Hongkong-Reisebericht :In Düsseldorf daheim, in der Welt zu Hause

Hong Kong

Die zwei Gesichter von Hong Kong

Klingt erstmal nach einem ganz netten Krimi hier drueben, ist aber in Wirklichkeit die traurige Wahrheit ueber die Millionen-Metropole und Vorzeigestadt Asiens. Wenn man nur auf den vorgegebenen Touristen-
Pfaden vom Airport-Express uebers Sheraton oder Hilton und dann mit der Luxus-Faehre ueber den Fluss und in einem deluzen, klimatisierten 5-Sterne-Hotel ziemlich unasiatische Spaghetti-Bolognese diniert, koennte man denken, Hong Kong sei eine sehr saubere, kultivierte und ansehnliche Grosstadt (haette man gar nicht erwartet von einem so ueberbevoelkerten Multi-Kulti-Anzugspunkt fuer Asiaten aus allen Teilen Asiens, oder? Tja und als weit gereister Businessmann und Asienkenner laesst man sich dann mit dem Taxi auf dem Rueckweg zum Flughafen noch schnell an der huebsch angerichteten Promenade mit dazugehoeriger "Avenue of Stars" (Sunset Boulevard Asiens mit entsprechend unverstaendlichen Zungenbrechern von lokalen Filmstars) vorbeifahren und nachdem man dann durchweg klimatisiert ohne einen Schweiss-Tropfen auf dem Hemd wie aus dem Ei gepellt daheim ankommt, kann man erzaehlen, dass Hong Kong ein huebsches Fleckchen Erde sei.

wirkt auf den ersten Blick tatsaechlich so. alles schoen und gut soweit

wirkt auf den ersten Blick tatsaechlich so. alles schoen und gut soweit

gepflegt flanierende Chinesen bzw. Hongkonesen mit Sonnenschirmchen an der blitzsauberen Hafenpromenade...

gepflegt flanierende Chinesen bzw. Hongkonesen mit Sonnenschirmchen an der blitzsauberen Hafenpromenade...

und auch beim Blick von oben kein sozialer Brennpunkt zu erkennen, muss wohl eine ziemlich reiche Stadt sein...

und auch beim Blick von oben kein sozialer Brennpunkt zu erkennen, muss wohl eine ziemlich reiche Stadt sein...

na, die haben doch vorzuegliche Hotels hier! Verstehe gar nicht, warum Menschen sagen, die Hotels in Asien seien nicht mit dem europaeischen Standard zu vergleichen!

na, die haben doch vorzuegliche Hotels hier! Verstehe gar nicht, warum Menschen sagen, die Hotels in Asien seien nicht mit dem europaeischen Standard zu vergleichen!

Hm, wo ist der Fehler? eine asiatische 7-Millionenmetropole ohne soziales Ungleichgewicht, schmierige, enge Gassen mit noch schmierigeren Typen und vor ihren Strassenstaenden auf Pappkartons lebende Menschen?

Ein solcher, fuer Hong Kongs Central Business District typischer Geschaeftsmann hat jedenfalls nur die halbe Wahrheit von dieser wahnsinnigen Stadt erlebt, denn der arme, dreckige, verpestete, unschoene Teil wird vor den Touris aus aller Welt moeglichst versteckt.
Aber nicht mit mir! Immer auf der Suche nach Abenteuer, Nervenkitzel und Kulturschocks schwang sich SuperMario fuer umdiewelt.de in dunkle, neblige Gassen, trieb sich im Herzen der sozialen Brennpunkte herum und lernte lokale Obdachlose und Drogendealer kennen, um der Welt dort draussen einen exklusiven Eindruck der dunklen Seite von Hong Kong zu gewaehren...
Das faengt zum Beispiel schon bei der Auswahl der notwendigen Kalorienaufnahme an. Da ich mich in einem selbst verwalteten Teil der chinesischen Republik befinde, moechte ich doch auch in den Genuss der chinesischen Kueche gelangen und wo geht das besser, als auf einem wuseligen, dampfenden und hektischen Markt, an dem alles von Haifischsuppe ueber Huehnerleberspiesse zu jedweder unerkennbarer Form von Ex-Meeresbewohnern...

da man sowieso nicht versteht, aus was die Spiesse zusammengewurschtelt sind, entscheidet man spontan nach Bauchgefuehl. Dieses kann sich allerdings in manchen Faellen zu spaeterer Stunde auch wieder bemerkbar machen, dieses Mal aber in negativer Form...

