"Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"

Reisezeit: Januar 2008  |  von Michael Derendorf

Jahr der Ratte

Fremde Gesichter mit Thanaka-make-up

Fremde Gesichter mit Thanaka-make-up

...Kurz vor der Ankunft in Pathein spukt und hustet der Motor... und zwingt zu einer unfreiwilligen Pause in einem kleinen Dorf. Ein Dorfbewohner stellt sich mir vor und führt mich herum. "Auf den Feldern sind Kobras, Vipern und andere giftige Schlangen zu Hause", erklärt der Mann namens Thet und schaut sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand mithört. Das laute, elektronisch-schrill klingende Zirpen tausender Zikaden gewährt ihm Schutz. "Die beste Strafe für die Militärs wäre, wenn man sie genau hier aussetzen würde. Auf einem kleinen malariaverseuchtem Reisfeld. Ohne Hilfe und ohne Außenkontakte." Mir persönlich erscheint diese Variante viel zu harmlos, aber ich will Thet nicht unterbrechen.

(...)

Thet hilft auf dem Feld aus, weil er angesichts der Wirtschaftskrise keine auskömmliche Arbeit in der Stadt fand. "Michael, hast du von den Unruhen im September gehört?", flüstert er. Ich nicke. Thet berichtet von Verhaftungen im nahen Pathein und von der panischen Angst der Bevölkerung vor der Armee. "Michael, wie muss es um ein Land stehen, wenn es Kinder ihren Eltern entreißt, um sie anschließend als bewaffnete Soldaten auf die eigene Bevölkerung zu hetzen?"

Die brutale Niederschlagung des Volksaufstandes vor wenigen Wochen hat bei Thet tiefe Spuren hinterlassen. Mein Gesprächspartner ist erkennbar traumatisiert, entwurzelt, und therapiebedürftig, so wie viele Burmesen. Ihre Entrechtung ist unübersehbar. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl in meiner Rolle des zur Untätigkeit verdammten Beobachters und versuche, ihn zu trösten. "Informationen über die Menschenrechtsverletzungen dringen durchaus nach außen. Vermutlich mischt sich der Westen nicht ein, weil er die Konfrontation mit dem großen Bruder China scheut. Ich hoffe, dass sich das bald ändert." "Das hoffe ich auch, glaube mir, Michael, ich sehne es geradezu herbei", antwortet Thet. Ein Motor heult laut auf. Der Busfahrer hupt mehrfach. Ich verabschiede mich von ihm, indem ich seine Hand innig drücke und ihm alles Gute wünsche. "Sag allen Leuten <Go Burma>. Die Welt muss wissen, was hier passiert", ruft mir Thet als Lebewohl hinterher.

Die Begegnung lässt mich nicht los. Ist es legitim, eine Diktatur im touristischen Schnelldurchgang zu besichtigen? Oder soll man von Myanmarreisen absehen und dem totalen Boykott das Wort reden? Ich habe mich für die Reise entschieden und spüre, dass die Menschen es begrüßen. Sie brauchen Zuspruch und das Gefühl, vom Rest der Welt nicht völlig vergessen zu werden. So betrachte ich mich als Sandkorn im Getriebe der Diktatur, erfülle eine kleine Mission und avanciere zum Botschafter einer guten Sache. Mit jedem Fremden im Reich des Despoten breitet sich das Virus der Freiheit aus...

Link zum Autor mit Info zum Buch und Onlinebestelloption unter www.rucksackreisen-derendorf.de.

Lebendtransport

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Auszüge aus dem Buch "Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"
Details:
Aufbruch: 01.01.2008
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 31.01.2008
Reiseziele: Myanmar
Der Autor
 
Michael Derendorf berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.