Die Sahauris der West-Sahara

Reisezeit: April 2016  |  von Frank Dittrich

Auf nach Laayoune

Gegen 11.30 geht es raus aus der Stadt, immer Richtung Süden. Anfangs noch mit vielen langsamen LKWs auf der Straße, dann wird der Verkehr immer weniger. Zwischendurch finde ich einen geöffneten Telekom-Shop und bin ab sofort online. Nach 300 km zeigen sich die ersten Sanddünen, rechts der Atlantik. Eine Flußmündung ist voll mit Flamingos. Ab und zu eine Polizeikontrolle, wo meine Daten und die des Autos notiert werden. Nach 500 km komme ich in die West-Sahara und tanke erst mal. Knappe 50 Cent pro Liter Diesel dank steuerfreier Zone. Für 18 Euro ist der Tank wieder voll.

In Laayoune treffe ich mich mit Diana und Achmed. Sie fragen, ob ich bei Ihnen zu Hause oder im Hotel schlafen möchte. Angesichts des arabischen Hock-Klos entscheide ich mich spontan für das Hotel. Ich lade Sie zum Abendessen in ein Restaurant ein, es gibt Fischfilet mit Reis und Gemüse. Beide müssen noch bis Donnerstag arbeiten und stellen mir meinen Reiseführer für die nächsten 3 Tage vor. Er wird mich morgen früh im Hotel abholen.

Dienstag, 5.4.2016
Habe sehr gut geschlafen. Das Frühstück ist sehr süßigkeitenlastig, lauter Kuchen und Baclawa, Croissants und süßes Gebäck. Gerade mal Baguette und Weichkäse für die Liebhaber der herzhaften Kost. Damit begnüge ich mich für heute, lasse mir noch einen frisch gepressten Orangensaft servieren und bin startklar für den Tag.

Ibrahim wartet schon in der Hotelhalle auf mich und spielt heute meinen Chauffeur. Zuerst zeigt er mir die Stadt. Riesige Neubaugebiete entstehen in der Peripherie. Staatlicher Wohnungsbau, um Marokkaner aus dem Norden hier anzusiedeln. Diese werden mit Arbeitsplätzen und Steuervergünstigungen gelockt. Der Grund: Marokko wurde 1991 vom Internationalen Gerichtshof verurteilt, ein Referendum über die Unabhängigkeit des besetzten Gebietes West-Sahara durchführen zu lassen. Diese Abstimmung zögert Marokko so lange hinaus, bis genügend Nordmarokkaner hier angesiedelt sind, dass ausreichend Stimmen gegen die Unabhängigkeit sicher sind. Die ursprünglich hier lebenden Sahauris bekommen weder Arbeitsplätze noch Wohnungen, werden praktisch systematisch vertrieben.

Wir verlassen die Stadt, fahren knapp 100 km in südöstlicher Richtung. Sehr eintönige Landschaft, aber gute Straße. Wir kommen nach Bou Craa, dem größten Phosphatvorkommen der Welt. 2 Milliarden Tonnen sollen hier lagern. 10.000 Tonnen werden täglich auf dem mit 100 km längsten Förderband zum Hafen von Laayoune transportiert und als Dünger in die ganze Welt exportiert. Den Erlös kassiert der marokkanische Staat.

Wir fahren ein Stück zurück und biegen rechts Richtung Smara ab. Schon bald erreichen wir das Wadi "Saguia el Hamra". Hier wachsen Dattelpalmen und Schilf. Wadis sind ausgetrocknete Flusstäler, die nur nach starken Regenfällen Wasser führen. Weit in der Ferne schimmert ein großer See. Ibrahim verlässt die Straße und wir folgen Reifenspuren durch die Wüste. Schließlich landen wir an drei Zelten. Ein Beduine bittet uns herein. Das Hauptzelt ist mit Teppichen ausgelegt, an den Rändern Kissen. Frau Beduinin bereitet gerade Tee. Bevor der serviert wird müssen wir aus einer Schüssel saure Kamelmilch trinken. Dazu gibt es Datteln, die in gesüßte Ziegenmilch getaucht werden. Die Familie besteht aus den Eltern, Großeltern und 5 Kindern. Großvater strahlt eine Würde und Weisheit aus, die nicht vermuten lässt, dass er sein Leben lang als Ziegenhirte gearbeitet hat. Leider bekomme ich von der Unterhaltung nicht viel mit, meine Arabischkenntnisse sind doch sehr beschränkt. Aber es ist eine tolle Atmosphäre im Zelt. Das Handy von Großmutter klingelt und sie spuckt einen Wortschwall ins Telefon. Dann schubst sie das Handy auf dem Teppich zu ihrem Sohn an der gegenüberliegenden Zeltwand. Der grüßt auch recht freundlich ins Mikrofon und schubst es weiter über den Teppich zu mir. Ich soll doch bitte auch was sagen, damit die Verwandtschaft am anderen Ende der Leitung auch wirklich glaubt, dass ein Europäer zu Besuch ist. Mach ich doch gerne und schubse das Handy wieder an Oma zurück. Bestimmt weiß bald die ganze Wüste, dass ich hier bin. Als wir aufbrechen, zeigt mir Papa Beduine einen etwa 4 qm großen Platz, der von Steinen gesäumt ist. "Meine Moschee" sagt er stolz, zieht sich vor dem Platz die Schuhe aus, kniet sich in den Sand und verbeugt sich nach Mekka.

