"Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"

Reisezeit: Januar 2008  |  von Michael Derendorf

Gute Mi(e)ne zum bösen Spiel

...Mister Oh, ein Japaner auf Reisen, und ich sind die einzigen Farangs, Ausländer, am Busbahnhof. Als wir sie vor einem altersschwachen Bus fotografieren, entbrennt eine heiße Diskussion mit einem dienstbeflissenen Uniformierten. Eigentlich imponieren mir Uniformen. Gerade auf Schützenumzügen stellt man immer wieder fest, dass sie jedem ihrer Träger eine Aura des Wichtigen verleihen. Also lausche ich gespannt, was das Männchen, welches in ihr steckt, zu vermelden hat. Es stuft Fotos von Bussen in den Bereich Landesverrat ein. Immerhin biete ich ihm noch eine Beruhigungsmarlboro an. Als öffentlich Bedienstete sind wir ja schließlich so etwas wie Berufskollegen.

Oh zeigt ihm die unverfängliche Aufnahme im Kameradisplay. Dennoch lamentiert es gnadenlos weiter. Gibt es in Burma etwa auch ein Grundrecht auf Blödheit? (...)

Bauchladenhändler, meist Kinder oder Frauen, bieten allerlei Nützliches und noch mehr Kurioses an. Ich probiere einen Betelpriem. Die Betelnuss wird mit diversen Zutaten bestrichen, in Blätter gewickelt und in die Backentasche geschoben. Sie ruft extremen Speichelfluss und purpurrote Zähne hervor. Ein aparter Zeitvertreib, den ich umgehend ausprobiere. Doch wohin nur mit all dem massenhaft einschießenden Sabber? Bewohner aller Trockengebiete und Wüsten: Kauft Betel! Die einheimischen Kauprofis entsorgen ihren überschüssigen Speichel wie Lamas im hohen Bogen auf dem Trottoir. In Myanmar findet sich kaum ein Quadratmeter, der nicht mit purpurroten Spuckflecken versehen ist. Komisches Hobby!..

...Ich nehme in einem der vielen Restaurants Platz. Da mir burmesische Speisekarten nicht wirklich weiterhelfen, schaue ich in die Kochtöpfe, bestelle einmal Braun, einmal Grün. Wiederum kein unbedingter Treffer. Währenddessen studiere ich den Reiseführer.

Bagan liegt etwa in der geografischen Mitte des Landes in einer von Mittelgebirgen umgebenen Ebene. Die Stadt grenzt an den Ayeyarwady und ist per Schiff, Bahn, Bus oder Flugzeug erreichbar. Mit vierzig Quadratkilometern ist sie eine der größten Pagoden- und Ruinenfelder der Welt. Bagans Blütezeit liegt zwischen 1044 und 1312. Im Verlaufe der Jahrhunderte wurde die Tempelstadt jedoch wiederholt Opfer von Kriegen und Erdbeben. Von einst 5.000 Tempeln ist heute knapp die Hälfte erhalten. Obwohl Bagan es locker mit architektonischen Highlights wie Angkor Wat in Kambodscha oder den Pyramiden von Gizeh aufnehmen kann, ist es vielen Europäern gänzlich unbekannt.

Lautes Hupen unterbricht mein Studium. Der Baganbus ist abfahrtbereit. Wenn eines in der Dritten Welt funktioniert, sind es Autohupen. Ach was! Hörner, Fanfaren! Mindestens 130 Dezibel laut und mit Dreiklangton... Die Sechzehnstunden-Bagan-Mammutfahrt beginnt...

(...) Mangels Ersatzteilen kann sich kein Burmese Fahrzeugschäden erlauben, aber bei diesen Straßenverhältnissen sind Achsbrüche und Reifenpannen nicht ungewöhnlich. Eins habe ich mir geschworen: Bei einer Reifenpanne werde ich keinen Finger krumm machen. Das hat seinen guten Grund, denn vor Jahren habe ich einmal in Ägypten an einer organisierten Wüstensafari teilgenommen, um ein paar Beduinen "Guten Tag" zu sagen. Bei brütender Hitze cruisten wir per Jeep Richtung Libysche Wüste über eine Piste, die kaum auszumachen war.

