Mit dem Wohnmobil nach Rumänien, Moldawien und Transnistrien

Moldau-Reisebericht  |  Reisezeit: August / September 2018  |  von B. & F. S.

Gagausien


Dienstag, 11. September: Greci ► Galaţi (Rumänien) ► Comrat (Moldawien) 187 Tageskilometer
Wir verlassen das Paradies, werden aber vorher nochmals reichlich mit Obst beschenkt. In Măcin werfen wir die Postkarten ein, die wir schon ewig spazieren fahren. In einer Weinhandlung möchten wir hiesigen trockenen Weißwein kaufen. Es gibt Verständigungsschwie-rigkeiten, der Verkäufer spricht nur rumänisch, was heißt trocken? Der Verkäufer aus dem Nachbarladen wird geholt. Der bemüht sein Smartphone: Sec heißt das, steht ja auf fast allen Flaschen drauf.
Wir kommen zur Fähre von Brătianu nach Galaţi.

An dieser Fährstation setzen wir mit einer aus zwei Frachtschiffen zusammengeschweißten Fähre über die Donau. In der verkehrsreichen Innenstadt von Galaţi haben wir mit einer Vielzahl von Baustellen und Umleitungen zu kämpfen.
Am Ortsrand von Galati erstrecken sich weitläufige Industrie- und Werftgelände an der Donau. Fast alle Bahngleise sind doppelspurig angelegt. Verwirrende komplizierte Schienenkonstruktionen an Weichen und Kreuzungen auf denen anscheinend sowohl europäische Spurweite als auch russische Breitspur gefahren werden kann.
Beim Verlassen von Rumänien kurz einmal Paß und Fahrzeugpapiere vorzeigen, schon fahren wir über den Grenzfluß Prut, der hier an dieser Stelle in die Donau mündet.
Moldawien / Moldova / Republik Moldau
Die Grenzabfertigung hat die Anmutung einer alten Dorftankstelle, wir sind zur Zeit das einzige Publikum. Umgangssprache ist russisch und rumänisch. Englisch: ein paar wenige Brocken von der Grenzpolizei und dem Zoll. Im Nu haben wir den Einreisestempel in den Pässen, eine Zöllnerin blickt noch kurz ins Auto, ja und dann gibt es Verständigungsschwierigkeiten. Wir sollen das Auto beiseite fahren und in das nebenstehende Gebäude mit der Aufschrift "Bank" gehen. Keinerlei schriftliche Hinweise in dem kahlen Raum und eine Frau hinter einem kleinen Fensterchen mit einem Sprechloch. Nach vielen "не понимаю" auf beiden Seiten und mit Hilfe eines inzwischen eingetroffenen ukrainischen Fernfahrers haben wir: 1. Geld getauscht und 2. eine Straßenbenutzungsgebühr von 5€ entrichtet und unser Fahrzeug für Moldawien registrieren lassen.

Der erste Ort nach der Grenze ist Giurgiuleşti. Wir sind im Dreiländereck Rumänien/ Moldawien/ Ukraine und müssen daher aufpassen, daß wir nicht gleich wieder am nächsten Grenzübergang stehen. In der ersten größeren moldawischen Stadt, Vulcaneşt, machen wir Halt. Wir stehen vor einem großen Obelisken, der als Denkmal des russisch-türkischen Krieges von 1870 hier steht. Nun gehts in Richtung Hauptstadt Chişinău. Wir sind in der autonomen Region Gagausien.

Die Straße ist schlecht, wir rumpeln über Asphaltfragmente. Die Straße wird noch schlechter, wir fahren lieber außerhalb der Asphaltreste, neben der Straße.

Dann ist der Straßenbelag komplett zerstört. Und jeder sucht sich auf der breiten Walnußbaumallee seine Fahrspur auf dem Sturzacker. Zwei Mal passiert es, daß wir in unserer Fahrspur nicht weiterkommen und ein Stück zurücksetzen müssen um in eine andere Spur zu gelangen. Wir sind schon fast am Umkehren, jedoch die Karte, das Navi und auch die Beschilderung an der Strecke selbst sagen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Nach 3 Stunden und 35km weiter kommen wir dann auf eine einwandfreie Straße.

