Mit dem Wohnmobil nach Rumänien, Moldawien und Transnistrien

Rumänien-Reisebericht  |  Reisezeit: August / September 2018  |  von B. & F. S.

In Siebenbürgen


Samstag, 1. September: Karpatenbalkon ► Cârţa (Kerz) ► Agnita (Agnetheln) ► Alma Vii (Almen) ► Richiş (Reichesdorf),
101 Tageskilometer

Kalt ist es heute am frühen Morgen. Es ergibt sich noch ein langer Schwatz mit unseren Nachbarn aus Traunstein und es werden die Adressen ausgetauscht. Wir starten als letzte vom Karpatenbalkon talwärts. Unser erster Halt ist in Cârţa (Kerz).

Das Dorf sieht aus, als hätte es gerade den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen. Alle Straßen neu, überall einheitliche Blumenkübel, die Häuser renoviert, alle öffentlichen Flächen sehr gepflegt. Vom Kloster hier sind nur noch Fragmente erhalten. Aber alles ist gut gesichert und schön hergerichtet. Im Klostergarten treffen wir wieder auf die Familie vom Karpatenbalkon.

Als wir im Glockenturm neben den Glocken stehen, beginnt das Mittagsläuten. Die Trommelfelle fangen an Blasen zu schlagen. Da wir beide Hände brauchen um die Finger möglichst tief in die Ohren zu stecken, können wir auch nicht die Leitern wieder hinabklettern, um der Sache zu entfliehen. Wir müssen das bis zu Ende durchstehen. Die nächsten Kilometer fährt unser Auto vollkommen geräuschlos.

An der kleinen Kirchenburg in Chirpăr (Kirchberg) hat der Verfall erst vor kurzem eingesetzt. Nichts wird mehr instandgehalten, der Kirchhof ist überwuchert.
Die Kirchenburg von Agnita (Agnetheln) ist eine imposante Anlage. Aber auch sie ist in keinem guten Zustand. An der Kirche ist noch die im Jahr 1695 gestiftete Eingangstür original erhalten.

Wir wählen die am Tor angeschlagene Telefonnummer, um in das Innere zu gelangen. Es meldet sich eine freundliche Männerstimme. Bedauerlicherweise ist man aber die ganze Woche noch fern von hier und eine Besichtigung somit nicht möglich. Weiter geht es durch die sanft hügelige Landschaft. Auch die Silhouette der über dem Dorf auf einem Hügel sichtbaren Kirchenburg von Pelişor zeigt sich sehr schadhaft. Am Dörfchen Alma Vii (Almen) kommt man nicht vorbei, es liegt abseits weiterführender Straßen.

Diese Kirchenburg war schon in der Kur. Hier hat man einiges getan. Sogar ein kleines Museum ist eingerichtet.
Es wird einiges ausgestellt zum Handwerk in der Region und den Ethnien Siebenbürgens: Rumänen, Siebenbürger Sachsen, Ungarn, Roma. Die Ausstellung ist im Vorratsturm untergebracht. Der hat in seinen dicken Außenmauern Belüftungsöffnungen, die von innen mit dicken griffbestückten Holzklötzen regulierbar gemacht sind. Frank will gerade die Klotztechnik ausprobieren, da bemerken wir gerade noch rechtzeitig, die Öffnungen sind von Hornissen bewohnt, die von außen zufliegen.

Wir sprechen noch mit dem Verwalter. Er sagt: wenn man zwei Millionen Euro hätte, könnte man auch noch an Kirchenschiff und Hauptturm etwas machen.
In Richiş (Reichesdorf) kommen wir für heute unter. Auf einem Gehöft mit Dorfladen und Gasthof gibt es einen offiziellen Wohnmobilplatz. Das Tor wird geöffnet und wir fahren unter dem Haus durch auf den Innenhof. Wir sind die einzigen Gäste. Mitten auf der Wiesenfläche des Hofes kann man noch die Umrisse der Miste erkennen. Hier hat ein Niederländer in Wohnmobilinfrastruktur investiert. Toiletten, Duschen, Küche, Stromanschlüsse, Entsorgung, alles vorhanden. Wir sitzen noch ein wenig in der dunklen lauen Abendluft und hören den Dorfgeräuschen zu.


Sonntag, 2. September: Richiş (Reichesdorf) ► Biertan (Birthälm) ► Copşa Mare (Großkopisch) ► Blăjel (Kleinblasendorf), 56 Tageskilometer
Wir gehen den Tag heute ruhig an und beginnen mit einem Sonntagsei. Zuerst möchten wir uns die gegenüberliegende Kirche ansehen, den Schlüssel dazu gäbe es im Pfarrhaus. Leider ist niemand da, alles zu. Der nächste Ort ist Biertan (Birthälm). Hier ist alles für den Tourismus fein gemacht. Diese Kirchenburg gehört auch zum Weltkulturerbe. Schon vor dem Eingang ist einiges los. Stände mit Volkskunst und allerlei Krimskrams reihen sich rechts und links des Zugangs. Direkt an der langen überdachten Holztreppe nach oben befindet sich die deutsche Buchhandlung „Sachsenbischof“, wo auch die Eintrittskarten zu erwerben sind. Die Burg ist mit einem doppelten, nach einer Seite sogar mit einem dreifachen Mauerring gesichert. Zur Stadtseite gibt es eine sehr interessante Auffahrt durch viele Strebbögen zwischen den Mauern.

Nach diesem Städtchen biegen wir von der Hauptroute ab und fahren auf einer kleinen Stichstraße nach Copşa Mare (Großkopisch). Am Tor der dortigen Kirchenburg hängt ein Zettel: Der Schlüssel ist bei Herrn Stefan Schuster, mit Angabe der Hausnummer und Telefonnummer. Wir wollen jetzt zu Mittagszeit nicht stören. Doch dann kommt ein weiteres Besucherpaar, probiert an der Tür und sie läßt sich öffnen.

Gleich kommt auch ein junger Mann, er ist Herr Schuster und wohnt hier gleich hinterm Tor in der Burg in dem Haus mit der angegebenen Hausnummer. Es ist alles geöffnet, wir können uns alles ansehen. Er erklärt uns noch wo wir den etwas versteckt liegenden Einstieg in den Glockenturm finden.
Die Kirche hat dringlichen Sanierungsbedarf in Millionenhöhe. Im Inneren sind an den Wänden und auf der Brüstung der Emporen gestickte Totengedenkfahnen aufgehangen. Die Orgel finden wir in einem beklagenswerten Zustand.

Wir steigen über wacklige Stiegen und Leitern in den Glockenturm und in den Dachstuhl des Kirchenschiffs. Wir genießen eine ganze Weile die Aussicht von hier oben. Danach haben wir eine längere Unterhaltung mit Herrn Schuster, einem der letzten Siebenbürger Sachsen hier im Dorf. Vor 1990 waren sie in der Mehrheit. Er erzählt uns von den Schwierigkeiten, die er hier als Verwalter für die evangelische Kirche hat. Es mangelt sehr an Geld, die Kirchenburgen zu erhalten. Sie bekommen, obwohl im Denkmalschutz keine staatlichen Mittel. Sie müssen alles selbst erbringen und sind auf Spenden angewiesen. Wenn sie Glück haben kann die Kirche Mittel von großen Organisationen aus dem Ausland oder von privaten Sponsoren erlangen. Dieses Jahr konnten sie endlich wenigstens die Dachrinne reparieren. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Baubehörden ist nicht gut. Jede noch so kleine Baumaßnahme ist mit großen bürokratischen Schwierigkeiten verbunden. Er selbst arbeitet jedes Jahr für sechs Monate in Österreich und ist dann wieder für ein halbes Jahr hier. Er möchte aber demnächst hier aus der Burg wegziehen, dann muß sich die Kirche einen neuen Verwalter suchen.
Unsere nächste Station ist Aţel (Hetzeldorf). Eine neue Straße führt dort hin. Die Kirchenburg trohnt ebenerdig in der Mitte des Dorfes. Von der Rückseite her ist sie schon ihres Mauerschutzes beraubt, sieht aber sonst ganz intakt aus.
Im Gegensatz zu Biertan, sind hier keinerlei Menschen auf der Straße. Als dann doch jemand kommt, macht er uns darauf aufmerksam, daß der Schlüssel für das Burgtor gegenüber im Altenwohnheim zu erhalten ist. Das erstreckt sich über zwei Bauerngehöfte und hat einige Türen. Wir finden jedoch keine, die uns weiterbringt. Es ist unbändig heiß. Wir machen Mittag im Auto und fahren dann weiter.

Am Ortsrand von Brateiu stehen große neue Backsteinvillen von Roma-Kupferschmieden mit Verkaufsständen davor. Als wir vorbei sind, bedauern wir, nicht angehalten zu haben. Weil es so warm ist heute, brechen wir die Besichtigungstour ab und fahren nach Blăjel (Kleinblasendorf).
Dort hat ein niederländisches Paar einen kleinen Campingplatz mit allem Komfort im Garten ihres Siedlungshauses. Es gibt hier sogar einen Pool. Als wir ankommen sind die Hausherren nicht da. Ein Gast, ein ungarischstämmiger Rumäne, der schon seit einigen Jahren in Deutschland lebt und jedes Jahr hier in seiner alten Heimat seinen Urlaub verbringt, empfängt uns und weist uns ein. Nachdem wir ausgiebig geruht haben, sind auch die Platzeigentümer von ihrer Einkaufstour zurück. Jetzt werden wir herzlich begrüßt und bekommen eine Führung.
Alles ist hier sehr liebevoll und persönlich eingerichtet. Es gibt auch ein Ferienhaus und Pensionszimmer und einen Gemeinschaftsraum mit umfangreicher Bibliothek. Hans und Wilma leben seit 11 Jahren in den Sommermonaten hier in Rumänien und im Winter in den Niederlanden. Für den Abend werden wir, wie die anderen Gäste auch zum Wein eingeladen. Es sind zur Zeit außer der rumänischen Familie noch ein dänisches Paar mit Wohnwagen und ein deutsches Paar aus der Nähe von Jena zu Gast. Auch der Sohn der Besitzer ist hier für ein paar Tage. Alles Leute, die schon etwas in der Welt herumgekommen sind. Es wird ein sehr schöner Abend mit intensivem Austausch an einem sehr empfehlenswerten Platz: https://www.doualumi.com

© B. & F. S., 2018
Du bist hier : Startseite Europa Rumänien Rumänien-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Wieder einmal sind wir mit unserer "blauen Zitrone" unterwegs in Osteuropa. Über 6.000 Kilometer legten wir an der Donau, in den Karpaten und in den Nußbaumalleen Moldawiens zurück.
Details:
Aufbruch: 23.08.2018
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 21.09.2018
Reiseziele: Moldau
Ungarn
Rumänien
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 28 Monaten auf umdiewelt.
Aus dem Gästebuch (1/1):
Ulrike S. 1546438655000
Hallo ihr bei­den,
schön hier mal wieder einen tollen Rei­se­bericht von euch zu lesen und in E­rin­ne­run­gen an unsere eigene Rum­änien-­Rei­se im letzten Frühsom­mer zu schwel­gen. Vieles kam uns sehr bekannt vor, vieles jedoch auch völlig un­be­kannt. Mol­da­wien scheint mir ein span­nen­des Pflas­ter zu sein und es würde uns inte­res­sier­en, welche For­ma­lit­äten ihr vorab für euer Fah­rzeug er­le­di­gen mus­stet. Wir haben gehört, dass es nicht ganz un­kom­pli­ziert sein sol­l.
Vie­len Dank also für's Mit­neh­men auf diese Reise und ihr habt uns mal wieder einige In­spi­ra­tio­nen ge­ge­ben.­
Ein gutes neues Rei­se­jahr 2019 und herz­liche Grüße aus Schwa­ben
­
Ul­li
Antwort des Autors: Auch wir wünschen euch ein gutes neues Reisejahr. Euer Reisebericht Rumänien war uns auch Inspiration für diese Reise. Die Einreise nach Moldawien ist unkompliziert und visafrei. Es werden außer Reisepaß, Fahrzeugschein und grüner Versicherungskarte keine weiteren Papiere verlangt. Es wird keine Gebühr erhoben. Es ist eine fahrzeugabhängige Straßenmaut bei der Einreise zu zahlen.
Gruß
Frank & Birgit