Coulee, Cataldo & Caldera

USA-Reisebericht  |  Reisezeit: Mai 2016  |  von Ulrich Mattheus

Grand Coulee Dam

Jeder kennt den Hoover Dam, aber kaum einer kennt den Grand Coulee Dam. Mit einer Gesamtenergieleistung von 7079 MW ist der Damm der grösste einzelne Energieproduzent der U.S.A. Der Hoover Dam kommt gerade mal auf "lächerliche" 2080 MW Leistung.

Jeder kennt den Hoover Dam, aber kaum einer kennt den Grand Coulee Dam. Mit einer Gesamtenergieleistung von 7079 MW ist der Damm der grösste einzelne Energieproduzent der U.S.A. Der Hoover Dam kommt gerade mal auf "lächerliche" 2080 MW Leistung.

Der Grand Coulee Damm hat eine Schlüsselrolle für die Wasserversorgung im mittleren Einzugsbereich des Columbia River. Der Damm wurde im Jahr 1942 vollendet und ist seit der Eröffnung des Dreischluchten-Staudamms in China „nur noch“ die zweitgrösste Struktur aus Beton weltweit. 9 Millionen Kubikmeter Beton wurden verbaut, der ungefähr 22 Millionen Tonnen wiegt. Es ist schwer, sich diese Mengen vorzustellen, selbst wenn man lustige Vergleiche anstellt.

Am Banks Lake, einem der künstlichen Seen um den Grand Coulee Staudamm, liessen sich Ringschnabelmöwen (Larus delawarensis) nieder - zum Leidwesen anderer Vogelarten.

Am Banks Lake, einem der künstlichen Seen um den Grand Coulee Staudamm, liessen sich Ringschnabelmöwen (Larus delawarensis) nieder - zum Leidwesen anderer Vogelarten.

Mit dem Beton des Staudamms könnte man einen 1,20 Meter breiten Fussweg zwei Mal um die Erde legen. Selbst mit dieser Information kann man den Damm nicht richtig erfassen. Die Länge des Damms beträgt fast eine Meile (1,6km), die Höhe entspricht der eines 46-stöckigen Gebäudes, so hoch wie das Wahrzeichen von Seattle, der „Space Needle“. Durch die Zuflussröhren des dritten Kraftwerks innerhalb des Damms könnten 3 Busse nebeneinander herfahren. Der Damm ist dreimal so schwer wie der viel bekanntere Hoover Dam und die Basis des Damms ist 4,4 mal so gross wie die Basis der Grossen Pyramide in Ägypten. Zumindest die Leser, die schon mal in Seattle oder in Ägypten waren, können nun die Grösse des Grand Coulee Damms einigermassen einschätzen.

Der Grand Coulee Dam erzeugt Energie für einen grossen Teil des pazifischen Nordwestens der U.S.A. Da die erzeugte Energie auch abtransportiert werden muss, stehen überall in der kargen Landschaft Hochspannungsmasten herum...

Der Grand Coulee Dam erzeugt Energie für einen grossen Teil des pazifischen Nordwestens der U.S.A. Da die erzeugte Energie auch abtransportiert werden muss, stehen überall in der kargen Landschaft Hochspannungsmasten herum...

Der ursprüngliche Damm wurde zur Energiegewinnung und für Bewässerung von Feldern konzipiert. Er wurde zwischen 1933 und 1942 ursprünglich mit 2 Wasserkraftwerken gebaut. Ein drittes Kraftwerk wurde 1974 eingefügt und seitdem ist der Damm das Kraftwerk der U.S.A. mit der grössten Menge an produzierter Energie.
Die grosse produzierte Strommenge kam gerade rechtzeitig, um die Rüstungsindustrie in Seattle für den Gewinn des 2. Weltkriegs im Pazifik anzukurbeln. Zwischen 1967 und 1974 wurde das dritte Kraftwerk gebaut und durch einen Umbau der Turbinen wurde die Leistung auf 6809 MW erhöht. Als Zentralstück des Columbia Basin Project kann der Staudamm Wasser speichern, um bis zu 2700 Quadratkilometer Ackerland zu bewässern.

