Transsib

Reisezeit: Juli / August 2011  |  von Patrick Stamm

Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Zwischenstopps: Moskau, Jekaterinburg, Novosibirsk, Irkutsk, Ulan-Bator, Peking, Shanghai, Hongkong

Zugfahrt von Köln nach Moskau

Das große Gepäck.

Das große Gepäck.

Mein Bett.

Mein Bett.

Zugfahrt von Köln nach Moskau

Die Tasche ist gepackt! Die Tasche? Nein, die Taschen. Ich habe nämlich in den riesigen Traveller-Rucksack nicht alles reinbekommen. Alle Wertgegenstände trage ich also jetzt in einem separaten Rucksack. Das ist auch eigentlich gar nicht so schlecht. So kann ich den überall mit hinnehmen, ohne dass ich Sorge haben muss, dass mir einer Laptop, Handy oder Kamera klaut.
Laura ist so lieb und bringt mich zum Bahnhof. Ich war zwar bisher davon ausgegangen, dass ich von der Fuldaer Str. nach Hong Kong fahre, aber ich denke, die paar Meter zum Hbf sind zu vernachlässigen. Ich bin Ihr auch mehr als dankbar, dass ich die drei Taschen (die Verpflegungstasche kommt ja auch noch hinzu) nicht so weit püngeln muss.
Der Schaffner begrüßt mich mit einem freundlichen Brummen und macht mir unmissverständlich klar, dass er kein Wort Englisch oder Deutsch spricht. Ich hatte zwar nicht wirklich mit was anderem gerechnet, aber einen Versuch war es wert. Er wies mich deutlich nach links. Gut, den richtigen Waggon hatte ich schon mal. Das Abteil hab ich dann selbst gefunden. Problem: hier sind drei Sitze, aber nur ein Bett. Ich bin allein im Abteil. Cool, Flasche Kölsch auf, Musik an. Ein guter Start.
Irgendwann kommt die Schaffnerin, kontrolliert meine Visa, mein Ticket und lässt noch zwei "Schrankbetten" runter. Also doch drei Betten. Dafür gibt es jetzt keine Sitze mehr. Sie spricht wie ihr Kollege nur russisch, macht mir aber mit Händen und Füßen klar, dass in Rzepin (kurz hinter der deutschen Grenze) die anderen Betten belegt werden. Das wäre morgens um 6. Das klingt doch alles mal ziemlich gut.

Die Nacht war kurz, relativ unruhig, aber im Großen und Ganzen gut. Ich werde mich an das Ruckeln beim Schlafen sicher noch gewöhnen. Die beiden Herren steigen morgens zu. Ich denke Papa und Sohnemann. Beide nette Weißrussen und sehr schick unterwegs, ziehen sich aber sofort im Abteil den "Schlabberlook" an. Leider ebenfalls keine Verständigung möglich. Schade.
Ich bin froh, dass beide auch noch ne Runde pennen wollen. So bleiben die Betten wenigstens unten und ich kann auch noch mal die Augen zu machen. Ich schäle mich erst gegen 12 Uhr aus dem Bett. Wo soll ich mich auch sonst aufhalten, wenn keine Sitze da sind? Außerdem höre ich deutsche Stimmen aus dem Flur. Kinder. Aber wo Kinder sind, sind auch Eltern. Vielleicht ergibt sich ja das eine oder andere Gespräch. Erstmal frisch gemacht, auf den Flur raus. Da höre ich neben mir einen Schweizer, der wie verrückt über die EU schimpft. Na das ist doch mein Thema. Also gleich mal in die Diskussion eingeklinkt.
Wie ich herausfinde, ist der Schweizer kein Schweizer, sondern Holländer, heißt Robert und ist 41. Dafür hat er aber einen merkwürdigen Akzent. Egal, er spricht deutsch - recht gut sogar. Er ist ein Geert Wilders Anhänger. Der mir in epischer Breite seinen Hass auf Türken erklärt. Ich versuche für ein bißchen Menschlichkeit zu werben. Als er mir erzählt, dass er die Nazis weder für gut noch für schlecht hielt, brach ich das Gespräch kurzerhand ab. Das ging mir jetzt wirklich eine Spur zu weit.
Wir kommen an die weißrussische Grenze. Die Belarus-Polizisten sind immerhin unbewaffnet. Nach den Schauermärchen, die ich so gehört habe, überrascht mich das sehr. Ich dachte, ich musste meinen Pass unter vorgehaltener Waffe aushändigen. Robert hatte mich vorgewarnt: der Laptop kostet Dich 80€ Zoll. Na toll. Das Ding hat gerade mal 260€ gekostet...

