Mit dem Motorrad über den nahen Osten in den hohen Norden

Reisezeit: Juni / Juli 2012  |  von Dirk Wöhrmann

Der beste Fang meines Lebens

Mein heutiges Etappenziel ist der Ort Hovden.
Ich bin verabredet mit Lena und Jan, meinen neuen norwegischen Freunden, in deren Hütte in den Bergen.
Astrid und Öyvind sind leider in Oslo, dafür werde ich aber die Eltern, die Schwester von Jan und ihren Sohn kennenlernen, worauf ich mich schon sehr freue.
Da es "nur" ca. 250 km bis nach Hovden sind, will ich heute mal wieder etwas mehr "offroad" auf kleinsten Strässchen fahren.
Wagemutig lasse ich den Regenkombi erst einmal aus, es ist nur etwas grau am Himmel, aber es regnet ja nicht.

Vorort von Bergen bei der Abreise

Vorort von Bergen bei der Abreise

Der Regen lässt natürlich nach meinem Start nicht lange auf sich warten und schon bin ich wieder als moppeliger, dunkler Ritter unterwegs ...

Der Regen hört, Gott sei Dank, schnell wieder auf.
Mit dem Wetter ist das so eine Sache in Norwegen, kein Wunder, dass die Vorhersagen so unzuverlässig sind. Hier müsste man eigentlich für jeden Kilometer und jede "Minute" eine neue Wettervorhersage erstellen, so schnell, wie sich Regen und Sonne hier abwechseln.
Auf der heutigen Etappe kann ich streckenweise wählen zwischen der gut ausgebauten Landstrasse, die durch den Berg geht oder den ehemaligen, alten, schmalen Strässchen, die noch über den Berg gehen.
Mit einer GS fällt die Entscheidung da nicht schwer ...

Auf meinem Weg sehe ich auf einem Campingplatz, der etwas unterhalb der Strasse liegt, ein sehr auffälliges Wohnmobil, welches mir schon am Eidfjord aufgefallen war.
Das Wohnmobil hatte ein Frankfurter Kennzeichen und ich wollte die Besitzer schon am Eidfjord interviewen, wo sie mit dem Teil bisher schon waren und was sie noch so alles vorhaben damit.
Damals war es allerdings schon recht spät am Abend und die Bewohner waren wohl schon am Schlafen.
Ich biege also kurzerhand auf den Campingplatz ab, um mich mal wieder ein wenig zu unterhalten...

Die Tür zum Camper steht offen und ich sehe in dem Bus eine Frau sitzen...
"Hallo, ich habe Ihren Camper schon am Eidfjord gesehen und wollte sie dort schon ansprechen, aber es war zu spät am Abend. Ein wirklich interessantes Wohnmobil haben sie sich da gebaut..."
"Ik verstähe sie net, ik spräche kein Deutsch...."
"Oh, sorry, do you speak English?"
"No, nur Russia"
Aha, Russen, die in einem 500.000 € Wohnmobil aus Frankfurt unterwegs sind und weder Deutsch noch Englisch sprechen...
Ich habe beim Weggehen auf Klopfzeichen aus dem "Kofferraum" geachtet, aber da war nichts zu hören ...

Nun gut, den kleinen Abstecher hätte ich mir dann ja auch sparen können und weiter geht´s durch die wilde Landschaft Norwegens...

Am frühen Abend komme ich in Hovden an.
Ich rufe Jan an, der mich sofort mit seinem Auto abholt.
Großes Hallo und Wiedersehensfreude und auf geht´s zur Hütte, wo schon Lena und der Rest der Familie auf meine Ankunft wartet
Ich habe ja nicht sooo viel erwartet, aber beim Anblick der Hütte war ich dann doch etwas sprachlos..

Hallo Jan und Lena, kleinen Spaß gemacht .

Wenn wir in Deutschland "Hütte" hören, dann denken die Meisten wahrscheinlich an einen kleinen "Holzverschlag" irgendwo in den Bergen mit wenig Komfort und einem Plumsklo ausserhalb.

Umso mehr bin ich überrascht, als wir an der Hütte von Jan und Lena ankommen.
Dass sie groß sein muss, habe ich anhand der Schlafplätze ja schon geahnt, aber so eine "Hütte" hätten bestimmt viele auch gerne als eigenes Häuschen in Deutschland stehen. Ich zum Beispiel ...

