Bhutan - mit dem Fahrrad durch das Land des Donnerdrachens

Bhutan-Reisebericht  |  Reisezeit: Oktober 2014  |  von Jörn Tietje

Vom Glück der Menschen

Bhutan hat sich als Staatsziel dem Glück seiner Bewohner verschrieben. Davon muss doch etwas zu spüren sein und vielleicht gelingt es mir ja auch, ein kleines Stück davon in mein Reisegepäck zu stecken und in die Heimat zu schmuggeln. Drei Tage auf dem Rad liegen noch vor mir, und da kann man schon man an die Rückreise denken.
Aber bevor ich zu meinen Eindrücken in dem angeblich glücklichste Land der Welt komme, vorher noch ein paar Ergänzungen zu meinem letzten Bericht.
Wir waren in Bumthang in einem wirklich sehr schönen Hotel untergekommen. Auch das Essen hier war außergewöhnlich gut und man bemühte sich nicht zwanghaft, internationale Hotelküche zu imitieren. Das Essen war landestypisch und sehr lecker. Ein Beispiel: In der Gegend wird sehr viel Buchweizen angebaut und so gab es zum Frühstück Buchweizenpfannkuchen satt.
Die Gegend um Bumthang ist buddhistisches Kernland Bhutans mit sehr vielen Klöstern, Tempeln und natürlich einem Dzong. Für den Vormittag standen eigentlich weitere Besichtigungen an. Eigentlich. Denn der Toyota verweigerte wieder einmal seinen Dienst. Nicht die Batterie, sondern die Lichtmaschine hatte sich verabschiedet - was soll eigentlich diese blödsinnige Kontrollleuchte im Armaturenbrett? Eine Werkstatt war auch gleich in der Nähe gefunden und ich hatte Zeit, meinem Doppelschatten für einen Streifzug durch die Gemeinde zu entkommen.

Die Fachwerkstatt des Vertrauens - und eine Ersatzlichtmaschine war auch am Lager, passte nur leider nicht

Die Fachwerkstatt des Vertrauens - und eine Ersatzlichtmaschine war auch am Lager, passte nur leider nicht

Landestypisches im örtliche Einzelhandel: Getrockneter Käse und Pfeile

Landestypisches im örtliche Einzelhandel: Getrockneter Käse und Pfeile

Die Ersatzlichtmaschine passt nicht, aber man kann ja auch mal eine Weile auf Batterie fahren. Mal sehen wie lange es gut geht. Im Eiltempo werden noch der Dzong und zwei Klöster abgehakt, wobei diese sich irgendwann auch ähneln und sich wiederholen. Und zu den Besonderheiten der einzelnen Anlagen kann Nima mir auch nichts verraten. Der immer wiederkehrende Hinweis in den hiesigen Tempeln ¨This is a statue of Guru Rinpoche¨ ist etwa so sinnvoll wie der Hinweis in einer christlichen Kriche, dass der Mann am Kreuz Jesus Christus ist. Nach dem Mittagessen setzen wir uns dann auf die Räder und brechen nach Ura auf.
Dort ist die Unterkunft nicht ganz so komfortabel, dafür aber um so spezieller. Es handelt sich lt. Programm um ein ¨Farmhouse¨ und wir stehen unvermittelt in der ¨guten Stube¨ eines dörflichen Anwesens.

Ein Blick in die ¨gute Stube¨. Wichtigstes Ausstattungsstück ist der Ofen, denn wir befinden uns auf 3100m Höhe, haben eine eisige Passabfahrt hinter uns und sind durchgefroren bis auf die Knochen

Ein Blick in die ¨gute Stube¨. Wichtigstes Ausstattungsstück ist der Ofen, denn wir befinden uns auf 3100m Höhe, haben eine eisige Passabfahrt hinter uns und sind durchgefroren bis auf die Knochen

Das Essen hier ist noch einmal ein Stück landestypischer, was sich auch in der Schärfe zeigt. Nur die Küche, in der alles zubereitet wird, möchte man eigentlich nicht kennen lernen. Trotzdem habe ich einen Blick hineingeworfen

Was aus dieser Küche kam hat geschmeckt und das ist doch schließlich die Hauptsache. Und geschadet hat es bis jetzt auch nicht. Mal abwarten...

