Medellin: Con mucho gusto!

Reisezeit: Juli 2013  |  von Marcus Breiter

Eindrücke von einem viertägigen Trip nach Medellin

Medellin: Con mucho gusto!

Metro in Medellin

Metro in Medellin

Plaza Botero

Plaza Botero

Metrocable

Metrocable

Von Santa Marta, wo die Hitze allmählich infernalisch wurde und man sich an die Schilderungen von bewusstlos vom Himmel fallenden Vögeln in den Büchern von "Gabo" Marquez erinnert fühlte, traten wir unsere viertägige Städtereise nach Medellin an. Mit etwas Glück war noch ein Reisepaket zum Schnäppchenpreis von unter 300€ pro Person ergattert worden, das die Flüge von Santa Marta und retour, drei Übernachtungen im 5 Sterne Hotel, Flughafentransfer in Medellin sowie eine private 4 stündige Stadtführung im PKW umfasste. Bereits die Ankunft auf dem Flughafen Rio Negro bei erfrischenden 18 Grad Lufttemperatur weckte die Lebensgeister zusehends, die nach einigen Tagen Gluthitze an der nur eine Flugstunde entfernten Karibikküste etwas eingeschlafen waren. Die rund 45 minütige Fahrt vom 2120m hoch gelegenen Flughafen hinunter nach Medellin (ca. 1500m) und die Unterhaltung mit dem Taxifahrer nahm einiges von dem vorweg, was uns in den nächsten Tagen noch häufiger positiv überraschen sollte: Der unbändige Stolz der "Paisa" auf ihre wunderbare Landschaft, die modernen und innovativen Errungenschaften Medellins und die besondere Freude daran, Besuchern diese Sehenswürdigkeiten näher zu bringen. Während der Fahrt präsentierten sich saftig-grüne hügelige Landschaften mit kleinen, blitzsauberen Ortschaften und Fincas, die fast ein wenig an die deutschen Mittelgebirge oder das Schweizer Emmental erinnerten. Der Fahrer liess es sich nicht nehmen, an einem besonders schönen Aussichtspunkt mit Blick auf Medellin zu halten und uns die Stadt in ihrer gesamten Ausdehnung zu erklären. Unsere Dankesworte wurden - wie später noch so oft - mit einem herzlichen "con mucho gusto" erwidert.

