Mit dem Wohnmobil nach Rumänien, Moldawien und Transnistrien

Moldau-Reisebericht  |  Reisezeit: August / September 2018  |  von B. & F. S.

Bessarabien


Donnerstag, 13. September: Chişinău ► Orheihul Vechi ► Soroca ► Cosăuți ► Chişinău, 382 Kilometer ohne die Blaue Zitrone
Heute sind wir mit gleich dreifacher deutschsprachiger Begleitung in einem alten VW-Bus einen ganzen Tag unterwegs. Tatiana fährt absolut souverän und ist multitaskingfähig. Im dichten aggressiven Hauptstadtverkehr die Übersicht behalten, gleichzeitig die Sehenswürdigkeiten erklären, Handytelefonate führen, und den Fahrstil der anderen kommentieren, alles kein Problem.
Wir holen Catalina und Alexandr, ein junges frisch verheiratetes Paar, in einem Plattenbaugebiet ab. Sie haben vor, nach Deutschland auszuwandern, haben Deutschunterricht genommen und möchten nun mit uns ihre Sprachkenntnisse verbessern.
Erste Station ist Orheihul Vechi, unweit der Hauptstadt, eine Sehenswürdigkeit von Rang, ein schon seit der Steinzeit besiedelter Platz auf den Muschelkalkrücken der engen Flußschlingen des Răut, ein wirklich mystischer Ort.

Wir sehen uns Museumshäuser des Dorfes Butuceni an und steigen auf den Felsrücken der Landzunge zwischen den Flußbiegungen. Im Treppengang unter einem kleinen Glockenturm gehen wir in das in den Muschelkalk gehauene Felsenkloster hinunter. Der originale Zugang in der Steilwand über dem Fluß ist leider durch ein Erdbeben zerstört worden. In der Felswand stecken in den herausgewitterten Muschelschalen tausende von Münzen.

Wieder ans Tageslicht gekommen, umrundet Frank drei Mal ein Steinkreuz, das oberhalb der Höhle an der Abbruchkante steht. Das soll die innigsten Wünsche in Erfüllung gehen lassen. Noch weiter oberhalb steht die Marienkirche. Sie wurde, so berichtet Tatiana, zu sowjetischen Zeiten als Düngemittellager für die Weinbaukolchose genutzt. Jetzt ist sie wieder renoviert und ringsum ist ein kleiner Klosterkomplex neu entstanden. Man ist immer noch am verschönern und erweitern. Auch auf der anderen Flußseite sieht man in den Steilhängen an schwer zugänglichen Stellen die Löcher der in den Fels gehauenen Einsiedlerklausen und Mönchszellen.
Hinter dem nächsten Dorf Brăneşti befindet sich eine große Weinkellerei. Sie macht sich ein ausgedehntes Stollensystem eines Untertagesandsteinbruches zu Nutze. Hier wurden jahrzehntelang Steinquader gewonnen aus denen in dieser Region unter anderem auch die sowjetischen Wohnblöcke gemauert wurden. Entsprechend riesig ist das Tunnelsystem. Die Gesamtlänge soll über 50 Kilometer betragen. Es wurde mit LKW befahren.

Das Restaurant im ersten Stolleneingang ist geschlossen, aber das Eingangstor ist geöffnet und so spazieren wir in den riesengroßen Kellern umher. Dann fahren wir noch ein kleines Stück und kommen zur Kelterei. Wie wäre es mit einer Weinverkostung? Tatiana verhandelt. Ja aber nur hier im Verwaltungsgebäude, nicht in den Weinkellern und auch nur für einen horrenden Preis. Wir fahren weiter. Wieder zurück auf der recht neuen, autobahnähnlich ausgebauten M2, sehen wir in Abständen immer wieder Schilder, die darauf hinweisen, daß diese Straße von einem amerikanischen Konsortium gebaut und finanziert wurde. Wir biegen kurz ab von dieser Hauptstrecke. Tatiana möchte uns eine physikalische Anomalie zeigen. Auf dem Parkplatz des Safari Restaurants Orhei hält sie das Auto an, macht den Motor aus, löst die Bremsen wieder und das Fahrzeug setzt sich wie von Geisterhand gezogen die leichte Steigung hinauf in Bewegung. Die sehr beliebte okkulte Sehenswürdigkeit, man spricht von Erdmagnetismus, eine perfekte optische Täuschung. Die Form des Platzes, die Neigung der vielen Bäume ringsum suggerieren so perfekt eine Steigung, wo eigentlich Gefälle ist. Nach etwas längerer Fahrt kommen wir nach Soroca.

Auf einem Steilufer des Grenzflusses Dnister, der hier Grenzfluß ist, hat man einen weiten Blick in die Ukraine hinein. Hier steht die „Kerze der Dankbarkeit“, ein aus Naturstein aufgemauerter hoher Obelisk in Kerzenform, der in seinem Inneren eine kleine Kapelle beherbergt. Um seinen Fuß ist eine runde Aussichtsplattform. Wir sind mit dem Auto bis hier hinauf gefahren. Doch auf den steilen Stufen zum Flußufer hin tut sich etwas. Eine Gruppe von 15 US-Soldaten in Tarnfleck kommen schweißgebadet hochgekeucht. Wir haben etwas small-talk. Der begleitende moldawische Offizier guckt grimmig.

