ALBANIEN - Unbekanntes Land zwischen Shkodra und Saranda

Albanien-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai 2000 - Februar 2001  |  von Gerd Birnzain

Der Norden - durch das Land der Shkipetaren

Im sehr milden Winter von 2000/2001 stand die Fortsetzung der Inspektionsreise, die uns zuvor im November ins südliche Saranda führte, in den wilden Norden an...

Etwa 120 km liegt Kukes von Tirana entfernt - Abfahrt um 07.00 Uhr, ein kurzer Aufenthalt in Shkodra und ein Mittagessen in den Bergen. Wir waren froh, heil am Abend in Kukes angekommen zu sein...

Etwa 120 km liegt Kukes von Tirana entfernt - Abfahrt um 07.00 Uhr, ein kurzer Aufenthalt in Shkodra und ein Mittagessen in den Bergen. Wir waren froh, heil am Abend in Kukes angekommen zu sein...

Von der Landeshauptstadt Tirana führte uns die Fahrt zunächst in die Kreishauptstadt Shkodra am gleichnamigen Shkodra-See, der die Grenze zwischen Albanien und Montenegro bildet. Von dort führt unser Weg ...

Ob "Die Schluchten des Balkans",  "Der Shut" oder "Durch das Land der Shkipetaren" Es hätten uns nicht gewundert, wenn plötzlich Karl May persönlich vor uns aufgetaucht wäre...

Ob "Die Schluchten des Balkans", "Der Shut" oder "Durch das Land der Shkipetaren" Es hätten uns nicht gewundert, wenn plötzlich Karl May persönlich vor uns aufgetaucht wäre...

... durch wildes, zerklüftetes, einsames Gebirgsland bis in die Kreishauptstadt KUKES im Nordosten, nahe des Grenzüberganges Morina. Dieser Grenzübergang gelangte 1995 zu trauriger, fragwürdiger Berühmtheit, als dort tausende von Flüchtlingen versuchten aus den Kriegswirren im Kossova ins "Mutterland" Albanien zu gelangen.

Das könnte die albanische Ausgabe Karl Mays sein. Tatsächlich trägt auch dieser Ziegenhirte eine geladene Flinte über der rechten Schulter.

Das könnte die albanische Ausgabe Karl Mays sein. Tatsächlich trägt auch dieser Ziegenhirte eine geladene Flinte über der rechten Schulter.

Das WEU-Emblem auf der Motorhaube und ein deutsches Kennzeichen; es war erstaunlich, wie diese beiden äußeren Zeichen Mund und Herz - vor allem der älteren - Bevölkerung öffneten.
Mit Händen und Füssen und glücklicherweise mit Hilfe unseres Dolmetschers fand sich immer die Zeit, wenigstens für einige Minuten anzuhalten und ein kleines Palaver zu halten.
Zum Abschied ein paar Zigaretten und dafür ein freundlichen "mirupafshim" aus einem zahnlosen Mund mit einem unvergessliches Lächeln...
Keine Schotterpiste war dafür zu holprig, kein Schlagloch zu gross, keine Minusgrade zu tief!

Zunächst dachten wir an wildromantische Bergseen - tatsächlich waren es aber -unter dem Diktator Enver Hoxha angelegte- Trinkwasserspeicher und Stauseen zur Elektrizitätsgewinnung

Zunächst dachten wir an wildromantische Bergseen - tatsächlich waren es aber -unter dem Diktator Enver Hoxha angelegte- Trinkwasserspeicher und Stauseen zur Elektrizitätsgewinnung

Enver Hoxha war der Auffassung, dass sich s e i n e Vorstellungen von dem neuen "albanischen Menschen" und dem albanischen Kommunismus am besten über das Radio verbreiten und durchsetzen lässt.
Radios brauchen Strom. Strom gewinnt man am günstigsten durch Wasserkraft. Stauseen sind daher überall in Albanien zu finden. Ihre Anzahl wird nur noch übertroffen durch die "Pilze".
"Pilze" werden die 1-, 2-, 4- oder 6-Mann-Bunker genannt, die das gesamte Land durchziehen, aber vor allem im Norden und Nordosten zu finden sind.
Diese Bunker sind betongewordener Ausdruck einer schon an Verfolgungswahn grenzenden Angst Enver Hoxhas vor einem feindlichen Angriff - egal ob von dem
- kapitalistischen Westen,
- seit den 50iger Jahren verhassten jugoslawischen
Nachbarn oder
- wegen ihres "verweichlichten Kommunismus" geschmähten
Sowjetunion.

Die "Schlagkraft" und der "Verteidigungswert" der Bunkeranlagen wurde von Hoxha noch verstärkt durch die sichelartigen, scharf geschliffenen Messer, die an der Spitze auf nahezu jedem Strom- und Telegraphenmasten angebracht worden sind.
Diese "Sicheln" sollten die mit Fallschirmen eindringenden Aggressoren abhalten und notfalls vor ihrer Landung töten.

