Vier Wochen Altherrensegeln in den Virgin Islands

Amerikanische Jungferninseln-Reisebericht  |  Reisezeit: Februar / März 2010  |  von Manfred Sürig

dänisches Erbe:St.Croix

9.2.2010. 35 Seemeilen sind es von hier bis zur Insel St.Croix. 3 Windstärken halber Wind sind das Mindeste, was wir da zum Segeln benötigen. Genau die sind für heute angesagt, die Richtung Ost ist auch genau nach Wunsch. Also Segel hoch und los!
Offener Seeraum ist immer auch geeignet, die Schleppangel auszuwerfen, auch da wird Wolfgangs Hoffnung erfüllt, eine Dorade von immerhin 2 bis 3 kg beißt an, unser Abendessen ist sichergestellt!

Der erste Fang der Reise wird akribisch im Bild festgehalten

Der erste Fang der Reise wird akribisch im Bild festgehalten

Das Zerlegen ist Wolfgangs Lieblingsbeschäftigung, er kann's auch am besten. Die Zubereituung am Herd ist AnnMarie vorbehalten

Das Zerlegen ist Wolfgangs Lieblingsbeschäftigung, er kann's auch am besten. Die Zubereituung am Herd ist AnnMarie vorbehalten

Die Trophäe wird am Heck in den Wind gehängt, wie wir es bei anderen Yachties auch schon gesehen haben, sie bleibt hoffentlich nicht die einzige

Die Trophäe wird am Heck in den Wind gehängt, wie wir es bei anderen Yachties auch schon gesehen haben, sie bleibt hoffentlich nicht die einzige

Mit dem letzten Tageslicht laufen wir in Christansted ein, gerade noch Zeit für einen Landgang, bei dem wir wegen der großen Hitze gleich drei Rum Punch in einer Bar direkt am Wasser verkonsumieren. Zurück an Bord bewirtet uns AnnMarie mit frischer Dorade gebraten.
So gefällt uns die Karibik auch bei wenig Wind.

Auch am nächsten Morgen reicht der Wind nicht zum Segeln. Aber bei so ruhiger See können wir hinter Buck Island wenige Meter vom Ufer der unbewohnten Sandinsel ankern und mit dem Dinghy das Riff erkunden. Das ist zwar hurricanegeschädigt, aber dennoch ein Paradies. Hier baden und schnorcheln wir bis zur Dämmerung und darüber hinaus, es ist so still, dass wir heute sogar die Nacht hier verbringen können, ein ganz seltenes Glück.
Nachts schlafen wir so gut, dass wir nicht bemerken, dass eine große Schildkröte an Land krabbelt, um dort hinter einem Busch am Steilhang des Sandufers ihre Eier abzulegen und zu verscharren. Erst am Morgen schwimmen wir ans Ufer und entdecken wir die Spur im Sand. Leider haben wir im Adamskostüm keine Kamera dabei!

Nach dem Frühstück drängt Sigi zum Aufbruch. Nicht, weil mehr Wind oder Schwell angesagt ist, sondern weil die Bordvorräte geschrumpft sind und wir einkaufen müssen. Das geht beim Pueblo-Markt in Christiansted, der aber gut 2 km von der Landestelle des Dinghys entfernt ist. Wir kaufen groß ein und müssen per Taxi zum Steg zurückfahren, das verteuert die ohnehin recht teuren Lebensmittel noch weiter - Inseltarife eben.
Gut, dass Sigi weiß, dass man Rotwein besser in St.Marten oder Martinique einkauft, Fleisch dagegen in den American Virgins. Nur Gemüse gibts zwar überall, aber nur eingeflogen aus Puerto Rico, Kartoffeln sogar aus Idaho!
Zehn Tage sind wir nun schon in der Karibik, aber an Land waren wir bisher wenig. Das soll sich heute ändern. wir buchen eine Inselrundfahrt per Sammeltaxi, bei der uns alle Sehenswürdigkeiten an einem Tag versprochen werden - für 55 US $ pro Person.

