Finnisch-Lappland im Winter

Norwegen-Reisebericht  |  Reisezeit: Februar 2018  |  von Janis Dinter

Schneeschuhe, Sauna und Seele baumeln lassen: Utsjoki und Finnmark

Tag 6, 22.02.2018

Zu Beginn unserer Reise hatten wir nur die Unterkünfte der ersten fünf Tage in Saariselkä fest gebucht. In vergangenen Urlauben hatte es sich bewährt, nicht zu viel im Voraus zu buchen, um möglichst flexibel in der Entwicklung der Reise zu bleiben und sich besser "treiben lassen zu können".
So war eine Idee gewesen, von Saariselkä aus tiefer in den Urho-Kekkonen-Nationalpark vorzudringen und etwa drei Tage von Hütte zu Hütte zu stapfen und in Schlafsack und Isomatte in den für jedermann zugänglichen Schutzhütten zu übernachten. Allerdings mussten wir diese Idee bei genauerer Betrachtung über Bord werfen: zum Einen waren unsere Schneeschuhe von solch mittelmäßiger Qualität, dass ein plötzliches Abreisen einer Schnalle oder oder Nut nicht auszuschließen wäre, und zum Anderen waren die Wege tiefer in den Park hinein von übermannshohem Schnee bedeckt. Schon auf den Wegen in direkter Nähe zu einem Parkplatz oder einer Siedlung waren nur wenige Touristen zu finden, die wie wir mit Schneeschuhen unterwegs waren, doch weiter im Park war den gesamten Winter über noch niemand gewesen, was uns auch ein älterer Herr versicherte, der seit 60 Jahren in der Region lebte und überraschend gut deutsch sprach.
Eine Alternative für diesen Plan war jedoch schnell gefunden: Utsjoki! Diese nördlichste Gemeinde Lapplands, Finnlands und der gesamten EU ist mit 5.400km² etwa doppelt so groß wie das Saarland und beherbergt ca. 1.200 Einwohner, von denen über die Hälfte dem Volk der Samen angehören. Damit ist Utsjoki die einzige Region Finnlands, in der das indigene Volk die Bevölkerungsmehrheit darstellt.
Die etwa 200km-lange Fahrt führte entlang der E75 durch die Orte Ivalo und Inari stetig gen Norden. Zu Anfang fuhren wir durch das gewohnte Bild aus eisverkrusteten Kiefernwäldern, doch etwa nach zwei Dritteln der Fahrt veränderte sich der Anblick hin zu einer kargen von kleinwüchsigen Birken geprägten Hügellandschaft. Die nördlichsten Zipfel Finnlands (Utsjoki im Nordosten und Enontekiö im Nordwesten) bilden nämlich aufgrund ihrer extrem nördlichen Lage mit langen, dunklen und kalten Wintern und kurzen, kühlen Sommern eine neue Vegetationszone im Vergleich zum restlichen Land: das sog. tunturi lappi (Fjell-Lappland).

Der Hauptort der Gemeinde Utsjoki trägt den gleichen Namen und hat ca. 650 Einwohner, hauptsächlich entlang der nach Norden führenden Hauptstraße und in wenigen kleinen Nebenstraßen. Wie für Lappland überlich ist der Ort alles andere als sehenswert und birgt keine einzige echte Sehenswürdigkeit (vielleicht mit Ausnahme der Utsjoen kirkko, der Kirche, welche sich etwa fünf Kilometer südlich des Ortszentrums befindet).
Unsere Unterkunft befand sich einige Kilometer westlich von Utsjoki direkt am Ufer des - natürlich zugefrorenen - Tenojoki, dem Grenzfluss zur norwegischen Provinz Finnmark. Erneut hatten wir großes Glück mit der gebuchten Hütte. Ausgestattet mit drei Schlafzimmern, eine geräumigen Küche, einem Kamin und natürlich einer Sauna, konnte man es sich hier ebenso wie zuvor in Saariselkä reichlich gut gehen lassen. Vor dem Haus befand sich sogar eine laavu-artige Hütte mit einem mittig angebrachten Grill und rentierfellbedeckten Sitzbänken, die der kreisrunden Form der Hütte folgend um die Feuerstelle verliefen.

Außer uns war mal wieder niemand zugegen.

Außer uns war mal wieder niemand zugegen.

Blick aus dem Esszimmer.

Blick aus dem Esszimmer.

Die Grillhütte befand sich direkt am Ufer des Tenojoki. Linkerhand ist bereits die norwegische Seite zu erkennen.

Die Grillhütte befand sich direkt am Ufer des Tenojoki. Linkerhand ist bereits die norwegische Seite zu erkennen.