Kaum vorstellbar, was dieser Baum er- und überlebt hat...

Kaum vorstellbar, was dieser Baum er- und überlebt hat...

Die Überlebensstärke des Baumes in einer harten, kargen (feindlichen?) Umgebung scheint Symbol für Albanien und für Albaner zu sein.
Albaner kennen seit Jahrhunderten die Besetzung ihres Landes. Sei dies durch Türken, durch Griechen, durch Deutsche und, und, und...
Albaner haben zwischenzeitlich "Überlebensstrategien" entwickelt. Sie passen sich an, sie gehen mit, sie lassen sich belehren, sie nehmen Ratschläge an, sie lassen sich helfen - und sie führen IHR Leben weiter.

Es ist mir aufgefallen, dass ich bei Verhandlungen nie das Wort: "NEIN" von Ihnen gehört habe.
Es ist mir aber auch aufgefallen, dass albanischische Verhandlungspartner trotzdem "feste Vereinbarungen" gelegentlich nicht einhalten und es ist mir auch aufgefallen, dass westliche, demokratische Institutionen sich offenbar schwer tun Verträge und Vereinbarungen konsequent einzufordern.

Ich bin überzeugt, Albanien wird auch das augenblickliche tiefe Tal durchschreiten und "überleben"!

So viele schwere Gedanken machen hungrig...
Auf unserer Fahrt von Shkodra nach Kukes findet sich etwa nach der Hälfte der Strecke im Städtchen Puke ein Hotel mit Restaurant. 
Ein einfaches aber wohlschmeckendes Mittagessen wird uns geboten. Die Wartezeit bis das Hähnchen mit Pommes kommt verkürzt ein frisches Getränk.

So viele schwere Gedanken machen hungrig...
Auf unserer Fahrt von Shkodra nach Kukes findet sich etwa nach der Hälfte der Strecke im Städtchen Puke ein Hotel mit Restaurant.
Ein einfaches aber wohlschmeckendes Mittagessen wird uns geboten. Die Wartezeit bis das Hähnchen mit Pommes kommt verkürzt ein frisches Getränk.

Damit kein Zweifel entsteht... Das "Albturist-Hotel" ist keine Fatamorgana - Sie finden es in nahezu jedem Reisebüro, das Reisen nach Albanien anbietet.
Freundliche, schnelle, zuvorkommende Bedienung; einfache aber wohlschmeckende Speisen; aufgeschlossene, diskussionsfreudige, einheimische Gäste! Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte - vermutlich wären wir noch viiiieeel länger geblieben.

Nach Puke beginnt der Winter wirklich - mehrfach haben wir mit unseren geländegängigen Fahrzeugen anderen Kraftfahrern helfen können.

Nach Puke beginnt der Winter wirklich - mehrfach haben wir mit unseren geländegängigen Fahrzeugen anderen Kraftfahrern helfen können.

Eines der vornehmen Restaurants in der nördlichen kreishauptstadt Kukes.

Eines der vornehmen Restaurants in der nördlichen kreishauptstadt Kukes.

Nachdem nachts mehrfach Schüsse gefallen sind, haben wir die Geschichte des Wirtes am nächsten Morgen beim Frühstück auch geglaubt.
Das Lokal hat für besondere Gäste einen Speisesaal, in dem nur ein Fenster eingebaut ist (siehe oben links). Angeblich zum Schutz der Gäste vor Feuerüberfällen...
Das Essen und der Wein haben trotzdem hervorragend gemundet!

Von alledem wollte der Leiter der Polizeidirektion in Kukes allerdings nichts wissen!!! Dafür haben wir ihn mit einer Erinnerungsmedaille ausgezeichnet.

Von alledem wollte der Leiter der Polizeidirektion in Kukes allerdings nichts wissen!!! Dafür haben wir ihn mit einer Erinnerungsmedaille ausgezeichnet.

© Gerd Birnzain, 2005
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Ein (Erfahrungs-)Bericht von Gerd Birnzain. Vielleicht interessieren Sie m e i n e Eindrücke aus einem 9monatigen Aufenthalt im Land der Shkipetaren. Der albanische Schriftsteller Ismail Kadare hat einmal die herausragende Gastfreundschaft in Albanien mit den Worten umschrieben: "Das Haus des Albaners gehört ganz nach dem Kanun zuerst Gott und dem Gast und dann erst den Bewohnern". Gilt das auch noch nach dem Zusammenbruch der sog. Pyramidengesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts?
Details:
Aufbruch: Mai 2000
Dauer: 9 Monate
Heimkehr: Februar 2001
Reiseziele: Albanien
Der Autor
 
Gerd Birnzain berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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