Burgund - Kernland des europäischen Mittelalters

Frankreich-Reisebericht  |  Reisezeit: September 2018  |  von Angelika Gutsche

Über Autun nach Béaune

Als wir am nächsten Morgen in Richtung der Weinstadt Béaune aufbrechen, ist es wieder wärmer geworden, regnet aber immer noch leicht. Wir fahren durch die Wälder des Morvan und erreichen das Städtchen Château-Chinon, wo der spätere französische Staatspräsident François Mitterand von 1959 bis 1981 Bürgermeister war.

Autun

Nun haben wir den Movran hinter uns gelassen und legen in Autun einen kurzen Stopp ein. Bereits im späten 2. Jahrhundert soll es hier eine christliche Gemeinde gegeben haben. Die Gebeine des heiligen Nazaire oder Lazarus, Bruder von Maria Magdalena, wurden hier in der Kathedrale Saint-Lazare aufbewahrt. Lazarus war der Heilige der Leprakranken. Die gewaltige, dreischiffige Basilika mit ihrem spitz zulaufenden Turm liegt am höchsten Platz der Stadt. Ihre Fassade ist reich geschmückt, an den figürlichen Darstellungen des Tympanons kann man sich kaum sattsehen. Die Abbildungen an den Kapitellen im Innern der Kirche erzählen ganze Geschichten wie beispielsweise die Flucht nach Ägypten. Die Kirche wurde 1130 anlässlich des Besuchs Papst Innozenz II. eingeweiht.

Eines der mittelalterlichen Häuser nahe des Doms ist das Geburtshaus von Nicolas Rolin (1376–1462), des späteren Kanzlers Herzog Philipp des Guten von Burgund, dessen Hospiz-Stiftung wir in Béaune noch besichtigen werden.

Die Weinstadt Béaune

Dass es sich bei Béaune nicht nur um eine Weinstadt, sondern um die Weinstadt Burgunds handelt, wird einem schon bei der Fahrt durch das Herz des burgundischen Weinanbaus Côte d'Or klar. Soweit das Auge entlang der Straße des Gran-Cru reicht: Weinberg an Weinberg. Die meisten Weinstöcke sind schon abgeerntet, an manchen hängen noch saftige Trauben in weiß und rot.

Cote d'Or

Cote d'Or

Unser Ziel ist der Camping Municipale Béaune. Er ist nicht so idyllisch gelegen wie unsere bisherigen Campingplätze, dafür aber nur zehn Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt. Abends wird Ratatouille gekocht. Kaum gegessen und das Geschirr gespült, kommt ein echt heftiger Sturm mit starkem Regen auf, so dass wir in den Camper flüchten.

Am nächsten Morgen ist der Himmel wieder klar, aber es hat merklich abgekühlt. Wir machen uns auf den Weg ins Zentrum. Gleich nach Durchschreiten des Stadttors geht es rechts in die große, recht edel aufgemachte, berühmte Kellerei Patriarche. Wir erstehen drei Flaschen Rotwein in verschiedenen Preislagen für jeweilige Gelegenheiten, eine Flasche Sekt, der erst Silvester geköpft werden soll und ein Fläschchen Rotweinessig. Später zurück in München stellen wir fest, dass wir natürlich von allem viel zu wenig gekauft haben.

Béaune - Kellerei Patriarche

Béaune - Kellerei Patriarche

Hotel-Dieu-Hospiz

Nun geht’s durch die Altstadtstraßen mit ihren vielen Restaurants und Weinhandlungen zum Hôtel-Dieu-Hospiz (www.hospices-de-beaune.com), der Attraktion von Béaune.

Betritt man den Innenhof des ehemaligen Hospiz', stockt einem beim Anblick der bunt leuchtenden Dächer mit ihren Giebeln und Türmchen vor Überraschung der Atem, selbst wenn man diese Dächer schon auf etlichen Fotos gesehen hat. Nicolas Rolin (1376–1462), der Kanzler des burgundischen Herzogs Philipp des Guten, hatte 1443 diesen „Palast der Armen“ gestiftet, ein prächtig ausgestattetes Hospital, erbaut im Stil flämischer Gotik. Der super reiche Rolin und seine Gattin Guigone wollten sich mit dieser noblen Spende ihr Seelenheil sichern. Er muss ja sehr viel gesündigt haben, wenn er so enorme Summen springen ließ. Ablasshandel nannte man das, ein Reinwaschen der Seelen mittels Geld. Neben dem Hospiz wurde der Stiftung auch ein Weinberg vermacht, dessen Einnahmen das Hospiz finanziell absicherte.

