Türkei-Reisebericht :Indien von Süd nach Nord, 1993/4

Von Istanbul nach Wien per Bus

Istanbul

Ziemlich fertig kam ich frühmorgens an, nach drei Stunden Pause im Flughafen schaffte ich es irgendwie in die zentrale offizielle Jugendherberge.

Wie in allen Mittelmeerländern gibt es in der Türkei kaum Heizungen. Es war der 11. Februar und es herrschte Dauerfrost. In dem Haus wurde morgens von 6-8 und abends der Heizkörper handwarm, ansonsten gab es im zugigen Wintergarten einen Ölofen auf dem der Chai köchtelte und man sich in Jacken unter dem plärrenden Fernseher traf.

Mein Fieber war inzwischen konstant über 39°. Am zweiten Tag hatte ich ein Einsehen und zog in ein nahes Hotel ins Einzelzimmer und ließ mir einen Arzt empfehlen. In der Poliklinik versorgte mich eine gut englischsprechende Ärztin mit einer Spritze, dem türkischen Standardmittel bei Fieber. Dummerweise hatte ich zu sehr meine Magenprobleme geschildert, die stechenden Kopfschmerzen im Stirnbereich vernachlässigt. Ich wurde also deswegen behandelt, wie sich dann später herausstellte hatte ich eine Mittelohrentzündung, die das hohe Fieber auslöste. (Für die Behandlung nahm man kein Geld, nur die Medikamente mußte ich bezahlen). Nach drei weiteren Tagen war das Fieber unverändert hoch, ich ging nachmittags wieder zur Poliklinik, die Empfangsschwester -- eine Seele von Frau, auch wenn wir uns nur durch Zeichensprache verständigen konnten -- sah mich erschreckt an. Leider war schon Schließzeit, man schickte mich an eine Notaufnahme eines großen Krankenhauses weiter.

Dem Taxifahrer [Istanbul war berühmt für seine ehrlichen Taxifahrer, weltweit wohl einmalig. Das scheint sich die letzten Jahre geändert zu haben] schien ich wohl zu gesund, er fragte ob ich einen "Arkadash" besuchen wollte. Der Arzt in der Notaufnahme (keine gemeinsame Sprache) sah mich auch komisch an, als ich ihm mein Fieberthermometer mit 39,8° unter die Nase hielt. Er faßte auf meinen Handrücken, und sagte dem Ton nach etwas wie "was willst Du? Spinner, Du bist ganz kalt." Das änderte sich schnell, als sein Thermometer dann auch 39,6° zeigte. Ein junger Arzt, der in Amerika studiert hatte fand sich, die Mittelohrentzündung geklärt -- wieder durfte ich die Rechnung, es wären nur ca. 9 $, gewesen, nicht bezahlen. An Medikamenten gab es Ärztemuster.

Noch zwei weitere Tage im Bett und ich war halbwegs fit. Die Ärzte und medizinische Versorgung kann ich nur als vorbildlich loben. Auch der Hotelwirt war sehr verständnivoll, obwohl ich fünf Tage das Zimmer nur kurz zum Essen verließ.

Eintrittskarte zur Hagia Sophia.

Eintrittskarte zur Hagia Sophia.

Gesehen habe ich in fast 10 Tagen wegen der Krankheit von Istanbul nicht viel. Eigentlich war ich nur in der Hagia Sophia. Deren Kuppelinneres war größtenteils eingerüstet. Den Flug nach Athen konnte ich nicht mal für 20 $ weiterverkaufen (Damals konnte man noch jemanden Einchecken, der dann mit dem Boarding Pass nicht weiter kontrolliert wurde, unter "falschem Namen" flog.)

Die "gute, alte Zeit"? Transitvisa für Rumänien und Bulgarien.

Die "gute, alte Zeit"? Transitvisa für Rumänien und Bulgarien.

Busfahrt nach Wien

Ich buchte dann im Reisebüro, bei einer jungen türkischen Rückwandererin aus Berlin den Europabus nach München (ca. 70 $), wovon sie stark abriet. Sie wollte mir unbedingt einen Flug zu 95 $ verkaufen -- zu Recht wie sich später herausstellte. Nun brauchte man für Bulgarien und Rumänien damals noch gebührenpflichtige Transitvisa (zs. 24 $). Die gab es zwar auch an der Grenze, aber vorher besorgt war es billiger. Rumänien war vollkommen problemlos. Zum bulgarischen Konsulat mußte ich auf die andere Seite des goldenen Horns. Früh um 11 beantragt, nach der Mittagspause um 2 fertig.

