Kaschmir 2005

Kaschmir-Reisebericht  |  Reisezeit: Juli / August 2005  |  von Annette W.

2000 km mit Bus durch den Himalaya

Höllentrip ins wilde Kaschmir

Kaschmir auf der einen Seite:

wo die Welt endet und das Paradies beginnt

Kaschmir auf der anderen Seite:

Brandherd im Himalaya seit 1947

Wie unbekannt war dieses Fleckchen Erde den meisten von uns noch bis zum September 2005 vor der erschütternden Erdbeben-Katastrophe, die die ganze Welt bewegt hat und erneutes Elend über die Menschen Kaschmirs gebracht hat, die ohnehin schon seit Jahren unter dem Konflikt zwischen Indien und Pakistan gelitten haben und für die Feuergefechte und Granatendonner zum Alltag gehören. Nun trifft die Menschen neues Leid.

Ich leide besonders, da ich noch 6 Wochen vor der Katastrophe, also im August 2005, den indischen Teil Kaschmir's besucht habe.

Ich will darüber berichten, dass es auch noch ein Land gibt, von dem Millionen Bewohner des indischen und pakistanischen Flachlands träumen, von seinen grünen Bergen, dem paradiesischen Leben auf den in Lotosfeldern gelegenen Hausbooten auf dem Dal-Lake, seinen fruchtbaren Tälern und dem angenehm kühlen, trockenen Klima. Kaschmir ist St. Moritz Venedig und Capri in einem.

Nichts hält mich jetzt - im Juli 2005 - davon ab - weder die strapaziöse Anreise noch die immer noch schwierige politische Lage, Kaschmir zu entdecken, nachdem ich 1999 mein Vorhaben auf Grund von Kriegsunruhen erst mal zur Seite gelegt hatte.

Während des Fluges nach Delhi schießt es mir durch den Kopf: Jetzt geht's wieder los mit dem: - nie mehr alleine sein - die ständigen "das-brauchst-du-doch-ganz-bestimmt-verkäufer" - die "ich-will-ja-nur-dein-bestes-(dein-Geld)-Inder", die "ich-verkauf-dir-meine-großmutter-Rikscha-Fahrer", usw. usw. Warum tue ich mir das nur zum 5. Mal wieder an? Ich bin sicher, auch dieses Mal finde ich wieder eine Antwort.

Doch zuerst muss ich mich wie immer vor Indien desinfizieren von den Bildern , die man aus dem Westen immer mitbringt: Armut, Bettelei, Schmutz, Krankheiten etc. etc. , will wieder eintauchen in ein Land der Weisheiten und der tausend Götter, der Spiritualität, ich will die Liebe zurückerhalten und das Verlangen, diesem Land nahe zu sein und um die Widersprüche mitzubekommen, die einem auf keinem anderen Erdteil geschenkt werden, will meine Lieblingsaugenblicke erleben, in dem das Land der Hindus alle wohlgesetzten Meinungen auf den Kopf stellt und ich wieder fassungslos da stehe und nur noch staune. Ich will mich frei machen von allem Materiellen, allem westlichen Treiben, nur noch Eintauchen in das Andere.

6 Uhr morgens - Ankunft in Delhi. Tim, ein junger Mann aus Deutschland, getroffen auf dem Flug, entschließt sich, vor seiner Versenkung ins Nirvana, erst mal mit mir ins "gefährliche" Kaschmir zu pilgern. Was kommt zuerst einmal? Na klar - wir werden wieder "beschissen" am pre-paid-Schalter, indem man uns weismacht, dass alle Züge für Tage ausgebucht seien aufgrund eines Festivals! Einfach blöde, dass ich auf so was doch noch immer reinfalle. Nach der großen "Erkenntnis" des "Ach, wir sind ja in Indien" und nach der "Indiewüsteschicken" unserer indischen Anhängsel schlafen wir erst mal ein paar Stunden in einem netten Hotel im tibetischen Viertel in Delhi. Abends buchen wir im main station von Delhi unseren Nachtzug nach Jammu, letzter Eisenbahnpunkt. Sofort netter Kontakt mit indischen Studenten und einem witzigen, schwulen, buddhistischen Chinesen aus Holland (!), der nach Dharamsala will, um dem Dalai Lama nahe zu sein. Es gibt viel zu Lachen! Ich gewöhne mich erstaunlicherweise daran, zwischen meinen Habseligkeiten eingepfercht in der ersten Etage des Zughochbettes zu liegen und tatsächlich richtig gut zu schlafen.

Um 6 Uhr morgens arrangieren wir - inzwischen ist noch 1 Pärchen aus Russland dazugekommen (das ist auf meinen Reisen immer irre, wie schnell doch aus einer Person viele, viele werden) einen Jeep, der uns direkt nach Kaschmir bringen soll. Nun geht's also los mit meinen ca. 2.000 km Höllenfahrt in und durch den Himalaya. Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass ein Jeep komfortabler sei als ein local bus, aber nix da, man bekommt durch das schiefe Blicken durch's Fenster eine Genickstarre nach links oder nach rechts (kann man sich aussuchen), da wir quer im hinteren Teil des Busses sitzen. Jedes Schlagloch spürt man in sämtlichen Teilen des Körpers. Wie sich später in Ladakh herausstellen soll, habe ich mir nach Ende der ganzen Fahrten eine Rippenquetschung unterhalb des Brustkorbes eingehandelt. Aber wen stört das, wenn das Leben ruft? Alle 50 Meter der Höllenangst begegnen und dabei lernen, unaufgeregter und unsensibler mit ihr umzugehen. Es gibt in Indien eine Hirarchie: Die höchste geachtete und gefürchtetste Lobby ist die der LKW-Fahrer, danach kommen die Busse, Jeeps, normale Autos, Motorräder, Fahrräder - und als letztes, wie zu erwarten, der Fußgänger, der zählt eigentlich überhaupt nicht. Entweder er wird weggehupt oder er hat einfach Pech. Es ist dennoch erstaunlich, wie wenig Unfälle in Indien passieren. Meistens überholt unser Fahrer genau dann, wenn andere Busse und Lastwagen mit Vollgas die Gegenfahrbahn besetzen. Das geht meistens gut, weil im vorletzten Augenblick der Überholte bremst, der Entgegenkommende bremst und unser Bus scharf links einschwenkt. Niemand der Beteiligten scheint erbost, sie machen es alle so. Überholen wir nicht, werden wir überholt. Aber wie! Mit Fünf-Millimeter-Abstand wird alles überholt, wir streifen einen Radfahrer, selbst unser Busfahrer schaut nach dem Überholmanöver in den Rückspiegel, aber - der Radfahrer hat ein gutes Karma, er strauchelt nur und überlebt. Es ist schon verrückt, einem Volk beim Rasen zuzuschauen, das ansonsten nicht gerade schnell im Denken bzw. Handeln ist. Die Straße besteht teilweise nur aus Steinen, Wasserlöchern, Sandbergen. Komisch, immer genau an meiner Seite geht's steil bergab, natürlich ohne jegliche Sicherung. Nicht zu vergessen sind die wunderbaren Schilder am Straßenrand im Himalaya, die uns immer wieder viel Freude bereiten:

- Drive like hell and you will be there
- Safety on the road is safe tee at home
- If you overtake now you will meet
the undertaker later
- Be gentle on my curves
- This is a highway not a runway

© Annette W., 2006
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: 15.07.2005
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 15.08.2005
Reiseziele: Kaschmir
Srinagar
Der Autor
 
Annette W. berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Annette sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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