Was aus dieser Küche kam hat geschmeckt und das ist doch schließlich die Hauptsache. Und geschadet hat es bis jetzt auch nicht. Mal abwarten...

Die Nacht war eiskalt, dicker Raureif lag morgens über der Landschaft und sobald der kleine Ofen im Zimmer ausgegangen war, kroch die Kälte durch die nicht isolierten Fenster und Wände des separaten Gästehauses. Nach einem ausgiebigen Frühstück und nachdem die Sonne über die Berge gekrochen war und Wärme verbreitete, nahmen wir den höchsten Pass der Tour und auch des Ostens Bhutans in Angriff. Nach knapp drei Stunden standen wir auf dem 3750m hohen Trumshingla. Jetzt warm anziehen, denn an den Straßenrändern lag schon ein bisschen Schnee und der Wind war auch eisig, und dann geht`s talwärts.

Ein endloses Fahnenmeer signalisiert untrüglich, dass man oben angekommen ist. Die Tafel weißt eine Höhe von 12400 Fuß aus, ca. 3780m

Ein endloses Fahnenmeer signalisiert untrüglich, dass man oben angekommen ist. Die Tafel weißt eine Höhe von 12400 Fuß aus, ca. 3780m

Was folgt, ist eine unglaubliche Abfahrt ins Tal. 3000 Höhenmeter am Stück abwärts bin ich ja schon mal gefahren, aber noch nie auf einer Länge von ca. 75 km!!! Man mag es mir glauben oder nicht, auch bergabfahren kann anstrengend werden. Aber in jedem Fall deutlich besser als in entgegengesetzter Richtung. Nima kennt bei der Talfahrt keine Bremsen und kein Risiko, hofft vermutlich auf eine Wiedergeburt als ganz großer Downhill-Fahrer. Ich halte das Risiko für mich in einem überschaubaren Rahmen, was ich angesichts des Abgrundes neben der Straße, der schmalen Fahrbahn, den vielen Straßenschäden, den Kühen hinter fast jeder Kurve usw. nicht für übertrieben ängstlich halte. Mein Vertrauen in den örtlichen Rettungsdienst hält sich auch in Grenzen. Außerdem möchte ich auch ein bisschen von der grandiosen Landschaft sehen und nicht nur den Blick auf den Asphalt (oder Schotter) direkt vor mir heften. Vom Schnee und Rhododendren-Dickichten auf der Passhöhe geht es durch verschieden Vegetationszonen bis in subtropische bis tropische Gefilde auf 800m und zwischendurch ist zweimal Kleidung abwerfen angesagt. Am Talgrund an der unvermeidlichen Brücke über einen Fluss steigt die Straße wieder an. Uns fehlen noch 23 km bis zum Etappenziel in Mongar. Ihr könnt raten. Nach der rasanten Abfahrt, bei der ich Nima meistens weit aus den Augen verloren hatte, konnte er sich mit dem bevorstehenden Berg so überhaupt nicht anfreunden. Nein, heute war es nicht der Rücken, heute hatte er Knie...

Bilder können die Eindrücke von der Abfahrt beim besten Willen nicht wiedergeben. Ein unvergessliches Erlebnis

Bilder können die Eindrücke von der Abfahrt beim besten Willen nicht wiedergeben. Ein unvergessliches Erlebnis

Was ist Glück?

