Corona-Ausflüge von Aachen aus

Deutschland-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai / Juni 2020  |  von Herbert S.

mittelalterliche Zollfeste Zons

Auf der linken Rheinseite zwischen Köln und Düsseldorf, zwei Kilometer abseits von der Bundesstraße 9, liegt das Städtchen Zons mit seiner im Rheinland einzigartigen und guterhaltenen mittelalterlichen Befestigungsanlage.
Die Stadt ist vollständig autofrei - wir finden in der Aldenhovenstr. einen ksotenfreien Parkplatz - etwa 300 m von der Altstadt entfent.

Die Ursprünge der Siedlung reichen in die vorrömische (vermutlich keltische) Zeit zurück. Zur Römerzeit befand sich in Zons eine Vorpostenstellung des Kastells Dormagen. Als fränkisches Königsgut gelangte der Ort (wohl im fünften Jahrhundert) in den Besitz der Kölner Erzbischöfe.
Erzbischof Siegfried von Westerburg (1274-1297) ließ in Zons im Jahre 1275 zum Schutz gegen die Grafen von Berg eine feste Burg errichten, die aber nach seiner Niederlage in der Schlacht von Worringen im Jahre 1288 Kölner Bürger bis auf den Grund zerstörten. Nach Entlassung aus einjähriger Haft auf Schloß Burg an der Wupper ging Siegfried im Jahre 1290 daran, seine Burg wiederaufzubauen, mußte wegen Geldmangels den Bau jedoch bald einstellen.
Friedrich von Saarwerden (1380—1414), einer der baulustigsten Kölner Erzbischöfe und Erbauer oder Vollender der erzbischöflich Kölner Landesburgen zu Hülchrath, Linn, Kempen, Zülpich und Lechenich, griff achtzig Jahre später - 1372 - auf diese Anlage zurück, gestaltete den Schloßbau vollkommen neu und umgab den Ort mit einer starken quadratisch angelegten Befestigung. Infolge langandauernder Differenzen mit der nach Selbständigkeit strebenden Stadt Neuss und wegen der nach und nach erfolgten Verlagerung des Rheinlaufes nach Osten verlegte der Erzbischof im Jahre 1372 den Rheinzoll von Neuss nach Zons. Am 20. Dezember 1373 erhob Friedrich Zons zur Stadt mit eigenem Gerichts- und Verwaltungsbezirk. Friedrich von Saarwerden ist der Gründer der Stadt Zons, wie sie uns im wesentlichen erhalten blieb. Die Stadtfestung sollte Schutz bieten in den zahlreichen Fehden der Zeit, besonders gegen die Grafen von Berg; sie sollte dem Erzbischof und Kurfürsten als „Kleine Residenz" gelten und ihm außerhalb der Mauern von Köln vollkommene Unabhängigkeit garantieren; schließlich sicherte sie ihm einen wesentlichen Teil seiner Einkünfte - den Rheinzoll. Von dieser Zeit datierte die Blüte der Stadt, die trotz mancher schwerer Zeiten bis in das 18. Jahrhundert dauerte — bis zur Aufhebung des Rheinzolls im Jahre 1767..

Dreimal (1464, 1547 und 1620) wurde die Stadt bis auf wenige Häuser durch Brand verwüstet. Dreimal (1623, 1635 und 1666) wütete die Pest in Zons. Zu den größten kriegerischen Ereignissen in dieser Zeit kam es in Zons im Jahre 1646, als die Hessen, die damals Neuss besetzt hielten, Zons mehrmals belagerten, es unter starken Beschuß nahmen, aber nicht einzunehmen vermochten. Die im 14. Jahrhundert errichtete Fortifikationsanlage erwies sich im 17. Jahrhundert, als die Belagerungsheere schon über eine recht ansehnliche Artillerie verfügten, immerhin noch stark genug, einem angreifenden Feinde die Stirn zu bieten.
aus dem Stadtprospekt von etwa 1978

Wir beginnen unseren Rundgang im Westen und widerstehen der Versuchung sofort in die Stadt zu laufen. Stattdessen biegen wir nach rechts ab und laufen an der Stadtmauer bis zum Mühlenturm.

Ein Rundturm wie die Krötsch, mit 2,35 Meter dicken Mauern, wurde er im 16. Jahrhundert zur Mühle umgebaut und zeigt im Innern ein seltenes, guterhaltenes Holztriebwerk. Nach dem Bruch der Flügel im Jahre 1909 war er lange Ruine im doppelten Sinne. Er wurde 1965/66 restauriert.

Mühlenturm

Mühlenturm

der Zwinger - ehemals zwölf Meter breiter Graben

der Zwinger - ehemals zwölf Meter breiter Graben

In der Mitte der Südseite führt ein Tor zum kurfürstlichen Schloß und zur Freilichtbühne. Das ganze Schloßgelände nimmt etwa ein Fünftel der Stadtfläche ein, war eine geschlossene Festung für sich mit Torturm, Wassergraben, Zugbrücken usw.
Heutzutage ist dieses Tor geschlossen.

südlicher Mauerteil

südlicher Mauerteil

Bei unserem weiteren Umgang treten wir etwas auf den Feldweg zurück und lassen den massiven, wuchtigen Schloßbau auf uns wirken, der nach SO durch einen mächtigen runden Eckturm gesichert ist.

