weiblich sind wohl zu erkennen

die Unterscheide für männlich und weiblich sind wohl zu erkennen

Auf der anderen Straßenseite liegt unter anderem unter der großen bereits von Weitem sichtbaren Kuppel der überdachte Markt. (chorzu bazaar)
Alle Waren sehen topp aus und man könnte zuschlagen. aber ohne Küche ....
Mehr Eindrücke auch später aus anderen Märkten..

Basarkuppel modernster Bauart

Basarkuppel modernster Bauart

Vor der Halle gerate ich ins Schwärmen: Erinnerungen aus der Studentenzeit werden wach, als ich in Moskau aus einem Tankwagen kühles Kwas getrunken habe. Ein Gläschen zu 600 Sum reicht für die ganze Gruppe und nun kennt es jeder, und im Falle des Falles träfe es so auch jeden.

Neues treffen wir in xacah: M... erklärt uns, dass dies getrockneter gesalzener Joghurt ist, der zu Bier gegessen wird.
Eine Beschreibung der Herstellung finde ich in der Sommerausgabe der Usbekistan-Airline - dort heißt es allerdings Kurt:
"Uzbek kurt, i.e. white balls made of dry milk, is world-famous. Usually kurt is flavored with pepper, spices and herbs. Even in the most desperate heat you need no fridge to store these white balls. Thus, this is the fourth hypostasis of milk, its transformation from suzma to delicious kurt.
To make it, we take a small cloth bag filled with suzma and hang it up for 24 hours. The liquid part of suzma will flow off and only the curd (!) will remain in the bag. It will be soft and plastic, like a stiff dough.
We mix this soft white mass with salt and pepper and then roll small balls - from one to five centimeter in diameter. Then we put the balls on a clean piece of cotton cloth to dry them in the open air for 3 or 5 days. When they are ready, we will put them into a paper bag. Kurt can be stored as long as we need.
Kurt is a dainty by itself, though it can serve as a base for many dishes, if any other dairy product is not available.
No matter what Uzbek teahouse or cafe you are at, call a waiter and say: "Mister! Give me a fresh-baked flat cake, a small cup of kaymak, a glass of katyk, fresh suzma and three bails of kurt".
And the waiter will say surprisingly: "Wow! How come our guest knows all our secret dishes?!"
And if you like them (and you will definitely like them), you know how to cook these dishes. We have already taught you that."

Apropos Bier – es steht die Mittagspause in einem lauschigen Lokal im Schatten eines Parks an; Ulrike und ich begnügen uns mit einer gemeinsamen Bortsch und allerdings zwei großen Bier (10000+2x6000 Sum).

Borschtsch

Borschtsch

© Herbert S., 2015
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Als der venezianische Kaufmann Marco Polo 1271 nach China aufbrach, lagen mehr als drei mühselige Reisejahre vor ihm, bis er den Hof des Kublai Khan in der Nähe von Peking erreichte. Die uralte, abenteuerliche Verbindung zwischen Orient und Okzident haben wir uns aufgeteilt - hier der zweite Teil.
Details:
Aufbruch: 10.09.2015
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 27.09.2015
Reiseziele: Usbekistan
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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