Wir trauen uns zuerst gar nicht schneller als 60 / 70 zu fahren, weil wir befürchten, der Straßenbelag könnte abrupt zu Ende sein. In Congaz nehmen wir eine Anhalterin mit. Sie möchte bis Comrat, der Provinzhauptstadt von Gagausien, wie wir auch. So können wir sie gleich nach einem Restaurant fragen, wo wir gute regionale Küche vorfinden, und auch über Nacht mit unserer blauen Zitrone stehen können. Sie zeigt uns ein Restaurant wohin sie inzwischen per Handy auch ihren Mann mit dem Auto beordert hat. Als wir dort aussteigen, möchte sie uns wie es in Rumänien, anscheinenend auch in Moldawien üblich ist bezahlen. Wir nehmen keine Bezahlung an, deshalb bekommen wir ein großes Stück geräuchertes in Folie eingeschweißtes Fleisch geschenkt. Sie arbeite in der Fleisch- und Wurstfabrik Congaz, vor der wir sie aufgelesen haben in der Verwaltung, so könne sie Fleisch ganz preiswert erwerben. Inzwischen ist ersichtlich, dieses Restaurant hat geschlossen und das schon länger. Inzwischen ist auch ihr Mann mit einem Lada Samara angekommen. Er weiß noch ein zweites Restaurant und zwar im Stadtzentrum, mehr gäbe es hier nicht. Wir fahren hinterher zu einem Hotel mit Restaurant und verabschieden uns von den beiden. Das Hotel hat geöffnet. Wir treffen auf eine Rezeptionistin, eine „Дежурная“ sowjetischen Zuschnitts. Wir möchten dringend etwas essen. „Квартиры да - Ресторан закрыт.“ Zimmer möchte man uns vermieten, das Restaurant hat auch hier geschlossen. Kann man auf dem Hof hinter dem Hotel über Nacht mit dem Auto stehen? Das versuchen wir mit unserem dürftigen Russisch herauszufinden. Die Hotelangestellte scheint außer Russisch kein Wort einer anderen Sprache zu beherrschen. Wieso wir denn in ein anderes Land fahren, wenn wir die Sprache nicht richtig verstehen, mokiert sie sich. Sie fährt ja auch nicht dahin wo sie sich nicht verständigen kann. Als Hotelrezeptionistin ist das eine beachtenswerte Lebenseinstellung. Wir bringen sie dazu ihren Kabuff zu verlassen und sich unser Auto vor der Tür anzusehen, um zu erklären: Wir schlafen im Auto. Sie möchte jedoch weiterhin ein Zimmer an uns vermieten.

Zwei junge Frauen kommen vorbei. Eine davon fragt in Englisch, ob sie uns behilflich sein kann. Wir erklären unser Vorhaben und sie übersetzt der „Deschurnaja“. Es wird eine kurze Weile hin und her diskutiert. Ergebnis: Essen ist nicht, weil das Hotelrestaurant mangels Bedarf schon seit längerem den Betrieb eingestellt hat. Das Auto kann auf den Hof, wenn Zimmer gemietet werden. In unserem Auto auf dem Hof dürfen wir nicht übernachten. Das kommt uns doch alles sehr „sowjetisch“ vor.
Sie heiße Lydia, stellt sich die junge Frau vor und sagt, sie könne mit uns zu einer Kantine gehen, wo gagausisch gekocht werde. Wir lassen sie mit zu uns ins Auto steigen und fahren nur wenige hundert Meter weiter. In einem Neubau gehen wir einige Treppen bis in die erste Etage und stehen in einer Küche mit langem Glastresen. Die Frauen mit ihren hohen Kochmützen sind sehr fröhlich und aufgeschlossen. Wir bekommen das reichhaltige Angebot erklärt. Allerlei Fleischsorten, gebraten oder gekocht, Fisch, verschiedene Beilagen und Gemüse, gefüllte Teigtaschen, Salate, Suppen. Man kann sich sein Essen zusammenstellen lassen und die Mengen selbst bestimmen. Wir zeigen auf verschieden Sachen, jeder Bestandteil wird einzeln auf eine kleine Küchenwaage gelegt dann auf den Teller, der zum Abschluß noch einmal kurz in eine Mikrowelle geschoben wird. Dann noch Salate, Getränke kann man selbst aus einem Kühlschrank entnehmen. Zum Schluß wird zusammengerechnet. Alles ist sehr preiswert und lecker. Wir laden Lydia zum Essen ein.
Wir sitzen in dem gut gefüllten Gastraum und Lydia erzählt über sich: Sie ist Rumänischlehrerin in der Grundschule bis zur vierten Klasse und hat selbst eine Tochter in der dritten Klasse. Sie selbst ist immer an Kontakten mit Ausländern interessiert, um ihren Horizont zu erweitern. In ihrer Wohnung bietet sie Couchsurfing an. Sie hatte auch schon ein paar Gäste. Wir könnten auch zu ihr kommen. Vor ihrem Wohnhaus könne man mit unserem Auto ruhig übernachten. Sie muß dringend noch etwas erledigen und wir verabreden uns in einer Stunde an unserem Auto.
Wir schlendern in der Zeit in der kleinen Innenstadt umher. Zwei Kirchen dicht nebeneinander, ein kleiner neuer Park, eine Straße mit Läden.