Tag 7, 23.02.2018

Kurze Zeit nachdem wir in der Hütte angekommen waren, kam Lasse, der "Mietverwalter" der Hütte, der uns kurz besuchte, um uns einige Tipps und Sehenswürdigkeiten zu nennen. Im Gegensatz zu Aslak, dem Besitzer der Hütte, den wir auch kurz kennenlernten, sprach Lasse sehr gutes Englisch. Von ihm erfuhren wir auch, dass Aslak Saami ist und bereits sein gesamtes Leben in der Gegend um Utsjoki lebt. Lasse deutete dabei aus dem Fenster auf ein ca. 1000 Meter entferntes gelbes Haus (Bild oben) und meinte, dort sei Aslak aufgewachsen. In den 1960ern als er ein Kind war, hätte Aslak noch kein Wort Finnisch gesprochen, sondern ausschließlich die nordsamische Sprache. Erst als Jugendlicher hätte er gezwungenermaßen Finnisch lernen müssen. Mit diesem Wissen, wundert es auch nicht, dass an eine Kommunikation in Englisch kaum zu denken war.
Da wir an diesem Tag bisher nicht viel unterwegs gewesen sind, entschieden wir uns noch kurzerhand den nächstgelegenen Berg hinauf zu laufen, um von dort den angeblich bezaubernden Sonnenuntergang zu genießen, den Lasse uns empfohlen hatte. Wir stapften also los und zogen dabei vier dünnwandige Plastikschlitten hinter uns her ("Take the sledges with you. So you will be back down quickly and you'll have a lot of fun."... we'll see).
Der Anstieg war nicht übermäßig anstrengend, auch wenn der Schnee zu Beginn trotz der Schneeschuhe noch etwa bis zu den Knien reichte. Doch bereits nach ein paar Hundert Metern lichtete sich das Geäst aus dünnen Birkenstämmen und gab den blanken - im Sommer wahrscheinlich moosbedeckten - Boden frei. Hier hatte der Wind mehr Angriffsfläche, weshalb auch lediglich eine dünne Schneeschicht überblieb. Ab hier konnten wir die Schneeschuhe abschnallen und weiterlaufen.
Doch so langsam wurde es wirklich spät, sodass wir, obwohl wir uns beeilten, nicht mehr rechtzeitig für den Sonnenuntergang auf der Spitze des Hügels angelangten. So machten wir kehrt in froher Erwartung auf die spritzige Talfahrt, für die wir die Schlitten hinter uns hergezogen hatten. Leider wurde daraus über die weitesten Strecken jedoch nichts. Der Hügel war an manchen Stellen zu flach oder der Schnee zu tief. So robbten wir uns ungelenk bis zurück zu unserer Hütte den Berg hinab. Dort angekommen erwartete uns allerdings eine frostige Überraschung...

Der Sonnenuntergang ist noch zu erahnen, doch leider waren wir ein wenig zu spät.

Der Sonnenuntergang ist noch zu erahnen, doch leider waren wir ein wenig zu spät.

Die Abfahrt sieht rasanter aus, als sie am Ende tatsächlich war.

Die Abfahrt sieht rasanter aus, als sie am Ende tatsächlich war.

Während wir unterwegs gewesen waren, war das Thermometer im Tal auf -26°C gefallen.

Während wir unterwegs gewesen waren, war das Thermometer im Tal auf -26°C gefallen.

Jegliche Feuchtigkeit, die den Körper verlässt, gefriert bei diesen Temperaturen sofort - egal ob am Bart...

Jegliche Feuchtigkeit, die den Körper verlässt, gefriert bei diesen Temperaturen sofort - egal ob am Bart...

... oder an der Jacke.

... oder an der Jacke.

... denn während wir unterwegs gewesen waren, hatte sich eine inverse Wetterlage herausgebildet, weshalb es im Tal kälter wurde als in den höher gelegenen Schichten. Gegen 17:30 Uhr war das Thermometer daher bereits auf -26°C gesunken. Dabei sollte es aber noch lange nicht bleiben.
Wie üblich hatten wir die Sauna bereits vor unserer spontanen Bergbesteigung angeschmissen. Jetzt konnte uns nichts mehr davon abhalten, unsere eingefrorenen Knochen aufzutauen. In etwa so muss sich ein Tiefkühlhähnchen im Backofen fühlen.
Während der nächsten Stunden, die wir abwechselnd mit Saunieren, Kochen und Karten Spielen verbrachen, sank das Thermometer noch einmal erheblich. Als wir kurz nach Mitternacht das letzte Mal die Temperatur überprüften, waren es -36°C und sternenklarer Himmel. Irgendwann hatte ich mal ein Video im Internet gesehen, in dem ein Mann kochendes Wasser bei ähnlich niedrigen Außentemperaturen im hohen Bogen in die Luft schmeißt. Das Wasser gefriert augenblicklich und rieselt in winzigen Eiskristallen zu Boden. Das mussten wir natürlich ausprobieren und siehe da: es klappte!
Um die Nacht perfekt zu machen, erschienen jetzt auch noch die ersten Polarlichter am Nachthimmel. Zwar waren diese nicht besonder stark, doch trotzdem war es toll sie zu sehen.

