Mit dem Zug nach Armenien und zurück

Schweiz-Reisebericht  |  Reisezeit: August - Oktober 2019  |  von Caroline Gustke

12. Etappe: Zürich

Bei Innsbruck. Die Strecke von Salzburg bis Zürich war eindeutig eine der schönsten Bahnstrecken!

Bei Innsbruck. Die Strecke von Salzburg bis Zürich war eindeutig eine der schönsten Bahnstrecken!

Malerische Schweiz

Meine letzte Reiseetappe führt mich in die Schweiz, wo ich mit meiner wieder jünger werdenden Oma einige schöne und ereignisreiche Tage bei Verwandten verbringe und Gelegenheit habe, meine liebste Freundin Milda zu treffen. Auf einer stimmungsvollen Feier zur Goldenen Hochzeit lerne ich unter anderem einige supercoole Familienmitglieder kennen, die mir bisher nur dem Namen nach ein Begriff waren. Familie ist ja bekanntlich wie eine Schachtel Pralinen; man weiß nie, was man kriegt… Oder wie war das noch bei Forrest Gump?

Auf unseren Spaziergängen, Ausflügen zu diversen Aussichtspunkten, zur opulenten Klosterkirche Einsiedeln und bei zwei Gelegenheiten zu ein paar Schwimmzügen im sich bereits abkühlenden Zürichsee zeigt sich uns die Schweiz bei mildem Spätsommerwetter von ihrer malerischsten Seite.

Schweizer Seenlandschaft...

Schweizer Seenlandschaft...

Familientreffen auf der Panoramaterrasse, Boldern, Männedorf.

Familientreffen auf der Panoramaterrasse, Boldern, Männedorf.

Hier werden nur die vorderen Ziegen gestreichelt. Die anderen sind noch sauber.

Hier werden nur die vorderen Ziegen gestreichelt. Die anderen sind noch sauber.

Kloster Einsiedeln.

Kloster Einsiedeln.

Gottschalkenberg.

Gottschalkenberg.

GipfelstürmerInnen!

GipfelstürmerInnen!

Aussicht vom Uetliberg bei Zürich (unten: auf Zürich).

Aussicht vom Uetliberg bei Zürich (unten: auf Zürich).

Kontraste

Aus dem Osten kommend erlebe ich in der Schweiz, einem der wohlhabendsten Staaten der Erde, allerdings auch einen Kulturschock: Während ich vor kurzem noch bei schwachem Öllampenlicht in einer einfachen Steinhütte ohne fließend Wasser und Strom meine Milch geschlürft und wohlig nach Pferd geduftet habe, residiere ich nun an der Goldküste des Zürichsees, wo alles irgendwie traumhaft perfekt erscheint (das ist es garantiert nicht, dem äußeren Anblick durch die Augen einer Touristin wirkt es aber durchaus so): Perfekte grüne Idylle, Weinreben, die unter der Last reifer Trauben ächzen, pittoreske Bergketten mit einem Klecks Schnee auf den Gipfeln, zufrieden wiederkäuende Kühe mit Glocken um den Hals, eine Herde blütenweißer Ziegen, die aussehen, als kämen sie frisch aus der Wäsche, glasklares Seewasser, kein Krümel Abfall in der Gegend… Ich fühle mich ausgesprochen geehrt und glücklich, meine Reise derart bequem und gemächlich an einem Ort abschließen zu dürfen, an dem man sich kaum sattsehen kann vor lauter Schönheit.
– Mit jedem Porsche oder Ferrari, den ich auf den gebügelten Asphaltstraßen sehe, fährt mir aber auch ein kritisches Stauen durch den Sinn. Derart teure Schlitten gehören hier ins alltägliche Stadt- und Landschaftsbild... Ich bin noch in der selben Welt, aber sie fühlt sich hier ganz anders an; Leben und Lebensstandard sind so verschieden. Der Eindruck vom Wohlstand, der mir allerwegen ins Auge springt, bringt mich immer wieder ins Grübeln; über den Nutzen von Luxusgütern, über die sehr ungleiche Verteilung von Reichtum in der Welt und die Frage danach, wo die Menschen, ganz allgemein gesehen, wohl zufriedener seien und warum: Im Sitz ihres Porsches auf dem Weg in die am grünen Berghang gelegene Villa, mit einem Coffee-to-go im Getränkehalter? Oder aber auf einer Bank oben auf dem Plateau sitzend, mitten im überschaubaren, baufälligen Dorf irgendwo in der hügeligen Steppe Armeniens, umgeben von Pferden, Kühen und Hunden und mit der wettergegerbten Nase im Wind?