Béaune - Hotel-Dieu-Hospiz

Béaune - Hotel-Dieu-Hospiz

Die museale Gestaltung ist vorbildlich; man kann sich von einem Audio Guide auf Deutsch durch die Räume führen lassen.

Béaune - Hotel-Dieu-Hospiz

Béaune - Hotel-Dieu-Hospiz

Das Hospiz ist noch original möbliert, insbesondere die Krankensäle bestechen durch ihre Authentizität. Beeindruckend das Tonnengewölbe, errichtet mit Paneelen aus Kastanienholz, aus dessen Stützbalken Drachen ragen. Zu besichtigen sind auch die Kapelle, die Küche, die Apotheke, ein kleines Labor zur Herstellung von Medizin und weitere Säle. Im letzten Raum befindet sich ein Museum mit Truhen, Schränken, Wandteppichen und dem Polyptychon des Jüngsten Gerichts von Rogier van der Weyden (1399 bis 1464), das einst die Kapelle schmückte.

Béaune - Hotel-Dieu-Hospiz Krankensaal

Béaune - Hotel-Dieu-Hospiz Krankensaal

Es heißt, im Winter waren die Säle bis auf maximal 14° C heizbar und die ausgestellten medizinischen Geräte erinnern an Folterwerkzeuge. Die Vorstellung, im Mittelalter hier behandelt worden zu sein, ist nicht wirklich beruhigend. Aderlass, Anbohrungen des Schädels und Schröpfköpfe waren die Heilmethoden. Und dann fallen uns die heilkundigen Frauen ein, deren Wissen nicht gewürdigt wurde und die gejagt von der Inquisition als Hexen am Scheiterhaufen endeten.

Béaune - Hotel-Dieu-Hospiz Labor

Béaune - Hotel-Dieu-Hospiz Labor

Altstadt von Béaune

Nach der Hospiz-Besichtigung spazieren wir durch die Altstadt von Béaune. Wunderschöne gotische Fassaden, offene Innenhöfe, plätschernde Brunnen. Und wie so häufig in burgundischen Städten findet sich auf einem der Hauptplätze ein Kinderkarussell. Und natürlich neben den Weinhandlungen Cafés und Restaurants für alle Geschmäcker und Geldbeutel. Also feiern auch wir unseren letzten Tag in Burgund mit einem exzellenten Mittagsmenü (famule du midi) zu je 19 Euro bestehend aus verlorenen Eiern und Pilzen in Rotweinsauce, Kaninchenbraten bzw. Schwerfisch und als Dessert ein Tiramisu. Dass uns der Kellner zuerst für blöde Touristen hielt, denen er anstatt des Mittagsmenüs ein Essen à la carte andrehen wollte – geschenkt. Unterwegs kaufen wir noch Baguette und Käse für das Abendessen. Voilà – so soll Frankreich sein!

Altstadt von Béaune

Altstadt von Béaune

Abschied

Unser Burgund-Besuch neigt sich dem Ende zu. Morgen treten wir die Heimreise an. Und einen Liebesroman von Colette (1873 bis 1954), eine der bedeutendsten Schriftstellerin Burgunds, habe ich inzwischen auch ausgelesen. Es ging wie fast in all ihren Roman um die leidenschaftliche Liebe einer Frau, die mit der Gefühlskälte des Mannes zu kämpfen hat. Wieder zuhause erwachen bei einem Kinobesuch Burgund-Erinnerungen: In dem Film Colette wird die verwegene, burgundische Schriftstellerin von Keira Knightley dargestellt (Regie Wash Westmoreland, USA/GB, 2018). Wie sagte Colette: „Faites des bêtises, mais faites-les avec enthousiasme!“ („Mach Dummheiten, aber mach sie mit Begeisterung!“).

F I N !

F I N !

© Angelika Gutsche, 2019
Du bist hier : Startseite Europa Frankreich Frankreich-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir haben viel gelernt über das dunkle Mittelalter mit der maßgeblichen Rolle, die burgundische Herzöge darin spielten, über Religionsgeschichte und die Bedeutung neugegründeter Orden und deren Klöster, über Baugeschichte und Kultur mit dem Hauptaugenmerk auf romanischer und gotischer Architektur und Kunst, aber auch über Käseherstellung und Weinerzeugung
Details:
Aufbruch: 18.09.2018
Dauer: 13 Tage
Heimkehr: 30.09.2018
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors