Mit dem Wohnmobil nach Rumänien, Moldawien und Transnistrien

Ungarn-Reisebericht  |  Reisezeit: August / September 2018  |  von B. & F. S.

Entlang der Donau


Donnerstag, 23. August: Heimatort ► Obernzell, 460 Tageskilometer
Alle wichtigen Dinge sind um 11⁰⁰ Uhr erledigt und nun geht es auf die Piste Richtung Autobahn Meiningen. Coburg und Nürnberg liegt an der weiteren Strecke. Es ist schon wieder sehr heiß, aber der Verkehr läuft gut. Bei einem Stop mit Fahrerwechsel fällt mein Blick auf auf einen allein reisenden Mann in einem PKW vor uns auf dem Auto-bahnparkplatz. Er ißt mit blanken Fingern grüne Bohnen aus einem Glas. Er nimmt meinen verwunderten Blick auf und kommt zu mir. Es ergibt sich ein nettes Gespräch über woher und wohin, über leichte Gemüsekost bei langen Autofahrten, grünen Bohnen im speziellen und den daraus resultierenden Gasen. Eine Zeit später überholt er uns grüßt freundlich herüber.
Vor Passau kaufen wir noch das Mautpickerl für Österreich und biegen noch vor der Stadt von der A9 ab. Im dicksten Feierabend-gewühl quälen wir uns die Donauuferstraße gegenüber der Altstadt entlang. Beim notwendigen Richtungsspurwechsel will man mich nicht reinlassen und unser Hinterrad touchiert die Kante einer Verkehrsinsel. Das fängt ja gut an. Nach Passau wird es wieder ruhiger und in Obernzell finden wir am Bootshafen einen schönen Übernachtungsplatz direkt an der Donau. Wir stellen uns so, daß wir vom Bett direkt aufs Wasser sehen können. Schiffe kucken fällt aber aus, denn in der ganzen Zeit bekommen wir nur ein kleines Ausflugs-schiff geboten. Die großen Kreuzfahrtschiffe und Frachter sind wahrscheinlich der regenarmen Periode zum Opfer gefallen, Niedrig-wasser. Es kommt Gewitterstimmung auf, das sorgt für eine laue Brise. Aber dann klart es wieder auf und der Mond wünscht uns eine gute Nacht.


Freitag, 24. August: Obernzell ► Domös (Ungarn) 426 Tageskilometer
Gestartet wird bei Sonnenschein immer auf der deutschen Seite der Donau entlang. Bald geht es am Ufer aber nicht mehr weiter. Nur noch für Anlieger. Für uns heißt es: ab in die Berge. Eine wunderbare Strecke über kleine Dörfer fast ohne Autoverkehr. Die Grenze zu Österreich überqueren wir, ohne es wahrgenommen zu haben. Nun führt die Strecke wieder hinab zum Fluß. Bald wird eine Brücke über-quert und die Uferstraße führt uns bis zur Donauschlinge Schlögen. Auch hier geht es am Fluß nicht mehr weiter und wir gelangen auf der 131 bis nach Linz. Von da ab nutzen wir die Autobahn. Bis kurz vor Wien kommen wir flott voran, dann wird es sehr zähflüssig.
In einem Containerbüro für die ungarische Mautregistrierung löhnen wir 41 € für einen Monat. Das finden wir etwas überteuert. Als wir kurz darauf auf der Autobahn nach Budapest die Grenze überqueren, geht ein gewaltiges Unwetter nieder. Alles steht erst einmal. Als es wieder etwas heller wird bewegen sich die Fahrzeuge vorsichtig durch die stehenden Gewässer. Wenige Kilometer weiter herrscht wieder Sonnenschein und die Fahrbahn ist trocken. Ab der Ausfahrt Tata-banya nutzen wir kleine Landstraßen über die Gerecse-Berge bis zum Donauufer. Hier standen wir im Jahr 1981, den Daumen im Wind, mit unseren Rucksäcken am Straßenrand.
In Domös finden wir einen Campingplatz mit jeder Menge unga-rischer Zelturlauber. Nachdem die „Blaue Zitrone“ eingeparkt ist, laufen wir am Donaustrand entlang. Die Donau führt auch hier Niedrigwasser und das ist braun. Es fahren auch nur wenige kleine Schiffe.

Kaum haben wir uns auf einem großen angeschwemmten Baum-stamm niedergelassen, sehen wir übers Wasser einen Gewitterguß herannahen. Alles Rennen hilft nichts, wir erreichen das Auto voll-kommen durchgeweicht. Als wir uns trockengelegt haben scheint schon wieder die Sonne. Die Stühle und der Tisch werden nach draußen gestellt, sofort fängt es wieder an zu regnen. Da spielen wir nicht weiter mit und bleiben für den Rest des Abends drinnen. Beim Einschlafen plätschert es energisch aufs Fahrzeugdach.


