Vietnam - Halong Bucht, Cat Ba, Hanoi, Hoi An, Ho-Chi-Mingh City

Reisezeit: April / Mai 1999  |  von Michael Derendorf

APOKALYPSE YESTERDAY ?? Ein nach wie vor aktueller REISEBERICHT MIT AUGENZWINKERN über eine länger zurückliegende Rucksackreise.

Apokalypse now ??

Agent orange... Napalm....B-52 Flächenbombardements ... Boat-people... Ho-Chi-Mingh...Vietcong... Dschungel..und gaaaanz viel Reis...Das sind wohl die ersten Assoziationen, die man mit dem exotischen und fernen ,,Vietnam" in Verbindung bringt.

,,Und was will der da ?" So ganz genau weiß ich das auch nicht: ein bisschen Sehnsucht nach Exotik, ursprünglichem und noch bezahlbarem Reisen,Lust auf's improvisieren und viele schöne Fotos sowie ein hoffentlich ungewöhnliches Reisetagebuch.

Ich bin mehr als ausreichend gerüstet: Nachweise über Impfungen gegen Kinderlähmung, Typhus, Diphtherie, Tetanus, Hepatitis A, Pocken, Malaria und Marihuana (?) zieren nunmehr meinen Impfpaß. Auch bei meiner Trekking-Ausstattung habe ich nachgelegt: ordentliche Schuhe, ein zwölffach Messer (mit Zahnstocher und Sägemesser !) und eine Multifunktionsweste im Heia-Safari-Look (echt cool !) heben mich ungemein von der Masse ab und rüsten mich gegen alle Eventualitäten. Ein paar Wochen Dschungel kann ich mit der Ausstattung locker überstehen !

Für 1180.-DM fliegt mich eine Maschine der renomierten ,,Lauda Air" nach Ho-Chi-Mingh-City (früher: ,,Saigon"); ich habe mich beim Start vergewissert, dass der Chef nicht persönlich flog: durchs Cockpitfenster konnte ich vage erkennen, dass der Captain zwei Ohren hatte ! Eigentlich schade, denn mit Nicki am Steuer wäre ich sicher schneller angekommen.

Das flaue Gefühl beim Abschied von Frau und Kind zu solch einer Reise stellte sich selbst bei einem erfahrenen Schlangenwürger wie mir ein ... ich hätte die Zwei doch ganz gerne mit bei mir ! Tochter Lena hat ... wieder einmal !... den Ernst der Lage nicht erkannt und verabschiedete sich flapsig mit einem "Ho-Ho-Ho-Chi-Mingh". Woher hat sie das nur ???

Nun denn -bevor ich fortfahre- auch für diesen Reisebericht gilt wieder einmal: Es ist alles völlig subjektiv. Die Beschreibungen können allenfalls einen Ansatz darstellen, dass Land ... ach Unsinn !: meine Reise begreiflich zu machen. Genau gesagt ...gibt der Bericht eigentlich nur eins von vielen denkbaren Reiseerlebnissen wieder. Da mir bei meiner Reise einige unverzeihliche handwerkliche Fehler unterlaufen sind, habe ich mir an mancher Stelle den Spaß selber verdorben; aber davon an späterer Stelle mehr !

Freitag, 23.4.99

Nachmittags landet die Maschine in Ho-Chi-Mingh-City .
Die Kabinentür wird geöffnet und ein Schwall aus feuchtheißer Luft und viel Fremde bahnt sich seinen Weg in den Jet. Natürlich galt das überaus freundliche Lächeln der hübschen vietnamesischen Mitarbeiterin des Bordpersonales ausschließlich mir ... was für ein Start in mein zweiwöchiges "Abenteuer Vietnam "!!

Das ehemalige "Saigon" stellt die wirtschaftliche Metropole des Landes dar. Die Abfertigung läuft recht zügig. Mit 3 weiteren Rucksackreisenden nehme ich ein klimatisiertes Taxi vom Flughafen in die City (2,5 $ p.P) und sammle die ersten Eindrücke, die sich einem aufdrängen.

Während meine Mitreisenden im Taxi warten sollten, checke ich das Zimmer. Als ich zur Reception zurückkehre, staune ich nicht schlecht: da stehen alle meine Mitreisenden an der Bar und unser Taxifahrer hätte ohne weiteres mit all dem Gepäck, welches sich in seinem Taxi-Kofferraum befand, leichte Beute gehabt. Meine Verwunderung angesichts solcher Dummheit konnten die anderen nun gar nicht verstehen !

Mein einfaches Hotel im Stadtzentrum kostet 15 US$. In der sauberen Gemeinschaftsdusche ist alles kindgerecht: jedenfalls hängen Waschbecken und Pisseaus allesamt auf Zwergenhöhe. Was mir auch in den folgenden 2 Wochen aufstößt: Überall wird der Reisepass einkassiert -egal ob man im Voraus bezahlt, oder nicht. Ein Gefühl der Beklommenheit stellt sich dann immer ein. Schließlich handelt es sich immer noch um ein kommunistisches Land, wo allenfalls noch viele viele kapitalistische Dollar helfen, wenn es wirklich darauf ankommt.

Mit Elli, einer reiseerfahrenen Österreicherin, die für 4 Wochen alleine unterwegs ist und den Charme der "Eisernen Lady Margret Thatcher" versprüht, wage ich vor Sonnenuntergang den ersten Rundgang durch die chaotisch engen Gassen Saigons.

Überall sind private Marktstände, Garküchen und Minirestaurants aufgebaut, in denen exotisches, mir völlig unbekanntes Obst und Gemüse, Suppen und Gerichte feilgeboten werden. Der erste Eindruck in diesen Gassen ist tiefasiatisch und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, was da noch kommen mag. Ein plötzlich eintretender -ebenso schnell beginnender, wie endender- heftiger Tropenregen scheucht uns unerwartet wieder zurück ins Hotel. Das war dann mehr oder weniger eine "Watt-Wanderung" der besonderen Art und ich war froh mit meinen neuen geschlossenen Trekkingschuhen (deren Anschaffung sich wirklich bezahlt gemacht hat), nicht direkt im Mott zu stehen -schließlich muß man sich nicht direkt zu Beginn irgendwelche Infektionen einfangen. Jetzt heißt es aber erst einmal: halbwegs Kräfte sammeln von der 1 1/2 tägigen Anreise.

24.4.99 Samstag - Der Überfall

Nach 8-stündigem unruhigem Schlaf - Ying und Yang haben noch nicht zu sich gefunden - stehe ich auf, frühstücke und spicke mich mit den wichtigsten vietnamesischen Vokabeln: "sin chao" (hallo oder Tschüß) und "cam on" (Danke).

Elli begleitet mich bei diesem ersten Gang durch die hektische Stadt. Bereits um 8 Uhr morgens sind es 30 Grad bei subtropischer Schwüle - normal für diese Breitengrade;
die kälteste jemals in Saigon gemessene Temperatur betrug übrigens 14 Grad Celsius!

Der Verkehr in Saigon ist unvorstellbar chaotisch. In der 8 Millionen Menschen Metropole herrschen die Zweiräder vor: Das Verhältnis zu PKW und Fahrrad/Moped beträgt etwa 1: 100. und wer eine "Honda Dream" sein Eigen nennt, kann sich schon wie ein König fühlen, denn die kostet so ca. 4000.-DM - und das ist bei einem Durchschnitteinkommen von +/- 100 DM ein Vermögen !!

Zwar tun's die alten russischen Zweitakter auch, aber wer's kann, leistet sich einen schicken koreanischen oder japanischen 4 - Takter, was zuletzt nicht nur Ohr, sondern auch der Nase zugute kommt. 50 % der vietnamesischen Bevölkerung ist jünger als 20 Jahre und so wimmelt es hier nur vor Kindern, die hier und da auch mal betteln.

Saigon hat keine besondere städtebauliche Ausstrahlung. Hier tobt jedoch das Leben - für vietnamesische Verhältnisse schon was besonderes - und gerade diese jedem Kommunisten zuwider laufende Unregierbarkeit der Stadt macht wohl Ihren Charme aus: so platzt alles aus den Nähten. Der (typisch asiatische) Wildwuchs - 5-Sterne-Hotels und Banken neben slumähnlichen Gegenden - findet sich überall wieder. Die Besonderheiten dieses kommunistischen Kapitalismus treibt schon mal Stilblüten, die manche Euphorie einiger Investoren sehr schnell gebremst hat. Nicht wenige Unternehmer haben dem Land nach kurzer Zeit den Rücken gekehrt, weil die politischen Rahmenbedingungen noch(?)nicht stimmen. Denn: sobald es tatsächlich etwas zu verdienen gab, standen die Funktionäre direkt zur Seite, hielten die Hände auf oder erließen investitionshemmende Verordnungen.