Der Stausee trägt den Namen von Franklin Delano Roosevelt, des Präsidenten, in dessen Amtszeit die Genehmigung und die Vollendung des Staudamms fiel. Aus den Überflutungsgebieten des Stausees mussten über 3000 Menschen umgesiedelt werden. Darunter waren auch Angehörige der First Nations (früher „Indianer“ genannt), deren alte Stammesgebiete teilweise überflutet wurden.

Der Grand Coulee Dam wurde 1942 eingeweiht und kam gerade rechtzeitig, um die Flugzeug- und Waffenindustrie in Seattle und Umgebung mit Energie zu versorgen. Nicht zuletzt diesem Kraftwerk ist zu verdanken, dass die Amerikaner den pazifischen Krieg 1945 gewonnen haben.

Der Grand Coulee Dam wurde 1942 eingeweiht und kam gerade rechtzeitig, um die Flugzeug- und Waffenindustrie in Seattle und Umgebung mit Energie zu versorgen. Nicht zuletzt diesem Kraftwerk ist zu verdanken, dass die Amerikaner den pazifischen Krieg 1945 gewonnen haben.

Vorteile des Damms

Bewässerung, das vornehmliche Ziel des Damms, wurde zu Kriegszeiten hintangestellt, weil die Stromproduktion zunächst wichtiger war. Aluminiumhütten in Logview und Vancouver, Washington, Boeing-Fabriken in Seattle und Vancouver, sowie Schiffswerften in Portland profitierten vom Energieangebot. Ab 1943 wurde die Energie auch für die Plutoniumproduktion in Hanford genutzt, die Teil des sehr geheimen „Manhattan Project“ war. Die Nachfrage nach Energie durch die „Hanford Site“ war so gross, dass 2 Turbinen, die in den Shasta-Damm in Kalifornien eingebaut werden sollten, im Jahr 1943 doch in den Grand Coulee Damm integriert wurden.
Von Lake Roosevelt wird in 85 Meter langen und im Durchmesser 3,7 Meter grossen Röhren Wasser zu einem Verbindungskanal des Banks Lake gepumpt. Die 70000 PS starken Pumpen können 45 Kubikmeter pro Sekunde in den Banks Lake pumpen, der eine Aufnahmekapazität von 882 Millionen Kubikmetern hat. Von einem gut gefüllten Banks Lake könnte ich also locker 88 Millionen Jahre lang Trinkwasser beziehen... Zur Zeit bewässert dieses Columbia Basin Project etwa 2700 qkm Land mit einem möglichen Potential für weitere 2000 qkm. Mehr als 60 verschiedene Feldfrüchte werden innerhalb des Projekts angebaut und in alle 50 Staaten verkauft.

Historische Turbinen: Die 1942 in den Damm eingesetzten Turbinen erhöhten die Leistung des Kraftwerks derart, dass nicht nur die Rüstungsindustrie in Seattle mit Energie versorgt wurde, sondern auch die Plutoniumfabriken in Hanford ("Manhattan Project") spaltbares Material herstellen konnten und so die ersten Atombomben produziert wurden, durch die hunderttausende Menschen ums Leben kommen sollten. Grüne Energie für Atombomben.

Historische Turbinen: Die 1942 in den Damm eingesetzten Turbinen erhöhten die Leistung des Kraftwerks derart, dass nicht nur die Rüstungsindustrie in Seattle mit Energie versorgt wurde, sondern auch die Plutoniumfabriken in Hanford ("Manhattan Project") spaltbares Material herstellen konnten und so die ersten Atombomben produziert wurden, durch die hunderttausende Menschen ums Leben kommen sollten. Grüne Energie für Atombomben.

