Mit dem Wohnmobil nach Rumänien, Moldawien und Transnistrien

Moldau-Reisebericht  |  Reisezeit: August / September 2018  |  von B. & F. S.

Transnistrien


Freitag, 14. September: Chişinău ► Бендер (Bender / Tighina, Transnistrien) ► Тирасполь (Tiraspol, Transnistrien) ► Chişinău, 148 Kilometer ohne die Blaue Zitrone
Tatiana holt uns um 9.⁰⁰ Uhr ab. Sie hat noch etwas Administratives zu erledigen. Sie ist für verschiedene Gremien ehrenamtlich tätig. Hauptsächlich für die Vertetung der deutschen Minderheit. Für den heute in Chişinău beginnenden internationalen Familienkongreß sollen sich auch alle ethnischen Minderheiten Moldawiens präsentieren. Der Vertreter der an der Eröffnungsveranstaltung teilnehmen sollte, kann kurzfristig nicht. Tatiana muß zur Registrierung dort hin. Sie fragt, ob wir mitkommen möchten. Na klar.
Dann passieren ein paar irre Dinge: Wir fahren zum Palast der Republik, dem offiziellen Veranstaltungssaal des Parlaments.

Die Ehrengarde steht vor dem Portal, der rote Teppich ist ausgerollt. Weil wir nun einmal da sind, werden wir als deutsche Delegation mit unseren Pässen offiziell registriert, dürfen der moldawischen Parla-mentsvorsitzenden die Hand schütteln. Jede Menge Fernsehteams sind anwesend. Wir kommen uns vor, wie vom Mond gefallen in unserer leichten Expeditionskleidung, Frank wie immer in Jeans-Latzhose, zwischen all den Abendkleidträgerinnen und Anzugträgern.

Dann gibts eine pathetisch-postsowjetische Ballettaufführung, und eine Rede vom moldawischen Präsidenten danach ein Grußwort vom russischen Präsidenten Putin, vorgetragen von einer russischen Dumaabgeordneten der Partei "einiges Russland", vom rumänisch-ordhodoxen Patriarchen, vom russisch-ordhodoxen Patriarchen, vom katholisch..., vom evangelisch..., vom Vertreter der..., vom Abgeordneten, vom Vorsitzenden........... Wir warten nicht mehr ab, bis das Sektbüffet eröffnet wird und es die lecker Schnittchen gibt, und schleichen uns im Zwischenbeifall nach draußen.
Jetzt werden wir nach Transnistrien fahren. Eigentlich hatten wir das gar nicht vor. Aber es wurde uns wärmstens empfohlen einmal "Sowjetunion pur" zu erleben, so, wie es selbst in Russland nicht mehr zu sehen ist. Offizieller Name: ПМР - Приднестровская Молдавская Республика (PMR - Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika = Transdnestrische Moldawische Republik)

Von keinem Staat der Welt anerkannt, ist sie das Ergebnis aus dem blutigen Bürgerkrieg von 1992.
Für die Einreise müssten wir unser Auto registrieren lassen. Aber es läßt sich auch ganz anders lösen. Wir hatten gestern schon das Angebot, mit einem einheimischen VW-Bus zu fahren, wahrgenommen. Jetzt wird uns von unserer Begleiterin ein über 40 Jahre alter Mercedes 123 angeboten, der bereits für Transnistrien registriert ist. Es gibt noch Bedenken, ob er anspringt, weil er seit einem halben Jahr nur herumstand und nicht benutzt wurde. Aber er startet einwandfrei.
Bevor wir die Stadt verlassen bekommen wir von einem Imbiss an einem großen Supermarkt gefüllte Teigtaschen geholt. Dann fällt noch das linke Spiegelglas des Außenspiegels ab und Frank repariert es notdürftig mit aus einer Tankstelle geborgen Packband. So fahren wir, wie gestern auch, von Tatiana chauffiert, komfortabel mit Luftfederung die nicht lange Strecke von Chişinău zur Demarkationslinie.
Zuerst wird die Sicherheitslinie der Friedensstreitkräfte, mit eingegrabenen Schützenpanzerwagen neben der Straße, ohne anzuhalten durchfahren. Dann schaut kurz die moldawische Grenzpolizei / Zoll ins Auto. Auf der transnistrischen Seite müssen wir aussteigen und in einer Bürobaracke unsere Pässe vorlegen. Die Daten werden abgetippt und auf einem kleinen Bonzettelausdruck erhalten wir die "Migrationserlaubnis" für einen Tag. Bei der Transkription ins kyrillische wurden unsere Nachnamen schwer verballhornt wiedergegeben.
Gleich nach den Checkpoints kommt die Stadt Бендер (Bender / Tighina). Hier wird nochmals eine Sicherheitslinie der Friedensstreitkräfte durchfahren.

Wir kommen am Triumphbogen vorbei, besuchen den Heldenfriedhof und die Festung. Bis voriges Jahr war die Festung nicht offiziell zugänglich. Sie war Stationierungsort der 14.russischen Armee, die in den Bürgerkrieg auf Seiten Transnistriens gegen die Moldawier massiv eingegriffen hat. Jetzt wird die Festung aufwendig für den Tourismus chic gemacht. Die russische Armee hat sich auf ein seitliches Restareal zurückgezogen.

Während unserer Besichtigung waren außer uns auf dem weitläufigen Gelände: eine einheimische Schulklasse, ein einheimisches Hochzeitspaar für die Fotos, der Hochzeitsfotograf stellt sich als Vorsitzender des deutschen Vereins Bender bei uns vor, kann aber nicht so gut deutsch sprechen, und ein kanadisch/englisches Paar auf Hochzeits-Abenteuerreise. Mit letzteren unterhielten wir uns eine Weile. Die Festung war während der Türkenkriege auch Stationierungsort des Baron von Münchhausen. Hier erlebte er seinen Flug auf der Kanonenkugel.

Mit dem Baron Münchhausen hatten wir schon einmal auf einer anderen Reise bei Riga Schwierigkeiten (hier nachzulesen).
In der neuen großen Kirche vor dem Festungsgelände sehen wir einer Kindstaufe zu.

Wir kommen nach Тирасполь (Tiraspol). Lenin wacht hier noch überall, vorm Parlament, am Rathaus. An der einseitigen Darstellung der Heldengedenkstätte des Bürgerkrieges 1992 wird man schon sehr nachdenklich. Tatiana und ihre Familie haben in Tiraspol gewohnt, und haben persönlich Repressionen und Leid erfahren. An der Gedenkstätte haben Kinder einer Schulklasse Zeichenunterricht, sie sitzen über den Platz verteilt und bringen aus verschiedenen Perspektiven die neuerbaute Kapelle aufs Papier.

Unsere Begleiterin weiß wo der Verein der deutschen Minderheiten mit Namen "Beistand" seinen Sitz hat. In öffentlichen Darstellungen dürfen in Transnistrien keine lateinischen Buchstaben verwendet werden. Deshalb ist auf dem Schild auch das deutsche Wort „Beistand“ in kyrillischen Buchstaben geschrieben.

Leider ist nur donnerstags von 18-20Uhr jemand da. Wir bummeln noch ein wenig durch die Stadt, besuchen einen Kvint-Werksverkauf. Dieser Staatsbetrieb darf anscheinend auch in lateinischen Lettern Werben.

Tatiana zeigt uns ihr Großelternhaus. Nach dem Grab ihrer Großmutter müssen wir auf dem sehr großen Friedhof eine ganze Weile suchen. Es ist brennend heiß heute. Deshalb fahren wir vollkommen geschafft nach Chişinău zurück. Eigentlich könnten wir heute Abend noch in die Oper gehen. Aber wir sind vollkommen fertig und laden unsere Gastgeberin in ein Restaurant zum Abendessen ein. Für 2 Lei, das entspricht zirka 11 Eurocent pro Person fahren wir dorthin mit dem Oberleitungbus. Tatiana erzählt viel von ihrem Leben in der Sowjetunion, von der starken Solidargemeinschft der Familie und Freunden, die der Mangelwirtschaft und staatlicher Willkür getrotzt haben. Wir sehen viele Parallelen zu unserem Leben in der DDR, aber das, was die Menschen hier erlebt haben, war noch um einiges krasser.

© B. & F. S., 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wieder einmal sind wir mit unserer "blauen Zitrone" unterwegs in Osteuropa. Über 6.000 Kilometer legten wir an der Donau, in den Karpaten und in den Nußbaumalleen Moldawiens zurück.
Details:
Aufbruch: 23.08.2018
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 21.09.2018
Reiseziele: Moldau
Ungarn
Rumänien
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 28 Monaten auf umdiewelt.
Aus dem Gästebuch (1/1):
Ulrike S. 1546438655000
Hallo ihr bei­den,
schön hier mal wieder einen tollen Rei­se­bericht von euch zu lesen und in E­rin­ne­run­gen an unsere eigene Rum­änien-­Rei­se im letzten Frühsom­mer zu schwel­gen. Vieles kam uns sehr bekannt vor, vieles jedoch auch völlig un­be­kannt. Mol­da­wien scheint mir ein span­nen­des Pflas­ter zu sein und es würde uns inte­res­sier­en, welche For­ma­lit­äten ihr vorab für euer Fah­rzeug er­le­di­gen mus­stet. Wir haben gehört, dass es nicht ganz un­kom­pli­ziert sein sol­l.
Vie­len Dank also für's Mit­neh­men auf diese Reise und ihr habt uns mal wieder einige In­spi­ra­tio­nen ge­ge­ben.­
Ein gutes neues Rei­se­jahr 2019 und herz­liche Grüße aus Schwa­ben
­
Ul­li
Antwort des Autors: Auch wir wünschen euch ein gutes neues Reisejahr. Euer Reisebericht Rumänien war uns auch Inspiration für diese Reise. Die Einreise nach Moldawien ist unkompliziert und visafrei. Es werden außer Reisepaß, Fahrzeugschein und grüner Versicherungskarte keine weiteren Papiere verlangt. Es wird keine Gebühr erhoben. Es ist eine fahrzeugabhängige Straßenmaut bei der Einreise zu zahlen.
Gruß
Frank & Birgit