So fielen mir gleich zu Beginn am Flughafen riesige weiß übertünchte Reklametafeln auf, auf denen Computer-, Auto- und Colawerbung stellenweise noch ganz schwach durchschimmerte: Weil diese Reklame nach Ansicht der Machthaber "unvietnamesisch" war, wurde Sie kurzerhand verboten und millionenschwere Werbekampanien waren in der selben Sekunde in den Sand gesetzt.

Wichtigstes Unterfangen am heutigen Tage sollte zunächst der Kauf eines Flugtickets nach Hanoi sein - schließlich wollte ich das Land von oben nach unten "aufrollen". Somit hieß es erst einmal: Geldwechsel, um Ticket, Hotel und Etat für die ersten Tage zu haben. Im Zentrum Saigons wechsle ich in einer staatlichen Bank hochbeliebte US$ in viele viele Dong - und schon ist der Beweis geführt, daß der Kapitalismus letztlich Vietnam doch besiegt hat ! Für größere "Geschäfte" halte ich stets Dollar bereit, die ich üblicherweise an verschiedenen Stellen plaziert habe.

Mit Miss Elli geht's auf die Suche zu einem Reisebüro - im Zentrum gibt's schon eine Menge Dienstleister; nur: es erschließt sich einem nicht alles so einfach wie in Thailand, Hongkong oder Malaysia. Das mag natürlich daran liegen, daß Marktwirtschaft erst seit kurzem herrscht - Sprachprobleme und sicher auch eine gewisse Reserviertheit und Distanz gegenüber Ausländern kommt hinzu.

Deshalb bewegen wir uns im Stadtzentrum etwas desorientiert - so kommt man zwangsläufig an versteckten kleinen Tempeln und Kirchen und der großen alten Markthalle im Zentrum vorbei - jenen wenigen Relikten aus vergangenen Zeiten. Auch auf der Hauptsstraße im Zentrum herrscht geschäftiges Treiben und den Bürgersteigen stünde es gut, wenn Sie gleich 3 x so breit wären.

Bei jeder Straßenüberquerung muß man hunderte von motorisierten Zweirädern im Auge behalten - anfänglichem Zögern weicht letztlich mehr und mehr der Erkenntnis, daß schwere Unfälle die Ausnahme sind.

Aber auch ich muß zwischendurch mal dran glauben: Eine radfahrende Vietnamesin mit 3-jährigem Sohn fuhr mir -mitten auf dem Bürgersteig- schmerzhaft in die "Hacken". Ich drehe mich um und schon stürzt um ein Haar ein älterer Herr über mich. Mit breitem Grinsen und einem einem freundlichen "Hong-Loi-Leu -an" (oder so ähnlich??) gelingt es Ihr, mich davon abzuhalten, loszuwettern. Ein Indianer kennt schließlich keinen Schmerz !

Nach längerer Suche finden wir das Postamt. Die Telefontarife in Vietnam sind anerkanntermaßen die mit Abstand teuersten der Welt: Eine Minute in die Heimat kostet 20.-DM, wobei der Postbeamte - schlau schlau - die Stoppuhr bereits dann laufen läßt, wenn der erste Klingelton erschallt.

Anja freut sich, von mir zu hören, ist jedoch erkennbar sauer, dass ich mich derart kurz fasse. Eigentlich hatte ich bereits zu Hause angekündigt, nur sporadisch und kurz "durchzuklingeln" -wer kann schon wissen, ob es funktionierende internationale Telefone im Dschungel gibt??
Dringend kann ein Telefonat in die Heimat nur dann sein, wenn etwas passiert ist -und für diesen Fall war ich mit "Notzetteln" gespickt. Was soll denn schon passieren ?

Pflichtbewußt melde ich mich auf der anderen Seite der Erdkugel zurück, betone, noch nicht verschollen zu sein , dass es mir gut geht und dass die Sonne scheint. Mehr mußte es bei diesen exorbitanten Telefongebühren wahrlich nicht sein ! Meine Lieben daheim wußten: Er lebt und ihm ist - wie zu erwarten stand - nichts geschehen !!

Vergeblich greife in meine Hosentasche, um das Gespräch zu bezahlen ! Mist, hatte ich das Portemonaie nach dem Kauf von Postkarten in der Weste ? Der Schalterbeamte wurde schon ungeduldig und "Miss Elli" sprang ein.

Jetzt erst konnte ich mir auch das überbreite Grinsen der Radfahrerin erklären !! Ohne es zu bemerken ist es der freundlichen Vietnamesin gelungen, mein Portemonaie aus der Hose zu fischen. Da ich gerade kurz zuvor Geld gewechselt hatte, war der Verlust mehr als schmerzlich: ca. 500.-DM, der Personalausweis und - ärgerlich- zudem noch die Fotos meiner Lieben daheim ! UND SOWAS PASSIERT MIR !!!

Genaugenommen -so muß ich im nachhinein resümieren- habe ich bislang immer Riesenglück bei all meinen Reisen gehabt. Für die armen Teufel in unseren Reisezielen sind wir Touris bei objektiver Betrachtung stets "wandelnde Banken" - und meine fette Nikon, die ich stets zur Motivjagd mit mir führe, hat sicherlich immer eine große Anziehungskraft auf gewisse Gestalten ausgeübt.

Mein Problem war nur, daß mein Reisebudget mit einem Schlag um knapp ein Drittel geringer ausfiel und es (angesichts unklarer Reisekosten) ab sofort galt, streng zu haushalten. Außerdem durfte so etwas kein zweites mal passieren, denn dann hätte ich ein ernsthaftes Problem gehabt.
Auf so einer Tour findet sich schließlich nicht eben mal ein weißer Ritter, der einem in der Not mir nichts dir nichts 500.- DM borgt.

Vielleicht würden diese armen Straßendiebe sich ja nicht nur über die hübschen Fotos von Lena und Anja , sondern auch über den kleinen Sprachführer "deutsch/vietnamesisch", den ich mir mühsam zu Hause zusammengestellt hatte, freuen ? Wenn ich auf diese Weise zur Bildung und Völkerverständigung beigetragen haben sollte, dann sollte es halt so sein - think positiv !

Auf diesen Schreck jedenfalls läd mich Miss Elli in einem angenehmen ruhigen Restaurant im Zentrum zum Essen ein. Ums gleich vorweg zu nehmen: die vietnamesische Küche ist ein Gedicht: leicht, keineswegs überwürzt und mehr als exotisch gibt es so gut wie alles nur denkbare zu Essen. Wir studierten die Menükarte (in Englisch) in Ruhe, Allerdings: Schlange oder gebratene Feldratten wollten wir zumindest heute noch nicht probieren.

25.4.99
Tagestour nach Cu Chi und zum Cao-Dai-Tempel an der kambodschanischen Grenze

Mein Bus quält sich durch die verstopften Straßen von Ho-Chi-Mingh-City. Ziel sind zunächst die in 35 km von Saigon entfernten Tunnel von Cu-Chi - dem wohl beindruckendsten Symbol des vietnamesischen Widerstandes gegen die Fremdunterdrückung.

Der vietnamesische Reiseführer spricht passables Englisch und verblüfft mit unerwartet offenen Antworten auf Fragen zum politischen Regime: Nur die Tatsache, daß seine pflegebedürftigen Eltern in Vietnam lebten, würde ihn noch hier halten; danach hieße sein Traumziel wie für viele anderen Vietnamesen auch: Amerika.

Bei Cu-Chi handelt es sich um ein Tunnelnetz, welches in den 60er Jahren berühmt wurde. Es verhalf den kommunistischen Vietcong, ein ländliches Gebiet von der südvietnamesischen Hauptstadt bis zur kambodschanischen Grenze hin zu kontrollieren. Die Tunnel hatten zuletzt eine Gesamtlänge von 250 km, bestanden aus 3 oder gar 4 Stockwerken, die bis zu 20 Meter tief in die Erde getrieben waren. Sie verfügten über unzählige Falltüren, speziell angelegte Wohnbereiche, Waffenschmieden, Feldlazarette usw. Sie wurden häufig zu -meist nächtlichen- Überraschungs-angriffen genutzt. Besonders fatal war für die Amerikaner die Tatsache, daß sie -ohne es zu ahnen- ein großes Basislager direkt über den Tunneln errichteten.Da staunten manche GI's nicht schlecht, als Sie -morgens kaum aufgewacht- auch gleich feststellten, daß sie selbst bereits Opfer eines bestialischen Meuchelmordes geworden waren !!

Es dauerte Monate, bis die Verantwortlichen GI's begriffen, warum immer wieder Soldaten nachts in Ihren Zelten aufgeschlitzt oder erschossen wurden. Eine schnelle Erstürmung der z.T. lokalisierten Tunnel scheiterte alleine schon daran, daß sie für zierliche Vietnamesen, nicht jedoch für bic-mac verfettete Amerikaner konzipiert waren - die blieben nämlich gleich im Eingangsbereich stecken.

Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, durch solch einen Tunnel zu kriechen. Nun könnte ich ja damit kokettieren, daß ich superschlank gebaut sei und so mir nichts, dir nichts da durchgewieselt sei..Tatsache ist vielmehr, dass die Tunnel an manchen Stellen für die Touristen auf "westliches Format" vergrößert wurden.
Dennoch: Ich würde mich nicht als "Schisser" bezeichnen, aber es war stockdunkel, quälend eng, feuchtheiß und absolut luftleer dort unten ! Unglaublich , welche Willenskraft vorhanden sein muß, wenn man hier Monate oder gar Jahre verbringt. Unter diesen erbärmlichen Lebensumständen hätte ich meine eigene sofortige Erschießung durch wen auch immer vorgezogen !

Um den Vietcong die Deckung zu nehmen und die Versorgung zu erschweren, wurden Reisfelder entlaubt, riesige Dschungelgebiete mit Bulldozern planiert, Dörfer evakuiert und dem Erdboden gleichgemacht. Die Amerikaner versprühten zunächst chemische Entlaubungsmittel (dioxinhaltiges agent orange) und entzündeten einige Monate später die knochentrockene Vegetation mit Benzin und Napalm, dass Temparaturen von über 1000 Grad Celsius entwickelt und dem Wasser nichts anhaben kann.

Hier entstand übrigens auch die Aufnahme jenes von Napalm verbrannten Mädchens, das laut schreiend auf die Kamera zuläuft, während im Hintergrund sein Dorf in Flammen aufgeht.

Als auch das nicht half, wurde Cu-Chi zur "free fire zone" erklärt: Auf alles, was sich bewegte wurde gnadenlos losgeballert und abschließend bombardierte man das gesamte Gebiet flächendeckend mehrfach mit den riesigen B-52-Bombern, wobei die meisten Tunnel letztlich zerstört wurden - allerdings viel zu spät, um die nahende Niederlage im Vietnamkrieg noch abzuwenden.

So erlangte das ca 42 qkm große Gebiet von Cu-Chi traurige Berühmtheit als die stärksten bombardierte, beschossene, begaste, entlaubte und verwüstete Region der Krieggeschichte ! Von 16.000 Tunnelkämpfern überlebten nach dieser Art von Kriegsführung nur 6000. Und was der Natur angetan wurde, kann man noch heute mit bloßem Auge sehen: Ein Bombenkrater neben dem anderen über viele, viele Kilometer. Größere alte Bäume gibt es nicht und dass wir nicht vor einer Wüste stehen, ist einzig dem Umstand zu verdanken, dass bei dem subtropischen Klima alles schnell überwuchert.

Im kleinen Kriegmuseum wurde alles detailliert erläutert. Völlig naiv mutete jedoch der rückständige Propagandafilm an, in dem vietnamesische Bauern fröhlich pfeifend gegen martialisch bewaffnete Amis antreten. Verblüffend war, mit welch einfachen (und grausamen!) Techniken die Vietnamesen gegen Ihre Feinde vorgingen.

Während einer Zigarrettenpause - ich probiere einheimische zu 60 Pfennig die Packung - beobachte ich eine Bauernfamilie, die das Feld neben ihrer Hütte bestellt - an einigen Stellen ist das Ackerland noch minenverseucht, so dass die nutzbare Fläche eingeschränkt ist. Der Hausrat der 9 köpfigen Familie besteht aus einem Wasserbüffel, einer schiefen Bank vor dem Eingang, einem Topf, einer Schüssel, was belegt, dass man in Vietnam durchaus noch bittere Armut antrifft!

Der Bus fährt weiter, von einer leichten Anhöhe können wir ins 10 km entfernte Kambodscha schauen, das nach der vor kurzem erfolgten Auflösung der Roten Khmer zur Ruhe zu kommen scheint - ein vergessener Fleck auf der Weltkarte, der jedoch - wie mir einige Rucksackreisende berichten - durchaus seine Reize hat (ANMERKUNG AM 27.12.2007: NÄHERES ZU KAMBODSCHA erfahren sie in meinen Reisebericht vom November 2006 in diesem Portal !).

In der Provinzstadt Tay Ninh besichtige ich den großen Caodai-Tempel, der eines der verblüffendsten Bauwerke Südostasiens darstellt. Der von 1933 - 1955 erbaute Tempel ist eine Art Neo-Rokkoko-Komposition, die französische Kirchenelemente mit denen chinesischer Pagoden vereinigt - dazu kommt ein Schuß Kitsch des Tiger Palm Gardens in Singapur und von Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

Das Gelände bildet einen eigenen Staat im Staat. Auf dem etwa 100 qkm großen Areal der buddhistischen Sekte, zu der sich einst 4 Millionen Anhänger bekannten, befinden sich noch viele kleinere Tempel, Parks und Gärten, so dass
sich ein Spaziergang durch die große, angenehm ruhige Anlage lohnt.

Mit einem tropischen Regensturm verabschiede ich mich von diesem architektonischen und religiösen "Tutti-Frutti". Auf dem Rückweg gibt's für den, der's mag die Möglichkeit, nach Herzenslust mit einem echten Ami-MG durch die Gegend zu ballern - für einen US$ pro Schuss. Das ließen sich einige Touristen nicht nehmen. Mir war der Sinn allerdings nicht danach, aber die Sache war ein Beweis dafür, wie prag-matisch die einfachen Vietnamesen mit Ihrer Vergangenheit umgehen und auch aus der Not heraus versuchen, insbesondere dem damaligen Gegner das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Abends noch mal ein kurzer Gang durch Saigons Zentrum -"Miss Elli" hat sich entschlossen, mit nach Hanoi zu fliegen, was mir eigentlich ganz recht ist, denn mit Englisch kommt man nur begrenzt weiter - und sich über Tage hinweg nur radebrechend zu unterhalten ist irgendwann auch langweilig. Ausserdem sprechen einige praktische Gründe für den gemeinsamen Trip - so muss ich nicht immer mein ganzes Gepäck mitnehmen, wenn ich unterwegs mal pieseln muss.

26.4.99
Abflug nach Hanoi

Um 14.00 hebt meine Maschine vom Flughafen ab. Für asiatische Verhältnisse ist der Flug ins ca. 1.700 km entfernte Hanoi nicht gerade billig: 142 US $, also
ca. 255.-DM. In Deutschland wollte man mir für den gleichen Flug gar 450.-DM abknöpfen ! Aber man muss froh sein, überhaupt einen Platz zu bekommen. An manchen Tagen sind die Flüge hoffnungslos ausgebucht. Das kann ein erhebliches Problem darstellen, wenn man an die elend langsamen Alternativen Bus/Bahn denkt ! So gesehen ist ein Flug geradezu geschenkt !!

Die Abfertigung in Hanoi geht flott. Für 10 US $ bringt uns ein Taxi in die 35 km entfernte Hauptstadt über eine richtige Autobahn, die durch knallgrüne bewässerte Reisfelder führt. Hier und da verirren sich schon mal schwerbeladene Fahrräder oder Wasserbüffel auf der Fahrbahn, was jedoch keinen wirklich stört. Wir überqueren den Hong-Song-Fluß. Das gesamte Umland ist eingedeicht- kein Wunder, denn das Schwemmland liegt an vielen Stellen unterhalb des Flussniveaus. Jedes Jahr gibt's zur Regenzeit gigantische Überschwemmungen und man ist permanent gezwungen, die Deiche zu erhöhen und zu befestigen.

Hanois Altsstadt überrascht positiv. Alles ist zwar ein bisschen verrottet und sanierungsbedürftig, aber weitaus gewachsener und originärer, als die meisten asiatischen Großstädte, die ich bislang zu Gesicht bekam. Dass Hanoi lange unter französischem Einfluß stand, bekam dem Stadtbild sichtlich gut:

Es gibt Alleen, Parks und Plätze wie in Frankreich und dazu kommt das pittoreske und hektische Gewusel tausender Asiaten.Direkt im Zentrum nehme ich mir für 15 US $ ein sauberes Zimmer mit aircondition, ordent- lichem Bad und gemütlicher Einrichtung. Die Häuser im Zentrum sind alle extrem schmal, dafür umso mehr in die Tiefe gebaut, was - wie man mir erläuterte - mit der Besteuerung nach Frontmetern zusammenhängt.

Der Hunger treibt mich in ein einfaches vietnamesisches Lokal, welches den Charme eines sibirischen Straflagers versprühte. Allerdings punktet man hier mit unschlagbar günstigen Preisen (Fanta 30 Pf.; Standardgerichte 1-4.- DM) und ich stelle fest, dass alles deutlich günstiger ist, als im fernen Saigon.

Hund ist leider ausgegangen. "Come tomorrow" - meinte die Kellnerin ganz verschmitzt. So musste heute - andere Länder andere Sitten- ein Frosch dran glauben und der hat nicht mal schlecht gemundet. Sorry, liebe Tierfreunde, aber von diesen putzigen Zeitgenossen gibt es im amphibischen Vietnam weitaus mehr als Hühner. Und nochmal soll die leichte, exotische und frische vietnamesische Küche lobend Erwähnung finden.