Wir staunen über die hohe Dichte an Banken und Telekommikations-anbietern. Die Zusammensetzung in der Straße ist so ungefähr ein Drittel Banken, ein Drittel Handyläden und ein Drittel übrige Sparten. Jetzt am Abend wirkt alles schon ziemlich ausgestorben. Pünktlichst kommt Lydia zurück und wir fahren zu ihr, in ein Wohngebiet mit vielen zwei- und dreistöckigen gemauerten Wohnblöcken aus sowjetischer Zeit.

Die blaue Zitrone darf im Hof bei den Garagen stehen und wir gehen hinauf zu ihrer Wohnung. Im Treppenhaus gibt es keine Beleuchtung, wir müssen mit unseren Handys funzeln. Die Wohnungen dieser ehemals kommunalen Häuser wurden alle privatisiert. Auch Lydia hat ihre Wohnung recht teuer gekauft und hat dafür Darlehen von Verwandten aufnehmen müssen, berichtet sie. Alles was außerhalb der Wohnungen liegt, darum kümmert sich scheinbar keiner.
In der Wohnung begrüßt uns ihre kleine Tochter Katja, auch Lydias Mutter und eine Freundin sind zu Besuch. Wir werden zum Tee eingeladen und probieren selbstgemachte Marmeladen. Katja sagt ein Gedicht, das sie gerade für die Schule lernt, in russischer Sprache auf. Es kommen öfter die Worte „Blumen“ und „Sonne“ vor, viel mehr verstehen wir nicht.
Wie in den meisten moldawischen Familien arbeiten einige Familienmitglieder im Ausland, wie zum Beispiel Lydias beiden Brüder. Sie berichtet einiges darüber. Jetzt möchten alle unser Auto sehen. So viele Menschen waren noch nie gleichzeitig in der blauen Zitrone. Sie sind alle begeistert. Katja sagt, morgen gehe sie nicht zur Schule, sondern fahre mit uns nach Chişinău. Wir verschenken unser Zwei-Kilostück Räucherfleisch, das wir von der Anhalterin aus der Fleischfabrik Congaz bekommen haben. Die Freude darüber ist echt, hauptsächlich bei der kleinen Katja. Solche Sachen sind im Laden sehr teuer, ist von Lydias Mutter zu vernehmen. Deshalb versucht auch jeder hier sich selbst zu versorgen, mit Kleinviehhaltung, eigenem Garten, und Sammeln von Wildfrüchten.
Es ist sehr spät geworden und wir verabschieden uns voneinander. Als wir schon im Bett liegen, rangiert noch ein Auto auf dem engen Hof und es gibt einiges Gerenne um uns herum. Am nächsten Morgen merken wir, der von Lydia zugewiesene Platz war doch eine Einfahrt zu einem weiteren Wohnhaus. Da wollte nachts noch jemand hin und hat sich nicht getraut uns herauszuklopfen.

© B. & F. S., 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wieder einmal sind wir mit unserer "blauen Zitrone" unterwegs in Osteuropa. Über 6.000 Kilometer legten wir an der Donau, in den Karpaten und in den Nußbaumalleen Moldawiens zurück.
Details:
Aufbruch: 23.08.2018
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 21.09.2018
Reiseziele: Moldau
Ungarn
Rumänien
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 28 Monaten auf umdiewelt.
Aus dem Gästebuch (1/1):
Ulrike S. 1546438655000
Hallo ihr bei­den,
schön hier mal wieder einen tollen Rei­se­bericht von euch zu lesen und in E­rin­ne­run­gen an unsere eigene Rum­änien-­Rei­se im letzten Frühsom­mer zu schwel­gen. Vieles kam uns sehr bekannt vor, vieles jedoch auch völlig un­be­kannt. Mol­da­wien scheint mir ein span­nen­des Pflas­ter zu sein und es würde uns inte­res­sier­en, welche For­ma­lit­äten ihr vorab für euer Fah­rzeug er­le­di­gen mus­stet. Wir haben gehört, dass es nicht ganz un­kom­pli­ziert sein sol­l.
Vie­len Dank also für's Mit­neh­men auf diese Reise und ihr habt uns mal wieder einige In­spi­ra­tio­nen ge­ge­ben.­
Ein gutes neues Rei­se­jahr 2019 und herz­liche Grüße aus Schwa­ben
­
Ul­li
Antwort des Autors: Auch wir wünschen euch ein gutes neues Reisejahr. Euer Reisebericht Rumänien war uns auch Inspiration für diese Reise. Die Einreise nach Moldawien ist unkompliziert und visafrei. Es werden außer Reisepaß, Fahrzeugschein und grüner Versicherungskarte keine weiteren Papiere verlangt. Es wird keine Gebühr erhoben. Es ist eine fahrzeugabhängige Straßenmaut bei der Einreise zu zahlen.
Gruß
Frank & Birgit