Zollkontrolle: Die kräftige Zollbeamtin kommt rein und quatsch mit meinen "Zellengenossen". Offensichtlich glaubt sie ihnen nicht, dass sie nur einen halben Liter Bier dabei haben. Die haben nämlich zig Tüten mit Kram dabei. Ich wundere mich, dass ich dann doch so viel Russisch verstehe. Aber leider nicht genug um ihre Fragen zu beantworten. Ich biete eine Übersetzung an, da der Schwiegervater von Robert deutsch und russisch spricht. Ist ihr aber völlig egal. Scheinbar sehe ich so arm aus, dass sie mir keinen Laptop zutraut. Da hab ich ja noch mal Glück gehabt.
Danach werden wir in die Werkstatt geschoben. Wir bekommen neue "Füße" in Russland gibt es nämlich eine andere Spurbreite. Also Waggon hoch, alte Fahrgestelle weg, neue dran. Ich hüpfe mutig mit der Kamera bewaffnet aus dem Zug, will gerade knipsen, da kommt die Schaffnerin und holt mich wieder rein. Kein Bild. Mist.
Aber die Babuschkas laufen in der Werkshalle mit ihren Waren rum und versuchen immer wieder in den Zug zu kommen. Die Schaffnerin hat alle Hände voll zu tun um das zu verhindern. Mann, ich hab Durst. Also kaufe ich an der offenen Tür im besten Russisch zwei Babuschkas 2 Flaschen Bier ab. Ich schaffe sogar, ihnen klar zu machen, dass ich nur kaltes nehme. Ich hab aber kein Kleingeld. Meine beiden weißrussischen Kumpels kommen dazu und sehen, dass ich den Damen 5€ geben möchte. Daraufhin diskutieren sie mit den Babuschkas so lange, bis ich ne dritte Flasche dazu kriege. Jetzt müsste ich die drei Bier ja eigentlich anstandshalber teilen. Ähm, nee. Ich gebe den "Jungs" Toffifee aus, die sie scheinbar noch nie gesehen haben. Auch gut. Die Völkerverständigung funktioniert also.
So komme ich mit den beiden ins Gespräch, wenn man das so nennen kann. Der ältere spricht ein paar deutsche Wörter und Roberts Schwiegervater hilft ein bißchen. So kann man immerhin ein paar Infos austauschen. Ich erzähle von meiner Reise. Der Ältere übersetzt dem Jüngeren. Beide schütteln den Kopf. Durch die paar Wörter, die ich verstehe, vermute ich mal, dass er sowas sagte wie: Die Deutschen sind bekloppt. Okay, kann ich mit leben.
Beide steigen Minsk aus. Ich war schon gespannt, wer mich als nächsten mit seiner Anwesenheit erfreut. Da kommt der Schaffner, der mich in Köln angebrummt hat und zeigt sich mehr als fürsorglich. Er bietet mir an, alle Betten bis auf meines hochzuklappen und erklärt mir die verschiedenen Lichteinstellungen im Abteil. Das wusste ich natürlich längst, bedanke mich aber trotzdem freundlich. Ich hab also wieder ein Einzelzimmer für die Nacht cool. Moskau, ich komme!

© Patrick Stamm, 2011
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 21.07.2011
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 19.08.2011
Reiseziele: Russland / Russische Föderation
Der Autor
 
Patrick Stamm berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.