Die fliegenden Händler auf den Straßen erkennen sofort, ob da ein "Neuer" langläuft, oder ein "alter Hase", dem man nichts mehr unterjubeln kann. Ich hab's im Hotel am Spiegel extra geübt, so cool und gelangweilt wie John Wayne zu gucken. Hat man diese armen, aber nervigen Vögel erst einmal abgeschüttelt, lebt es sich weitaus stressfreier.

Lena hat mir übrigens sehr zum Vergnügen einiger Kinder und Erwachsener einiges von ihrem reichen Fundus an Haar-spangen, Murmeln und Nippesfigürchen mitgegeben; die freuten sich teilweise wie die Schneekönige über eine fette 8-er Murmel !

Der weitere Reiseverlauf musste geplant werden. Fast zwangsläufig verirrt man sich dabei in einem der allseits bekannten und verblüffend gut organisierten "Singh-travel-agency-Caffees". Die Angestellten erzählten in gutem Englisch begeistert von ihrem Deutschlandurlaub.

Stutzig machte mich, dass alle Löffel und Gabeln das Vietnam-Airline Logo trugen. Einfache Erklärung des Reisebüroleiters. "Hey man, you know...we have many many travellers."

Ich tausche die ersten Eindrücke mit anderen Back-Packern aus - u. a. auch mit zwei Französinnen, die seit mehreren Wochen unterwegs waren und - man höre und staune - sämtliche Papiere, Pässe, Geld und Scheckkarten fröhlich und offen im Bauchbeutel vor sich hertrugen. Sie konnnten überhaupt nicht verstehen, dass ich darüber meine Verwunderung zum Ausdruck brachte. Eher beiläufig erzählten sie dann noch, dass sie auf den elend langen Bus- und Zugreisen stets Schlafmittel einnehmen, was natürlich erklärt, warum sie noch nicht ausgeraubt wurden.
Die Methode der zwei Mädels, war in der Tat mehr als ausgebufft: Welcher Taschendieb nimmt angesichts zwei im Zug liegender komatisierter Touristinnen noch ernsthaft an, dass bei denen noch etwas zu holen sei ? Auf diese Weise haben die Beiden Ihre Ruhe - einfach genial, die todsichere Methode schlechthin - vive la france !

Ob solch fröhlicher Geschichten gönne ich mir ein paar leckere Hoi-An (selbstgebrautes Bier), welche wirklich munden. Übrigens ist die Braukunst auch eine Hinter-lassenschaft der europäischen Kolonialzeit und beileibe nicht die schlechteste! In vielen Lokalen stehen die mannshohen Braukessel und für knapp 50 Pfennig gibt's einen fetten Becher helles Bier.

Ich entscheide mich, eine organisierte 3- Tages Tour in die berühmte Halong-Bucht zu buchen(komplett: 63 DM incl . EZ und HP).

Dienstag 27.4.1999- Halong - Tour

Etwas "bettschwer" bin ich doch noch um 5.30 morgens, aber die Bierchen haben mir keinen Kopfschmerz bereitet. Bedrohlich düstere Wolken am Himmel verlängern die Nacht und ich versuche, die ersten 2 Stunden auf der Rumpelstrecke zu schlafen.

Dann erste Pause: Ich falte mich aus dem Bus - es regnet, was aber nicht weiter tragisch ist, denn die Tropfen sind wunderbar warm und sobald man den Bus verlässt, steht man so oder so im eigenen Subtropen-Saft.

Das Durchschnittsalter der international gemischten Reisegruppe beträgt ca. 30 Jahre. Viele sind länger unterwegs - die ganz Glücklichen mehrere Monate, vereinzelt auch schon mal 1-2 Jahre. So lerne ich Peter aus Tilburg kennen. Er ist kein fliegender, sondern ein radelnder Holländer. Ein freundlicher und sympatischer Typ, der über ein Jahr lang von Holland nach Vietnam radelte. Und wer meint, ich hätte tolle Geschichten zu erzählen, der soll sich mal mit Peter treffen. So einer hat kurzweilige Stories drauf.

Ziel dieser Etappe ist die Hafenstadt Haiphong bzw. die berühmte Halong- Bucht am Südchinesischen Meer. Die Bucht muss man sich ungefähr so vorstellen: Am letzten Tag der Erschaffung der Erde hatte der liebe Gott noch ca. 3000 kleine und große spitze Steine in seiner Hosentasche. Er rief "fertig" und warf diese auf Vietnam, verpasste jedoch das schmale Land und seine Ladung hagelte ins Meer - und zwar genau dort hin, wo ich ich mich hinbewegte. Welch Glück, dass das alles vor etwa 2000 Jahren passierte und nicht jetzt !

Die unzähligen Höhlen und verborgenen Buchten der vielen Inseln waren regelrechte Piratennester und machen die Gewässer unsicher. Nur wenige Inseln sind bewohnt - auf vielen hausen allenfalls Affen und flinke Bergziegen.
Die Abfahrt zur Tropeninsel Cat-Ba verzögert sich, weil das Sicherheitspersonal in seinen wichtigen Uniformen zicken macht. So schlendere ich am Hafen entlang und schaue mir die Bauchladengeschäfte einiger Händler an und staune, welches Tohuwabohu ausgelöst wird, wenn erwachsene Vietnamesen mit den Händen kleine Fische aus einem Bach fangen.

Unsere hölzerne Fähre benötigt knapp 4 Stunden für die Überfahrt zur 25 km entfernten Insel. Leider ist der Himmel tief verhangen, so dass die Naturschönheit nur erahnt werden kann. Alle paar hundert Meter muss das Boot neuen Kurs aufnehmen, um die Felsnadeln zu umschiffen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den Hauptort von Cat Ba, der sich als recht geschäftig erweist. Wer es sich Urlaub leisten kann, setzt hier herüber. So wächst die touristische Infrastruktur mit kleinen Hotels, Restaurants und Bars.

Mein Zimmer mit herrlichem Blick auf den Naturhafen mit seinen zahllosen Haus- und Fischerbooten ist verblüffend gut. Die Touris - ein bunter Haufen aus Amis/Neuseeländern/ Holländern/Franzosen/Deutschen und Australiern - trifft sich zum Essen im Restaurant und es gibt wieder gute Noten für die Kochkünste.

Abends sinniere ich ganz alleine auf meinem Balkon über den Sinn des Lebens - mit meiner Reise bin ich der Erklärung an diesem Abend näher gekommen.

Mittwoch, 28.4.99
Dschungeltripp und schöne Mädchen

Ein klappriger, ca. 40 Jahre alter französischer Bus kutschiert uns ins Inselinnere zum Cat - Ba - Nationalpark. Über einen schmalen und steilen Trampelpfad schlagen wir uns vorbei an tropischer Vegetation und Lianen durch den Dschungel. Der Gipfelblick aus ca. 400 m Höhe ist der Lohn für unsere schweisstreibende Arbeit.

Die Geschäftstüchtigkeit der Asiaten verwundert auch hier: Während die anderen Mitreisenden auf dem Gipfel erzählen, erkunde ich in Einsiedlermanier das Umfeld und wähne mich völlig allein. Irrtum !! Hinter einem Waldriesen sprintete eine klitzekleine Vietnamesin hervor und bietet mir in "Kissuaheli - Englisch" kalte Dosengetränke an: "Mister -drink cold coke ?" Bei dieser unerträglichen Schwüle war das sie natürlich sofort mein Freund und konnte gleich 3 Dosen an die Langnase losschlagen.

Ein paar Regentropfen auf dem Rückweg machten den Abstieg auf dem steilen Waldboden zu einer ebenso beschwerlichen wie gefährlichen Rutschpartie. Die frühe Rückfahrt - vorbei an Mangrovensümpfen - ermöglichte mir noch einen Spaziergang zur ultimativen Badebucht des Ortes. Hier entspanne ich mich, höre dem Rauschen der Wellen zu und fühle mich wohl.

Auf dem Weg zum Hotel winken mich einige Vietnamesen zu sich, um ein "Schwätzchen" zu halten. Als sie meine "Focus" und "Stern" - Magazine entdecken, die ich in der Hand hielt, wurden sie alle sehr neugierig: Das die westliche Welt so bunt ist, konnten sie kaum fassen und der Gaudi bei einigen Dessous- oder Nacktaufnahmen im Stern war besonders gross.

Meine Malaria - Prophylaxe stand auf dem Programm - bislang hatte mich übrigens gerade einmal eine einzige Mücke erwischt. Ich durchforste mein Gepäck - eine (!) Tablette fehlt und meine grosse Vietnamkarte ist nicht auffindbar.

Nun, es gibt halt Dinge, die die Vietnamesen benötigen, aber nicht bekommen können - es sei denn von Touristen. Der sukzessive Verlust einiger Dinge hatte den Vorteil, dass mein Rucksack zusehends leichter wurde. Ärgerlich war jedoch der Verlust meines Nassrasierers. Aus Trotz entschloss ich mich, mich den Rest meines Abenteuerurlaubes nicht mehr zu rasieren. Da bei mir nur spärliche Flausen wachsen, sah ich nach einigen Tagen "echt Scheiße" aus. Unrasiert sein ist in Vietnam fast tabu und einige vietnamesische Zeitgenossen machten sich über meinen Piratenlook im Gesicht lustig.Sollen sie doch - wer mich beklaut, soll wenigsten die hässlichen Folgen zu spüren bekommen !