Erstes Ziel ist ein botanischer Garten. Früher eine Hazienda eines Großgrundbesitzers. Nur die Ruinen sind noch zu sehen, doch weil ein Bach die Mühle des Anwesens betrieben hat, gibt es feuchte Niederungen und sehr trockene Bereiche, auf denen man alle hier vorkommenden Pflanzenarten präsentieren kann

Erstes Ziel ist ein botanischer Garten. Früher eine Hazienda eines Großgrundbesitzers. Nur die Ruinen sind noch zu sehen, doch weil ein Bach die Mühle des Anwesens betrieben hat, gibt es feuchte Niederungen und sehr trockene Bereiche, auf denen man alle hier vorkommenden Pflanzenarten präsentieren kann

Bei dieser Farbenpracht  muss AnnMarie mal fürs Foto posieren!

Bei dieser Farbenpracht muss AnnMarie mal fürs Foto posieren!

Alle möglichen Kakteenarten wenige Meter von Savannenvegetation!

Alle möglichen Kakteenarten wenige Meter von Savannenvegetation!

Die Landwirtschaft auf St.Croix scheint heute nur wenig Bedeutung zu haben. Seitdem mit Zucker nicht mehr das große Geld gemacht werden kann, wird allenfalls für den heimischen Verbrauch produziert Handel und Tourismus scheinen mehr einzubringen.

Aber Rum wird noch hergestellt, und zwar in großen Mengen bei der Brennerei Cruzan, die wir besichtigen.

 Rumfässer dienen gemeinhein zum Lagern von Rum, das Holz soll ihm den speziellen Geschmack geben.

Rumfässer dienen gemeinhein zum Lagern von Rum, das Holz soll ihm den speziellen Geschmack geben.

Per Tanklastzug wird der Rum abgefahren - in der Karibik muss Rum in Strömen fließen!

Per Tanklastzug wird der Rum abgefahren - in der Karibik muss Rum in Strömen fließen!

Der Rundgang durch die Destille ist schnell abgeschlossen, es ist so laut, dass man die Erklärungen der Führerin ohnehin nicht verstehen kann. Aber die anschliessende Verkostung lässt keine Wünsche offen. Man führt uns vor, womit man Rum alles mischen kann und von allem kosten wir und kaufen ein.
Zum Schluß sammelt der Barkeeper die Gläser wieder ein und wischt die Theke sauber für die nächste Gruppe. Doch womit wischt er ? Kaum zu glauben: mit Rum, der desinfiziert am besten und verdunstet schnell. Deswegen sind wir also von dem Rumdunst hier schon ganz benommen !
Unser Guide sorgt nun für einen Kulturgenuß: Whim Plantation Museum.

Höhepunkt der Rundreise: Ein dänischer Gutsbesitzer hatte hier Zucker angebaut und muss dabei steinreich geworden sein.

Höhepunkt der Rundreise: Ein dänischer Gutsbesitzer hatte hier Zucker angebaut und muss dabei steinreich geworden sein.

 Die Familie lebte hier einst nach Gutsherrenart wie in Dänemark

Die Familie lebte hier einst nach Gutsherrenart wie in Dänemark

Die ganze Insel war in Plantations aufgeteilt, überall wurde Zucker angebaut, die Handarbeit verrichteten eingekaufte Sklaven.

Die ganze Insel war in Plantations aufgeteilt, überall wurde Zucker angebaut, die Handarbeit verrichteten eingekaufte Sklaven.

Eine Urenkelin eines früheren Sklaven führt uns durchs Museum. Sie ist engagiert, als wenn sie heute noch zur Crew gehören würde und erzählt mit Stolz, welche harte Arbeit hier einst von den Schwarzen geleistet wurde.
Wir fragen sie, ob ihre Vorfahren hier nicht furchtbar gelitten hätten und viele von ihnen vielleicht krank geworden oder verhungert seien. Nein, da stimmt sie fast ein Loblied auf die früheren Besitzer an: Natürlich waren sie Leibeigene, aber der Gutsherr behandelte sie gerecht und bewertete sogar ihre Arbeitsleistung. Diese Bewertungen wurden im Register öffentlich ausgehängt - ein Pranger, könnte man meinen.

