"Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"

Reisezeit: Januar 2008  |  von Michael Derendorf

Funny Frogblowing

Blick aus dem Fenster

Blick aus dem Fenster

Aufwachen in einer fremden Stadt heißt: Gefühle sortieren. Neugier und Unschlüssigkeit, Tatendrang und Unsicherheit wechseln sich im Sekundentakt ab. Irgendwann wird Rucksackreisen zur Sucht, zur legalen Droge, die - anders als andere Suchtmittel - aufbaut. Sich ständig auf neue Situationen einstellen zu müssen, um dann festzustellen, dieser Herausforderung durchaus gewachsen zu sein, macht nicht nur Spaß, sondern schärft den Verstand, schult die Sinne. Ich könnte mir jedenfalls nicht vorstellen, eines Tages dem Bürgermeister von Bad Salzuflen zu begegnen, um von ihm die goldene Jubiläums-Ehrennadel für den 25. Besuch seines Kurortes in Empfang zu nehmen.

...Noch vor dem Frühstück wage ich einen Blick auf das Treiben vor dem Hotel. Unten wartet ein Taxifahrer, der, wie ich bald erfahren werde, hier "bereits seit zwölf Jahren steht, um Touristen abzufangen." Zehn Meter weiter: ein Rikschafahrer, der, wie er erklärt, "auf geizige Backpacker hofft." Dazu gesellt sich ein fahrbarer Hund-Katze-Maus-Kiosk, der "das Sortiment eines kompletten Supermarktes auf einem Quadratmeter Fläche vereint." Ein Schuhputzer, der "an den Tausenden Flip-Flop-Trägern, die hier tagtäglich achtlos vorbeigehen, schier verzweifelt." Ein Maronenverkäufer, der "die Hälfte der Nüsse aus lauter Langeweile selbst verzehrt." Und ein Uhrmacher, der "batteriebetriebene Quarzuhren für modernes Teufelszeug" hält. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Die sechs Ich-AG-Betreiber werden mich die kommenden Tage regelmäßig mit einem freundlichen "Mingalabar!" (Guten Tag) begrüßen.

Dazwischen drängeln sich Eselskarren, altersschwache Toyotas und überladene Laster. Mein besonderes Augenmerk gilt den bildschönen Omnibussen aus der britischen Kolonialzeit. Sechzig Jahre und älter...

...Es zieht mich nach draußen... Der Rikschafahrer ist irritiert, als ich ihn bitte, hinten Platz zu nehmen. Nach wenigen Pedaltritten stelle ich entsetzt fest, dass Rikschafahren ein Höllenjob ist. Die Fuhre sperrt sich vehement gegen jeden Lenkversuch, mangels Schaltung werden selbst kleinste Steigungen zur Qual, und die Bremsen sind reine Dekoration. Nach einem Kilometer liest der Vorderreifen einen rostigen Nagel von der Fahrbahn.

Eine aufmerksame Passantin weist auf die gegenüberliegende Seite. Des einen Leid ist des anderen Freud. Hinter jeder großen Kreuzung warten Pit-Stop-Dienste sehnsüchtig auf lädierte Schläuche. 200 Kyats kostet der Boxenstopp in der fliegenden Werkstatt, die aus einer Waschschüssel, einer Pumpe und einem Satz Flicken besteht. "Acht Reifenreparaturen pro Tag garantieren mein Überleben", erklärt mir der alleinstehende Monteur. Zehn Minuten später endet die Fahrt am Zegyo-Markt.

Außergewöhnliches bietet ein Stand mit Naga-Fetisch. "Das Naga-Volk lebt weit abgeschieden im bergigen Nordwesten Burmas und pflegt eine völlig eigenständige, von Geisterglauben und Schamanentum geprägte Kultur", erfahre ich, obwohl ich die Souvenirs dankend ablehne. "Sorry, aber mit Hörnern versehene Affenschädel, filigran geschnitzte Tierknochen oder federgeschmückte Totenmasken harmonieren einfach nicht mit meiner Wohnzimmereinrichtung und würden nur deutsche Zöllner auf den Plan rufen."