Abends mache ich mit Pieter - dem radelnden Holländer - einen Deal: Die 100 besten Traveller-Geschichten gegen Freibier. Völlig uneigennützig willigte er gleich ein und ich kann versichern: es wurde ein langer und kurzweiliger Abend.

Kostprobe: Traumstrand in Indien. Pieter möchte eine Aufnahme vom Sonnenuntergang an Goas Strand machen. Fünf freundliche Inder mit Turban hocken mit ihren Gewändern am Strand und freuen sich auf eine nette Unterhaltung mit dem Holländer. Ein gutes Viertelstündchen wird geklönt und Pit schiesst eine tolle Aufnahme mit seinen Gesprächspartnern, die unmittelbar danach allesamt aufstehen, nicht ohne einen dicken braunen Haufen im Sand zu hinterlassen. Original-Fototitel: Sonnenuntergang auf Goa mit fünf scheissenden Indern.
Wir waren übrigens - von den Wirtsleuten abgesehen - die einzigen Gäste in der Karaoke - Bar und nach vier Flaschen Bier so lustig, dass wir erwogen, Karaoke zu singen ... aber ohne Publikum wär's dann doch zu albern gewesen. Der Barbesitzer witterte sein Geschäft und winkte eine Karaoke -Sängerin aus der Kneipe nebenan heran. Da wir es jedoch vorzogen, unsere Geschichten aus 1000 und 1 Nacht auszutauschen, war der Wirt sichtlich sauer.

Schliesslich gesellten sich das Wirts - Ehepaar und die Sängerin zu uns an den Tisch und nahmen an der Unterhaltung mit etwas Englisch und viel Händen und Füssen teil.

Es dauerte nicht lange, bis die Hand der Sängerin auf Peters und meinem Oberschenkel landete. Sie wollte doch nur unser bestes und dennoch lehnten wird beide dankend ab und erzählten weiter.

Der Barchef konnte das nicht verstehen, zwei junge, karftstrotzende Männer (wie Recht er hat), so einsam (stimmt ebenfalls!), so weit entfernt von der Gattin (wohl wahr!). 12 U$ Dollar für die ganze Nacht all inclusive - wäre doch nicht zu viel verlangt, oder ??!

Pit lehnte ab, er reiste mit zu kleinem Budget und mir
stellte sich die Frage auch nicht:

1. haben mich die Bestechungsbierchen, die Pit mit mir
teilte, so müde gemacht, dass ich das arme Mädchen
definitiv bitter enttäuscht hätte (geht gar nicht!)
2. mag ich Begleiterscheinungen wie Krankheiten oder
vietnamesische Gefängnisse gar nicht und
3. war ich immer noch verheiratet

Nach einem Erinnerungsfoto machten sich Peter und ich davon. Mann war ich diese Nacht alleine !!

Do., 29.4.99
Die Spontanheilung und Rückfahrt nach Hanoi

Eine fette Zahnfleischentzündung macht mir zu schaffen. Wie geschildert, hatte in Cu-Chi ja Maniok probiert und dabei wohl in eine verholzte Faser gebissen, die sich nun in meinem Zahnfleisch verewigte. Die Entzündung wurde von Stunde zu Stunde schmerzhafter und ich erkundigte mich nach einem Zahnarzt. Als ich dessen Praxisausstattung jedoch sah, waren meine Beschwerden sogleich verflogen - ich entschloss mich spontan, lieber einen qualvollen aber natürlichen Tod zu sterben. Eigenhändig pulte ich schließlich an dem pochenden und glutroten Stück Zahlfleisch selber so lange, bis Zahnfleisch und letztendlich auch das Maniok weg waren -das winzige Faserstückchen präsentierte ich meinen Mitreisenden stolz, die dafür (warum auch immer ???) überhaupt keine Empfindungen entwickeln konnten.

Warten auf die Fähre, die uns zurück auf's Festland bringen soll. Im Hafen beobachte ich Grizmek's Tierwelt. Manche Reisende stören sich an den vielen Kakerlaken, aber die meisten mögen diese possierlichen Tierchen nicht, was mir völlig unverständlich ist, denn in Vietnam sind sie allesamt hübsch, wohlernährt und können erstaunliche Ausmaße annehmen !!??

"You buy some cheap postcard ?" unterbricht mich abermals eine Vietnamesin bei meinen zoologischen Studien ... mit derartigen Kopf- und Zahnschmerzen ... die selbe Frage zum etwa 200sten male zu verneinen ... das nervt schon ein wenig !

Sonne und stahlblauer Himmel auf der Rückfahrt stimmen mich jedoch wieder versöhnlich. Bei diesem Traumwetter ist alleine die Halong - Buch eine Reise wert ! Die vierstündige Rückfahrt im Bus nach Hanoi ist eine einzige Schaukelei - ich nehm's gelassen, denn ich weiß: mir stehen noch ganz andere Etappen bevor !

In Hanoi angekommen entledige ich mich flugs meines Gepäcks und fahre gleich mit einer Rikscha durch die Stadt, vorbei an den Museen, für deren Besichtigung ich leider nicht mehr genügend Zeit habe, zumal der Hunger langsam quälte.

Ich suche eine Garküche auf, nehme Platz auf einem jener typischen ca. 35 cm hohen Plastikschemel, klemme den Kopf zwischen meine Knie und fuchtel zur Überraschung der anderen Vietnamesen mitlerweile äusserst souverän mit den Stäbchen rum.

Zu dem wieder einmal leckeren und preiswerten Reisgericht für 2 DM gönne ich mir ein frisch gezapftes BIA HOI (Faßbier).
Abends folgt ein Spaziergang durch die Altsstadt - immer noch mit "Miss Elli". Wir staunen, wie billig die z. T. erstklassigen Rucksäcke sind: Für 30 - 40 DM bekommt man hier die Modelle , die bei uns 200 - 300 DM kosten.Wer bewußt mal auf bestimmte Produkte achtet, wird das Label

"made in vietnam" in Deutschland verblüffend oft antreffen. Die unglaublich niedrigen Löhne mit vergleichsweise hohem Facharbeiteranteil machens möglich.

Auf dem Weg zurück zum Hotel mache ich noch einen Abstecher in eine Schule, in der gerade Englischunterricht gegeben wird. Der Lehrer winkt mich freundlich herein und bittet mich,den Unterricht fortzusetzen. So erzähle ich anhand der Weltkarte, woher ich komme, wohin ich gehe, was das Ganze soll usw. Die Kinder hören muksmäuschenstill und gespannt zu. Bevor ich jedoch den Raum verlasse, erhält jedes Kind ein kleines Geschenk (Münze, Murmel, Haarspange) aus Lenas reichem Fundus, den sie mir extra mitgegeben hat. Die ganze Klasse lachte sich kringelig, als der letzte Schüler, ein Junge, von mir eine Haarspange erhielt - Pech gehabt !

Heute teile ich das Hotel-Zimmer mit Miss Elli (getrennte Betten, ehrlich !) - aber so hundertprozentig traut sie mir dann doch nicht, denn Geldbeutel und Pass trug sie beim zu Bett gehen am Körper und der war schließlich Tabuzone.

Fr., 30.4.99
Von Hanoi nach Hoi An

Habe recht gut geschlafen - die aircondition lief erfreulich leise. Und die pochenden Zahnschmerzen gingen auch zurück, nachdem ich die Holzfaser endlich rausgezogen hatte. Selbst ist der Mann im Dschungel.

Ich rufe zu Hause an und Anja reagiert etwas giftig, als ich ihr sagte, dass WIR jetzt Richtung Süden weiterreisen werden. Lange Erklärungen waren jedoch bei einem Telefontarif von 20.-DM pro Minute nicht drin und zudem sowieso müßig.

Nach dem check out kamen die Rucksäcke bei der travel - agency unter. Die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt nach Hoi-An nutze ich für eine Cyclo - Fahrt (1 US$ pro Stunde).

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit startet der Bus zur ca. 750 km langen (Tor) Tour.

Auf dem Highway Nr. 1, der Vietnam von Nord nach Süd über ca. 2200 km verbindet, ist die Hölle los. Viele Etappen leiden auch nach einem Viertel-Jahrhundert noch unter kriegsbedingten Schäden (einspurig geführte Brücken), Überschwemmungen, allgemein schlechter Fahrbahndecke und nostalgisch anmutenden Verhaltensweisen:

Wenn's am Straßenrand zu schlammig ist, spielen die Kinder halt auf dem Highway und Reis wird immer noch nirgendwo schneller trocken, als auf dem heissen, dunklen Teer.
Hauptgrund für die chaotischen Verhältnisse ist jedoch der dramatisch ansteigende Individualverkehr mit meist völlig verkehrsuntüchtigen Fahrzeugen.