Anwesenheitslisten, Dienstplan und öffentliche Personalakte in einem. Jeder wußte, wann er dran war und wie er und die andern beurteilt wurden. Und glaubt man der Urenkelin, haben sich die Sklaven gerecht behandelt gefühlt

Anwesenheitslisten, Dienstplan und öffentliche Personalakte in einem. Jeder wußte, wann er dran war und wie er und die andern beurteilt wurden. Und glaubt man der Urenkelin, haben sich die Sklaven gerecht behandelt gefühlt

Zum Schluss stimmt sie ein Bekenntnis als amerikanische Bürgerin an: Nur wer wisse, wie die Menschen früherer Generationen gelebt hätten, der könne beurteilen, was die heutige Freiheit wert sei, die Gleichberechtigung der Schwarzen, der Frauen und die Durchsetzbarkeit des Rechtes!
Für sie gäbe es keinen besseren Job, als auf der Plantation ihren Landsleuten immer wieder vorzuführen, welche Fortschritte die Gesellschaft in den letzten 200 Jahren gemacht habe. Und wer immer noch unzufrieden sei, der müsse wissen, dass jeder weitere Fortschritt Zeit brauche, man müsse Geduld haben und an das Gute in der Mehrheit der Menschen vertrauen!

Mittagspause am Westrand der Insel. Baden können wir besser vom Boot aus mit einem Sprung ins Wasser

Mittagspause am Westrand der Insel. Baden können wir besser vom Boot aus mit einem Sprung ins Wasser

Die Rückfahrt führt durch die Berge der Insel: üppiger Wald, und je nach Höhe ist es auch deutlich feuchter. Leider gibt es wenig öffentliche Straßen, zum Teil muss unser Fahrer Privatwege benutzen, von denen aus man aber einen guten Blick von oben hat

Am Nordufer gibt es eine Stelle mit besonders hoher Brandung. Hier toben sich Brandungssurfer aus.

Am Nordufer gibt es eine Stelle mit besonders hoher Brandung. Hier toben sich Brandungssurfer aus.

Den Abschnitt der Nordküste von St.Croix, den wir morgen absegeln wollen, haben wir nun schon von Land aus gesehen. Ob wir morgen auch Wind haben werden ?

Sigi hat sich auf den Wetterbericht verlassen, südliche Richtungen, später mehr östlich, das wäre ideal, aber was heißt "später "? Mittags starten wir, zunächst mit Motorunterstützung, aber dann brist es auf. Nicht zu dicht an die Küste, mahnt Sigi, da kommen wir in die Abdeckung!
Aber wir wollen ja auch die nötige Höhe behalten, um am Inselende nicht auf Frederiksted zukreuzen zu müssen, wenn's nach Süden geht. Es wird zwar später, aber der Wind bleibt südlich, das Kreuzen bleibt uns nicht erspart, dabei wird es dann wirklich "später". Erst kurz nach Sonnenuntergang fällt der Anker dicht unter Land, im Nu hat AnnMarie Hähnchenbrust mit Gemüse und Kartoffelbrei fertig, ein schöner Rotwein passt dazu. Stress ? Keine Spur!
Dennoch wollen wir uns am Sonntag einen Ruhetag mit Landgang gönnen, zumal Flaute angesagt ist. Die Kirchenglocken bimmeln schon zum Frühstück herüber, jede Sekte hat auf St.Croix ihre eigene Kirche und ihre Anhänger singen sonntags laut und inbrünstig bei offenen Türen. Bei Flaute ist selbst der Landgang anstrengend, bei der kleinsten Steigung trieft uns der Schweiß von der Stirn, mittags sind wir zurück an Bord zum Essen und - Mittagsschläfchen. Aber auch unter Deck wird's reichlich warm, wenn kein Lüftchen weht. Sigi kann uns nur trösten, dass für morgen etwas Wind angesagt ist.
Das bisschen Wind kommt dann auch, aber 37 Meilen liegen vor uns, und das Log zeigt selten mehr als 3 Knoten. Sigi versucht es mit einer Kursänderung, denn vor dem Wind schlagen die Segel, bei halbem Wind könnte es besser gehen.
Geht es auch - oder haben wir jetzt geringfügig mehr Wind?
Egal, auf 4,5 Knoten bringen wir es schon mal.
Aber wohin führt uns dieser Kurs ?

© Manfred Sürig, 2010
Du bist hier : Startseite Karibik Amerikanische Jungferninseln Amerikanische Jungferninseln-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Ein Revier gerade mal so groß wie die westliche Ostsee. Und da soll es jeden Tag was neues zu entdecken geben ? Hunderte von Ankerbuchten, Inselchen allein für uns oder Remmidemmi in zünftigen Yachtiekneipen. Wir lassen uns wieder vom Skipper Sigi überraschen und werden nicht enttäuscht.
Details:
Aufbruch: 03.02.2010
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 04.03.2010
Reiseziele: Amerikanische Jungferninseln
Puerto Rico
Britische Jungferninseln
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.