da man sowieso nicht versteht, aus was die Spiesse zusammengewurschtelt sind, entscheidet man spontan nach Bauchgefuehl. Dieses kann sich allerdings in manchen Faellen zu spaeterer Stunde auch wieder bemerkbar machen, dieses Mal aber in negativer Form...

grosses Hallo beim traditionellen Pappkarton-Picknick am Familiensonntag auf dem Boden vor dem Hauptbahnhof

grosses Hallo beim traditionellen Pappkarton-Picknick am Familiensonntag auf dem Boden vor dem Hauptbahnhof

zu Fuessen der fein herausgeputzten und in der Sonne glaenzenden Hochhauesern mit ihren Pinguinen gehts ab ins bunte Getuemmel zu den Kisten mit Allerlei Ess- und nicht Essbarem

zu Fuessen der fein herausgeputzten und in der Sonne glaenzenden Hochhauesern mit ihren Pinguinen gehts ab ins bunte Getuemmel zu den Kisten mit Allerlei Ess- und nicht Essbarem

na den Kumpel erkenn ich doch noch, das ist doch diese kleine Wahrsager-Leuchte, die alle WM-Ergebnisse vorausgesagt hat!

na den Kumpel erkenn ich doch noch, das ist doch diese kleine Wahrsager-Leuchte, die alle WM-Ergebnisse vorausgesagt hat!

was er oder sie (oder es?) mal gemacht hat im richtigen Leben kann ich beim besten Willen nicht sagen

was er oder sie (oder es?) mal gemacht hat im richtigen Leben kann ich beim besten Willen nicht sagen

Der Geschaeftsmann erzaehlt ja seiner Frau zu Hause auch, dass die Menschen in Hong Kong alle ganz toll englisch sprechen und einen alle verstehen, wenn man sie etwas fragt. Tja, das ist leider auch nur die halbe Wahrheit, denn sobald man von den Touristenpfaden abkommt und die ein oder andere Quergasse entlanglaeuft, ist es schnell vorbei mit den englischen Neon-Schildern und alle 5m ausgeschilderten "walking tracks". Dann steht man naemlich auf einmal an einer dicht befahrenen, fuer Fussgaenger nur unter aeusserster Lebensgefahr ueberquerbahren Kreuzung und versucht vergeblich, dem Schildergewusel auf der anderen Seite auch nur eine verstaendliche Silbe zu entlocken...

tja...

tja...

Nun trifft es sich, dass ich fuer meinen Aufenthalt in Hong Kong passenderweise die mit Abstand heissesten Tage des Jahres ausgesucht habe, ich Fuchs Man duscht also morgens erfrischend kalt, doch praktisch MIT dem Anziehen faengt man schon an zu schwitzen! Dann tritt man aus dem Hostel auf die Strasse und wird sofort vom Hitzeschlag getroffen: 35 Grad im Schatten und bis zu 88% Luftfeuchtigkeit laesst sogar die locals mit durchweichten Hemden und Sonneschirmen von Schatten zu Schatten hecheln. Als diese Hitze nicht gewoehnte Rothaut verbringt versucht man seinen Tagesplan um die Mittagshitze herum zu gestalten. Problem ist nur: Es gibt keine Mittagshitze in dem Sinne, sondern es ist einfach den ganzen Tag heiss, heiss, heiss! Und selbst nachts "kuehlt" es nur auf 28 - 30 Grad herunter!
Also versucht man die ausgeschwitzte Fluessigkeit oben wieder reinzukippen mit diversen Litern Wasser aus Supermaerkten, in denen einen jedes Mal der Kaelteschock trifft beim Betreten, weil diese so runtergekuehlt werden von der Klimaanlage, dass die Mitarbeiter wahrscheinlich taeglich ausgewechselt werden muessen wegen Lungenentzuendung.
Diese Aberhunderte von aussen an den Hochhauesern angebrachten Klimaanlagen haben zur Folge, dass sich auf dem Buergersteig unter der Strasse riesige Pfuetzen bilden, weil die Klimaanlagen aus der Hoehe irgendwelches wiederliches Kuehlwasser auf die Menschen unten Tropfen, aber eben auch nur abseits der Schicki-Micki-Einkaufsgalerien...

