Abenteuer Amazonas

Peru-Reisebericht  |  Reisezeit: Januar 2020  |  von Beatrice Feldbauer

Yurimaguas

Wenn ich mir die Fotos von heute ansehe, glaube ich, dass der Vorsatz mit dem 'mehr Lächeln' funktioniert hat. Wir hatten aber auch allen Grund dazu. Schon am Morgen brachte uns Juan gute Nachrichten: Unserer Weiterfahrt steht nichts im Wege, wir werden voraussichtlich morgen mit dem Frachtschiff ablegen, um nach Iquitos zu gelangen.

Das war von Anfang an die Idee, doch bei den Vorbereitungen hatte ich gelesen, dass die Schiffe keine Passagiere mehr aufnehmen dürfen. Es dürften keine Tiere und Menschen mehr auf dem gleichen Schiff transportiert werden. Gestern hatte ich Berto gefragt, der wusste nicht Bescheid, da er in Tarapoto lebt, sich also in Yurimaguas nicht auskennt. Juan, der Vertrauens-Mototaxi-Fahrer sagte ebenfalls, dass wir besser das Schnellboot, der Express, nähmen, da auf den Frachtern keine Passagiere mehr mitreisen. Nur noch selten fahren Frachter mit Personen, das nächste fahre erst nächste Woche. Ich insistierte und bat ihn gestern, sich noch einmal umzuhören und tatsächlich, heute klappt es. Das heisst, wir werden morgen ablegen. Jedenfalls hoffe ich das, ich habe schon einmal einen ganzen Tag auf einem Frachter gewartet. Er sollte jeden Moment loslegen, brauchte aber einen ganzen Tag, bis er endlich fertig beladen losfuhr.

Ich bin jetzt aber zuversichtlich und wir können uns den Vorbereitungen für die Fahrt annehmen.

Die Alternative wäre das Schnellboot gewesen, der Express. Doch das wollte ich nicht, das wäre ja wie Bus fahren und ich hatte meinen Begleitern doch Abenteuer versprochen.

Bevor wir uns auf Einkaufstour begeben, besuchen wir Marisely, die wir gestern Nacht auf dem Hauptplatz getroffen haben. Sie ist Directora in einer Kindertagesstätte und hat uns herzlich eingeladen, sie am Morgen zu besuchen.

Juan, bringt uns mit Christian - ebenfalls ein Mototaxista de Confianza - zum Zentrum. Das ist ein einfaches, gemauertes Haus. Einstöckig mit einem Eisentor davor. Drinnen herrscht viel Lärm, man hört Kinder lachen und plaudern. Marisely freut sich ungemein über unseren Besuch, bittet uns in ihr kleines Büro und lässt weitere Hocker kommen, damit wir uns alle setzen können. Ausserdem ruft sie die Englisch-Leherin, damit sie uns übersetzt. Sie will unbedingt, dass wir verstehen, was hier gemacht wird.

Der Ort ist eine Kinder- und Alterstagesstätte, wo Kinder und alte Leute den Tag verbringen können. Sie bekommen Essen und eine Betreuung. Mit den Kindern werden Aufgaben gemacht, sie lernen Singen, Handarbeiten, Basteln, Spielen. Ja auch spielen und soziales Verhalten. Denn die Kinder kommen aus bitterster Armut. Meist von allein lebenden Müttern, und oft auch aus kinderreichen Familien. Marisely ist erst seit zweii Wochen hier, aber man spürt in allem was sie sagt, ihr grosses Engagement.

"Ich habe Familien besucht, ich wollte wissen, woher die Kinder kommen, wie sie leben. Sie leben oft mit der ganzen Familie in einem Raum, wo gekocht, gelebt und geschlafen wird. Die Zustände sind sehr traurig." Sie zeigt uns auf ihrem Handy Fotos. Vor allem erzählt sie von einer alten blinden Frau, die allein lebt in einem dunkeln Haus. Vor dem Haus gibt es einen Brunnen, der nur noch sehr wenig Wasser führt. Sein lehmiger Grund ist voller Insekten und Larven, aber die alte Frau kann das gar nicht sehen. Man hört das Entsetzen über die Zustände in ihren Worten. Die alte Frau könnte wenigstens tagsüber ins Zentrum kommen, es gäbe auch die Möglichkeit eines Heimes, doch dazu braucht sie erst einmal Vertrauen. Gerade, wenn jemand allein wohnt, ist ein Überleben fast nicht möglich, denn die Menschen leben im Clan. In der Verbindung mit anderen Familienmitgliedern kann eine Gemeinschaft überleben. Ein paar helfen mit ihrem Gelegenheitsverdienst, den Clan am Leben zu halten. Es sind Zustände, die wir kaum verstehen können.

Dieses Zentrum ist staatlich, die Angestellten sind vom Staat bezahlt, doch die Arbeit verlangt viel Engagement, denn der Lohn ist gering. Knapp 120 Dollar erhalten die Angestellten im Monat. Das ist nicht viel, meint Marisely, aber wir sind alle mit viel Herzblut dabei.
Das merkt man auch, als wir die einzelnen Räume mit den Kindern besuchen. Wir kommen in ein Spielzimmer, wo die kleinsten untergebracht sind. Hier gibt es auch Betten für den Mittagsschlaf. Als wir eintreten, werden wir sofort umringt. Die Kleinen wollen uns umarmen, möchten ein Küsschen, eine Berührung.

"Ja", sagt Marisely, die Kinder hungern nach allem. "Nach Essen, aber genauso nach Liebe, nach Umarmungen, Zuwendung. Wir versuchen, ihnen etwas davon zu geben".

