Jordanien 2012

Jordanien-Reisebericht  |  Reisezeit: Oktober 2012  |  von Hartmut Laue

Petra - ich komme

Eingeweihte wissen natürlich Bescheid. Petra ist keine hübsche junge Jordanierin, sondern eines der neuen Weltwunder, eine absolute, weltweit einmalige Sensation - Eine alte Stadt der Nabatäer, gebaut in einem engen Tal, dessen Hauptzugang eine kilometerlange enge Schlucht ist, die sich bis auf 2,19 m verengt, während die Felswände bis zu 100 m hoch sind. Die wichtigsten Gebäude - meist Tempel - sind geradezu gigantisch und sie wurden, so unglaublich es klingt, mit der Hand aus dem vollen Felsen heraus gearbeitet (Caterpillar und Dynamit waren noch nicht erfunden). Die Nabatäer waren ein erstaunliches Volk. Dieser semitische beduinische Nomadenstamm tauchte 312 bC erstmals auf und wurde 328 aC zum letzten Mal erwähnt. Petra war ihre Hauptstadt, es lebten dort 2000 Leute. Es10 Könige, dann wurde das Gebiet - friedlich - römische Provinz. Arabia Felix. Sie kontrollierten die Gewürz- und Seidenstraße von Somalia, Indien und Medina zum Mittelmeer, z.B nach Gaza und Damaskus. Das geniale Business Model: Durch eine wasserdichte Abschottung hielten sie die Erzeuger und die Kunden strikt voneinander getrennt, sie allein bestimmten die Handelsspanne und besaßen offenbar legendären Reichtum.

Im Internet wurde 2005 die 7 neuen Weltwunder gewählt, herausgekommen ist diese - aus meiner unmaßgeblichen Sicht etwas merkwürdige - Zusammenstellung: von 100 Mio. Stimmen entfielen 22 Mio. auf unsere Petra (das ist ok), weiter geht's mit Machu Picchu, Chichen Itza, Taj Mahal, die chinesische Mauer (alle ebenfalls ok), die Christusstatue in Rio auf dem Corcovado und das Kolosseum in Rom, während z.B Angkor Wat und die Pyramiden fehlen. Na Ja, immerhin habe ich die alten und neuen Weltwunder nun alle gesehen!! Ist ja auch was.

Die Besichtigung fängt mit einem Schock an, denn mit 50 JD (55€) Eintritt für den ersten Tag dürfte Petra die weltweit höchsten Eintrittspreise haben und sie werden weiter ständig erhöht. Die Besichtigung selbst ist anstrengend, denn es ist nach wie vor ungewöhnlich heiß für diese Jahreszeit und wird zur Zeit täglich wärmer, 37 Grad im Schatten bedeuten vermutlich 50 Grad in der Sonne. Man muss zunächst jeden Tag über 2 km laufen, um überhaupt bis zum ersten Highlight zu kommen, dem weltberühmten und tatsächlich sensationellen Khazne Faraun (Schatzhaus), dann im ausgedehnten Gelände weitere heiße Kilometer und abends natürlich alles wieder zurück, es sei denn man bedient sich eines Maulesels oder Kamels, aber das geht natürlich gegen die Ehre. Bei dieser ganzen Wanderei geht es auch noch dauernd steil auf und ab, mal 160m über Treppen hier, mal 200 m über Pfade dort, das schafft mich ziemlich, aber nach 2 Tagen bin ich praktisch jeden möglichen Trail gegangen. Besonders beeindruckend der Aufstieg auf das Felsplateau Ed-Deir. Deir bedeutet Kloster, daher spricht man hier vom monastery. Man geht ca. 800 Stufen steil 200 m hoch in die Berge hinauf, kommt oben recht geschafft an, der Blick weitet sich etwas, gegenüber eine kleiner Hügel, von dem man eine gigantischen Ausblick auf das Wadi Araba bis weit hinein in die israelischen Negevwüste hat. Ich frage mich gerade, wo denn nun diese tolle Kloster ist, gehe noch 2 Stufen weiter, drehe mich nach rechts um, blicke um die Ecke und - Wow!!!!! - 15 m neben mir erhebt sich der Tempel, 48 m hoch und 47 m breit (größer als das Khazne Faraun!), auch hier aus dem Vollen heraus gemeißelt. Wahnsinn!!! 2 ½ Stunden sitze ich hier oben, kaum Touristen, und warte, bis die Sonne herumkommt und die Fassade in ein reliefartiges Licht taucht.

Das nächste Highlight ist "petra by night", als ich mich vor dem Eingang einfinde, ruft es plötzlich "Hartmut" von hinten und ich treffe die Truppe aus Dana wieder, wo wird den ganzen Abend verquatscht hatten: Elisa und Andrea (in Italien ein Männername!) aus Milano/Turin, Cecile und Julien aus Bordeaux. Sie ist schwanger, Julien macht alles, was gefährlich ist: Motorradrennen, Mountainbike downhill fahren, Free Climbing, Fallschirmspringen usw. Alles sind ganz ganz nett!!! So gehen wir zusammen hinein. Und verabreden uns für nächsten Abend zum Dinner in Sandstone Restaurant in Wadi Musa, das ist der zu Petra gehörende heutige Ort. Auf deutsch Mosestal.