Nun hatte ich alter Danger-Ranger die voellig bescheuerte Idde am heissesten Tag des Jahres als weit und breit einziger Touri einen lokalen Berg zu besteigen und das natuerlich recht spontan, schebaum-maessig mit EINER kleinen Flasche Wasser, nichts Essbarem, ohne Karte und Plan von Irgendwas. Es kam, wie es kommen musste: Kurz vor einem Hitzeschlag komm ich keuchend am Berg oben an und was ist? Von wegen nur ein Gipfel ey! Da gibt es gleich drei von den Scheiss Bergen hintereinander und weit und breit keine Moeglichkeit, irgendwie an Fluessignahrung ranzukommen. Also bin ich schoen bei 36 Grad 4 Stunden lang ueber die Hong Konger Dschungel Berge (ohne Schatten spendende Baeume) gestolpert und dabei deutlich an meine Hitze-Grenze gestossen:

neee, wat war ich fettich! sieht man mir kaum an oder?

neee, wat war ich fettich! sieht man mir kaum an oder?

Schlimmster Schlafsaal meines Weltenbummler-Lebens

Das mit der Uebernachtung waehrend meiner Woche in Hong Kong ist sowas von unter aller Sau, dass es zu Ehren einen eigenen Abschnitt erhaelt
Faengt damit an, dass der 10er Schlafsaal im 16.Stock dieses Hochhausblocks keine Fenster hat! Es gibt zwar eine Wand ohne Betten in diesem stickigen Raum, durch die auch schwach Tageslicht dringt, allerdings kann man nicht rausgucken, geschweige denn, diese oeffnen, so dass man eben auch nicht lueften kann. Dafuer sorgen zwei Ventilatoren an der Decke, die allerdings puenktlich um Mitternacht zusammen mit der Neon-Deckenbeleuchtung ausgeschaltete werden.
Ich sollte vielleicht erwaehnen, dass der grosse Vorteil dieses zwielichtigen Etablissements sein unschlagbarer Preis ist, der weit unter dem aller anderen Anbieter des Viertels liegt, was der Grund ist, warum ich mir das mehr als eine Nacht antue...

ach ja, ein trautes Heim ist was Feines

ach ja, ein trautes Heim ist was Feines

Die Klos und Waschbecken und Duschen wurden in kleinen Nischen auf dem Gang praktischerweise in einem Abwasch erledigt und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn man koennte theoretisch auf dem Klo sitzen, sich den Duschhahn ueber den Kopf halten und sich die Zaehne putzen. Was man da an Zeit spart
Es gibt zwar einen Aufzug ins Erdgeschoss, allerdings kommt der recht spaerlich bis in den 16.Stock und sobald man in der Eingangshalle ankommt, wird man auch zielsicher von einer Armada an schwarzen und indischen Typen belagert, die einem das tollste Hostel, die beste Uhr oder die coolste Sonnebrille der Stadt versprechen. Aus diesem Grund habe ich abenteuerlustig versucht, die Treppe bzw. den Hintereingang zu benutzen, was allerdings genauso beschwerlich ist, wie sich durch die Horde von Dealern zu schlagen. Denn erstens ist man voellig durchnaesst, wenn man 16. STockwerke bei 38 Grad hochgelaufen ist und zweitens muss man sich seinen Weg durch Berge von Muell und Zigarettenkippen bahnen, die von allen Hausbesitzern in einer Art stillem Abkommen einfach in das Treppenhaus gestellt werden.

Und da man in Hong Kong fast nirgendwo rauchen darf und es sowieso keine Fenster oder Balkone in diesem Hochaus gibt, verziehen sich die Raucher eben Drogenabhaengig-maessig in den von weissem Neonlicht durchfluteten, vor Hundert Jahren das letzte Mal gewischten Hausflur und paffen da alles zu und lassen ihre Stummel einfach da liegen, ist schliesslich billiger, als sie auf die Strasse zu werfen...

welches "window" ihr Witzbolde?

welches "window" ihr Witzbolde?

Ha! Hab doch ein Fenster gefunden! Und was fuer Ausblick sich da einem bietet!

Ha! Hab doch ein Fenster gefunden! Und was fuer Ausblick sich da einem bietet!