Hier hatte die Temperatur noch nicht ihr Minimum für die Nacht erreicht.

Hier hatte die Temperatur noch nicht ihr Minimum für die Nacht erreicht.

Tag 8, 24.02.2018

Heute stand für uns ein Abstecher nach Norwegen auf dem Programm. Als grobe Fahrtrichtung hatten wir Nordosten anvisiert. Sehr sehenswert soll die Kleinstadt Vardø sein, welche auf einer vorgelagerten Insel an der äußersten nordöstlichsten Spitze Norwegens liegt. Das wären von Utsjoki jedoch über 200km für eine Richtung, weshalb wir uns bereits vor Aufbruch sehr sicher waren, nicht bis dorthin fahren zu wollen. Als wir am späten Vormittag losfuhren war die extreme Kälte der Nacht noch lange nicht verflogen und das Thermometer im Auto zeigte - 29°C an. Doch wie zu erwarten war, sollte sich das jedoch stark ändern, sobald wir näher in Richtung Meer bewegten.
Uns unser Weg führte uns entlang des Tenojoki, dem Grenzfluss zwischen Finnland und Norwegen stets auf der finnischen Seite. Parallel hierzu verläuft die E6/E75 auf norwegischer Seite, welche in Ermangelung einer Brücke östlich von Utsjoki jedoch über eine Länge von 70km nicht zu erreichen ist. In dem Ort Skiippagurra bogen wir schließlich ab und folgten der E75 weiter in Richtung Osten. Wie ich später feststellte befand sich hier auch der nördlichste Punkt unserer Reise und gleichzeitig der nördlichste Punkt, an dem jeder von uns jemals gewesen war.
Nach kurzer Zeit erreichten wir den Varangerfjorden, den östlichesten größeren Fjord Norwegens. Hier hielten wir uns nördlich und fuhren weiter entlang der Küste. In einem kleinen Ort namens Nesseby sahen wir bereits aus der Ferne ein schöne, windschiefe Holzkirche, die wir uns natürlich aus der Nähe ansehen mussten.
Als wir das erste Mal aus dem Auto stiegen traf uns fast der Schlag. Zwar zeigte das Thermometer "nur noch" -15°C an, doch gefühlt war es kein Grad wärmer geworden. Das lag natürlich an der enormen Luftfeuchtigkeit, die die Kälte bis in die kleinste Ritze kriechen lässt. Hinzu kam ein strenger Wind, sodass wir schon wieder nach fünf Minuten im Auto saßen.
Etwa 20km weiter erreichten wir das verschlafene Fischerörtchen Vestre Jakobselv. Hier spazierten wir entlang der Kaimauer, doch auch hier war der Wind so stark und die Luft so feucht, dass uns schon nach wenigen Minuten die Gesichter einzufrieren drohten. Die immerwährende Gischt war hier zu Eisblöcken gefroren und verkrustete dick die gesamte Hafenmauer.
Wir entschieden uns, nur noch bis zu dem nächstgrößeren Ort Vadsø weiterzufahren, wo es allerdings nichts zu sehen gab, daher drehten wir um und genossen während unserer Rückfahrt nach Utsjoki jenen wunderschönen Sonnenuntergang, den wir am Abend zuvor verpasst hatten.

Die Nesseby kirke. Wie aus einer anderen Welt.

Die Nesseby kirke. Wie aus einer anderen Welt.

Hie und da waren Rentiere zu sehen, die die dünne Schneedecke freikratzen, um an etwas essbares zu gelangen.

Hie und da waren Rentiere zu sehen, die die dünne Schneedecke freikratzen, um an etwas essbares zu gelangen.

Vestre Jakobselv.

Vestre Jakobselv.

Sonnenuntergang über dem Varangerfjorden auf der Rückfahrt nach Utsjoki.

Sonnenuntergang über dem Varangerfjorden auf der Rückfahrt nach Utsjoki.

"Near, far, wherever you are..."

"Near, far, wherever you are..."

Als ob die Nesseby kirke nicht bereits ohne den Sonnenuntergang unglaublich schön gewesen wäre...

Als ob die Nesseby kirke nicht bereits ohne den Sonnenuntergang unglaublich schön gewesen wäre...

© Janis Dinter, 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
11-tägige Reise in den Nordosten Finnisch-Lapplands, das heißt 11 Tage schneeschuhtouren, langlaufen, saunieren und eine der schönsten und urtümlichsten Landschaften Europas erleben. Auch nach mittlerweile einigen Jahren Reiseerfahrung in Lappland lässt mich dieser Ort nicht los. Besonders im Winter entwickelt Lappland seine ganz besonde Magie.
Details:
Aufbruch: 17.02.2018
Dauer: 12 Tage
Heimkehr: 28.02.2018
Reiseziele: Finnland
Norwegen
Der Autor
 
Janis Dinter berichtet seit 28 Monaten auf umdiewelt.
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