Auf halber Strecke verabschiedete sich der rechte Hinterreifen von seiner Felge. Ich kletterte aufs Fahrzeugdach und warf den Ersatzreifen herunter. Unglücklicherweise hüpfte der im abschüssigen Gelände rund 100 Meter weit weg.

Hilfsbereit trottete ich hinterher, bis ein gellender Ruf des Tourguides ertönte: "Stop! Stop immediately! This side very dangerous! MINES!!! You know! Last war against Israel!" WIE BITTE!? Tatsächlich hatte ich am Pistenrand verstreut Schilder gesehen, die ausgebleichten Warnungen jedoch im Vorbeifahren nicht deuten können.

Na, toll! Da stand ich nun: fünfundvierzig Grad im Schatten auf einem Wüstenplateau ohne Schatten. Gefühlte siebzig Grad. Mitten in der Sahara. Und möglicherweise mitten in einem Minenfeld. Ich überlegte. Irgendwie hänge ich an meinen Gliedmaßen. Und sie umgekehrt auch an mir. Und das sollte verdammt noch mal so bleiben!

Nur sechs Meter, vier elend weite Schritte von mir entfernt, lag der Reifen. Obwohl Muslimen ein unbändiger Hang zum Märtyrertum nachgesagt wird, war kein Freiwilliger in Sicht. Eine gemütliche Bar, die mir das Überleben in diesem staubtrockenen Winkel der Sahara garantiert hätte, war ebenfalls nicht in Griffweite. Erst da verstand ich das Kalkül meines radebrechenden Tourguides. Hätte er das Minenproblem früher angesprochen - wir säßen noch heute lamentierend oder Stöckchen ziehend im Jeep. Purer Respekt bewegte ihn, mir die Hiobsbotschaft mitzuteilen. Einen so hilfsbereiten Kunden wie mich wollte er schließlich nicht dumm sterben lassen!

Das Ganze förderte meine Adrenalinausschüttung und war etwas für gestandene MMs. Ich beschloss, dass es hier - Insch `Allah - gar keine Minen gibt, vergrub die Zeigefinger so tief wie möglich in meinen Ohren und machte mich ganz leicht. Wenn es einen Scheißspruch gibt, schoss es mir durch den Kopf, dann diesen: "Ein kleiner Schritt für mich, ein großer für die Menschheit." In Zeitlupentempo setzte ich meine Füße Schritt für Schritt exakt auf die Stellen, die der hopsende Reifen zuvor in den Wüstensand zeichnete. Kaum zu glauben, wie gazellenhaft und geschmeidig man sich in solchen Situationen bewegen kann! Gute Mi(e)ne zum bösen Spiel.

Der Rest der Geschichte liegt auf der Hand: Sowohl Reifen als auch sein Überbringer haben den Todeseinsatz überlebt. Den Mitreisenden war meine Heldentat übrigens schnurzpiepegal. Kein einziges Wort des Dankes. Es folgte lediglich ein geringschätziger Blick auf die Uhr. "Hauptsache weiterkommen!", dachten sie, um baldmöglichst die versprochenen gefakten Beduinen in einem beknackten Wüstenzelt bei ungenießbar übersüßtem Tee anzutreffen. Da es für die überfällige Schlägerei viel zu heiß war, ließ ich es großzügigerweise dabei bewenden.

Hier, auf dem Mammuttrip nach Bagan, bringen diverse Militär-Checkpoints etwas Abwechslung: mal mit Aussteigen und Passvorlage, mal mit Passvorlage ohne Aussteigen, mal mit nur blöd Gucken (eine meiner leichtesten Übungen!), mal mit militärischen "where-from"-Fragen: "Germany, aaah! Ballack, yes! Klinsmann, very good!" Ich hätte nie geglaubt, dass es in Burma so witzige Folterknechte gibt...

On the road...

On the road...

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Auszüge aus dem Buch "Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"
Details:
Aufbruch: 01.01.2008
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 31.01.2008
Reiseziele: Myanmar
Der Autor
 
Michael Derendorf berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.