Bhutan und Indien

Indien-Reisebericht  |  Reisezeit: Oktober - Dezember 2008  |  von Birgit Leonhard

Rajasthan: Jodhpur

21.11.08
Jodhpur

Immer, wenn man denkt, alles gehe klar, kommt noch das dicke Ende. Umgekehrt ist es aber glücklicherweise auch so, dass man Probleme erwartet und alles klappt wunderbar.
Schönes Beispiel zu der ersten Variante war unsere 5-stündige Fahrt mit dem Zug nach Jodhpur.
Der Rikschawallah-Maffia im Fort erfolgreich ein Schnäppchen geschlagen, erreichten wir den Bahnhof in Jaisalmer. Zuerst dachte ich, es sei was passiert: Hunderte von Soldaten standen vor dem Zug. Als wir unseren Wagen entdeckten, erkannten wir schlagartig, dass alle Soldaten in diesen Zug sollten. Wir kämpften uns durch Seesäcke, Kisten und überall schon liegende Kerle und eroberten unsere Pritsche, die wir (welch Luxus) zu zweit in Beschlag nahmen.

Das beschissendste an der ganzen Situation war, dass man natürlich keine Information darüber bekam, wann der Zug nun losfuhr und wo die vielen Soldaten noch hin sollten. Gerüchte gingen um, dass noch zusätzliche Waggons dran gehängt werden sollten, dann war plötzlich die Lok weg und zusätzlich kloppten sich noch ein Oberst mit seinen Mannen mit dem Chef einer Hochzeitsgesellschaft, die schlussendlich unter Protest den Zug verließ.
Mir war leider der Humor für das groteske Szenario abhanden gekommen, während Frank mit Gelassenheit glänzte.

Man hätte ja einen Bus nehmen können. Nun war es aber zu spät, noch was zu ändern (alle Alternativen waren deutlich aufwendiger), und ich fügte mich ins Unvermeidliche.

Nachdem jedes Eckchen des Zuges belegt war und sogar Soldaten auf dem Dach saßen (was seit langem verboten ist), hupte die Lok plötzlich und fuhr nur 1,5 Stunden verspätet los. Draußen saßen immer noch Soldaten, war aber nicht unser Problem.

Der Zugführer machte im Laufe der Fahrt an den Bahnhöfen noch eine halbe Stunde Verspätung gut, und sogar die dort einsteigenden Fahrgäste fanden noch einen Platz für mindestens einen Fuß - den anderen brachten sie auf den überbelegten Pritschen unter. Faszinierend zu beobachten, wie sich mit der Zeit so alles zurecht ruckelte.

Leider konnte ich wegen der Enge kein Foto machen von den 2 Soldaten, die umgekehrt übereinander lagen, die nackten Füße bei dem jeweils anderen hinter die Ohren gelegt.

Um 23 Uhr erreichten wir Jodphur. Beim Aussteigen bekamen wir einen Eindruck davon, wie Panik entsteht, denn fast jeder wollte raus, aber die Soldaten hatten die Tür unseres Wagons mannshoch mit Gepäck zugepackt, so dass wir nur über den Ausgang des nächsten Wagens rauskonnten. Da war vielleicht was los!

Unser Abholer vom vorbestellten Hotel war aber da und brachte uns in ein schönes Haveli-Hotel, wo wir uns statt Essen (zu spät) mit 2 Bier von diesem Abenteuer erholten.

Jodhpur, auch die blaue Stadt genannt (wegen der Farbe der Altstadt-Häuser), wird dominiert durch das wirklich beeindruckene Meherangarh-Fort der Rajputenfürsten.
Nach einem besonderen indischen Frühstück vom Rooftop Restaurant unseres Hotels mit Rundblick fuhren wir zum Fort, gönnten uns 2 Audio-Führer auf Deutsch und genossen in vollen Zügen diese faszinierende Festungsanlage.

Über einen wenig benutzten Ausgang erreichten wir die Altstadt, deren Farbschattierungen ein optisches Eldorado darstellten.

Das Herumschlendern in den Altstadtgassen und Marktstraßen mit den oft sehr lustigen Begegnungen ist einfach das schönste am Reisen. Wir haben natürlich viele Fotos von Menschen gemacht, die wir aber erst im Beamervortrag zeigen werden.

Nachmittags nahmen wir entspannt den Bus nach Ajmer (Tickets hat unser Hotel besorgt), denn am Abend wollten wir in dem heiligen Pilgerort Pushkar sein.

Auch hier wieder: denkste ! Nach 5 Stunden hielt der Bus an einer Kreuzung und es hieß "Aussteigen". Komisch, es waren doch noch 5 km bis Ajmer. Wir wussten halt nicht, dass es kein Direktbus nach Ajmer war. Wie die Fliegen umschwirrten uns die Abzocker und versuchten aus unserer Unwissenheit Kapital zu schlagen. Fahrangebote bis zu 500 Rs bis Ajmer oder Pushkar wurden uns angetragen - nur mal so als Info: ein Lehrer verdient ca. 4000 Rs im Monat !

Regel 1: sich erstmal orientieren
Regel 2: weg aus dem Gewühl (am besten erst einen Tee trinken gehen)
Regel 3: einen soliden Englisch sprechenden Inder finden

Danach waren wir schon schlauer, und die Fahr-Angebote waren mittlerweile auf die Hälfte gesunken.
Dann hielt ich der Abzock-Maffia um mich herum noch einen Vortrag über respektvolles Verhalten gegenüber Gästen aus fremden Ländern, was aber eigentlich bloddy useless war, da die wenigsten mehr als 2 Sätze Englisch sprechen. Aber egal, dann fühlte ich mich besser, ich will ja auch nicht dauern behandelt werden wie ein Dukatenesel und Respekt hat einen hohen Wert in Indien.

Dann rollerten wir auf eine Moto-Sammel-Rikscha zu und erreichten nach einer halben Stunde für 20 Rs pro Nase den Busbahnhof von Ajmer.
Der Bus nach Pushkar (Fahrpreis 9 Rs pro Person) schraubte sich überraschenderweise in Serpentinen über einen kleinen Pass. Dort angekommen wiederholte sich das Transportthema im Kleinen, aber nach Befolgen von Regel 1-3 rollerten wir die 300 m durch die Gassen, bis wir unser erwähltes Hotel fanden.

Netter Raum, schöner Garten, aber - sorry- heute eine Hochzeitsfeier mit ca. 200 Indern im Innenhof mit Wumm-Beat der höchsten Lautstärke. Wir flüchteten ins Dorfzentrum, um irgendwo noch was zu essen zu finden, denn es war mittlerweile schon 20.30 Uhr.

© Birgit Leonhard, 2008
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Dehli-Amritsar-Bhutan-Guwahati-Rajasthan-Gujarat-Mumbai
Details:
Aufbruch: 24.10.2008
Dauer: 6 Wochen
Heimkehr: 05.12.2008
Reiseziele: Indien
Bhutan
Der Autor
 
Birgit Leonhard berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
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