Mit dem Wohnmobil ins Baltikum

Reisezeit: Juni / Juli 2015  |  von B. & F. S.

Vilnius und Trakai

Montag, 29.Juni: Cēsis ► Vilnius (Wilna, Litauen) 405 Tageskilometer
Heute fahren wir noch einmal nach Riga. Frank möchte sich das große Automuseum ansehen. Das war uns vor einer Woche entgangen, weil wir es nicht gewusst haben.
Als wir von Cēsis kommend nach einigen Kilometern die Hauptsraße A3 erreicht haben, sehen wir linkerhand ein Art Skulpturenausstellung auf einer Wiese. Hier fertigt jemand Figuren aus der Kombination von Stein, Holz und Schmiedeeisen. Von weit überlebensgroß bis handtellerklein ist hier alles vertreten an Menschen und Tieren. Wir spazieren durch die Ausstellung und den Laden. Eine Schildkröte aus Granit und Schmiedeeisen hat es uns angetan. Sie wird ihren Platz an unserem Gartenteich zu Hause finden.

Ein kleines Schlößchen am Wegesrand erregt unsere Aufmerksamkeit. Es ist noch nicht so herausgeputzt, hat aber einen gewissen Charme. Wir laufen durch das Schloßtor in den Park. Lielstraupe Pils ist, wie man an der Eingangstür lesen kann, als Klinik für Narkologie (was ist das?) genutzt.
Das Motormuzej Riga finden wir schnell in einem etwas außerhalb gelegenen Plattenbaugebiet. Jedoch es ist weiträumig mit Bauzäunen umzingelt. Ist es geöffnet? Ist es geschlossen? Kein Hinweis, nirgendwo. Keine Menschen auf der Straße. Wir laufen die Bauzaunfront ab. Dahinter werkelt ein Arbeiter, den wir fragen können: Leider alles geschlossen. Die zweite Enttäuschung nach Baron Münchhausen, der uns auch schon den Zutritt verwehrt hat. Gegenüber ist ein Supermarkt, da nutzen wir das wenigstens noch zum Einkaufen. An der Einfahrt zum Parkplatz ist ein Wachhäuschen mit Security-Personal. Wieso brauchen die das hier? Aus Riga heraus führt uns die Straße A7 nun in Richtung Vilnius. An einem idyllischen Platz neben einem abgelegenen Friedhof machen wir Mittagsrast. Frank erkundet den Friedhof, ich decke den Mittagstisch.
Auf unserem Weg liegt der Ort Bauska, noch auf lettischer Seite. Wir erblicken plötzlich ein Hinweis „Rigas Motormuzejs“ Wir folgen den Schildern und stehen dann an einer Außenstelle des Museums. So kommt Frank doch noch auf seine Kosten. Die Schließung des Museums in Riga wegen der Bauarbeiten wird voraussichtlich noch bis Frühjahr 2016 dauern, erzählt uns die freundliche Mitarbeiterin am Einlaß. Wir sind die einzigen Besucher. Hier in diesem Ableger des Museums werden hauptsächlich geländegängige Allradvarianten der bekannten sowjetischen PKW-Marken gezeigt.

Diese wurden aus Bauteilen von Militär-Geländewagen und den Karosserien der verschiedenen PKW-Typen hergestellt, allerdings nicht für den Export. Außerdem sind Militär-Motorräder zu sehen. Interessant sind auch die Indian- und Harley-Davidson-Militärmaschinen, die während des zweiten Weltkriegs von den USA an die Sowjetunion in größerer Stückzahl geliefert wurden. Da sind für Sammler sicherlich in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion noch einige Funde zu heben. Die Ausstellung ist nicht allzu groß, das verschafft uns die Zeit, um heute noch nach Vilnius zu kommen.
Ab Panevėžys ist die Straße als Autobahn ausgebaut aber zumeist in beklagenswertem Zustand. Auch der Fahrstil der Leute hier ist aggressiver als wir das auf der bisherigen Tour wahrgenommen haben. In Baustellenbereichen mit Gegenverkehr wird in den Begegnungsverkehr hinein überholt, so dass man auf den Seitenstreifen ausweichen muß. Es sind sehr viele Fahrzeuge mit weißrussischen Kennzeichen unterwegs. Als wir auf der Autobahn ohne vorherigen Hinweis einen Bahnübergang queren, fehlt uns für einen Moment jeglicher Bodenkontakt.
Vor der Stadt verpassen wir die Abfahrt auf den Außenring und müssen die gesamte Stadt durchqueren, denn der Wohnmobilplatz liegt genau am anderen Ende.
An der Messe Vilnius ist der Stellplatz auf einem schönen großen Wiesengelände. Die Toiletten- und Duschräume sind in neuen sauberen Containern untergebracht. Ein junger Mitarbeiter ist sehr aufmerksam und hilfsbereit. Wir schwatzen erst einmal mit dem Paar aus dem Schweizer Nachbarmobil. Er Schweizer, Sie Deutsche erzählen von ihrer Verwandtschaft in einer kleinen Stadt in unserer unmittelbaren Nähe, Franks Geburtsort, er kennt die Leute auch. Wie klein doch die Welt ist, dass es solche Treffen und Zufälle immer wieder gibt. Nach einem Spaziergang, wir haben das Messegelände umrundet, haben wir noch ein langes Gespräch mit einem Bewohner des Bimobils mit süddeutschem Kennzeichen zu unserer anderen Seite. Der gebürtige Schweizer wohnt in Deutschland, war mit seinem Fahrzeug auch öfter schon weiter unterwegs. In Indien zum Beispiel. Eine interessante Unterhaltung.