Es ist sehr eindrücklich, wir dürfen die verschiedenen Räume besuchen. Ins Zentrum kommen gegen 120 Kinder. In allen Röumen das gleiche. Wir werden freudig begrüsst, jedes will uns drücken, wir werden bestürmt., umarmt, bestaunt.

Daneben sind die Kinder aber eher schüchtern, zeigen, woran sie arbeiten, wenn man sie näher fragt. Dann werden uns kleine Bastelarbeiten gezeigt, oder wir dürfen einen Blick in ihre Schulhefte werfen. Die Röume sind oben offen, das heisst, es ist ein ungeheurer Lärm im Haus. Man hört die Kinder aus allen Zimmern. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man hier Schule halten kann. Denn auch das wird hier geboten. Nachhilfe oder überhaupt Unterstützung im Lesen und Schreiben. Es gibt eine Englischlehrerin, eine Kindergärtnerin und andere Helferinnen. Alle freuen sich, uns zu sehen, zeigen was sie machen.

Im Speisesaal begegnet uns eine Putzfrau. Marisely stellt sie als Freundin vor, ebenso wie die beiden Köchinnen in der sauberen Küche. "Das gibt viel Arbeit bei so vielen Kindern" staune ich. "Wir machen das sehr gern, wir lieben die Kinder" meint die Köchin und ich spüre, dass sie das genauso meint,

Wir haben fast unseren gesamten Schokoladevorrat mitgebracht. Er wird den Kindern das Mittagessen versüssen. Eveline hatte von einer Nachbarin ein paar Kinderkleider bekommen, auch diese lassen wir hier.

Ein Blick  in die Küche.

Ein Blick in die Küche.

Juan und Christian haben auf uns vor dem Zentrum gewartet und Juan schlägt eine Fahrt auf dem Fluss vor. Natürlich kennt er einen Bootsbesitzer des Vertrauens, der uns auf seinem Boot fahren wird.

Man stellt extra genügend Sitze in das Schiff, bringt neue Rettungswesten, die wir allerdings doch nicht anziehen, aber dem Gesetz ist Genüge getan, und dann fahren wir los.

Zuerst Flussaufwärts, da wo der Hafen mit den grossen Schiffen ist. Hier wird im Moment die Eduardo VI beladen. Bereits hängt eine einzelne Hängematte auf dem Deck, bis morgen werden es wohl mehr sein. Wir sind schon sehr gespannt.

Wir fahren vorbei an einfachen Behausungen, ja Hütten. Wenn wir winken, winken die Leute, die am Ufer sind, zurück. Es ist eine friedliche ruhige Fahrt, dem Ufer entlang bis zur Einmündung eines kleinen Nebenflusses. Hier kann man ganz genau sehen, wie sich die verschidenen Wasser zusammenstossen, und sich mischen. Der trübe breite Hauptfluss und das frische Wasser des kleinen Nebenflusses bilden einen Moment eine klare Abgrenzung, bis sich die beiden Ströme vermischt haben.

Wir wenden und fahren am entgegen gesetzten Ufer zurück, bis zum zweiten Nebenfluss. Hier wird das Wasser für die Stadt aus dem Fluss geholt. Ich nehme an, dass es noch gereinigt wird. Doch die Flüsse hier sind die Lebensader des Menschen hier am Fluss. Wer zu Hause kein fliessendes Wasser hat, und an den Ufer des Flusses wohnt, benutzt ihn auch als Badezimmer und Waschsalon. Yurimaguas hat gegen 60'000 Einwohner. und liegt am Fluss Huallaga, der später in den Maranon fliesst. Morgen werden wir auf dieser Strecke unterwegs sein.

Wasserversorgung von Yurimaguas

Wasserversorgung von Yurimaguas

Zurück in der Stadt ist es jetzt Zeit für eine Einkaufstour und da erweist sich unser Motorista wieder einmal als Einkaufshelfer.

Wir brauchen Hängematten, Geschirr und Besteck und etwas Verpflegung. Je nachdem, wie gut der Koch auf dem Schiff sein wird, werden wir etwas mehr oder weniger brauchen. Und ausserdem einen Wasservorrat.

Wir fahren kreuz und quer durch die Stadt auf der Suche nach dem Gewünschten. Vor allem der Einkauf des Wassers ist aufwändig. Es braucht einige Anläufe bei verschiedenen Minimarkets bis wir genügend grosse Flaschen beisammen haben. Man hat entweder gar keine oder nur eine vorrätig. Aber das macht die ganze Sache ja spannend. Einfacher ist der Kauf der Hängematten.

Und Spass macht natürlich auch der Einkauf von Früchten aller Art. Granatäpfel, Passionsfrucht, Mangos, Kaktusfeigen, Mandarinen. Bananen scheinen im Moment nicht im Angebot zu sein, aber wir werden bestimmt noch welche finden.

Schwer beladen fahren wir zurück zum Hotel, wo wir erst einmal eine Pause brauchen. Später erkundigen wir uns noch nach einem Restaurant, doch der Lärm dort irritiert uns sehr und das Essen kommt etwas zu schnell an den Tisch, so dass wir annehmen müssen, dass es vorbereitet war.

Nach einer ausgiebigen Rast im Hotel treffen wir uns später zum Schlummertrunk am Pool. Es war wieder ein voll ausgefüllter Pool und das Lächeln ist die ganze Zeit auf unseren Gesichtern geblieben.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nach vier Jahren kehre ich zurück nach Iquitos, wo ich mit Hilfe von Einheimischen eine Lodge geführt habe. Ich werde Freunde besuchen und freue mich auf neue Begegnungen.
Details:
Aufbruch: 04.01.2020
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 31.01.2020
Reiseziele: Peru
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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