Winter im Wohnmobil 2006/2007

Italien-Reisebericht  |  Reisezeit: Dezember 2006 - Januar 2007  |  von Annette W.

Bei eisigen Minusgraden lässt es sich auch im Wohnmobil gut aushalten. Beschreibung einer Sylvesterreise 2006 nach Livigno, Italien

Gedanken zum Jahreswechsel 2006/2007

Der Glanz des Mondes liegt in unserem Tal wie in einer Schale. Die schneebedeckten Berge reflektieren das Licht. Am Himmel zweihundert mal zweihundert Milliarden Sterne. Die ganze Kuppel. Und näher als gewohnt. Zum Greifen nah ist das Universum hier im Tal. Die gigantische Schönheit des Augenblicks sowie die dünne Luft in 2000 m Höhe haben mich für Momente aller Sorgen des Alltags entrissen. Es ist Sylvesternacht 2006, 23.00 Uhr.

Livigno Sylvester 2006

Livigno Sylvester 2006

Wie war das zu Ende gehende Jahr? Gefühle trauriger und fröhlicher Art durchdringen meinen in dicke Winterschichten gekleideten Körper. Die Vorfreude auf ein gigantisches Jahr 2007 macht sich breit. Freude auf die Sommerreise zum größten Gebirgszug der Welt - in den Karakorum nach Pakistan und weiter durch die angrenzenden Länder. Auch die nicht mehr so ganz ferne Leichtigkeit des Lebens ohne Mühsal der täglichen Last lässt mich Jubelschreie ausstoßen. Die Entdeckung der Welt lockt wie der Ruf der Wildnis. Ade du wenig geliebtes Heimatland. Ade du vollkaskoversichertes Elend. Versorgt bis zur Leichenstarre. Ade du zu oft geliebte, zu wenig negierte Glotzkiste. Mehr und mehr gebe ich der realen Welt gegenüber der Virtuellen den Vorzug. Ich möchte dem langweiligen Dasein entrinnen und ins Unbekannte aufbrechen.
Das ewig sehnende Abenteuerherz will mehr und mehr den Verrücktheiten der Welt begegnen!
Wie immer kommt mir in solchen Situationen Hermann Hesse in den Sinn:

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Nachdenklich stapfe ich durch den tiefen Schnee hinunter zurück zum Feuer - zur Wärme. Unser Sylvestermahl ist auch inzwischen genussbereit. Ich muss kichern bei dem Gedanken an meinen letztjährigen Tomaten/Mozzarella-Salat. Die Tomaten waren innerhalb einer halben Stunde gefroren, so dass wir nur noch Eis statt Tomaten im Mund hatten. Seitdem gibt es nur noch Fleischspieße.

Sylvesterfeuer

Sylvesterfeuer

Spieße im Schnee

Spieße im Schnee

Ich mag keine durchgehende Kommunikation. Deswegen mein Ausflug in diese abseits liegende Höhe. Die Anderen sind schon in einer ausgelassenen Stimmung. Ich kann mich noch nicht einstimmen auf die Sylvesterfröhlichkeit am Lagerfeuer. Die Temperaturen sind moderat in diesen Nächten - nur 5 Grad minus. Ich erinnere mich an die vergangenen Jahreswenden. Die Wohnmobiltemperaturanzeige zeigte minus 20/30 Grad. In diesem Jahr herrscht somit große Hitze am Feuer. Der Alkoholpegel sowie der ein oder andere berauschende, wohlschmeckende Qualm zeigen im Laufe der nächsten Stunden ihre Wirkung. Ich bewege mich nach sphärischen Klängen. Kurz vor Jahreswechsel kraxeln wir ein Stück im Mondenschein den Schneehügel hoch. Warten auf das kommende Spektakel. Schauen mit leuchtenden Kinderaugen, wie die tausendfarbigen Raketen in die Himmelsphäre eindringen.

© Annette W., 2007
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 26.12.2006
Dauer: 11 Tage
Heimkehr: 05.01.2007
Reiseziele: Italien
Der Autor
 
Annette W. berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Annette sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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