Untypischerweise konnte unser Bus bei Fahrtantritt mit funktionsfähigen Scheinwerfern aufwarten, was sich jedoch nach rund 2 Stunden Fahrzeit schlagartig änderte. Mitten in der Prärie fiel die gesamte Bordelektrik aus und irgendwo bruzzelte ein Kabelbrand vor sich hin.

Eine ¾ Stunde versuchten sich Fahrer und Copilot an den wildverzweigten Kabelsträngen, die sie im faden Schein ihrer Minitaschenlampe allenfalls erahnen konnten. Zwischendurch blitzte es mal kurz und hell auf, wenn wieder einmal eine Sicherung durchknallte. Diese wurden schließlich behände durch fette Schrauben ersetzt - sicher ist sicher ! Glück im Unglück: Kein überladener LKW hatte uns in der absoluten Dunkelheit gerammt, obgleich wir mitten auf der Strasse standen. Mit reduzierter Leuchtkraft quälte sich der Bus weiter gen Süden.

Sa., 1.5.99

Leise Gespräche mit Sitznachbarn. Versuche einiger Reiseanfänger, bei diesem Geschaukel zu Lesen werden von den Kundigen mit einem müden Lächeln bedacht. Sitzabstand und -breite sind einfach moderne Foltermethoden für Reisende mit europäischen Maßen. Eine Polizeikontrolle unterwegs bringt etwas Bewegung und Abwechslung.

Um 3.00 Uhr nachts übermannt es mich und ich sichere mir eine Schlafstelle auf dem Fußboden des Mittelgangs - eine beliebte Möglichkeit, seine Gräten einmal auszustrecken. Mein Kopfnachbar hat Schweißfüsse - ich aber auch - und auf diese Weise kommen alle zu Ihrem hochverdienten und gerechten (Sekunden) Schlaf, der spätestens beim nächsten abrupten Brems- oder Lenkmanöver unterbrochen wird. Der Mensch ist zäh, seeehr zäh ! Tröstlich ist, dass diese Art der Fortbewegung der allgegenwärtige Alltag des einfachen Vietnamesen darstellt.

3.35: Stop im Nirwana. Popmusik weckt mich. Neonleuchten flimmern an einem Holzverschlag, der unbestätigten Meldungen zu Folge eine Raststätte sein soll. Alles geht nur noch im Zeitlupentempo: langsames Aufwachen, Gemurmel, die wichtigsten Gepäckstücke und Utensilien werden verstaut und mitgenommen.

Im Restaurant kann man zwischen Hartkeksen aus dem Krieg (?), einer undefinierbaren Suppe und heißem Tee wählen. Ich entscheide mich vorsichtshalber für letzteres. Der Körper kommt nach überraschend kurzer Eingewöhnungszeit mit verblüffend wenig aus: 5 Liter Wasser, ein Reisgericht und eine Banane am Tag reichen ! Gleichwohl stelle ich mir in diesem Moment die Frage, was ich im Leben alles angestellt haben muss, dass der liebe Gott es so böse mit mir meint.
Dennoch: Gerade diese Härten auf den Reisen und der Verzicht auf jeglichen Luxus stellen eine besondere Herausforderung dar. Kann man verstehen, muss man aber nicht ! Alle stehen in dieser Nacht in Ihrem eigenen Saft - ich dachte bislang, die Skala eines Hygrometers reiche auch in Vietrnam nur bis 100 %, aber sie endet zumindest "gefühlt" hier erst bei 150 % - unglaublich diese Schwüle mitten in der Nacht.

Weiterfahrt. Um 5.00 morgens erwacht der Tag. Das rötliche Licht lässt eine hüglige, bewaldete Landschaft erkennenn. Überall Reisfelder. Die schmale Strasse nimmt keinen Ort aus. Gewagtes Überholmanöver eines LKW's, von dessen Ladefläche mich auf gleicher Augenhöhe 100 zuckersüsse Minischweine anlächeln. Offenbar haben sie angesichts des waghalsigen Fahrstils schon längst mit ihrem Schweinedasein abgeschlossen ("Es ist Wurst, was aus uns wird") ?

Um 9.00 morgens Ankunft im berühmten Kaiserstädtchen HUE. Von 1802 - 1945 Hauptstadt des Landes. Während der berühmten Ted - Offensive in 1968, die mehr als 10.000 Menschen in Hue das Leben kostete, wurden viele Paläste beschädigt. Heute besucht man die Stadt vor allem, um die prächtigen Gräber, Pagoden, Ruinen und Zitadellen der Kaiserdynastien zu besichtigen. Erst im Jahr 1990 erklärte man die einmalige kulturelle Stätte zum "nationalen Schatz" und stoppte den rapiden Zerfall.

Nun - man wird es mir nachsehen müssen - ich entschloss mich, direkt weiterzufahren nach Hoi An. Zum einen drängte die Zeit, zum anderen hatte ich in der Vergangenheit bereits derart viele Tempel, Paläste, Pagoden usw. gesehen, dass ich mir hier keine völlig neuen Erkenntnisse versprach (wahrscheinlich schüttelt jeder "Hue - Insider" gerade fassungslos den Kopf ?). Nach einem guten Essen sitze ich bereits wieder in einem Minibus, der mich mit einigen netten Engländern für 3 US$ (p. P.) ins ca. 160 km entfernte Hoi An bringt.

Ab der Demarkationslinie (17. Breitengrad) sind die Straßen sicht- und vor allem fühlbar besser, denn sie mussten nicht dem permanenten Bombardement der Amis trotzen. Die N1 hat hier fast den Standard einer normalen (älteren) Landstrasse in Deutschland. Allerdings sind auch hier allenfalls kurze Sprints von max. 80 km/h möglich, denn andere Verkehrsteilnehmer stürzen sich permanent - ohne erkennbaren Grund - todesmutig ins Getümmel.

Wir überqueren den ca. 1100 m hohen Wolkenpass, der eine ausgeprägte Wetterscheide in der Landesmitte darstellt. Der Norden Vietnams ist nebelig, bedeckt und vergleichsweise kühl. Direkt auf Passhöhe verziehen sich die letzten Nebelfetzen und subtropische Hitze macht sich breit. Noch nie habe ich ein so ausgeprägtes Wetterphänomen mit gut 10 Grad Celsius Unterschied auf so wenigen Kilometern beobachtet. Die Landschaft ist wunderschön und abwechslungsreich - zwischendurch Traumstrände, die z. T. aufgrund der Gicht des unruhigen Meeres nur schwer auszumachen sind. LKW und Busfahrer kühlen auf der Passfahrt ihre überhitzten Bremsen und Motoren mit Wasserschläuchen, die aus diversen Bergquellen gespeist werden.

Auch im Süden gilt folgende Verkehrsspielregel: der Stärkste (zumindest jedoch der Frechste = der mit der lautesten Hupe) hat Vorfahrt. Nichts für zartbeseitete Naturen. Vorteil dieses Systems allerdings: Man braucht sich hierzulande nicht viel zu merken - langwierige theoretische Prüfungen wie bei uns entfallen ! Ich bin seit nunmehr 23 Stunden im Bus, habe dabei gerade mal lächerliche 800 km zurückgelegt, allerdings auch nur deshalb, weil unser Busfahrer anerkanntermaßen über die landesweit lauteste Hupe verfügt.

Das Gebiet um Hoi An wird intensiv landwirtschaftlich bewirtschaftet. Maschinen kommen kaum zum Einsatz. Ochsenkarren und überladene Räder und Mopeds führen Ihre Waren über die Strassen mit ihren zahlreichen Brücken.

Ankunft in Hoi An. Ich nehme mir ein ordentliches Zimmer in einem hübschen, freundlich sauberen Hotel (4 US$). Der erste Rundgang durch das zuckersüße mittelalterliche Örtchen entschädigt. Auf einem schwimmenden Restaurant schlemme ich zusammen mit Michael und Perl aus Schweden fangfrischen Fisch. Nach 45 Stunden Nonstop - Unternehmung falle ich restlos gerädert ins Bett.

Sa., 2.5.99

Immer noch mit hundemüden Knochen wache ich gegen 10.00 auf. Hoi An begeistert auf Anhieb. Im Mittelalter bis zum Ende des 19. Jh. war Hoi An Zentrum des internationalen Handels. Viele Auslandskontore wurden hier eingerichtet und - wie anderswo auch - bewiesen wieder einmal die chinesischen Händler das meiste Handelsgeschick und Können. So ist die gesamte Altstadt tiefchinesisch geprägt.

Mit der zunehmenden Verlandung des Hafens verlor der Ort jedoch seine Bedeutung und fiel in einen tiefen Dornröschenschlaf. Gott sei dank war seine strategische Lage im Vietnamkrieg unbedeutend. So blieb er weitgehend im Krieg verschont. Erst in den letzten 2 Jahrzehnten erkannte man die einmalige Schönheit der Altstadt und so wurde Hoi An von einem verschlafenen Nest zu einem gemütlichen, kleinen touristischen Anziehungspunkt.