Der Verkäufer lässt sich nicht entmutigen und fährt mit dem Heimatkundeunterricht fort: "Die ethnische Vielfalt und die besondere Topografie sind das touristische Faustpfand Burmas. Mein Land verfügt über 2.000 Kilometer unberührte Küsten, über Hunderte kaum bewohnte Inseln, über Mittel- und Hochgebirge am Rand des Himalajas, über fruchtbare Tiefebenen und zahlreiche Flüsse". Während ich das ungewöhnliche Naga-Handwerk betrachte, entwickelt sich ein belangloses Gespräch mit einem Mann namens Saw, der sich mir als vierundvierzigjähriger arbeitsloser Buchhalter vorstellt. Er bietet mir an, mich gegen einen kleinen Obolus durch Mandalay zu führen...

...Saw erweist sich als Buchungstreffer. Er ist höflich und aufmerksam. Sofort erkennt er meine Vorliebe für asiatische Märkte und schlägt den Besuch des naheliegenden offenen Kaingdang-Marktes vor: "Alles, was den Weg in burmesische Kochtöpfe und Mägen findet, wird hier angeboten: tolles Obst und Gemüse, geröstete Heuschrecken, Hirn, frisch zerlegte Frösche, Pansen, getrocknete Fische, tranchierte Ratten, gegrillte Hühnerfüße, süßsauer eingelegte Schweinehoden usw." Zu Hause habe ich mir vorgenommen, alles durchzuprobieren. Sozusagen mein persönlicher Dschungeltest. Zu Hause! Jetzt bin ich aber hier! So bleiben mir diese Kulinaritäten vorenthalten.

Auch auf diesem Markt fällt der herzlose Umgang mit Tieren auf. Da es an Kühlmöglichkeiten mangelt, handeln die Metzger nach dem Motto: Was früher stirbt, ist länger tot. So wird alles daran gesetzt, den Eintritt des Ablebens und der Verwesung so lange wie irgend möglich hinauszuzögern. Gelegentlich werden Schweine lebendig verschnürt und stundenlang rücklings auf dem Mopedsitz geparkt, bis sich ein Käufer erbarmt. Frösche werden vor den Augen ihrer Verwandtschaft gehäutet, Schildkröten bei lebendigem Leibe aufgeknackt, Insekten - ach: eigentlich alles - lebend gegrillt. Andere Länder, andere Sitten.

Tiere sind nichts anderes als Proteinlieferanten. Angesichts der harten Lebensbedingungen, unter denen die Menschen leiden, verkneife ich mir Grundsatzdiskussionen zum Thema Tierschutz. Vielleicht waren meine Eltern unmittelbar nach dem Krieg auch derart herzlos im Umgang mit Tieren und haben es mir nur nicht alles im Detail erzählt, damit ich besser einschlafen konnte.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich jedenfalls, wie mein Vater in einem Anfall später Einsicht einmal gestand, als Jüngling mit seinen Freunden bei aufkeimender Langeweile "Fröscheaufblasen" gespielt zu haben. Das ging so: "Frosch fangen, Strohhalm rein, den kleinen Kerl auf stattliche Größe aufblasen und sich platt lachen, wie seine Augen mit jedem Atemzug aufglubschen und wie unbeholfen er danach wegkullert." Als ich Saw von den Jugendsünden meines Vaters berichte, lacht er: "Yes, funny frogblowing", lustiges Fröscheaufblasen, "- das haben wir früher auch öfter gespielt." Na, klasse!...

Mein Rikschafahrer

Mein Rikschafahrer

Du bist hier : Startseite Asien Myanmar Funny Frogblowing
Die Reise
 
Worum geht's?:
Auszüge aus dem Buch "Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"
Details:
Aufbruch: 01.01.2008
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 31.01.2008
Reiseziele: Myanmar
Der Autor
 
Michael Derendorf berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.