Zimmergenossen

Das Alles waere ja noch irgendwie zu ertragen, wenn man wenigstens die Nacht mit ein wenig Schlaf hinter sich bringen koennte. Aber ich bin natuerlich zielsicher auf die britische Alt-Herren-Mannschaft von Hong Kong getroffen: 5-6 Maenner mit wenig verbliebenen grauen Haaren in ihren 60ern, die alles kennen, alles wissen und einem das auch bei jeder Gelegneheit versuchen, mitzuteilen. Das mag ein bisschen an der bis 1997 englisch-gepraegten, kolonialen Vergangheit Hong Kongs liegen, dass hier immer noch so alte englische Saecke auftauchen, die meinen, sie koennten sich hier immer noch benehmen, wie die Kolonialherren. Frueher wurden die feinen britischen Herren auf Saenften und Baren durch die Gegend getragen, waehrend eben "einer von den kleinen Schlitzaugen" den Damen und Herrschaften mit einem Faecher frische Luft zugewedelt hat, wenns ein wenig warm wurde im massgeschneiderten Anzug oder Kleidchen. Bei dieser Alt-Herren-Gang in meinem Zimmer hab ich jedenfalls das Gefuehl, dass sie am Liebsten 100 Jahre eher in Hong Kong gelebt haetten und jetzt hier sind, um den Kolonialstatus zurueck zu erobern.

Das ist aber nicht alles, denn obendrein vereinigen diese Maenner auch noch alles, was man mit dem alt werden in Verbindung bringt (nichts gegen euch, liebe Grosseltern und betagte Verwandten, ihr altert alle mit zehnmal mehr Wuerde als die Jungs hier):

- Sie schnarchen nachts wie ein Saegewerk
- Sie schlafen trotz der Hitze mit Socken
- Sie haben alle ueber Jahre antrainierte, feine Bierbaeuche
- Sie reden voellig ungeniert und laut bis tief in die Nacht hinein ueber ihre Hobbies, die sich hauptsaechlich um Penisringe (und ganz detailliert ihre Wirkung), Errektionsstoerungen (und die kleine blaue Wunderpille), Schlafstoerungen und diverse Alters-Zipperlein drehen. Nicht zu ueberhoeren ist allerdings auch die Tatsache, dass diese Maenner aus England stammen, denn so hat sich gestern bis 2 Uhr nachts eine hitzige Diskussion ueber jahrhunderte-alte Persoenlichkeiten des englischen Koenigshauses und die Geschichte der koeniglichen Gebaude in London entbrannt.
Aber das Schlimmste ist, dass ich unter mir im Hochbett einen geilen, alten Bock liegen habe, der sich jede Nacht, wenn er denkt, dass ale schlafen, lautstark den Aal wuergt und leider haben Hochbetten nunmal die Angewohnheit, die Bewegungen des Unteren nach oben zu uebertragen

Naja, toi, toi, toi, kann nur besser werden, wa?!

© Marius Schebaum, 2010
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mein Around-the-World-Ticket, mein Backpacker-Rucksack und Ich in einem Jahr einmal links rum um die Welt von Lateinamerika über Mittelamerika, USA, Fiji, Neuseeland, Australien und Indonesien bis nach China...
Details:
Aufbruch: 10.10.2010
Dauer: 12 Monate
Heimkehr: 10.10.2011
Reiseziele: Brasilien
Paraguay
Bolivien
Peru
Panama
Costa Rica
Nicaragua
Vereinigte Staaten
Fidschi
Neuseeland
Australien
Indonesien
Malaysia
Hongkong
China
Katar
Türkei
Deutschland
Der Autor
 
Marius Schebaum berichtet seit 7 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors
Marius über sich:
Tach auch!
Ich bin Marius, ne waschechte Rheinländer aus dem Herzen Düsseldorfs und wurde mit einer gehörigen Portion Fernweh und Lebenslust ausgestattet. Diese beiden Dinge lebe ich nun in meinen Mitt-Zwanzigern voll aus, bereise die große weite Welt Stück für Stück und möchte andere reisebegeisterte Menschen gerne an meinen Erfahrungen teilhaben lassen.
Vielleicht lockt es ja den ein oder anderen nach der Lektüre auch in eines der Länder, um dort dann genau so spannende Erfahrungen zu machen... Es würde mich aber auch schon glücklich machen, wenn es dem ein oder anderen rauchenden Studentenkopf in der Lernphase eine kleine Auszeit und andere Gedanken beschert