Man schlendert durch alte Tempel, vorbei an Handelskontoren, Brücken, gepflegten Gärten und Wohnhäusern zum süssen kleinen Hafen und Markt. Alles wirkt miaturisiert, jedoch freundlich und gelassen. Man kann herrlich fotografieren und relaxen. Viele Touris lassen sich im Ort Maßkleidung anfertigen, denn die Schneider hier sollen die besten Vietnams sein. Überall hört man das Klackern alter halbmechanischer Webstühle und ich lasse mir die Herstellung der Seidentücher von der Raupe bis zum fertigen Produkt zeigen.

Nicht von ungefähr steht Hoi An auf der Liste des Weltkulturerbes. Die Wege im Ort sind kurz und ich gönne mir endlich mal viel Zeit bei jeder Erledigung. Da das Meer herrlich frisches Seafood bietet, kommt auch mein Magen auf seine Kosten. Einige chinesische Wohnhäuser wurden zu herrlichen Restaurants umgebaut - so kann man auch mal hinter die Kulissen schauen.

Die Sonne steht steil und ich sprinte von einem schattenspendenden Baum zum anderen, unter denen es sich die Einheimischen gut gehen lassen - hier und da entlausen sich die Kinder schon mal gegenseitig. Hoffentlich habe ich mir da nichts eingefangen, als ich mit den Kindern ein paar Faxen gemacht habe ?!

Das local beer,Marke "vinataba" mundet im Hong-phuc Restaurant ganz besonders, zumal die hübsche, schlank und großgewachsene Bedienung gutes Englisch spricht und derart frech und cool tut, dass es Spaß macht, mit ihr zu quatschen. In einem unaufmerksamen Moment - ich lasse die Sonne auf meinen fischgefüllten Wams scheinen und mache die Augen zu - erwischt es mich jedoch eiskalt: Mit diebischer Freude klatscht mir besagte Kellnerin einen eiskalten Waschlappen ins Gesicht und lacht sich scheckig.

Travolta - Music aus einem quälend scheppernden Lautsprecher stört die Ruhe. Sie stammt aus dem Radio eines Eisverkäufers, der um die Ecke seinen Fahrrad-Verkaufsstand eingerichtet hat. Außerhalb der Saison ist jedoch der Kundenandrang begrenzt.

Mo., 3.5.99 - Hoi An

Für kleines Geld miete ich mir ein Rad, fahre über die Landstrasse zum 5 km entfernten Palmen gesäumten Traumstrand. Der starke Wind wirft hohe Wellen an den Strand und die Gischt bringt etwas Abkühlung.

Der ca. 17 jährige Le bietet einen Strandkorb und Schirm an, ist sehr interessiert an meinen Familienfotos ("Yes Sir, german girl is number one !") und blättert aufgeregt in meinem Focus-Magazin herum. Was er nicht verstehen wollte, war die Tatsache, dass Vietnam auf der
Weltkarte des Magazins nicht in der Mitte war.

Plötzlich vernehme ich helltönende Opernarien. 50 Meter von mir entfernt stolziert ein ca. 40 jähriger Deutscher wie ein Hahn am Strand und trällert brennend - schwuchtelich seine Verse in das südchinesische Meer. Die 3 hübschen 16 - jährigen Jungen, die er offenkundig "gemietet" hat, machen sich über Ihren Lover lustig, sobald er sich von Ihnen Richtung Meer abwendet.

Als die hochnotpeinliche Schwuchtel dies jedoch bemerkt, stellt er (sie ?) einen "seiner" Jungens zur Rede - knöpft ihnen das Freibier ab und verweist sie - höchst theatralisch - seines Strandkorbes. Die anderen beiden mussten Ihren Übermut höchstwahrscheinlich mit einer doppelt heissen "Rosette" am Abend bezahlen !? .... Ja - auch dies soll ein Grund sein, nach Asien zu fahren ...???!!! Prostitution ist in Vietnam ein verbotenes, aber geduldetes Gewerbe, an dem - wie fast überall in der Welt - viele verdienen.
Auf dem Rückweg radele ich durch die Felder und durch kleine Bauernsiedlungen, in der mich jeder anstarrt, als käme ich direkt vom Mars persönlich ... manchmal schon eine komische Situation und zwar nicht nur für mein Gegenüber !

Di., 4.5.99
Tour nach "My Son"

Heute ist es unerträglich - über 40 Grad Hitze bei 90 % Luftfeuchtigkeit. Das Baumwollhemd, dass ich heute anziehe, hat nach meiner Handwäsche 30 Stunden (!) vor dem Ventilator gehangen und ist immer noch richtig klamm - dafür stinkt es aber trotz intensiver Handwäsche wegen der tropischen Schwüle "wie Hund".

Ich buche eine organisierte Tour nach My Son, wo welt-berühmte Bauten aus der "Cham-Zeit" zu besichtigen sind. Die hochorganisierte Cham-Kultur stammt aus Indien und entwickelte sich in/um My Son über 9 Jahrhunderte (400 - 1200 n. Chr.).

Leider sind die Tempelanlagen, die im Wald an einem kleinen Flüsschen liegen trotz ihrer Weltbedeutung im Vietnamkrieg zerstört oder beschädigt worden. Die Vietcong hilten diesen
Ort seinerzeit für einen geeigneten Unterschlupf und Amerikas Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

Mit schweren Bombern rückte man dem Ort mit seinem Kulturerbe zu Leibe und noch heute warnen Schilder dringend davor, auch nur einen Fuss neben die markierten Wege zu setzen, da nach wie vor Minen und Blindgänger herumliegen. Noch heute fliegen hin und wieder friedlich grasende Kühe in die Luft, was etwas überraschend Abwechslung in der Speisekarte bringt.

Kenner bezeichnen My Son als "little Angkor", weil es der gleichen indischen Kultur entspringt und so einmalig ist. Allerdings halte ich das dann doch für etwas gewagt, denn hier fehlt es an der Dimension, die gerade Angkor Wat im nur wenige Kilometer entfernten Kambodscha so außer-gewöhnlich macht. Vieles ist zwar auch hier vom Dschungel überwuchert blieb aber für mich - auch wegen der schlechten Beschreibungen - unverständlich.

Weder ich noch einer der anderen Touris hielt es länger als eine ¾ Stunde in der Sonne aus. Bei dieser Tropenhitze, die schlimmer als jede Wüstenhitze ist (ich weiß, wovon ich rede !)flockt sogar das Blut aus.

Ein kleinwüchsiger Hund wartet brav, bis ein Japaner sein Essen geschafft hat und betätigt sich am Ende als Tellerwäscher, indem er in absolut kinoreifem Zeitlupentempo feinsäuberlich einzeln Reiskörchen für Reiskörnchen ableckt.

Mit einem uralten Willis-Jeep aus dem 2. Weltkrieg geht es gen Heimat, wo ich nicht ohne Grund erst einmal ein ausgedehntes Duschbad nehme !

Der Lonely-Planet-Reiseführer bringt mich ins "King-Restaurant" und ich kann den Geheimtip nur bestätigen: Lieber Leser ! Wer richtig guten Fisch für kleines Geld schätzt, muss sich hier einfinden !

Mi., 5.5.99
Von Hoi-An nach Natrang

Von "Miss Elli" musste ich mich verabschieden, da sich die Wege trennten. Mit einem fast nagelneuen Singh-Travel-Agency-Bus geht's heute weiter Richtung Süden ins
ca. 550 km entfernte Natrang. Der junge Fahrer ist hochkonzentriert, denn sein Chef sitzt als Co-Pilot neben ihm. Ein leichter Regenfilm macht die Fahrbahn jedoch unberechenbar. Ich merke, wie unser Bus plötzlich schlingert und schon ist der vorausfahrende Toyota um
einige Zentimeter kürzer. - Im Grunde nicht ganz so schlimm, denn das Auto hatte bereits viele Jahre auf dem Buckel - das fatale daran war nur, dass sich das ganze unmittelbar vor den Augen des ortsansässigen Polizeichefs abspielte. Da gab's dann selbstredend ein langes und wichtig- tuerisches "Ho" und "HE" und ein - für vietnamesische Verhältnisse - exorbitant hohes
Strafgeld von 100.000 Dong (ca. 85.-DM), welches sicherlich nicht in den Staatssäckel floss.

Die Regulierung des eigentlichen Unfallschadens nahm dann nochmals eine ¾ Stunde in Anspruch. Mit ausbeulen, Spachtel und Spucke ließ sich dieser 3000.- DM -Schaden in Vietnam für gerade mal 60.- DM beheben - auch die Werkstatt kann ich jedem Leser nur empfehlen !

Danach allerdings fuhr der Chef persönlich - gut so, denn unmittelbar nach der Abfahrt gab's einen handfesten Tropenregen - es goss wie aus Kübeln: Es ist weniger lustig, wenn man meterhoch beladenene alte DDR-Laster (Marke IFA) oder gar 60 Jahre alte Peugeot-Busse

bei solchen Sichtbedingungen überholen muss.