Über einen schmalen Wiesenpfad wandern wir an der Ostseite der Stadt vorbei, die früher direkt vom Rhein umspült wurde, auf deren Mauer zwei achteckige Wachttürmchen, im Volksmund „Pfefferbüchsen" genannt, reizvoll die Rheinseite auflockern. Aus dem letzten Teil des Umganges überrascht uns das romantische Bild der Baugruppe: Wachttürmchen, Giebelbau und Rheinturm.

die Dekoration der beschnittenen Weide erinnert an unseren Teufelspfad in Ahrweiler

die Dekoration der beschnittenen Weide erinnert an unseren Teufelspfad in Ahrweiler

An dem achteckigen Wachttürmchen betreten wir die Stadt und wenden uns nach links in die Burg Friedestrom

alte Grabensituation der Burg

alte Grabensituation der Burg

zwischen Stadtmauer und Burgmauer

zwischen Stadtmauer und Burgmauer

Mauerwerk aus Backstein in Kombination mit Findlingen (Basalt und Tuffstein)

Mauerwerk aus Backstein in Kombination mit Findlingen (Basalt und Tuffstein)

In der nordwestlichen Ecke des Burggeländes steht der Juddeturm mit seiner markanten geschweiften Haube. Von den sechs Stockwerken sind drei über eine steinerne Wendeltreppe ersteigbar, die oberen drei nur von den Schwindelfreien über Leitern. Der Juddeturm war ein Wacht-und Gefangenenturm mit einem Verlies im untersten Teil..

Juddeturm

Juddeturm

Am Wirtschaftsgebäude des Schlosses vorbei bringt uns der Rundgang zurück zu dem Wachtturm, durch den wir die Stadt betreten haben. Heute bietet das Stadtmuseum (leider wie alle Museen zu Corona-Zeiten geschlossen) eine schöne Sammlung von Jugendstil-Gegenständen (entdeckt durch die großen Fenster).

achteckiges Wachttürmchen - Pfefferbüchse genannt

achteckiges Wachttürmchen - Pfefferbüchse genannt

Neben dem Wachttürmchen war wohl mal ein Ziehbrunnen, der leider nicht mehr existiert.

der Rheinstrasse folgen wir nach Norden zum Rheinturm

Der Rheinturm - auch Zollturm und Petrusturm genannt - hat sechs Stockwerke und misst 10 m imm Quadrat. Sein Baustoff besteht aus Basalt, Tuff und Backstein, sowie Trachyt.
Er wurde 1388 durch den Kölner Erzbischof Freidrich von Saarweden errichtet und diente der Zollabfertigung. Er stellt einen der vier Wehr- und Wachtürme der Zonser Stadtanlage dar.
Das Rheintor ist der nördliche der beiden Stadtzugänge und als Doppeltoranlage entstanden. 1880 mußte das Rheintor bis auf einenn Bogen aus Haustein der Kapelle zur hl. Dreifaltigkeit, die durch Franziskaner errichtet wurde, weichen.

Rest des Rheintors

Rest des Rheintors

Innere Stadtmauer am Rheinturm

Innere Stadtmauer am Rheinturm

an den Gerichtsbäumen vor dem Rheinturm steht eine Skulptur des Erzbischofs Friedrich von Saarweden

an den Gerichtsbäumen vor dem Rheinturm steht eine Skulptur des Erzbischofs Friedrich von Saarweden

Kapelle zur hl. Dreifaltigkeit

Kapelle zur hl. Dreifaltigkeit

Die Nordmauer (Landseite) ist außen durch einen Graben gesichert und besteht aus Basaltsäulen und Backsteinen, durch Traß als Bindematerial verbunden. Wir aber laufen auf der Innenseite bis zum Krötschenturm, der als Gefangenturnm gedient hat und aus dem gleichen Material wie die Stadtmauer errichtet wurde.

Krötschenturm

Krötschenturm

leider steht er nicht frei, sondern es ist ein Fachwerkbau an den Turm angebaut

leider steht er nicht frei, sondern es ist ein Fachwerkbau an den Turm angebaut

Durch innerstädtische Gassen gelangen wir zur Pfarrkirche St. Martinus, die wahrscheinlich schon um 1300 zur Pfarrkriche erhoben wurde, 1408 ließ der Erzbischof Fr.iedrich von Saarwaden hier eine spätgotische Kirche errichten, die 1872 - zu klein und baufällig - durch die heutige ersetzt wurde. Leider erkannte man nicht, dass die Erhaltung der spätgotischen Kirche besser zum Gefüge der Stadt gepasst hätte.

ein letzter Blick auf den Juddeturm

ein letzter Blick auf den Juddeturm

Bevor wir den Rundgang beenden, blicken wir rechts - sinnvoll in eine Grünanlage eingebettet - auf einen Zierbrunnen mit der fast drei Meter großen, aus Stein gemeißelten Figur eines Schweinehirten und fünf niedlichen Schweinchen, aus deren Mund sich muntere Wasserstrahlen ergießen. Der Schweinehirt erinnert an die im Jahre 1577 zwischen dem Erzbischof Salentin von Köln und den Bürgern der Stadt Zons ausgebrochene und infolge Zolldifferenzen entstandene Schweinefehde.

Die Straße zur Aldenhovenstrasse wäre in früheren Zeiten (1650) durch eine große Doppeltoranlage mit Brücke über einen Wassergraben verlaufen - von dieser ist allerdings nichts erhalten geblieben.

© Herbert S., 2020
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nachdem die ersten Lockerungen nach dem Shutdown eingetreten sind, können wir uns auch auf etwas weitere Touren einlassen - unbelebte Städte verlieren doch weitgehend ihren Charme - aber auch Natur und Denkmäler sind unsere Ziele. Wir hoffen zudem auch auf baldige Öffnung der Grenzen zu den Niederlanden und Belgien
Details:
Aufbruch: Mai 2020
Dauer: circa 5 Wochen
Heimkehr: Juni 2020
Reiseziele: Deutschland
Live-Reisebericht:
Herbert schreibt diesen Reisebericht live von unterwegs - reise mit!
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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