"Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"

Reisezeit: Januar 2008  |  von Michael Derendorf

Zwischen Volksaufstand und Todeszyklon

"Am nächsten Tag wurden alle abgeholt, mehr wissen wir nicht", flüstert Thet. Ich bohre nach, will erfahren, was mit den Mönchen passierte, die ihren gesamten Lebensvorrat an Mut aufzehrten, als sie im September 2007 in der Provinzstadt Pathein auf die Straße gingen und friedlich für Gerechtigkeit in ihrem geschundenen Land demonstrierten. Auslöser der Unruhen, die sich nach und nach zu Massenprotesten entwickelten, waren drastische Erhöhungen der staatlich verordneten Lebensmittel- und Energiepreise. Seit Jahren lebt die Bevölkerung von der Hand in den Mund. Viele konnten und wollten die Willkürentscheidungen der verhassten Militärjunta nicht mehr widerspruchslos hinnehmen.

Obwohl wir uns auf einem Feldweg befinden, schaut sich Thet noch einmal um. Zuträgerohren, Spitzelaugen und Mietdenunzianten gibt es in Myanmar zur Genüge, und mein Begleiter hat nicht das geringste Interesse, das Los mit den Verhafteten zu teilen. "Es war nur eine Handvoll Mönche, die mit einem Transparent durch Pathein zogen. Sie wurden irgendwohin verschleppt", sagt Thet, "und ein öffentliches Verfahren gibt es nicht. Wir können nur beten und hoffen, dass wir sie jemals wiedersehen."

Da Thet zwei der Verhafteten kannte, fällt es ihm sichtlich schwer, hierüber zu reden. Wie jeder Burmese wurde er von Kindesbeinen an darauf getrimmt, sich nicht durch unbedachte Äußerungen selbst zu gefährden. Wer ins Visier der paranoiden Militärjunta gerät, hat nichts zu lachen. Sie beherrscht das Land seit 1962 und reagiert auf jede Form von Kritik mit drakonischen Strafen. Angst ist in Burma ein ständiger Begleiter.

Meine Neugier ist längst nicht befriedigt, dennoch lasse ich es dabei bewenden. Thets Sorgenfalten sind groß wie die von Atlas, der die Last des ganzen Globusses zu schultern hat. "Wer so reisen kann wie Du, hat viel Glück", sagt Thet. "Du kannst in jedes Land hinein, aber ich komme aus diesem Land niemals heraus." Ich widerspreche nicht.

Unsere Begegnung hat etwas Vertrautes, wie das Treffen mit einem langjährigen Freund. Beim Abschied schenkt mir Thet das burmatypische 35-Zentimeter-Breitformatlächeln und grinst mit Zähnen, die mindestens doppelt so alt sind wie er. Jenseits der faszinierend mystischen Anmut von Land und Leuten sollte dies nicht die einzige Begegnung im Verlaufe meiner Reise sein, in der mir die verheerende Menschenrechtssituation dieser Nation bewusst wird.

Das anheimelnd sympathische Pathein liegt 180 Kilometer westlich von Rangun, im gigantischen Mündungsdelta des Ayeyarwady-Flusses. Niemand ahnt, dass hier drei Monate später der Todeszyklon Nargis toben, mehr als 150.000 Menschenleben fordern, über eine Million Menschen zu Obdachlosen machen und dem bitterarmen Myanmar den nächsten schweren Schicksalsschlag verpassen wird.

Rückblick: Nur wenige Tage vor Beginn der Unruhen sitze ich unschlüssig am heimischen PC. Die Entscheidung zwischen den Reisealternativen Alltag oder Abenteuer, 1. oder 3. Welt, 08/15 oder 007 liegt nur 8 ½ cm vom rechten kleinen Finger entfernt. Soll ich ... oder soll ich nicht? Ein kurzes Fingerzucken beendet den inneren Disput. Sekundenbruchteile nach Betätigung der Entertaste flattert die Flugbestätigung über den Monitor. Meine siebte Südostasientour soll im Januar 2008 beginnen. (...)

Warum ausgerechnet Myanmar? Das Land bietet eine Vielzahl von Zutaten, die eine außergewöhnliche Reise versprechen. Abseits des touristischen Mainstreams gelegen, lockt es mit exotischen Bildern, einmaligen Sehenswürdigkeiten, traumhaften Landschaften und einer sinnlichen Rückständigkeit, die es in dieser Ausprägung kein zweites Mal gibt. Die Diktatur Myanmar verweigert sich nahezu komplett dem Diktat der Moderne. So begibt sich jeder Besucher auf eine Zeitreise, die ihn oftmals um 20, 50 oder 100 Jahre zurückversetzt.

Im September 2007 spitzt sich jedoch die innenpolitische Lage dramatisch zu. Die Ereignisse überschlagen sich. Die Junta lässt die friedlichen Proteste mit Waffengewalt niederschlagen, auf unbewaffnete Bürger und betende Mönche schießen. Myanmar steht an der Schwelle zum Bürgerkrieg. Von zahlreichen Toten, einer Verhaftungswelle, Zensur und Repressalien ist die Rede. Die Regierung nimmt quasi ihr gesamtes 54-Millionen-Volk in Geiselhaft. Ist dies der richtige Zeitpunkt für eine private Rucksackreise nach Burma?

(...) Es folgen Anfragen beim Auswärtigen Amt und Recherchen im Internet. Erst eine Unterhaltung mit einem im Land lebenden deutschen Journalisten veranlasst mich, den Flug nicht zu stornieren. Er versichert mir, dass ich mich nicht sorgen müsse: "Burmesen betrachten die politischen Probleme als rein interne Angelegenheit und behandeln Touristen wie ihre Gäste."

Alea iacta est! Ich werde Myanmar bereisen, und ich werde meine Eindrücke vom Leben unter der Knute des Militärs zu Papier bringen. Freilich mache ich mir nichts vor: Bei einem Zeitbudget von gerade mal siebzehn Tagen wird meine Reise nicht mehr als eine flüchtige Begegnung, meine Erzählungen nichts anderes als bloße Momentaufnahmen bleiben.

Link zum Autor mit Info zum Buch und Onlinebestelloption unter www.rucksackreisen-derendorf.de.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Auszüge aus dem Buch "Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"
Details:
Aufbruch: 01.01.2008
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 31.01.2008
Reiseziele: Myanmar
Der Autor
 
Michael Derendorf berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.