An einer Schrimps - Zuchtfarm ist Pause - ein Arbeiter bietet mir eine kleine Rundfahrt auf dem Zuchtteich im "Tung - chai", einem jener winzigen kreisrunden Korbbötchen an, die meist zum Übersetzen von der Küste zu einem Hausboot genutzt werden. Als alter Riesengarnelen - Puler (am liebsten mit kräftiger Knoblauchsoße von unserem heimatlichen Hauskoch Klaus Swietek zubereitet) wird mir ganz schummrig, als ich sehe, wie höchst großzügig und unkontrolliert antibiotikahaltige Medikamente ins Wasser geschüttet werden. Jetzt ahne ich langsam, warum ich so gut wie nie krank werde ... ?!

Nachmittags Ankunft in Natrang. Einfaches Einzelzimmer mit dem Charme eines sibirischen Straflagers für 5 US $.

Do., Fr.,Sa. 7.5. - 9.5.99: Zugfahrt nach Hanoi

Die wichtigste Aktion ist der Kauf eines Bahntickets nach Ho-Chi-Mingh-City. Die Zeit ist mir doch davongelaufen. Einem Europäer fällt es einfach schwer, sich auf die Langsamkeit in der Fremde einzustellen und gerade in diesem Punkt habe ich mir selber viel zu viel Stress auferlegt. "Hab ich doch gleich gesagt !!", flüstert meine liebe Frau Anja jetzt vor sich hin, während sie daheim diese Zeilen liesst.

Nachdem ich mein Ticket im Rucksack habe, wandele ich an der Promenade der schönen Bucht von Natrang herum. Frühmorgens ist es bereits wieder turboheiß und schwül. Ich ziehe es vor, einen Mittagsschlaf zu machen, denn mir steht eine 2 ½ Tage Nonstop-Etappe bevor. Der Zug fährt schließlich erst am späten Nachmittag los.

Für die 411 km bis Ho-Chi-Mingh-City benötigt mein Zug satte 12 Stunden. Im gesamten Zug bin ich der einzige Tourist. Ein junger Vietnamese mit passablen Englischkenntnissen neben mir verkürzt die lange Fahrt etwas. Alle Fenster sind weit aufgerissen, aber Kühlung will selbst bei voller Fahrt (ca. 50 km/h) nicht einsetzen -vielmehr hat man das Gefühl, vor einem Fön zu sitzen.

Bei jedem Bahnhofsstopp überfluten fliegende Händler den Zug. Manche armen Teufel reissen die Fenster von außen auf und sammeln mit flinken Händen den Plastikmüll zusammen, der ein paar Dong einbringt. In solchen Situationen heißt es aber auch: aufpassen. Denn meine Nikon-Kamera weist mich als reichen Exoten aus ! Ich beschließe, äußerst vorsichtig zu sein und nicht einzuschlafen, da ich schon einige "Horrormeldungen" über Zugdiebstähle vernommen habe.

Die Bahnstrecke ist eingleisig - so müssen die Züge über Telefonkontakt geführt und mit entsprechenden Wartezeiten auf Ausweichgleise gelenkt werden.

Um 1.00 Uhr nachts stehen wir auf so einem Ausweichgleis mittem im Dschungel. Das flackerig-fade Neonlicht lockt das gesamte Ungeziefer dieser Nacht an. Aus lauter Not greife ich zum "agent-orange des kleinen Mannes" - Autan und habe somit wenigstens halbwegs Ruhe vor den Stechfliegen.

Lästig sind und bleiben jedoch die walnussgrossen, massenhaft einfliegenden Riesenkäfer, die den ganzen Zug in Besitz nehmen. Manch besonders geschicktes Exemplar schreddert sich durch einen der vielen Ventilatoren an der Decke. Die ganz besonders hartgesottenen Exemplare jedoch drehen danach eine erneute Runde Richtung Schredder. Bei den echten asiatisch-typischen Kamikaze Exemplaren dauert es so 3 - 4 ventilatorbeschleunigte Anflüge, bis letztlich auch der Rumpfkörper in kleine Stücke zerlegt wurde und auf einen niederrieselt. Auch an soetwas gewöhnt man sich mit der Zeit.

Ja, ja schon klar.... spätestens an dieser Stelle werden auch die, die es mit mir stets gut meinen, ihr Unverständnis äußern oder gar über eine Erwachsenen- betreuung für mich nachdenken. Aber auch wenn es völlig verrückt klingt; manchmal sind es gerade die Grenzerfahrungen, die das Reisen interessant machen.

Und solche Geschichten bleiben jedenfalls mehr in der Erinnerung haften, als der 08/15 Strandurlaub in Domburg.

Am Hauptbahnhof von Ho-Chi-Mingh-City angelangt bieten gleich 70 Vietnamesen Ihre Fahr-Dienste an (Cyclo, Honda-Am, Taxi usw. usw.). Ich entscheide mich für letzteres, um das unendliche Gewühl von Millionen Rädern und Mopeds in Ruhe aus der sicheren Distanz noch ein letztes Mal bestaunen zu können.

Am Flughafen galt es noch einmal, 12 Stunden bis zum Abflug auszuharren. Wenn ich nur etwas mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich mich noch mal gerne in einem Hotel eingecheckt - so musste ich jedoch mit einer "Katzenwäsche" auf der Flughafentoilette vorlieb nehmen. Langsam stellt sich auch die Freude auf die Heimreise ein.

Die Wartezeit in der grossen Abfertigungshalle will nicht umgehen und so jage ich die fetten Kakerlaken, die hier und da aus den Gullis klettern und auf meinen Rucksack zumaschieren. Man muss schon kräftig 3 x zuschlagen. Ist das Mittelteil getroffen, robben Kopf und Füsse weiter. Trifft der zweite Schlag das Heck, reicht es auch noch nicht. Also muss noch ein kräftiger Schlag auf den Hinterkopf versetzt werde - voila: mein Rucksack bleibt kakerlakenfrei !

ENDLICH startet meine Maschine. Tschüss Vietnam - eine ungewöhnliche Reise geht zu Ende. Was bleibt sind interessante Erinnerungen an eine völlig andere Welt, die vielleicht noch etwas positiver ausgefallen wären, wenn ich mir nicht mit einem Guiness-Buch-verdächtigen Mammutprogramm so viel aufgehalst hätte.

Dennoch: Die wunderschönen originären Märkte, Straßenszenen mit tausenden von Fahrrädern, Ochsenkarren und altersschwachen Bussen, die herrlichen Strände und Dschungel, Hanois Altstadt, verwunschene Tempel usw. usw. -insgesamt die (nur aus Sicht eines Touristen schöne) Rückständigkeit des Landes haben ihren Reiz. Es ist, als ob man an einer Zeitreise teilnimmt. Asien so, wie man es sich etwas veklärt und verträumt vorstellt. Dazu kommt die

gute Küche und die sehr günstigen Preise.

Negativ zu Buche schlägt das permanente Gefühl, sich in einem Polizeistaat zu bewegen, was zwangsläufig dazu führt, dass Kontakte zur Bevölkerung, relativ kurz und oberflächlich sind. Schade eigentlich, denn man konnte in den wenigen Gespächen, die ich mit den Vietnamesen hatte, schon einiges dazulernen.

Über Wien geht's umringt von Aktenköfferchenträgern und Laptophaltern im Bussinesflieger nach Frankfurt. Ich mit meinem Siebentagebart und etwas glasigen Blick nach 65 Stunden Nonstop - Tour genieße absoluten Exotenstatus im Flieger.

Spätnachmittags nehme ich den Zug von Frankfurt nach Düsseldorf und sehe meine Heimat mit völlig kindlichen Augen: Alles ist so sauber ! Autos funktionieren ! Der Verkehr läuft ruhig und nach klaren Spielregeln ! Wer noch nie in der Dritten Welt war, kann diesen Effekt, der sich jedesmal auf's Neue einstellt, nicht nachvollziehen.

Lena und Anja erkennen mich am Düsseldorfer Bahnhof tatsächlich wieder und nehmen mich in Empfang. Vor der Haustür in Vorst tobt das Schützenfest und alle fragen mich nach dem wie und was. So komme ich erst nach sage und schreibe 72 Stunden Nonstop - Reise ins Bett - um viele Erfahrungen, ein tolles Abenteuer und einmalige Fotos reicher ! Sin chao Vietnam !!

Wer Spaß an diesem Reisebericht hatte, soll es mich mit einem Eintrag ins Gästebuch gerne wissen lassen. Meine letzte Südostasienreise nach Thailand, Laos und Kambodscha datiert übrigens aus 2006 und findet sich ebenfalls in diesem Portal wieder.

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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 23.04.1999
Dauer: 17 Tage
Heimkehr: 09.05.1999
Reiseziele: Vietnam
Der Autor
 
Michael Derendorf berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.