Ob die beiden Charaktere es wohl interessant fänden, einmal die Rollen zu tauschen? Ich vermute, dass sie sich zumindest auf Dauer nicht sonderlich wohl fühlen und sich nach ihrem bekannten Kosmos sehnen würden. Ich schätze, am Ende sind es doch immer die Gewohnheiten und unser Verständnis von Normalität, die unser Wohlbefinden bestimmen.
Es ist also von Vorteil, wenn man andere Alltagswelten, andere Normen und Traditionen nicht nur kennenlernt, sondern die Gelegenheit nutzt, sie mitzuerleben und sich selbst die Chance gibt – insbesondere durch das gemeinsame Erleben mit anderen – den besonderen Zauber zu empfinden, den ein Ort ausmachten kann.

Natürlich möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass alle Schweizer Porsche führen oder alle Armenier kleine Dörfchen und Ein-Raum-Häuser in der Steppe bewohnten. Gewiss ist in jedem Land beides zu finden, wenn auch relativ unterschiedlich verteilt. Vladimir sagte, es gebe durchaus Leute in Yerevan, die keinen Schimmer von der Existenz der Dörfer in den Bergen, geschweige denn von der dortigen Lebensweise hätten. In der Schweiz stellen wiederum die immensen Lebenshaltungskosten viele Menschen vor große Herausforderungen. Und das Feld zwischen arm und reich und wie dies erlebt oder nicht erlebt wird, ist weit.
Ein paar haben mehr als andere und andere haben anderes als viele. Solange die Menschen zufrieden mit dem sind, was sie haben und wer sie sind und auch dafür geschätzt werden, ist das irgendwie okay, denke ich. Ich bin froh, dass es diese verschiedenen „Welten“ noch gibt und finde es spannend darüber nachzudenken, wo ich mich selbst in all dem positioniere – nämlich irgendwo dazwischen oder aber überall und nirgendwo. Ich besitze weder Porsche noch Pferd, noch wohne ich in einer kleinen Steinhütte in den Bergen. Aber wenn ich mich willkommen fühle, Teil dessen zu sein, wo auch immer ich gerade bin, dann kann ich jeden Ort genießen.

Die innere Einstellung spielt für die eigene Lebensfreude sowie für die Anpassungsfähigkeit an Situationen jenseits der persönlichen Komfortzone eine entscheidende Rolle; das ist mir während der Reise immer wieder sehr deutlich geworden. Jeder trägt auf seine Weise aktiv dazu bei, ob bewusst oder unbewusst. Die Armenier, denen wir auf unserer Tour durch die Highlands begegnet sind, haben beispielsweise nicht ein einziges Mal ihren Becher (Alkohol) geleert, ohne vorher für irgendetwas ihre Dankbarkeit ausgedrückt zu haben; dies war ein sehr wichtiger Teil des Rituals, der uns bestimmt genauso viel gegen die Kälte genützt hat, wie der Alkohol. Und auch in der Schweiz wissen Menschen die Schönheit der allgegenwärtigen Bilderbuchlandschaften, den Frieden und die vielfältigen Möglichkeiten das Leben zu gestalten durchaus zu schätzen (um ganz sicher sein zu können, muss ich allerdings noch einen Porsche- oder Ferrari-Fahrer kennenlernen).