Die Lage könnte nicht besser sein, sie liegt absolut ruhig in der Nähe eines Flusses und eines großen Sees und ist zudem nicht weit entfernt zu den Einkaufsmöglichkeiten in Hovden.

Bevor ich die anderen Hüttenbewohner begrüßen kann, rennt schwanzwedelnd auch schon der kleine Pepsi auf mich zu, macht vor mir "Männchen" und schleckt mich anschliessend mit wachsender Begeisterung ab.
Na der Hund weiß, wie er auf Anhieb Herzen erobern kann ...

Anschliessend lerne ich die Eltern von Jan, seine Schwester Kari und Ihren Sohn kennen, die mich ebenso wie Lena herzlich Willkommen heissen.
Ich bekomme ein total süßes Zimmer in der Hütte und freue mich schon auf eine Nacht ohne Schlafsack.

Zum Abendessen gibt es Elchfleisch, ich bin begeistert, weil ich in Norwegen unbedingt auch mal Elch probieren will und bis dato noch nicht die Gelegenheit dazu hatte ...
Es gibt viel zu quatschen und es soll noch lange dauern, bis wir endlich alle im Bett liegen...

Am nächsten Morgen nach einem hervorragenden Frühstück beschliessen Jan und ich, dass wir das Abendessen für den heutigen Tag selber fangen wollen.
Ich glaube, fast jeder Norweger besitzt eine Angel und betreibt dieses Hobby mehr oder weniger intensiv.
Jan gehört da aber eher zu der ungeduldigen Fraktion, die nur mal ab und zu ihr Glück versuchen oder die Angel mit auf mehrtägige Wanderungen durch die Wildnis Norwegens nehmen.
Überhaupt ist Jan ein echter Outdoor- Freak und Experte.
Jedes Jahr z.B. unternimmt er im Winter eine mehrtägige Wanderung auf Skiern durch die Wildnis Norwegens ohne Kontakt zur Aussenwelt.
Vor 8 Jahren hat er mit seinem damals 12- jährigen Sohn Lars auf Skiern mehrere Wochen lang die Eiswüste Grönlands durchquert, womit sein Sohn als jüngster Grönlanddurchquerer auf Ski im Guinness- Buch der Rekorde steht.
Ich lerne Einiges von Jan, z.B. wie man sich unterwegs ernähren kann und wie einfach man doch eine Outdoor- Pasta in der Tüte zubereitet und wie gut sie schmeckt .
Lena hat aber trotzdem nicht so viel Vertrauen in unsere Angelkünste und auch keine Lust auf Adventure- Kost aus der Tüte und bereitet schon einmal leckeren Lachs für den Abend vor.

Jetzt ist unser Ehrgeiz geweckt....

Jan und ich gehen an den See und er erklärt mir die Grundzüge des Angelns.

Jetzt bin ich an der Reihe.
Die ersten Versuche, den Köder in den See zu befördern, scheitern jedoch und die Schnur fliegt sonstwo hin, nur nicht dahin, wo sie eigentlich hin soll.
Doch der dritte Versuch klappt dann und die Angelschnur fliegt surrend in den See.
Jetzt heisst es, langsam die Angelschnur wieder einzufahren, damit der künstliche Köder nicht untergeht und zwischen den Steinen im See hängen bleibt.
Ausserdem ist für die Fische natürlich ein sich bewegender Köder viel interessanter.
Schade, hat keiner angebissen.
Jan amüsiert sich und gibt mir zu verstehen, dass ich doch etwas mehr Geduld haben musste, sehr oft kommt er auch mit leeren Händen nach Hause...
Okay, zweiter Versuch, die Schnur fliegt in den See, ich hole die Schnur wieder langsam ein und ....haa, da hat einer angebissen, Jan, da hat einer angebissen...ich ziehe die Schnur weiter langsam ein, die Angel biegt sich etwas, jetzt bloss nicht zu schnell kurbeln, bin ich aufgeregt, was da wohl für ein Riesenfisch zum Vorschein kommen wird, dass Abendessen ist gesichert, Lena kann ihren Lachs einfrieren, jetzt nur nicht die Nerven verlieren und tatsächlich, es zappelt ein Fisch am Köder .
Jan schüttelt den Kopf und kann mein Glück gar nicht glauben, nach 90 Sekunden habe ich blutiger Anfänger bereits meinen ersten Fisch gefangen..unglaublich.
Tja, dass nennt man dann wohl Anfängerglück ...
Jedoch nennt man das nicht einen Riesenfisch...