Sonntag, 25. August: Domös ► Bugac, 196 Tageskilometer
Heute möchten wir ganz auf den Spuren unserer Trampervergangenheit unterwegs sein. In Višegrad suchen wir den König-Mathias-Palast. Auf kleiner Pflasterstraße fahren wir durch den Ort und prasseln erst einmal glatt vorbei. So sah das damals auf keinen Fall aus. Auf einem frei zugänglichen Ausgrabungsgelände hatten wir uns in den Resten eines kleinen Kreuzgangs vor einem Gewitter untergestellt.
Inzwischen hat man auf den ausgegrabenen historischen Resten den Palast des ersten ungarischen Königs in weiten Teilen wiederauf-gebaut, einschließlich Riesenparkplatz und Besucherzentrum. Wir erwerben Eintrittskarten und beim Durchstreifen des Geländes versuchen wir uns vorzustellen, wo wir damals so entlang geklettert sind.

Den Kreuzgang entdecken wir dann als Unterbau des großen Palastgebäudes in dessen Innenhof. Wir laufen ein wenig durch den Ort, um herauszufinden, ob unser Erinnerungsvermögen noch funktioniert. Und dann, kaum zu glauben: am Ortsrand die alte Fertigteilkaufhalle aus sozialistischen Zeiten, unverändert, außen vom Zahn der Zeit benagt, innen noch in Betrieb! Das nutzen wir auch gleich, um die Vorräte aufzufüllen.
Als nächstes besuchen wir die untere Burg, die war damals vor 37 Jahren gerade frisch restauriert und auf dem Burgturm war eine neue Aussichtsterrasse aufbetoniert worden. Wir löhnen einen recht happigen Eintrittspreis und entern in mitten einer Reisbusladung russischer Touristen den Turm. In den einzelnen Turmgeschossen sind Ausstellungstücke aus der Burggeschichte zu sehen. Fast ganz oben angelangt, steht vor dem Treppenaufgang zum Aussichtsge-schoß ein Schild: wegen Baufälligkeit gesperrt! Das schreckt uns erst einmal nicht, doch am Ende der Treppe die Tür ist verschlossen. Für den Turm wird ein extra Eintrittsgeld erhoben und mit der Aussicht geworben. Wir sind sauer. Auf der Freilichtbühne am Turm werden für die Reisebusladungen Ritterfestspiele in russischer Sprache aufgeführt.
Wieder am Parkplatz angelangt kommen wir gerade dazu, als ein tschechischer Familienvater seinen Kindern die Länderfähnchen an unserem Auto erläutert. Nach einem small-talk fahren wir weiter auf der Panoramastraße zur oberen Burg. Hier irgendwo befand sich 1981 der „Jurta-Camping“ auf dem wir uns damals niedergelassen hatten. Von hier ging der Blick weit über das Tal mit dem Donauknie. Abends saßen wir mit zwei alten Bauern, die dort als Nachtwächter fungierten bis spät in die Nacht am Lagerfeuer. Die beiden hatten als Kinder noch die letzten Jahre der KuK-Monarchie miterlebt und sprachen ein drolliges österreichisch-ungarisches Dialekt. Inzwischen ist hier am Berg die Sicht mit Bäumen zugewachsen. Der Platz existiert nicht mehr. Wir finden auch nicht die Stelle, wo er gewesen sein könnte. Endlich an der oberen Burg angelangt staunen wir wieder über die Menschenmassen vor den Kassenhäuschen im Wald. Damals war hier nichts eingezäunt und wir sind ganz frei hoch über der Donau durch die Ruinen geturnt. Jetzt berappen wir das Eintrittsgeld, aber die wirklich fantastische Aussicht entschädigt uns dafür. Das Wetter ist leider trübe.

Wieder unten auf der Donauuferstraße rollen wir in Richtung Szen-tendre und Budapest. Angesichts des heftigsten Verkehrsgerödels beschließen wir spontan, unsere Tramperroute von damals zu verlassen und uns die Innenstadt von Budapest zu ersparen. Schnell sind wir über die Autobahn M5 in der Puszta, fahren noch ein paar Kilometer auf kleinen Straßen, zuletzt auf Sandwegen und parken hinter einem angesagten Restaurant unter hohen Bäumen ein. Es ist nicht mehr zu rekonstruieren, woher wir den Tipp haben, hier soll es jedenfalls gutes ungarisches Essen geben. Inzwischen trifft eine Hochzeitsgesellschaft ein, das Brautpaar ortsüblich mit mehrspänni-ger Kutsche. Der Parkplatz füllt sich schnell, inzwischen ist die Gesellschaft auf schätzungsweise 200 Personen angewachsen. Wir bangen um unser Abendessen. Wir fragen einen vor der Tür stehenden Kellner. Kein Problem, ab 19⁰⁰ Uhr könnten wir auf die Terrasse zum Essen kommen. Bis dahin ist noch Zeit und wir erkunden die Umgebung. Hinter dem Restaurant grasen ungarische Graurinder. Die Hochzeitsgesellschaft hat sich eine Reiterschau der Puszta-Hirten bestellt. So kommen wir vor dem Abendessen in den Genuß als Gäste kostenlos dieser Darbietung beizuwohnen.