Schon vor Beginn der Reise habe ich mich gefragt, ob man etwas von dem Glück der Menschen in diesem Land spürt und wie es sich äußert, wenn der Erfolg eines Landes nicht im Bruttosozialprodukt, sondern im Bruttoglücksprodukt gemessen wird.
Unter dem letztgenannten Begriff konnte ich mir nicht allzuviel vorstellen. 5-Jahres-Pläne zur Landesentwicklung sind ja gut und schön. Aber sind sie schon der Schlüssel zum Bruttoglücksprodukt. Die Gelegenheit bei meiner Ankunft war günstig und ich wollte sie gleich beim Schopf packen. Karma, in Bhutan geboren und ab seinem 16. Lebensjahr in Deutschlang aufgewachsen und dann dort und in den Niederlanden Ökonomie studiert, um dann wieder in sein Heimatland zurückzukehren, der müsste es doch erklären können. Fehlanzeige. Nichts ist ihm zu diesem Thema zu entlocken. Messbar scheint dieser Gradmesser wohl nicht zu sein. Jedenfalls verzichtet Bhutan bewusst und ausdrücklich auf das Ziel eine Wirtschaftswachstums. Hut ab könnte man meinen, wenn man das Streben nach immer mehr als eine Wurzel des Übels der Menschheit ansieht und der Planet dabei den Bach heruntergeht. Irgendeine, wie auch immer geartete industrielle Produktion habe ich hier nicht ausmachen können. Das Land ist durch und durch landwirtschaftlich geprägt. Die Infrastruktur ist durch die Topografie auch nicht dazu geeignet, eine Entwicklung nach westlichen Maßstäben zu fördern. Und in eine Konkurrenz um Billiglöhne mit den Milliardenvölkern der Nachbarländer Indien und China einzutreten wäre geradezu lächerlich. Aber es ist ja auch ein Leichtes, auf eine wirtschaftliche Entwicklung zu verzichten, wenn die Hälfte des Staatshaushaltes verlässlich von Indien (und anderen) finanziert wird. Wozu dann der Stress. Hinzu kommt, dass etwa ein Drittel der männlichen Bevölkerung über acht Jahre aus jedem Produktionsprozess raus sind, es lebt als Mönche in den zahlreichen Klöstern.

Und wie ist es um das Glück der Menschen bestellt. Schwer genug, die Frage zu beantworten, was denn überhaupt Glück ist. So wie hier die meisten Menschen in den ländlichen Gegenden leben und arbeiten, möchten die wenigsten Menschen, die einen mitteleuropäischen Lebensstandard gewohnt sind, leben und arbeiten. Feldarbeit, viel Handarbeit mit einem Ertrag, der gerade zum Leben reicht - und das auf niedrigstem Niveau.
Natürlich gibt es auch hier riesige Unterschiede zwischen Arm und Reich. Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass Bhutan bis vor nicht allzu langer Zeit eine durch und durch feudales System war. Die Leibeigenschaft wurde erst in den 1950er abgeschafft und die allgemeine Schulpflicht in den 1960er Jahren eingeführt. Die Strukturen sind hier noch immer deutlich spürbar und prägen auch die Mentalität der Menschen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Hauspersonal, das man früher bei uns als Gesinde bezeichnet hat, sich als glücklich bezeichnen würde, wenn es sich zum Essen auf den Fußboden in einer Ecke in der Küche zurückziehen muss, obwohl reichlich Sitzmöglichkeiten vorhanden sind.
In Bhutan ist der Buddhismus allgegenwärtig und prägt das Leben der Menschen. Vielleicht macht dieser Glaube es gerade den Benachteiligten leichter, sich in ihr Schicksal zu fügen. Es gibt immer die Hoffnung auf ein besseres nächstes Leben. Dazu gehört, in diesem Leben Gutes zu tun und unterbindet damit vielleicht auch eine Auflehnung gegen die eigenen Lebensbedingungen. Vielleicht ist es ja diese Zufriedenheit mit der eigenen Situation, die vielen bei uns fehlt und um die wir andere mit einer sehr romantisierenden Sichtweise beneiden.
Nein, ich möchte nicht tauschen. Wie die meisten bei uns leben, würden hier die meisten vermutich als großes Glück empfinden.

© Jörn Tietje, 2014
Du bist hier : Startseite Asien Bhutan Bhutan-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Bhutan? Wo ist das denn? Das ist die häufigste Reaktion auf die Frage nach meinem nächsten Reiseziel. Zugegeben: Ein bisschen abseits der Haupttouritenströme liegt das kleine Königreich zwischen Indien und China im Himlaya schon und auch die Bedingungen, in dieses Land zu kommen sind nicht so ganz ohne. Allerdings hoffe ich auf weitgehend unverfälsche Eindrücke aus dem wohl letzten ursprünglichen buddhistischen Land der Erde.
Details:
Aufbruch: 06.10.2014
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 26.10.2014
Reiseziele: Bhutan
Der Autor
 
Jörn Tietje berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors