Mit dem Wohnmobil nach Georgien

Reisezeit: Mai / Juni 2016  |  von B. & F. S.

Kirchen, Klöster und der ewige Diktator


Dienstag 24.5.: ქუთაისი(Kutaisi) Georgien
Es regnet in Nieseldichte.
Heute morgen treffen wir uns um 9.°° Uhr mit Nana vor ihrem Haus, um hier in der Stadt Kutaisi einiges anzuschauen. Zuerst besichtigen wir die Bagrati-Kathedrale auf einem Hügel oberhalb des Flusses. Nana fragt, ob ich ein Kopftuch dabei habe. Klar, habe ich, bin vorbereitet. Draußen vor der Kirche erklärt sie uns einiges über die Menschen, Geschichte, Glaubensrichtung. Dann gehen wir hinein. Drin probt ein sehr gut klingender Männerchor gregorianische Gesänge. Wir kaufen eine CD. Die Kathedrale war zerstört, hatte über 300 Jahre kein Dach. Sie war von den Seldschuken gesprengt worden. Gottesdienste wurden dennoch hier immer abgehalten. Die Leute hier in Georgien gehen oft in die Kirche, das hat in den letzten Jahren sogar sehr zugenommen. Die Kathedrale stammt aus dem Jahr 1003 und wurde vor ca. 10 Jahren wieder aufgebaut. Von den Fresken ist leider kaum etwas erhalten. So steht diese sanierte Kathedrale ohne Wandmalereien in ihrer Schlichtheit und ist allein durch ihre Bauweise mächtig und schön. Wir schauen uns auch außen noch um. Der Blick von hier oben ist wegen des schlechten Wetters heute sehr eingeschränkt. Danach machen wir einen großen Stadtrundgang durch Kutaisis Innenstadt, und fahren weiter zum Kloster und Akademie Gelati vor den Toren der Stadt.

König David der Erbauer hat es 1106 – 1125 errichten lassen und Gelehrte aus Konstantinopel und der damals bekannten Welt hierher geholt. Hier sehen wir auch einige Touris (aus Israel und ein italienisches Womo, das dritte einschließlich uns bis jetzt auf unserer Georgienreise). Im näheren Umfeld sind noch drei weitere Kirchen und verschiedene archäologische Ausgrabungen zu sehen. In der Hauptkirche betrachten wir gut erhaltene Fresken aus verschiedenen Jahrhunderten. Sie leuchten in kräftigen Farben. Im Alten Eingangstorbogen zum Klosterhof stehen wir vor der Grabplatte König Davids, sie ist mitten im Weg eingelassen. Er wollte, dass man ihn als einen König sieht, der nicht von oben herab regiert, sondern als einen, der zum Volk steht, als einer unter Gleichen. Deshalb sollte jeder über sein Grab laufen. Danach fahren wir wieder in die Innenstadt und Nana zeigt uns den Basar. Auf dem Weg vom Auto dorthin sehen wir, dass hier Straßen und Wege aufwendig mit Granitsteinen neu gebaut werden. Im Moment laufen wir allerdings auf Schotter und Matsch, alles ist aufgegraben.

Auf dem Basar gibt es alles. Gewürze, Obst, Gemüse, frisch geschlachtetes Getier im Ganzen und typisch georgischen Käse. Wir kaufen etwas davon und nehmen noch frische Kartoffeln und Bohnen mit. Nana führt uns in ein Restaurant, wo wir Tee trinken und eine georgische Käsepizza, Salat und später etwas Obst essen. Alles schmeckt sehr gut. Wir sitzen sehr lange und reden über vieles: Es geht um hier lebende Volksgruppen, die friedlich miteinander leben. Nocheinmal um den Abchasienkonflikt und den Südossetienkrieg. Um Einkommen (Ø 300 Lari) Rente (150 Lari Einheitsrente) Schulbildung, Kosten für Gesundheitswesen (muß jeder selbst aufbringen) und vieles mehr.
Wir laufen wieder durch die Stadt und kaufen Postkarten und Briefmarken. Gegen 17°° Uhr verabschieden wir uns für heute von Nana. Ich werde die Postkarten schreiben und muß noch Reisetagebuch vervollständigen.

Mittwoch, 25.5.: ქუთაისი(Kutaisi) - გორი(Gori) - უფლისციხე(Uplistsikhe) - ქუთაისი(Kutaisi) Georgien
Heute starten wir so um 8.30 Uhr. Es ist herrlich sonniges Wetter. Vorn an der Ecke steigt wieder Nana zu. Frank hat zu Hause im Internet ein Foto gesehen: Ein kleines Haus, vollkommen unzugänglich auf einer hohen einzeln stehenden Felsnadel. Er möchte dort hin. Es war aber in keinem Reiseführer zu finden. Nana weiß sofort wovon er redet. Wir fahren ca. anderthalb Stunden, zwischendurch auch mal über eine dermaßen schlechte Straße, dass wir dort mit den Rädern ganz vorsichtig die Tiefe der Wasserlöcher ertasten müssen.

Khatski Pillar ist ein Eremitenkloster und ist nur über in den Fels geschlagene Steigeisen erreichbar. Hier wohnt ein Mönch, der aller Zivilisation entsagt hat. Er empfängt auch keinen Besuch, er lebt nur noch mit Gott und sich alleine. Er soll jetzt so um die 70 Jahre alt sein. Wir parken auf einer Waldlichtung und machen ein paar sehr schöne Fotos vom Ein-Mann-Kloster. Dann fahren wir weiter in Richtung Gori, um uns das Stalinmuseum anzusehen. Wieder an dem schlechten Straßenstück angelangt, sehen wir einen Geländewagen schräg über dem Straßenrand hängen, zwei Räder in der Luft. Ein LKW hat schon gehalten und hängt ein langes Seil an.

Später sehen wir in einem Dorf am Straßenrand unendlich lange Stände mit Tongeschirr und Amphoren in allen Größen. Im nächsten Dorf folgen Holz- und Korberzeugnisse, danach Seilerwaren, wie Hängematten und Hängesessel. Dann Stände mit Gemüse und Obst: Kirschen, Erdbeeren, Pfirsiche, Äpfel, so weit das Auge reicht. Oft sind die Kirschen zu einem Zopf geflochten. Wir probieren noch ein nur hier in der Gegend hergestelltes Brot.
Nana fragt noch einmal, ob wir uns das Stalinmuseum wirklich antun wollen. Ja, das möchten wir. Das Museum ist mitten in der Stadt, Nana kennt sich hier aber nicht so gut aus und in den Städten gibt es keinerlei Beschilderung. Am Stadtrand von Gori fragt sie deshalb nach dem Weg und wir nehmen den befragten Mann in unserem Auto mit. Er möchte auch in die Innenstadt und führt uns bis ans Stalinmuseum. Ein stattliches Gebäude mit großem Eingangsbereich, großer Innentreppe und rote Teppichen, Verzierungen, polierten Steinflächen. Als wir zunächst einmal über einen langen dunklen teppichbelegten Gang zur Toilette gehen, erinnert mich das Bild an den Film „Hotel Lux“.

Stalinmuseum

Stalinmuseum

Unsere Führung (nur für uns allein) ist in Landessprache, aber Nana bekommt freien Eintritt, um für uns zu übersetzen. Die Führung beginnt an der großen Treppe, wo schon überlebensgroß die Statue von Stalin steht. Es werden hauptsächlich Bild- und Schriftmaterial gezeigt, sowie persönliche Dinge von Stalin. Das Ganze erinnert an Wandzeitungen, uns wohlbekannt aus sozialistischen Tagen. Im Saal in dem die Geschenke aller Staaten der sozialistischen Welt an Stalin aufbewahrt werden, fragen wir nach Dingen aus der DDR. Es wird uns eine Vitrine gezeigt mit einem Reliefbild aus Metall, das den Fernsehturm und den Palast der Republik zeigt. Auf unseren Einwand, dass diese beiden Gebäude erst mehr als anderthalb Jahrzehnte nach Stalins Tod entstanden sind, eiert die Museumsmitarbeiterin herum.
Wir sind verblüfft. Unser Eindruck ist: auch 25 Jahre nach der Wende und Zerfall der Sowjetunion wird das Ganze immer noch vollkommen realitätsfremd dargestellt. Auch in Georgien hat Stalins Herrschaft vielfachen Tod und unendliches Leid über die Menschen gebracht. An dieses Kapitel wird nur sehr klein und oberflächlich in einem an einen Abstellraum erinnernden Kabuff unter der großen Foyertreppe gedacht. Dieser wird nur auf Nachfrage geöffnet. Die Mitarbeiterin versichert uns aber, dass in nächster Zeit eine wissenschaftliche Kommission die Ausstellung neu überarbeiten soll. Nana sagt uns nachher, diese wissenschaftliche Kommission arbeitet schon sehr lange. Bisher ohne Ergebnis, wie man sieht. Stalinverehrer aus der ganzen Welt strömen in das Museum. Es arbeitet ohne staatliche Zuschüsse. Man ist wohl nicht sehr interessiert an einer realitätsnahen Darstellung der Person Stalins.

Stalins Geburtshaus, von einem Tempel überbaut, damit es nicht naß wird

Stalins Geburtshaus, von einem Tempel überbaut, damit es nicht naß wird

In diesem Bett soll Stalin geboren worden sein

In diesem Bett soll Stalin geboren worden sein

Stalins Klo im Regierungszug

Stalins Klo im Regierungszug

Wir schauen noch auf dem gleichen Gelände das mit einer Art Tempel überbaute Geburtshaus von Stalin, sowie Stalins Eisenbahnwaggon aus dem Regierungszug an, mit dem Stalin mit seinem Gefolge unter anderem auch zur Potsdamer Konferenz fuhr. In dem Waggon ist alle Einrichtung wie Küche, Möbel, Badewanne, Klo, vollkommen original erhalten.
Bevor es weiter geht, kaufen wir noch gutes georgisches Steinofenbrot ein. Es wird an der Tonwand des Ofens gebacken.

Wir folgen einem Vorschlag Nanas, und fahren nach Uplistsikhe, einer Höhlenstadt. Es war früher wohl eine heidnische Kultstätte, dann Wohnstadt mit Theater, Apotheke, einer Wasserversorgung, dann Kloster. Sehr beeindruckend. Auch die ganze umliegende Landschaft besteht aus diesen Felsen, mit nur spärlichen Bewuchs. Wir haben längst die Wasserscheide Georgiens hinter uns gelassen. Nordwestlich davon fließen die alle Flüsse ins Schwarze Meer, südöstlich nach Aserbaidshan ins Kaspische Meer, oder sie versickern unterwegs. Diese Wasserscheide ist auch die Klimagrenze zwischen den Subtropen am Schwarzen Meer und den trockenen Hochebenen.

Nun geht es wieder zurück nach Kutaisi. Unterwegs kaufen wir nochmals das so leckere Gewürzbrot und essen es noch ganz warm und erwerben noch einen Tontopf zum Kochen von einem dieser zahlreichen Stände. An einem Rasthaus an der Straße füllen wir Wasser in unseren Frischwassertank. Es scharen sich einige Georgier um uns und es gibt eine kleinen Small-Talk. Wir sind ja momentan in der günstigen Position über Nana alles gedolmetscht zu bekommen. Etliches verstehen wir aber auch wegen unserer Russischkenntnisse. Die meisten Georgier versuchen Ausländer erst einmal in Russisch anzusprechen. Jetzt gehen unsere zwei Tage mit Nana, die wir schon in unser Herz geschlossen haben, zu Ende. Sie hat uns mit ihrer offenen, freundlichen Art Land und Leute ein ganzes Stück näher gebracht. Das hätten wir nicht missen wollen. Und so soll man es für immer in warmherziger Erinnerung behalten. Von Nanas Vater bekommen wir noch selbst gemachten Wein abgefüllt. Wir verabschieden uns von ihr, essen noch Abendbrot und nächtigen ein letztes Mal vor dem Haus, am Ende der Straße, in dem schon seit den 90ern Flüchtlinge aus Abchasien wohnen. Das Haus ist eigentlich ein Kurhotel aus sowjetischen Zeiten. Aber dann nahm die Geschichte bekanntermaßen einen anderen Verlauf. Nana hat übrigens am ersten Abend auf Wunsch ihres Vaters extra einen Freund hier in dem Haus angerufen, damit er nach unserem Auto schaut. Wir sehen noch dem abendlichen Viehtrieb zu.

Jeder der es irgendwie ermöglichen kann hält sich, auch hier in der Stadt, eine Kuh als Milchlieferant oder Schwein und Ziege als Fleischlieferanten. Man ist auf Selbstversorgung und Tauschwirtschaft angewiesen. Frühmorgens werden die Tiere aus dem Grundstück gelassen und laufen überall frei herum um sich selbst ihr Futter zu suchen. Abends werden sie wieder hereingeholt. Die Grundstücke selbst sind sorgfältig eingezäunt, damit die Tiere in den Obst- Gemüse- und Weingärten keinen Schaden anrichten.

Donnerstag 26.5.: ქუთაისი(Kutaisi) - ბათუმი (Batumi) Georgien
Ab heute fahren wir wieder in Richtung Westen. Ziel für heute Abend ist der botanische Garten Batumi. Ein schöner sonniger Morgen, wir finden uns entgegen Franks Bedenken mit Glück schnell aus der Stadt Kutaisi heraus. Immer mal ein Fotostop, Kühe wie immer und später Ziegen. Dann eine Straße wo eine Autowerkstatt an der anderen liegt. Die Höfe voller skelettierter Blechkisten, die anscheinend als Ersatzteilspender dienen. Ich weiß nicht, ob ich hier mein Auto reparieren lassen würde. Oder können die es gerade erst recht?
Plötzlich sehen wir in einem Privatgarten eine schöne große Wand aus Terrakottafiguren. Wir halten und Frank fragt den Besitzer, ob er Fotos machen kann. Der Gartenbesitzer erklärt auf russisch das dies ein Denkmal zum Andenken an die Helden des Großen Vaterländischen Krieges (2.Weltkrieg) sei. Er habe die Fläche gekauft und das Denkmal eben in seinen Garten integriert. Wenn die Georgier angesprochen werden, sind sie redselig. Wir werden gefragt woher wir kommen. Wie viele Kinder wir haben usw.