Na ja, immerhin der erste selbstgefangene Fisch meines Lebens und wenn es jetzt ja so weitergeht, werden heute Abend auch alle satt.
Ich entschuldige mich bei dem Fisch, irgendwie tat er mir ja dann doch etwas leid,
Jan weiss, was er mit dem Fisch tun muss und ich versuche wieder mein Glück...

Die Zeit vergeht, doch es beisst keiner mehr an...
Wir wechseln die Location und versuchen unser Glück an einer anderen Stelle...

Doch auch hier haben wir wenig Glück, langsam glaube ich, mit dem Erwerb der Tageslizenz zum Fischen gab es einen Fisch mit dazu, damit man gleich mal ein Erfolgserlebnis hat ...

Jan kennt noch eine andere Location an einer schmalen Stelle des Flusses, vielleicht haben wir hier ja mehr Glück...

Jan ahnt wohl, dass auch an dieser Stelle nicht so viel Arbeit auf ihn zukommen wird und macht es sich gemütlich...

Doch hier haben wir tatsächlich mehr Glück, na ja, sagen wir mal, es beissen zumindest jüngere Fische an, die wir aber aufgrund der Größe wieder zurück ins Wasser schmeissen.
Dann passiert es und der Köder bleibt in den Steinen im Fluß hängen.
Beim Rettungsversuch reisst die Schnur und Jan gibt alles, um den nun freien Köder in der Strömung noch zu erwischen...

Wir haben jedoch kein Glück und müssen zurück zur Hütte, um Ersatz zu beschaffen.
Doch danach verlässt uns auch das Glück bei den Fischen.
Der einzige und letzte Fisch am Abend muss dann aus lauter Frust trotz seiner Größe dran glauben ..
Gott sei Dank hat Lena ja noch den Lachs ...
Trotzdem ist es für mich ein echtes Erlebnis, am Abend meinen ersten selbstgefangenen, absolut frischen Fisch zu essen...einfach köstlich .
Danach mache ich mich dann aber immer noch hungrig über Lenas ebenfalls hervorragenden Lachs her ...

Am späten Nachmittag stösst auch noch Lars, der mittlerweile 20- jährige Sohn von Lena und Jan zu uns, er war mit seinen besten Freunden für ein paar Tage in der Wildnis unterwegs. Natürlich ohne Zelt und nur mit Schlafsack.
Nächsten Montag "muss" Lars zur norwegischen Bundeswehr, d.h., er hat sich zum Ziel gesetzt, die Aufnahmeprüfung zur Eliteeinheit der norwegischen NavySeals zu bestehen und dieses 6-wöchige Auswahlverfahren beginnt in der nächsten Woche. Dafür hat er schon seit Monaten trainiert und läuft zum Beispiel mit einem 40 kg!! schwerem Rucksack die Berge rauf und runter.
Ich habe diesen Rucksack noch nicht einmal vom Boden hochheben können ...
Am Abend schauen wir uns noch einen Film von der Grönland- Durchquerung an und hauen uns dann in die Falle.
Die Zeit mit meinen neuen norwegischen Freunden, egal, ob auf den Lofoten oder hier in den Bergen von Hovden, gehört mit Sicherheit zu den Highlights meiner Reise. Durch sie habe ich z.B. Wal und Elch gegessen und meine ersten Fische gefangen .
Vielen, vielen Dank für Eure Gastfreundschaft und ich hoffe, wir werden uns bald in Deutschland wiedersehen, wenn ich Euch meine Heimat zeigen kann. Und Lars viel Glück und Erfolg beim Auswahlverfahren!

Morgen geht es dann für mich weiter zum Preikestolen, ein 25x25m großes Felsplateau, welches sich über 600 m senkrecht aus dem Lysefjord erhebt.

© Dirk Wöhrmann, 2012
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit dem Motorrad ans Nordkap über Tschechien, Polen, Russland, Litauen, Lettland, Estland, Russland, Finnland, Norwegen, Lofoten, Schweden, Dänemark
Details:
Aufbruch: 12.06.2012
Dauer: 7 Wochen
Heimkehr: 28.07.2012
Reiseziele: Deutschland
Tschechische Republik
Polen
Litauen
Lettland
Estland
Finnland
Norwegen
Der Autor
 
Dirk Wöhrmann berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
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