Elektrizität

Der Grand Coulee Dam beherbergt heute 4 verschiedene Kraftwerke mit 33 Turbinen. Die zwei ursprünglichen Kraftwerke haben 18 Generatoren und drei Zusatzgeneratoren mit einer Gesamtkapazität von 2280 MW. Das dritte Kraftwerk enthält 6 Generatoren mit 4215 MW installierter Kapazität. Drei Zusatzgeneratoren im dritten Kraftwerk haben einen Nennleistung von 600 MW und eine Maximalkapazität von 690 MW, das die addierte Kapazität des gesamten Damms auf 7079 MW heraufschraubt. Die Generatorpumpen für den Zufluss zum Banks Lake verbrauchen 600 MW an Energie, wenn sie Wasser in den Banks Lake pumpen. Der Grand Coulee Dam produziert 21 TWh Elektrizität pro Jahr, das entspricht 2397 MW pro Stunde. Um meinen JÄHRLICHEN Energiebedarf zu decken, benötigt der Grand Coulee Dam etwa 1,5 Sekunden. Die Energieeffizienz beträgt 35%.
Ein Schmankerl am Rande: durch die grössten Turbinen könnten 3 Omnibusse NEBENEINANDER herfahren! Die vielen Zahlen haben mir nicht soviel gesagt wie diese bildliche Vorstellung.

Im digitalen Zeitalter wirkt diese analoge Schalttafel aus dem Jahr 1942 geradezu antik. Dennoch funktioniert das Kraftwerk des Grand Coulee Dams nach wie vor hervorragend.

Im digitalen Zeitalter wirkt diese analoge Schalttafel aus dem Jahr 1942 geradezu antik. Dennoch funktioniert das Kraftwerk des Grand Coulee Dams nach wie vor hervorragend.

Einflüsse auf Umwelt und soziale Konsequenzen

Der Damm hatte schwere negative Auswirkungen auf örtliche Stämme der First Nations, deren traditioneller Lebensstil sich um Lachs und das umgebende Buschland drehte. Weil keine Fischtreppe eingebaut wurde, blockiert der Grand Coulee Dam Fischwanderungen auf 1770 km Flusslänge. Königslachs (Chinook), Regenbogenforelle (Steelhead), Blaurückenlachs (Sockeye), Silberlachs (Coho) und Neunaugen (Lamprey) können nun das obere Becken des Columbia River nicht mehr erreichen. Die Ausrottung der Laichgründe hält nun die Spokane und andere Stämme von ihrer „first salmon ceremony“ ab.
Der Grand Coulee Dam überflutete 85 qkm Flussniederung, wo Ureinwohner über tausende von Jahren gelebt und gejagt haben. Sie mussten ihre Siedlungen und die Begräbnisstätten verlegen, wodurch viele archäologisch bedeutsame Artefakte zerstört wurden. Die Verlegung der Friedhöfe startete im September 1939, die Angaben über die Anzahl der verlegten Gräber schwanken zwischen 915 (Bureau of Reclamation) und 1388 (Howard T. Ball, der die Verlegung überwachte). Stammesfürsten meldeten weitere 2000 Gräber im Jahr 1940 an, aber das Bureau of Reclamation arbeitete nicht weiter an den Gräbern und so wurden sie bald von Wasser bedeckt. Der Ort Inchelium, Washington, Heimat von etwa 250 Colville Indianern, ging unter und wurde umgesiedelt und Kettle Falls, alte Fischgründe der First Nations, wurde ebenfalls ein Raub der Wellen. Die mittlere Zahl von 600000 gefangenen Lachsen pro Jahr sank (natürlich) schlagartig auf null und im Juni 1940 hielten die Vereinigten Stämme des Colville Reservats eine dreitätige „Zeremonie der Tränen“ ab, die das Ende der Fischgründe bei Kettle Falls besiegelte.
Das Columbia Basin Project beeinflusste nicht nur die Verbreitungsgebiete von Tieren wie Maultierhirsch (mule deer), Zwergkaninchen und Prärieeule (burrowing owl), sondern reduzierte auch ihre Anzahl. Andererseits hat es auch neue Feuchtgebiete und Korridore von Auwäldern geschaffen.
Da durch die neuen Umwelteinflüsse das traditionelle Leben der Ureinwohner schlagartig beendet wurde, wurden die Colville Indianer im Jahr 1990 mit 53m$, plus jährlich 15m$ entschädigt. Im Jahr 2011 kämpften die Spokane immer noch um Entschädigung.
Um die Abwesenheit einer Fischleiter zu kompensieren, wurden oberhalb des Damms Fischzuchten errichtet, die Fische ins obere Becken des Columbia River entlassen. Die Hälfte der Fische geht an die umgesiedelten Stämme, ein Viertel ist für die traditionelle Jagd reserviert.