In der Stadt lebt auch das Volk der Cigani (Zigeuner) schon seit Sowjetzeiten. Sie haben ein ganzes Stadtviertel, bauen riesengroße Villen, die nie ganz fertig werden, leben aber meisten in ganz kleinen Häuschen daneben, oder in den Rohbauten. Wir sehen sogar Nachbauten von historischen Gebäuden aus aller Welt, wie z.B. das Kapitol in Washington. Auch Häuser mit vergoldeten Kuppeldächern sind zu sehen. Hier auszusteigen und zu fotografieren sei nicht ratsam, sagte man uns. Die Aufseherin oben an der Kerze berichtete von ethnischen Spannungen zwischen dem Bevölkerungsanteil von einem Drittel Cigani, die in Clanstrukturen organisiert sind, und der übrigen Stadtbevölkerung. Man wisse nicht wovon die Hausbauten bezahlt werden, da kaum jemand von ihnen arbeite, sagt sie. Die Festung am Flußufer ist in Soroca sehr sehenswert. Frisch renoviert steht sie trutzig direkt am Flußufer des Dnistr.

Eine Schwester Tatianas haben wir gestern schon kennengelernt. Im Dorf Cosăuți, unweit von Soroca leitet eine weitere Schwester von ihr das Familienhaus, eine Einrichtung für Opfer häuslicher Gewalt und elternlose Kinder. Diese Einrichtung wird von einer österreichischen kirchlichen Stiftung und aus Spendengeldern finanziert. Das Haus ist komplett neu und gut ausgestattet. Im Garten wird durch die Bewoh-ner Gemüse selbst angebaut, auch ein Gewächshaus ist vorhanden. Letztes Projekt war eine Betonstützmauer als Grundstücksbegren-zung, die jetzt recht neu, groß und kahl dasteht. Die soll nun durch freiwillige Helfer bemalt werden. Wir werden die Farben und Werk-zeuge dafür sponsern. Nach einer ausgiebigen Besichtigungstour durch Haus und Garten werden wir werden zum Essen eingeladen.
Nach dem Essen wird der VW-Bus voll Kanister und Flaschen ge-packt, außerdem hat Tatiana auch schon einige von zu Hause mit-gebracht. Wir fahren zu dem in einiger Entfernung zum Dorf liegen-den Kloster Cosăuți, um heilkräftiges Wasser zu holen. Das in den 1990 Jahren vollkommen neu errichtete Kloster ist der Nachfolger eines schon kurz nach 1800 aufgegebenen Standortes. Das Wasser sprudelt in einer Brunnenkapelle, speist dann außerhalb noch eine großes Betonbecken und fließt in einem Teich. Inzwischen ist es dämmrig geworden. Im nu bricht die Dunkelheit vollständig herein.
Als wir wieder durch Soroca gelangen sehen wir hoch über dem Dnistrufer das Kerzenmonument mit einer Laserillumination im Farbwechsel der moldawischen Nationalfarben blau-gelb-rot angestrahlt. Sehr spät erreichen wir Chişinău.

© B. & F. S., 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wieder einmal sind wir mit unserer "blauen Zitrone" unterwegs in Osteuropa. Über 6.000 Kilometer legten wir an der Donau, in den Karpaten und in den Nußbaumalleen Moldawiens zurück.
Details:
Aufbruch: 23.08.2018
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 21.09.2018
Reiseziele: Moldau
Ungarn
Rumänien
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 28 Monaten auf umdiewelt.
Aus dem Gästebuch (1/1):
Ulrike S. 1546438655000
Hallo ihr bei­den,
schön hier mal wieder einen tollen Rei­se­bericht von euch zu lesen und in E­rin­ne­run­gen an unsere eigene Rum­änien-­Rei­se im letzten Frühsom­mer zu schwel­gen. Vieles kam uns sehr bekannt vor, vieles jedoch auch völlig un­be­kannt. Mol­da­wien scheint mir ein span­nen­des Pflas­ter zu sein und es würde uns inte­res­sier­en, welche For­ma­lit­äten ihr vorab für euer Fah­rzeug er­le­di­gen mus­stet. Wir haben gehört, dass es nicht ganz un­kom­pli­ziert sein sol­l.
Vie­len Dank also für's Mit­neh­men auf diese Reise und ihr habt uns mal wieder einige In­spi­ra­tio­nen ge­ge­ben.­
Ein gutes neues Rei­se­jahr 2019 und herz­liche Grüße aus Schwa­ben
­
Ul­li
Antwort des Autors: Auch wir wünschen euch ein gutes neues Reisejahr. Euer Reisebericht Rumänien war uns auch Inspiration für diese Reise. Die Einreise nach Moldawien ist unkompliziert und visafrei. Es werden außer Reisepaß, Fahrzeugschein und grüner Versicherungskarte keine weiteren Papiere verlangt. Es wird keine Gebühr erhoben. Es ist eine fahrzeugabhängige Straßenmaut bei der Einreise zu zahlen.
Gruß
Frank & Birgit