Wir fahren auf einen Hügel und haben eine schöne Übersicht über die Ebene bis zum großen Kaukasus. Leider ist es hier in den Subtropen bei schönem Wetter immer etwas diesig und die Fernsicht auf die Schneegipfel getrübt.

Gegen Mittag halten wir an und ich kaufe Saft und Brot. Ich schlage mich mit meinem russischen Lebensmittelwortschatz ganz gut.
Am Strand von Kobuleti, an dem wir auf dem Hinweg gemeinsam mit dem Schweizer Mobil übernachtet haben, machen wir Mittagsrast. Auf dem gegenüberliegenden Campingplatz, auf dem kein Gast zu sehen war, als wir auf dem Herweg vorbeikamen, erblicken wir jetzt ein weißes Womo. Ich sehe Schweizer Kennzeichen. Da kommt uns ein Mann mit Hund entgegen. Er erzählt uns, dass er schon mehrmals für 2 Monate in Georgien war. Er ist alleinreisender Pensionär. Es ist jetzt das dritte Womo außer uns, was wir in Georgien sehen.
Wir stehen am Meer in der Sonne. Ich überlege, ob ich baden gehen sollte, aber die Wellen sind recht hoch und wir haben da in Korsika schon einmal sehr schlechte Erfahrungen machen müssen. So kochen wir erstmal georgische Kartoffeln mit Bohnen. Lecker! wir genießen unseren einsamen Strandplatz und das Essen und relaxen in unseren Campingstühlen. Dann muß mal der große Hund, der sich schon lange ganz vorsichtig genähert hat mit einem klaren Befehl vertrieben werden. Hier gibt es viele herrenlose Hunde. Sie werden aber fast alle mit einem staatlichen Programm geimpft und dann mit einer Ohrmarke versehen. Sie haben bestimmt schon Böses erlebt und sind deshalb sehr scheu.
Weiter geht’s. Wir stoppen noch mal an einer alten Festung und haben einen wunderbaren Blick aufs Meer. Wir nähern uns dem botanischen Garten. Wir fahren einen schmalen Weg an Feldern vorbei und zwischen kleinen Häuschen unter einer Leine voller Wäsche durch. (Schade, nicht fotografiert) Dann sind wir da und werden durch ein großes Tor auf den Beschäftigtenparklatz auf dem Gelände gelassen. Der Eintritt kostet für uns mit der Übernachtung im Garten 30 Lari ( ca. 12€). Es gibt gerade einen warmen subtropischen Regenschauer, deshalb machen wir uns mit Schirm auf in die Welt der Botanik. Der Garten erstreckt sich sehr weitläufig über mehrere manchmal sehr steile Hügel direkt am Meer. In allen möglichen Ländern haben wir schon eine Vielzahl von Botanischen Gärten besucht. Dieser hier ist mit weitem Abstand der größte. Er ist in verschiedene Zonen unterteilt: Nordamerika, Asien, Australien, ein schöner japanischer Garten. Überall stehen Pavillions und Bänke aus dicken Bambus zum ausruhen und träumen. Es gibt Zeltplätze, Grillecken und einen alten Bahnhof direkt am Strand. Wir treffen zwei junge Männer. Der eine ein Einheimischer, der andere aus Münster, studieren hier in Georgien in Tiblissi. Ich habe beide schon unten am Strand am alten Bahnhof im Meer baden sehen . Nach langer Wanderung sind wir wieder am Auto, und lassen mit Beine baumeln, Kaffee, Musik, Buch den Tag ausklingen.

© B. & F. S., 2016
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir, Frank und Birgit, waren mit unserem Campingbus „Blaue Zitrone“ 8724 km auf der Balkanroute, an der Küste des Schwarzen Meeres und im Kaukasus unterwegs. 8 Länder, 2 Kontinente, 3 verschiedene Schriftsysteme berührten unsere Route. Georgien, die ehemalige Sowjetrepublik das Ziel.
Details:
Aufbruch: 14.05.2016
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 05.06.2016
Reiseziele: Georgien
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 6 Jahren auf umdiewelt.