Auf der Wiese hinter dem Lokal ist inzwischen noch ein Wohnmobil aus Hannover angekommen. Das Paar ist zum 23. Mal auf dem Weg nach Griechenland erfahren wir beim Wein und gemeinsamen sehr guten Abendessen. Über die Hochzeitsgesellschaft sind wir sehr verwundert, sie verhält sich äußerst diszipliniert. Keine Gesänge, kein Rumgegröle, noch nicht einmal laute Unterhaltungen. Aber die Band ist äußerst effektiv, sehr professionell, mit gutem Sound und leistungsstarker Anlage. Deshalb kommt zur Schlafenszeit doch noch Ohropax zum Einsatz.


Sonntag, 26. August: Bugac (Ungarn)► Slatina (Rumänien), 405 Tageskilometer
Heute startet der Tag regnerisch. Auf schlammigen Feldwegen erreichen wir die Fundamente einer Klosterkirche. Hier wird gerade ein mittelalterlicher Friedhof ausgegraben. Alles liegt offen und ungesichert. Vom Grabungsteam keine Spur.

Auf der Kirchenruine hat jemand eine Kerze und ein Brot abgelegt. Auf dem Weg zur Straße müssen wir einige Schlammlöcher mit Schwung nehmen, damit wir uns nicht festfahren. Schnell sind wir dann auf der neuen ungarischen Autobahn. An einer Auffahrt schert vor uns ein BMW mit Münchner Kennzeichen so ein, daß wir voll in die Eisen müssen. Ungefähr 100 km weiter steht genau dieser direkt neben uns auf einem Autobahnparkplatz. Wir merken es erst, als der Fahrer, ein in Deutschland wohnender Rumäne, herüberkommt und sich entschuldigt.
An der ungarisch-rumänischen Grenze will man von jedem den Personalausweis und auch die Fahrzeugpapiere sehen. Vor einem Container bezahlen wir die Mautregistrierung für Rumänien. Die „Rovignieta“ fällt mit 9 € für den Monat deutlich preiswerter aus als die 41 € in Ungarn. Zunächst sieht es in Rumänien nicht anders aus als in der ungarischen Puszta. Schnell wird die Gegend aber hügelig und dann bergig. Bei Lugoj fahren wir von der Autobahn. Die recht große Stadt verströmt maroden KuK-Charm. Mein Versuch etwas Landeswährung bei der Sciete Generale Bank abzuheben scheitert.
Weiter rollen wir durch das Banat. Kleine Ortschaften mit bunt gekachelten oder mit vielen Ornamenten verputzten dicht aneinander gereihten Häusern säumen die Straßen.

In einem Ort lesen wir einen Mann als Anhalter auf. Im feinsten Sonntagszwirn, ausgestattet mit einem großen altertümlichen Regenschirm und nur noch einem einzelnen Zahn im Frontbereich. Wir erhoffen uns einige Tipps für diese Gegend von ihm. Leider helfen uns englisch und auch ein paar Brocken russisch nicht weiter, es ist keine Verständigung möglich. In Reşita, seinem Zielort angekommen, möchte er uns bezahlen, wir lehnen ab. Im Stadtpark von Reşita stehen frei zugänglich eine ganze Menge alter, leider sehr liederlich restaurierter Dampflokomotiven.

Frank wird vom Parkaufseher freundlich zurückgepfiffen, als er auf eine Lok klettern will. Dann fängt es an zu regnen. Wir essen ein Stück Kuchen und fahren weiter in die Innenstadt. Hier finden wir einen Bankomaten, der sich auf Anhieb auch melken läßt.
Die Stadt ist geprägt von Bergbau und Hüttenindustrie. Industriehallen, Seilbahnen, große Rohrleitungen und Plattenbausiedlungen machen einen trostlosen Eindruck. Kurz nach der Stadt biegen wir von der Hauptstraße ab und schrauben uns steil aufwärts in die Berge. Die erste Passhöhe von 1000m liegt vor und wir durchqueren die Orte Wolfsberg und Weidenthal, Siedlungen der Heckenschwaben.
Genau auf der Paßhöhe erwischt uns ein enormer Gewitterguß, wir halten besser an. Die beiden französischen Motorradfahrer, die uns als Schutzschild nutzend an unserer Stoßstange klebend im Starkregen hinter uns fuhren, beratschlagen kurz und fahren weiter. Der Campingplatz oberhalb des Trei-Ape-Stausees ist geschlossen.
Die die sehr neu aussehende Straße talwärts ist vom Fluß schon wieder stark beschädigt, zum Teil sogar ganz weggerissen. In Slatina-Timiş liegen mitten im Dorf große Findlinge und Geröll auf der Straße und vor den Häusern. Ein Unwetter im letzten Jahr hat hier schwere Verwüstungen hinterlassen, erfahren wir später. Es sind bis heute noch nicht alle Schäden beseitigt.
Nach dem Ort, neben einem Motel, ein Campingsymbol. Ein alter Mann öffnet ein Gartentor und wir dürfen in einen üppigen Obstgarten einfahren. Es kommt zu einer ausgiebigen Unterhaltung. Der Mann, er bezeichnet sich als „Böhmerdeutschen“. Früher, zu sozialistischen Zeiten, er hatte eine private Tischlerwerkstatt im Ort, hat er oft DDR-Tramper beherbergt, Ostmark in Lei umgetauscht und stand im Adreßverzeichnis vieler Osthippies. Er selbst ist begeisterter Camper und holte sich von seinem umgetauschten Ostgeld in der DDR einen „Klappfix“-Anhänger, mit dem er lange Jahre unterwegs war. Jetzt hat er sich gerade ein gebrauchtes Wohnmobil aus Deutschland geholt.
Einige Storys aus seinem Camperleben gibt er noch zum Besten, zum Beispiel in der Wendezeit seine erste Tour in die Türkei mit seinem Klappfix. So wunderte er sich über die Wasserkrüge neben dem Loch im Boden in den türkischen Toiletten. „Saufen die Türken beim Scheißen?“ war damals seine erste Überlegung. Nach weiteren Schwutten- und Schnurrenerzählungen kommt er auf den Exodus der deutschstämmigen Bevölkerung dieser Region zu sprechen. Hier im Dorf waren sie die Mehrheit. Nun sind einschließlich ihm noch 5 Personen übrig, auch seine Kinder sind in Deutschland und Österreich. Er hat hier das kleine Motel aufgebaut. Aus seinen weiteren Geschichten entnehmen wir, er ist ein Macher, ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, außerdem ein großer Frauenversteher, eine Persönlichkeit von solcher Art und Ausprägung, wie es nur die Ostblockstaaten hervorbringen konnte. Wir lieben solche Geschichten.
Zum Abendessen sitzen wir auf der Motelterrasse. Im Obstgarten ist inzwischen noch ein VW-Bus aus Karlsruhe angekommen.

© B. & F. S., 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wieder einmal sind wir mit unserer "blauen Zitrone" unterwegs in Osteuropa. Über 6.000 Kilometer legten wir an der Donau, in den Karpaten und in den Nußbaumalleen Moldawiens zurück.
Details:
Aufbruch: 23.08.2018
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 21.09.2018
Reiseziele: Moldau
Ungarn
Rumänien
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 28 Monaten auf umdiewelt.
Aus dem Gästebuch (1/1):
Ulrike S. 1546438655000
Hallo ihr bei­den,
schön hier mal wieder einen tollen Rei­se­bericht von euch zu lesen und in E­rin­ne­run­gen an unsere eigene Rum­änien-­Rei­se im letzten Frühsom­mer zu schwel­gen. Vieles kam uns sehr bekannt vor, vieles jedoch auch völlig un­be­kannt. Mol­da­wien scheint mir ein span­nen­des Pflas­ter zu sein und es würde uns inte­res­sier­en, welche For­ma­lit­äten ihr vorab für euer Fah­rzeug er­le­di­gen mus­stet. Wir haben gehört, dass es nicht ganz un­kom­pli­ziert sein sol­l.
Vie­len Dank also für's Mit­neh­men auf diese Reise und ihr habt uns mal wieder einige In­spi­ra­tio­nen ge­ge­ben.­
Ein gutes neues Rei­se­jahr 2019 und herz­liche Grüße aus Schwa­ben
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Ul­li
Antwort des Autors: Auch wir wünschen euch ein gutes neues Reisejahr. Euer Reisebericht Rumänien war uns auch Inspiration für diese Reise. Die Einreise nach Moldawien ist unkompliziert und visafrei. Es werden außer Reisepaß, Fahrzeugschein und grüner Versicherungskarte keine weiteren Papiere verlangt. Es wird keine Gebühr erhoben. Es ist eine fahrzeugabhängige Straßenmaut bei der Einreise zu zahlen.
Gruß
Frank & Birgit