Strange Forest
Analog zu Billie Holidays Song "Strange Fruit" fand ich die Bezeichnung für dieses Bild passend. Nicht Menschen werden hier geschunden, sondern die Landschaft. Das ist der Preis für billige Energie. Menschen stören sich hier kaum an den Wald aus Stahl - die Bevölkerungsdichte ist ohnehin gering.

Strange Forest
Analog zu Billie Holidays Song "Strange Fruit" fand ich die Bezeichnung für dieses Bild passend. Nicht Menschen werden hier geschunden, sondern die Landschaft. Das ist der Preis für billige Energie. Menschen stören sich hier kaum an den Wald aus Stahl - die Bevölkerungsdichte ist ohnehin gering.

Woody Guthrie und der Grand Coulee Dam

Der Folksänger Woody Guthrie schrieb einige seiner berühmtesten Songs, während er in den 40er Jahren in diesem Gebiet lebte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Los Angeles zog Guthrie mit seiner Familie 1941 in den Norden Oregons. Er bekam ein Angebot, in einem Dokumentarfilm über den Bau des Grand Coulee Dams als Erzähler mitzuwirken. Das Projekt sollte 12 Monate dauern und Guthrie sollte erzählen und seine Lieder im Film singen, aber weil den Filmemachern Woody Guthrie zu politisch war, wurde seine Rolle gekürzt. Dennoch engagierte das Innenministerium den Künstler für einen Monat. Während er durch das Tal des Columbia River und den pazifischen Nordwesten tourte, sagte er, er könne es nicht glauben, wie paradiesisch das Land ist. Die Gegend inspirierte ihn so stark, dass er in nur einem Monat 26 Songs schrieb, von denen 3 zu seinen berühmtesten wurden: „Roll On, Columbia, Roll On“, „Pastures of Plenty“ und „Grand Coulee Dam“. Der Film „Columbia River“ wurde wegen der Unterbrechung durch den Krieg erst 1949 fertiggestellt.

© Ulrich Mattheus, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
"Hä?", werden sich die meisten da fragen. Hinter diesen Begriffen stehen eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten auf dem Weg zu einem Supervulkan. Von Portland/Oregon nach Moose/Wyoming im Grand Teton Nationalpark, sind es 1635 km. Unterwegs begegneten uns technische Meisterleistungen, geschichtsträchtige Orte und am Ende erwanderten wir die Caldera des ältesten Nationalparks der Welt.
Details:
Aufbruch: 18.05.2016
Dauer: 6 Tage
Heimkehr: 23.05.2016
Reiseziele: Vereinigte Staaten
Der Autor
 
Ulrich Mattheus berichtet seit 9 Wochen auf umdiewelt.
Bild des Autors
Aus dem Gästebuch (1/1):
Blula 1550827523000
Lieber U­LI;­
Ich freue mich sehr, dass Du diesen er­stklas­si­gen Rei­se­bericht nun auch hier in diesem Forum verö­ffent­licht hast. Ja, ich kenne ihn bereits aus der GEO-RC, die nun leider ihre Pforten gesch­los­sen hat, aber ich habe ihn gerade noch einmal mit Freuden ge­lesen.
Du vers­tehst es einfach auch in diesem Bericht, Deinen Lesern Dein im­men­ses geo­lo­gisches Wissen auf vers­tändliche Weise näher­zub­rin­gen. Was man nir­gen­dwo sonst so einfach nach­le­sen könnte, erfährt man bei Dir aus erster Hand und dazu auch leicht vers­tändlich. Danke dafür.
LG Ursula