Unsere temporäre Heimat in Medellin war der mondän, modern und mitunter luxuriös anmutende Stadtteil El Poblado mit seinen zahlreichen exklusiven Shopping Malls, den schicken Bars und Restaurants nicht nur in der "Zona Rosa" und den besten Hotels - wobei jedoch ein 5-Sterne Standard in Kolumbien nicht mit einem Hotel der gleichen Kategorie in Mitteleuropa zu vergleichen ist... Mehr als einmal kam der Gedanke auf "sind wir hier wirklich in Kolumbien?" Der positive Eindruck setzte sich fort als wir erstmals die Metro nutzten, die in diesem Lande einzigartig ist und auf die die Bewohner Medellins besonders stolz sind. Wohl deshalb auch behandeln sie sie pfleglich: Metrostationen wie auch die Züge sind blitzblank und sauber. Achtlos entsorgten Müll, Beschädigungen oder gar Graffiti sucht man vergeblich und für ältere Menschen oder Gehbehinderte wird dort, wo kein Fahrstuhl verfügbar ist, eilends ein Treppenlift in Gang gesetzt. In den Stationen sorgen junge Hilfspolizisten für einen geregelten Ablauf und für die Sicherheit. In der Metrostation Acevedo kann man in die Metrocable umsteigen, ein weiteres besonderes Transportmittel, deren kleine Gondeln dem Reisenden eher aus dem alpinen Ski- oder Wanderurlaub bekannt sind. Diese Seilbahn bietet ein besonderes aber auch besonders ambivalentes Erlebnis. In luftiger Höhe entschwebt man dem Talkessel Medellins und wird über über die Wellblechdächer der improvisierten Behausungen der weniger wohlhabenden Bevölkerung getragen. In diesem faszinierenden Labyrinth aus scheinbar planlos und grob gemauerten Häuschen, engen und kurvigen Strassen und Wegen leben tausende Menschen in prekären Verhältnissen und teilweise nach eigenen Gesetzen. Scheinen die Häuser weiter unten noch halbwegs geräumig und komfortabel zu sein, so findet man in zunehmender Höhe mehr und mehr einfache, aus Holz, Wellblech und Planen zusammengezimmerte Unterkünfte, die ganzen Familien ein Zuhause bieten. Dementsprechend löst die Fahrt in der sicheren Höhe der Seilbahn über Stadtviertel, die man als "Gringo" lieber nicht betreten sollte, ein ambivalentes Gefühl aus. Für die Bewohner zumindest scheint die Konstruktion der Metrocable eine echte Erleichterung zu sein, da sie im täglichen Überlebenskampf eine bequeme und zeitsparende Möglichkeit bietet, Arbeitsplätze und Schulen im Stadtgebiet zu erreichen. Die Fahrt ist für unsere Verhältnisse preiswert, ob sich jedoch auch jeder Bewohner der angeschlossenen" barrios" das Ticket leisten kann, bleibt fraglich. Immer wieder finden sich wie in ganz Medellin so auch auf dieser Seilbahnfahrt Belege dafür, dass die Stadtväter und -mütter sich bemühen, die ärmsten Bevölkerungsteile in das gesellschaftliche Leben der Stadt zu integrieren. Auffällig und wie ein Fremdkörper präsentiert sich an der Station Santo Domingo die Bibliotheca Español als ein architektonisch gewagtes Ensemble schwarzer Monolithe. Hier erhalten die Menschen Zugang zu Literatur und ein kulturelles Angebot praktisch vor Ihrer Haustür, was, wie Mitreisende in der Gondel bestätigen, auch rege genutzt wird. Ein weiteres städtisches Angebot für diese Zielgruppe finden wir später im "Parque de los Deseos", wo kleine Installationen physikalische Effekte demonstrieren, eine Brunnenanlage Gross und Klein Erfrischung bietet und auf einer Open-Air Bühne Konzerte und Aufführungen stattfinden. Etwas anders hingegen stellt sich die Atmosphäre an der Plaza Botero dar, dessen Besuch natürlich nicht fehlen darf, unabhängig davon, ob man ein Fan der opulenten Werke des Maestros Fernando Botero ist, dessen Skulpturen dort zum Staunen und Schmunzeln einladen. An diesem typischen Touristenort sieht man sich dem unerbittlichen Werben der Verkäufer, Künstler und Restaurantbesitzer ausgesetzt und kommt nicht wirklich zur Ruhe. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass auch der ein oder andere Taschendieb unterwegs ist. Eher enttäuschend präsentiert sich das Ausflugsziel Pueblito Paisa, das zwar auf einem luftigen Hügel mit tollem Rundblick über die Stadt gelegen ist, jedoch mit seinem nachgebauten Dorfplatz inklusive Kapelle und Souvenirshops eher unter unsrer persönlichen Rubrik "Nepp und Kitsch" eingeordnet wurde.

Schliesslich noch ein Wort zur Sicherheit, einem Thema, dass bei jeder Kolumbienreise allgegenwärtig ist: Fragt man Reisende oder Einheimische nach der Sicherheitslage in der betreffenden Gegend, bekommt man in der Regel nur zwei polarisierende Antworten: "Schlimm, man kann kaum vor die Tür gehen" oder aber:"Alles halb so schlimm, mir ist noch nie was passiert". Nach vier mehrwöchigen Reisen habe ich mein eigenes Sicherheitskonzept: Gesunden Menschenverstand walten lassen! Statt der Rolex die billige Swatch anlegen, statt dem Smartphone das ausrangierte Zweithandy mitnehmen, statt der prallgefüllten Geldbörse lieber ein paar pesos in verschiedene Taschen stecken und wenn Mamacita Dich in der dunklen Seitengasse anlächelt lieber weitergehen als stehenbleiben. Der Einheimische nennt das "no dar papaya", also nicht auffallen und kein lohnendes Ziel bieten - so kann man das Risiko schon deutlich reduzieren und sich auf die nächste Reise freuen!

© Marcus Breiter, 2013
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: Juli 2013
Dauer: unbekannt
Heimkehr: Juli 2013
Reiseziele: Kolumbien
Der Autor
 
Marcus Breiter berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.