Petra by night ist dann wieder so eine Sache, wo mir Einstein einfällt: Abends wird der gesamte Weg bis zum Schatzhaus mit Kerzen erleuchtet, vor dem Schatzhaus selbst stehen Hunderte von Kerzen und tauchen das Schatzhaus in ein fahles Licht. Der Guide weist zu Beginn ausdrücklich daraufhin: Es ist ein stiller Spaziergang, man soll nicht sprechen, kein Blitzlicht oder Taschenlampe benutzen , sondern nachfühlen, wie es damals vor 2000 Jahren zugegangen ist, als die Nabatäer ja auch nur Öllampen hatten. Dann gibt es am Schatzhaus etwas traditionelle Musik, ein Beduine rezitiert Zeilen aus dem alten den eg machen.

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht so aus: Man wandert in einem Blitzlichtgewitter durch den Siq, der Weg wird mit scheinwerferähnlichen Taschenlampen ausgeleuchtet - wie soll man auch mit laut klackernden Hiheels sonst über die Felsstraße kommen - , es wird ohne Pause gequasselt. Ich ermahne einige besonders laute Italienerinnen, sie sind für etwa 30 Sekunden still, dann geht das Gequassel weiter. Während der Musik interessieren sich einige nicht für die durchaus mystische Stimmung, sonder schauen ständig auf ihr I-Phonein, schalten hin und her und das Dauerlichtr ein, um alles Umstehende zu beleuchten, denn natürlich-bei Kerzenlicht ist es nun mal dunkel! Weiterhin blitzt es dauernd weiter, ein amerikanischer Junge vor mir - dessen Mutter bereits im Vorfeld alle Umsitzenden gebeten hat, das Nahen eventueller Katzen doch bitteschön anzukündigen, da ihr Sohn "scared of cats" sei, also dieser Junge spielt während der gesamten Zeit Ballerspiele auf seinem I-Phone - immerhin lautlos, da muss man ja schon froh sein. Ich könnte kotzen. Wir warten am Ende, bis fast alle wieder abgezwitschert sind und können so noch etwas die Stille genießen. Es war ja trotzdem ganz schön!

Die dramatische Spezialität kommt zum Schluss, es ist das Wadi Muthim, über das ich zusammen mit Elisa und Andrea Petra verlassen möchte. Der enge Canyon dient zum Ableiten der Sturzfluten, die früher im Winter den Siq überschwemmt haben und im ausgewaschen Wadi auftreten können, auch wenn die Sonne scheint, es aber in einer entfernten Ecke regnet. Die Fluten können geschätzt wohl bis zu 10 m Höhe erreichen. Er ist daher von Oktober(!) bis April geschlossen, es besteht Lebensgefahr. Wir wollten ursprünglich nach Petra hineingehen, aber der Tourist Polizist am Eingang verbietet uns den Zugang, gibt aber den Tipp, wenn wir es andersherum tun, könne er es ja nicht sehen. Also gehen wir abends flussaufwärts. Wir finden den Eingang, noch 5 m breit. Wir gehen und klettern über Steine und Felsen, rutschen über den rund ausgewaschenen Boden, das Wadi verengt sich auf Schulterbreite, mit Tagesrucksack wird es schon schwierig, rechts und links geht es 100 m senkrecht hoch, ständig geht 180 Grad nach links, dann wieder 180 Grad nach rechts, es wird immer enger, mir ist nicht mehr wohl, ich denke immer wieder an die Sturzfluten, aber das Wetter ist je völlig trocken. Dann kommt der erste Block. Ein Felsbrocken hat sich verkeilt, darunter klemmt ein Maschendrahthaufen, man muss sich über Felsen hochhangeln. es geht steil weiter aufwärts, nach dem halben Weg kommt die Schlüsselstelle - was ich vorher ja nicht weiß. 3 m hoch ist das enge Wadi mit einem dicken Felsbrocken, alten Reifen und weiterem Unrat blockiert. No way to go on. Ich will schon umkehren, aber Elisa ist hartnäckig und versucht es trotzdem. Sie zwängt sich durch das enge Loch und stützt sich dabei mit dem Rücken und beiden Händen an den Wänden ab. Haarsträubend! Mir wird ganz anders, denn wenn noch solch ein Block kommt, kommen wir kaum wieder vernünftig runter. Aber gottseidank ist das letzte Hindernis, das Tal öffnet sich bald wieder geringfügig und nach rund 1 Stunde kommt man tatsächlich beim Eingang des Siq wieder heraus. Puhhh, Adrenalin pur!

Am Abend esse ich dann zum zweiten Mal im Sandstone Restaurant, und Ashli aus dem Libanon und der Boss Abu Jamal begrüßen mich bereits wie einen langjährigen Stammkunden und umsorgen mich. Ich treffe Romain aus Paris.

© Hartmut Laue, 2012
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Von den Golanhöhen zum Toten und Roten Meer
Details:
Aufbruch: 03.10.2012
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 27.10.2012
Reiseziele: Jordanien
Der Autor
 
Hartmut Laue berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.