Dienstag, 30.Juni: Vilnius (Wilna, Litauen) 0 Tageskilometer

Heute werden wir uns Vilnius ansehen. Nach gemütlichem Frühstück in der Sonne holen wir uns Stadtbustickets in der Rezeption des Platzes. Das sind Chipkarten als Dauerkarten, die man gegen 3€ Gebühr und 20€ Pfand leihweise bekommt. Unbegrenzt können alle Verkehrsmittel der Stadt genutzt werden. Die bisher touristenfreundlichste Lösung, die uns je untergekommen ist. Dazu gibt’s noch einen Flyer mit den Linienplänen und Fahrzeiten. Den haben wir aber schon am Vorabend von unsere Nachbarn übernommen. In der Stadt angekommen, laufen wir ein Stück am Fluß Neris entlang. Dann sitzen wir eine Weile auf einer Bank im Schatten am Kudirkos-Platz, als Kindergartenkinder in diesen Park kommen. Die Knirpse haben kleine gelbe Warnwesten an und schenken allen Leuten selbstgebackene Plätzchen am Stiel mit Gesicht. Den Anlaß dazu haben wir leider nicht herausgefunden. Zur Altstadt laufen wir an der großen Kathedrale vorbei. Die Stadt ist voller Kirchen aller Konfessionen.

In einer engen Gasse setzen wir uns vor ein kleines Kneipchen. Die Speisekarte ist einfach und übersichtlich per Hand geschrieben, so dass die Auswahl nicht schwer fällt. Wir nehmen das Tagesmenü. Es geht nun weiter durch das jüdische Viertel der Altstadt. Am Ende der Gasse hängt eine Informationstafel über die Ereignisse der deutschen Besetzung während des zweiten Weltkriegs hier im jüdischen Ghetto.
Wir treffen zwei mal das gleiche Paar vom Wohnmobilplatz, mit dem Frank sich heute Morgen vor Abfahrt in die Stadt schon unterhalten hatte. Die beiden Australier sind von Mai bis September in Tschechien, Polen, Deutschland, Baltikum und ganz Skandinavien unterwegs. Ihr 20 Jahre altes Wohnmobil haben sie sich in Cottbus gekauft weil das für die lange Zeit am günstigsten war. Sie werden es am Ende ihrer Reise wieder zurückverkaufen. Die beiden sind in unserem Alter und strahlen eine ungeheure Gelassenheit aus. Wir besteigen den Burgberg. Am Einlaß zum Museum im großen Turm haben wir aber wieder mal eine Begegnung mit „russischer negativ-Freundlichkeit“. Im Turm befindet sich eine Ausstellung zur Geschichte der litauischen Unabhängigkeitsbewegung. Wir sehen einen beeindruckenden Film über die Ereignisse in den Jahren 1989 –91. Bei den Auseinandersetzungen mit den sowjetischen Sicherheitskräften waren auch hier Todesopfer zu beklagen. Die Menschenkette 600 km durch das Baltikum, nahm an diesem Turm ihren Anfang. Auch hier wird die EU- und Nato-Mitgliedschaft als Garant der Sicherheit gegen den gefährlichen Nachbarn Russland dargestellt.
Von der Turmplattform aus gibt es einen herrlichen Rundblick über die Stadt.
Wir laufen durch die „Republik Užupio“, ein Künstlerviertel am Flüßchen Vilna, mit vielen Kneipen, Ateliers, Galerien.

Aus einem Brunnen am Hauptplatz soll hier an einem Tag im Jahr auf wundersame Weise Bier laufen. Als wir dort sind tropft, wie enttäuschend, nur Wasser. In der Kneipe an der Brücke setzen wir uns auf die Terrasse und trinken Tee und essen Kuchen. Unter der Straßenbrücke ist über dem Wasser eine Schaukel angebracht. Man muß durchs Wasser, um daran zu gelangen. Trotzdem ist die Schaukel sehr begehrt.