Zauberhafter Zürichsee.

Zauberhafter Zürichsee.

Fazit: Wahrer Reichtum existiert nur im Innern, in der Verbundenheit mit sich selbst, mit der Umgebung und mit anderen Menschen und auch mit Tieren. Auch dieser Reichtum ist vergänglich – gerade auf Reisen – und er muss regelmäßig genährt werden, um ihn zu erhalten. Aber viele Erinnerungen bleiben für immer und davon habe ich eine große Schatzkammer voll.

*

Mit einer erholten, strahlenden Oma im Schlepptau fahre ich schließlich gen Norden. Eine ganze Weile fahren wir parallel zum Rhein entlang und als unser Zug am Loreley-Felsen vorbei kommt sagt sie, damals auf einem Schulausflug hätten jetzt alle das "Lied der Loreley" angestimmt. Also packe ich die Klampfe aus und wir singen das Loreley-Lied und noch ein paar andere alte Klassiker, was die lärmenden Schülerinnen und Schüler in unserem Abteil völlig kalt lässt. Wir und einige andere Fahrgäste freuen uns trotzdem.
Auch die letzte Fahrt verläuft wie am Schnürchen und am Abend erreiche ich müde aber froh das traute Zuhause. Alle Achtung: Auf über 10.000 km Strecke habe ich nicht einen Zug verpasst und die ein oder andere Verspätung der Langstreckenzüge ist kaum der Rede wert, weil sie keine weiteren Auswirkungen hatte.

Tschakka, geschafft! Hin und wieder zurück. Mit dem Zug!

© Caroline Gustke, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Fliegen kann jeder - Zugfahren auch. Der Klimawandel macht mir Angst und mein bisheriger CO2-Fußabdruck ist erschreckend. Daher steht für mich fest: Bis Fliegen nachhaltig geht, wird nicht mehr geflogen! Nun ist die Reise - Pferdetrekking durch den armenischen Westen - schon lange geplant und so gehe ich das Wagnis ein, die etwa 5000 km pro Weg per Zug zurückzulegen, quer durch Europa und darüber hinaus - als Konsequenz von Erkenntnis, als Klimastreik und Selbstversuch.
Details:
Aufbruch: 26.08.2019
Dauer: 6 Wochen
Heimkehr: 07.10.2019
Reiseziele: Armenien
Rumänien
Türkei
Schweiz
Deutschland
Der Autor
 
Caroline Gustke berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.
Aus dem Gästebuch (3/7):
Lena 1570654651000
Liebe Caro,
deine tollen Berich­te habe ich versch­lun­gen! Danke, dass ich auf diese Weise an deinem A­ben­teu­er teil­ha­ben konnte! Die Welt braucht Vi­sion­är/in­nen und Macher­/in­nen wie dich! Weiter so!
Für deine wei­teren Reisen alles Gute!
P.S. Im nächsten Jahr werde ich mit der Bahn in Urlaub fahren!
Gerhard Steimann 1570186766000
Hallo Ca­ro­li­ne, nach einem ersten Über­blick habe ich mir viel Zeit genom­men, um Deine Reise, bzw. Deinen Rei­se­bericht, auf mich ein­wir­ken zu lassen. Am Ende bleibt bei mir nur Stau­nen: über Deinen Mut, Deine Er­leb­nis­se, Deine Kontak­tfreu­de, Deine bil­dhafte Schi­derung, Deine be­ein­drucken­den Bilder! Danke, dass ich das lesen kon­nte.­
Lie­be Grüße von Gerhard
anonym 1569845136000
Oh wow­...was für ein toller, e­reig­nis­reicher und span­nen­der Rei­se­bericht. Danke dafür, habe ihn versch­lun­gen und Lust be­kom­men mit dem Zug mein nächstes A­ben­teu­er zu star­ten. Viele liebe Grüsse und bleib so wie du bist.