Am frühen Nachmittag kommen wir zurück nach Laayoune und sammeln Achmed ein. Er lädt uns zum Mittagessen ein. In Tarfaya. Aber gerne. Hätte ich gewusst, dass Tarfaya gut 100 Kilometer weg ist, wäre ich lieber in Laayoune zum Essen gegangen. So fahren wir wieder eine Stunde durch die Wüste. Tarfaya liegt an der Atlantikküste und hat 8000 Einwohner. Und die größte Sehenswürdigkeit ist ein Postmuseum. Das Museum ist Antoine de Saint-Exupéry gewidmet. Ja, der Autor von "Der kleine Prinz". Doch die schriftstellerischen Leistungen des Herrn sind hier gänzlich unbekannt. Hier geht es nur um seine Leistungen als Pionier der Luftpost. Er war der erste Flieger, der regelmäßige Postflüge von Brasilien über den Atlantik nach Europa unternahm und hier in Tarfaya stets zwischengelandet ist auf dem Weg nach Spanien oder Frankreich. Fotos und zahlreiche Briefumschläge zeigen die Entwicklung der Übersee-Luftpost ab 1927.

Das Mittagessen gibt es in der Kantine eines Internats. Achmed und Ibrahim sind mit dem Hausmeister und seiner Frau (die praktischerweise die Köchin ist) befreundet. Als wir die Kantine betreten, stehen alle Schüler auf und singen uns ein Begrüßungslied.
Ich fühle mich fast wie in meiner Schule auf Madagaskar. Wir bekommen unser Essen im Nebenraum. Tomatensalat mit grüner Paprika und Zwiebeln, als Hauptgericht Hühnchen. Ein großer Teller in der Tischmitte. Jeder bekommt ein Baguette. Davon wird ein Stückchen abgebrochen und als Greifwerkzeug mit der rechten Hand benutzt. Die linke Hand darf nicht benutzt werden. Nun fiesel mal einhändig mit einem Baguettstückchen nen Vogel ab. Der Tisch sieht danach wie ein Schlachtfeld aus. Als Nachspeise Orangen. Ob man die auch einhändig schälen muss? Nein, da darf man auch die linke Hand zu Hilfe nehmen. Aber in den Mund stecken darf man die Stückchen nur mit rechts. Uns werden drei Matratzen auf den Boden gelegt, damit wir Siesta machen. Der Hausmeister bereitet derweil den Tee vor. Kurz vor 6 machen wir uns auf den Heimweg.

Heute Abend spielt Real Madrid gegen FC Barcelona. Ob ich mit zum Public viewing komme. Nein, das tue ich mir nicht an. So lasse ich mich im Hotel abliefern und schreibe an meinem Tagebuch. Nach dem Spiel holen mich Diana, Achmed und Ibrahim ab. Wir gehen Kamel essen. Während das Tier in der Tagine zusammen mit Datteln und Rosinen schmort, vertreiben wir uns die Zeit mit Billard. Das Kamel schmeckt ähnlich wie Rind und es gibt zu meiner großen Freude Messer und Gabel. Wir besprechen den Tagesplan für morgen, dann werde ich ins Hotel zurück gebracht.

Die Phosphatmine von Bou Craa ist für Besucher nicht zugänglich. Im Hintergrund das weltweit längste Förderband, ca 100 km lang.

Die Phosphatmine von Bou Craa ist für Besucher nicht zugänglich. Im Hintergrund das weltweit längste Förderband, ca 100 km lang.

Beduinenzelt im Nirgendwo, östlich von Laayoune

Beduinenzelt im Nirgendwo, östlich von Laayoune

Begrüßungstee bei den Beduinen

Begrüßungstee bei den Beduinen

Gastfreundschaft wird groß geschrieben

Gastfreundschaft wird groß geschrieben

Die improvisierte Moschee, in der 5mal täglich gebetet wird.

Die improvisierte Moschee, in der 5mal täglich gebetet wird.

Oase im Wadi Saguia el Hamra.

Oase im Wadi Saguia el Hamra.

Essen im Internat (Huhn mit Oliven)

Essen im Internat (Huhn mit Oliven)

Hybridfahrzeug der Sahauris

Hybridfahrzeug der Sahauris

© Frank Dittrich, 2016
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Besuch bei Freunden in Laayoune / El Aouin in der ehemaligen Kolonie Spanisch-Sahara, jetzt von Marokko besetzt.
Details:
Aufbruch: 03.04.2016
Dauer: 13 Tage
Heimkehr: 15.04.2016
Reiseziele: West-Sahara
Der Autor
 
Frank Dittrich berichtet seit 6 Jahren auf umdiewelt.
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