Gegenüber schaut eine steinerne Nixe aus der Uferstützmauer. Wir sehen uns noch zwei Kirchen an und laufen durch die Literatur-Street. Hier bekannte Schriftsteller haben Gegenstände gestiftet, die an einer Mauer ausgestellt sind. Bis hin zum Gebiss wurde alles Mögliche angedübelt, eingemauert und geklebt.

Nun geht es zurück zum Stadtbus Nr. 21. Sicherheitshalber nehmen wir die Haltestelle, an der wir auch ankamen. Nanu, es gibt keine Haltestelle für die Gegenrichtung. Das Einholen von Informationen bei Passanten scheitert erst einmal an Verständigungsschwierigkeiten. Eine junge Frau schaltet sich ein, sie spricht perfekt englisch. Es gibt keine Gegenrichtung, die Busse fahren hier in der Innenstadt im Ringverkehr. Wir müssen einmal mit herum, dann geht es stadtauswärts. Die Frau möchte mit der gleichen Linie fahren. Sie bietet sich an, darauf zu achten, dass wir auch an richtiger Stelle aussteigen. Im proppevollen Bus macht sie uns rechtzeitig vor unserer Haltestelle darauf aufmerksam, drückt den Türöffner und weist noch einmal die Richtung, die wir zu gehen haben. Total fußlahm kommen wir auf dem Platz an, lassen uns unseren Buskartenpfand zurückzahlen und setzen uns zum Abendessen vors Auto. Über unseren Köpfen sehen wir, wie auch gestern schon, jede Menge Heißluftballons über der Stadt aufsteigen. Unser Nachbar aus dem Bimobil wollte heute auch mit einem mitfahren. Er ist aber auch noch nicht zurück, als wir ins Bett steigen.

Mittwoch, 01.Juli: Vilnius ► Trakai ► Mragowo (Sensburg, Polen) 378 Tageskilometer
Heute müssen wir erst einmal einkaufen, unser Kühlschrank ist ziemlich leer.
Dann sind wir recht früh in Trakai.

Als wir die ersten Burggebäude sehen, steigen wir aus und laufen auf dem weitläufigen Gelände umher. Nicht viel los hier, kein Mensch zu sehen, wir hatten uns mehr vorgestellt. Wir laufen weiter am See entlang und sehen, weiter entfernt auf einer Insel, die eigentliche Burg. Wir sind hier nur beim Vorgeplänkel gelandet. Wir parken noch einmal um. Hier ist es nun touristisch und parkplatzmäßig sehr erschlossen. An der Straße schon haben wir das Auto des Australierpärchens gesehen. Nun treffen wir sie auf der langen Brücke zur Burg und halten einen kleinen Plausch. Die Burg ist sehr groß und gut restauriert. Der ehemalige Fürstensitz war Jahrhunderte lang eine Ruine. In der Sowjetzeit wurde sie 1955-1987 in langwieriger Arbeit in der heute zu sehenden Form nach originalem Vorbild wieder hergestellt.

Wir laufen die hölzernen Galerien entlang und sehen in die einzelnen Räume. Im großen Thronsaal werden oft Konzerte, Opern und Feste gegeben, ähnlich wie bei uns auf der Wartburg. In der Vorburg im historischen Museum erfährt man viel über die Geschichte der Gebäude. Es sind schöne Sammlungen zu besichtigen, zum Beispiel Porzellan aus Meißen, Ilmenau und aus aller Welt . Weiterhin Waffen, Pfeifen, Möbel, Möbel, Jagdtrophäen, Silber, Siegel – sehr umfangreich. Der Rückweg über die lange Brücke zum Auto bietet noch einmal einen Blick auf die vielen Segelboote.
Auf unserer Fahrt nach Polen kommen wir durch weite ländliche Gebiete. In den Masuren dann idyllische Allee-gesäumte lange Landstraßen. Im Kleinen Weiler Ruska Wieś am Stadtrand von Mragowo finden wir abends einen schönen Platz am See bei einer Pension mit Camping. Es stehen schon mehrere deutsche Wohnmobile hier und ein Schweizer Paar, mit dem wir uns gleich unterhalten. Es ist herrlich hier. Der Mond scheint zwischen den Bäumen durch auf den See. Wir sitzen bei gutem Essen und Wein und lauschen dem Froschgequake und dem Vogelgezwitscher im Schilf. Ab und zu werden wir von Junikäfern umschwirrt, die wir vertreiben müssen.

© B. & F. S., 2016
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit unserem Campingbus „Blaue Zitrone“, einem Citroën Jumper mit Pössl Ausbau waren wir, Frank und Birgit, 5149 km in Polen, Litauen, Lettland, Estland unterwegs. Von den Masuren, über die Kurische Nehrung und Rigaer Bucht bis hin zum Peipussee zogen wir dieses Mal unsere Kreise.
Details:
Aufbruch: 14.06.2015
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 05.07.2015
Reiseziele: Estland
Polen
Litauen
Lettland
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 5 Jahren auf umdiewelt.