Gefangen in China - 3.600km Passbeschaffungsodysse nach einem Taschendiebstahl

Reisezeit: Dezember 2012 - Januar 2013  |  von Michael Derendorf

Nein, dies ist ausnahmsweise mal KEIN klassischer Reisebericht, sondern eine KURZREPORTAGE über meine Erlebnisse nach einem Taschendiebstahl im fernen China. Viel Spaß beim Lesen und bitte: nicht alles zu ernst nehmen!

Gefangen in China

Der Krefelder Autor Michael Derendorf berichtet von einer 12-tägigen Passbeschaffungsodysee nach einem Taschendiebstahl in China

Hätte ich nur auf Oma gehört: "Pass und Reisekasse werden im Unterrock eingenäht. Basta!" Niemand konnte unbemerkt Omas Fort Knox erkunden. Ich glaubte, es besser zu wissen. Mein Fort Knox auf meiner Reise durch Chinas grüne Provinz Yunnan hieß Jackeninnentasche. Wieder einmal war ich auf der Suche nach neuen Geschichten vom Mekong. Dumm nur, dass mein Körper im ungeheizten Bus bei minus drei Grad (auf diesem Breitengrad außergewöhnlich niedrig) auf den Energiesparmodus "Nickerchen" umschaltete. So wechselten Reisepass, meine gesamte chinesische Barschaft (600 €) sowie Kreditkarte zu Sylvester 2012 den Besitzer - und zwar ohne mein Einverständnis!

Mit dem Verlust meines Passes, der Kreditkarte und des Geldes war meine Reiseplanung Geschichte. Stattdessen: 3600 Kilometer Pass- und Visarennen mit zig Behördengängen.

China ist groß, um genau zu sein: 26 mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Und ich befand mich auf dem Land. Internet, Telefon, Bank oder des Englischen kundige Chinesen? Weit weit weg. Und kein einziger Reisbauer wollte Euro gegen Yuan wechseln. Zittern - vor Kälte und vor Wut über mein Ungeschick.

Glück im Unglück: Ein Kölner Pärchen stolpert mir entgegen - ausgestattet mit Handy und Devisen. Kölle Alaaf! Sie ermöglichten mir die Sperrung der Kreditkarte und statteten mich großzügig mit einem Notbudget aus. 1000 Dank!

Eine 12-tägige Odysee begann. Erste Station: Diebstahlanzeige mit freundlichem Kopfschütteln und rekordverdächtigen 21 Fingerabdrücken. Mein verzweifelter Versuch, den Pass mittels Aushang und Zettelaktion am Busbahnhof wiederzuerlangen zeigte Wirkung: mitfühlende Dorfbewohner spendeten mir zwei warme Mahlzeiten. Für sie war es unschwer, den bestohlenen Deppen auszumachen, schließlich war ich der einzige Falang (Ausländer) am Ort. Fette Neujahrsparty beim Dieb, genervter Jahresausklang bei mir.

Meine Reiseversicherung bat ich, 800 € beim deutschen Konsulat im fernen Chengdu zu hinterlegen - dort würde ich nach der langen Anreise über Land binnen fünf Tagen aufschlagen. Mangels Pass war ein Flug ja unmöglich. Die Versicherung bestätigte mein Anliegen zeitnah zu bearbeiten.

Identitätsfeststellung auf der Provinzpolizeistation. Sprachbarriere höher als die chinesische Mauer. Hin und her. Dolmetscher - Polizei - Dolmetscher. Fahrten in diversen Streifenwagen. Inklusive Blaulicht und Martinshorn. VW Santana, VW Passat, VW Golf. Autos made in Germany. Willkommen zu Hause!

Auf der ganztägigen Zugfahrt Richtung Pass folgte das nächste Desaster: meine geliebte Spiegelreflexkamera verliert das Duell "Körper oder Gepäck?" auf der 66 cm breiten Liege. Beleidigt beging sie einen 2-Meter-Sturzflug-Suizid aus der dritten Schlafwagenetage.
Ankunft in der Boomtown Chengdu. 10 Millionen Einwohner. Viel Verkehr und noch mehr Smog. Sonnenbrillenfreie Zone - ganzjährig. Die drei Stunden Wartezeit im deutschen Konsulat nutzte ich zur ausgiebigen Besichtigung der wohl einzigen keimfreien Toilette im Riesenreich China. Bevor ich das Konsulat nach Erhalt des Ersatzpasses verließ, bat ich um Aushändigung der besagten 800 €. "Tut mir leid", antwortete der Konsul achselzuckend, "die Versicherung hat uns nicht kontaktiert." Mich auch nicht! Liebe Coburger Versicherung: so viel Unservice wird ein Nachspiel haben. Gang zum chinesischen Ordnungsamt, das die nächste Hiobsbotschaft bereithält: "Die Visaerteilung erfolgt in fünf Tagen." Das bedeutete für mich: Weiterfrieren im Kühlschrank China.

Warme Kleidung kaufen? Bei dem verbliebenen Budget zu riskant. Deshalb: Wärme erzittern - 24 Stunden lang. Heizungen gelten in China als Luxus für Weicheier.

Positiver Nebeneffekt: binnen dieser Tage des Grauens verließen mich sagenhafte vier Kilo Bauchspeck. Wenige Stunden nach Erhalt des Visums saß ich bereits im Flieger ins warme Laos. Gefangen in China? Nun, für kurze Zeit empfand ich es so. Doch ich will fair bleiben: 99 Prozent meiner Reisen verlaufen problemlos und alle Chinesen behandelten mich respektvoll - bis auf einem. Beim Sonnenuntergang am Mekong schließe ich Frieden mit dem Dieb. Sicher kommt die Beute seinen zahlreichen Kindern zu Gute. Und aus Erfahrung wird man bekanntlich klug: Künftig werde ich Omas Rat befolgen und mit Unterrock reisen - Ehrenwort!


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....Weitere Abenteuergeschichten von mir finden sie in diesem Portal. Gerne verweise ich auch auf mein Buch "Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel", dass weitere spannende Anekdoten aus Myanmar und vorausgegangene Reisen bereithält.

AUTORENWEBSITE www.Rucksackreisen-Derendorf.de

Viel Spaß beim Lesen!

Ihr/Euer umdiewelt-Fan und Buchautor
Michael Derendorf

Ebenso verzweifelter wie fruchtloser Versuch zur Wiedererlangung des Passes - Aushang am Busbahnhof

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Freundliche Helfer beim Zettelverteilen

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Mehr spannende Geschichten gefällig? Tipp: "Go Burma (Myanmar) - Rucksackreise durch ein geschundenes Juwel"

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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 28.12.2012
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 25.01.2013
Reiseziele: China
Der Autor
 
Michael Derendorf berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.