Am Busbahnhof von Istanbul waren die drei Fahrer gerade dabei im hinteren Teil des Busses zwei Sitzreihen auszubauen. Der Bus war etwas mehr als halb voll. Außer zwei Israelis, die bis Budapest fuhren, war ich der einzige "Ausländer," alle anderen waren Türken, viele aber schon in Österreich eingebürgert -- sämtlich mit großem Gepäck, z.B. kompletten Döner-Bratanlagen.

Die erste Nacht durch Bulgarien auf miesen Landstraßen habe ich verschlafen, eine längere Verspätung gab es als wir sechs Stunden auf die Donaufähre in Rumänien warteten. Die Fahrt durch das winterliche Osteuropa selbst war trostlos. Einen Passagier hätte man fast auf einer ungarischen Raststätte vergessen. Die Fahrer schnarchten abwechselnd auf der Rückbank, im Bereich der ausgebauten Sitze kochten sie auf einem Spirituskocher ihre Süppchen.

Unangenehm wurde der Grenzübergang von Ungarn nach Österreich (an meinem Geburtstag). Die beiden Grenzstationen waren ein paar hundert Meter auseinander. Die Zusammenarbeit der Zöllner funktionierte aber schon gut. Der Ungar rief den Österreicher an, daß von den Fahrern eine Reisetasche mit gut 50 Stangen Zigaretten mitgeführt wurde. Nun waren die Fahrer Profis -- zwischen den Grenzen verschwand der Inhalt der Tasche auf mysteriöse Weise an verschiedensten Stellen im Bus: "Let the games begin!" Nachdem niemand mehr als die erlaubten Zigaretten deklarierte (ich hatte meine legale Stange vom Flughafen in Karachi) begann die Suche. Alle raus und eine ¾ Stunde bei ca -6° C neben dem Bus warten. Das Betreten des geheizten Aufenthaltsraums und Toilettengänge wurden explizit verboten. Nach Durchsuchung allen zurückgelassenen Handgepäcks im Bus (der Inhalt wurd einfach auf die Sitze gekippt) wurde das Aufstellen im Glied neben dem Gepäck aus dem Stauraum angeordnet.

Dabei kam die "Freundlichkeit" österreichischer Zöllner wieder einmal hervor (ich habe am Neujahrsmorgen 1986 aus Jugoslawien kommend um 4 Uhr früh von einem ziemlich offensichtlich besoffenen Grenzer schon eine geklebt bekommen, weil ich seiner Meinung nach nicht schnell genug aufschaute, während ich noch schlaftrunken meine Schuhe zuband!) Jeder Fahrgast wurde nach Inhalt des mitgeführten Gepäcks befragt, Kartons geöffnet usw. Kurzfassung: Zöllner zum in Österreich eingebürgerten Türken links von mir: "Was Du haben? Aufmachen! Zack, zack!" Dann zum mir (Rucksack neben mir): "Haben Sie etwas zu verzollen?" "Nein." "Was ist da drin?" "G'wand und Zeug." "Danke schön" (Rucksack ungeöffnet). Zum Türken rechts von mir: "Du! Aufmachen, schnell, schnell! Was hast dabei?" Felix Austria. Alle Kippen wurden gefunden, zusammengezählt und von den Türken eine Kopfpauschale verlangt. Vielleicht sollte mal wieder jemand über die Brücke nach Braunau fahren und unter den Beamten aufräumen?

In Wien waren hatte ich von den unbequemen Sitzen nach drei Tagen genug, der Motor entwickelte immer wieder Probleme die zu Halten führten. Ich stieg aus und besuchte Bekannte in der buckligen Welt.


Zum Schluß noch etwas Selbstreflexion: Wie wirke ich mit meinen manchmal doch ziemlich rabiaten Einstellungen als Tourist?

Diese chinesische Touristin probiert um 6 Uhr 30 morgens am Münchner Hauptbahnhof sämtliche verfügbaren Würstchensorten durch. Ich fand's kurios genug sie mit meinem Handy abzulichten. (Sept. 2012)

Diese chinesische Touristin probiert um 6 Uhr 30 morgens am Münchner Hauptbahnhof sämtliche verfügbaren Würstchensorten durch. Ich fand's kurios genug sie mit meinem Handy abzulichten. (Sept. 2012)

15 Jahre später nochmal Indien: Auf Buddhas Pfaden: "You travel, you rich, you pay!" Dann Ost nach West.

© Adi Meyerhofer, 2013
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Lang, lang ist's her.
Details:
Aufbruch: November 1993
Dauer: 3 Monate
Heimkehr: 24.02.1994
Reiseziele: Thailand
Sri Lanka
Malediven
Indien
Pakistan
Türkei
Der Autor
 
Adi Meyerhofer berichtet seit 4 Jahren auf umdiewelt.