Hola Colombia, Hola Perú ... Soy Uwe

Kolumbien-Reisebericht  |  Reisezeit: März 2014  |  von Uwe Decker

Leticia – Lost im Dreiländereck

In das Dreiländereck Kolumbien, Brasilien, Peru kommt man nur auf dem Wasser oder durch die Luft. Der Flug von Bogota dauert knapp zwei Stunden und wenn die Wolkendecke mal aufreißt sieht man ausschließlich grünen Dschungel. Beim Landeanflug kommt dann endlich auch der Amazonas in Sichtweite.

Leticia hat ca. 40.000 Einwohnern und ist Ausgangspunkt für Touren in Nationalparks, die teils auf kolumbianischen, peruanischen oder brasilianischem Gebiet liegen. Nicht für mich. Meine Dschungeltour unternehme ich später, von Iquitos aus. Hier möchte ich eher etwas Flair einer Kleinstadt mitten im Amazonasgebiet schnuppern.

Mein Hostal, das Divino Nino, liegt an der Carrera 6, auch Avenida International genannt. Die Straße trägt diesen Namen zu Recht. Denn 200 Meter rechts vom Hostal fängt Brasilien an, nämlich die Schwesterstadt Tabatinga. Es ist beeindruckend, wie sich auf engstem Raum die Sprache, die Biersorte und die Musik, die aus den zahlreichen Straßenlokalen dröhnt, ändert.

Gehe ich zum Hafen, kaum fünf Minuten zu Fuß und nehme ein Boot, bin ich in weiteren fünf Minuten in Peru, denn die dem Hafen vorgelagerten Inseln im Amazonas gehören zu Peru. Das alles ohne irgendwelche Grenzkontrollen. Die Gegend ist also bestens geeignet für jemanden, der mal für eine Weile untertauchen will oder muss.

Leticia ist ruhig und gemütlich, von den lärmenden Mopeds abgesehen. Und sehr übersichtlich. Alles, was der Tourist braucht, liegt dicht zusammen, Restaurants, Geschäfte, Reisebüros, der kleine Hafen für kleine oder größere Ausflüge, der Parque Santander.

Letzterer ist das Highlight des Ortes. Und was für eins. Nicht weil er besonders hübsch ist. Sondern weil dessen Bäume als Schlafplätze kleiner Papageien dienen. Allabendlich bei Einbruch der Dämmerung kommen sie von überallher angeflogen, erst eher vereinzelt, dann in größeren Gruppen, schließlich in Massen. Tausende, vielleicht Zehntausende. Erst in größeren Höhen, dann immer tiefer bis sie schließlich dicht über den Köpfen der staunenden Touris, aber auch vieler Einheimischer hinweg in hoher Geschwindigkeit ein paar Runden drehen und schließlich unter großem Gekreische ihr Plätzchen für die Nacht suchen. Ein ohrenbetäubendes, faszinierendes Spektakel, das man fotografisch leider kaum festhalten kann, höchstens per Video.

Für nicht Spanisch Sprechende ist Leticia definitiv der falsche Ort. Englisch spricht und versteht hier niemand. Spätestens hier also kommt das geballte Wissen meiner dreieinhalb Semester VHS-Spanisch zum Einsatz. Eigentlich auch schon vorher. Auch wenn man in den Großstädten Kolumbiens wie Bogota und Medellin, im Touristenort Cartagena sowieso, auch ohne jegliche Spanischkenntnisse überleben kann, richtig spaßig ist das aber sicherlich nicht.

Ob ein Ausflug ins brasilianische Tabatinga lohnt ist Geschmackssache. Der Hafen ist etwas größer als in Leticia und es geht etwas derber zu. Hier legen auch die typischen zwei- oder dreistöckigen Amazonasdampfer ab, wahrscheinlich Richtung Manaus. In der Stadt selbst habe ich nichts Sehenswertes ausmachen können, wenn man mal vom köstlichen Mittagsbüffet im "Bella Epoca", gleich gegenüber der Kirche, absieht.

Geldumtauschprobleme gibt es beim Länderhopping keine. Man hat eine sehr pragmatische Lösung gefunden. Es wird einfach alles akzeptiert, kolumbianische Pesos, brasilianische Reais, peruanische Soles. Zur Vermeidung unnötig schwerer mathematischer Rechenoperationen rundet man die Preise in manchmal abenteuerlichen Umtauschverhältnissen auf oder ab. 1 Real ist 1.000 Peso, und in Peru kostet komischerweise alles was ich kaufe, 2 Real.

Das Speedboat benötigt nach Puerto Narino, 75 km von Leticia entfernt, 2 Stunden. Zurück nur gut eine, weil stromabwärts.

Unterwegs ist gut zu erkennen, dass Regenzeit ist und der Pegel des Amazonas ansteigt, bis zu -Achtung, kein Schreibfehler ! - 14 Meter. Vieles ist bereits überschwemmt, der größte Nationalpark, der Amacayacu, ist wegen Hochwassers geschlossen. Insofern ist es clever, dass die Häuser in den Orten unterwegs auf Stelzen gebaut sind, oder auf Stämmen, so dass sie das Steigen und Fallen des Wassers mitmachen. Ich als wohl typischer Vertreter der Zivilisationsgesellschaft frage mich beim Anblick der klitzekleinen Ansiedlungen, die man unterwegs inmitten des Grüns der Uferlandschaft erblickt, wie das Leben dort wohl aussieht und wie man dort jahraus, jahrein überhaupt leben kann. Ohne Kühlschrank voller kalter Getränke, die die Hitze einigermaßen erträglich machen würden, ohne Sportschau, ohne ...

Puerto Narino ist ein ökologisches Vorzeigedorf. Ohne Autos oder Mopeds, an jeder Ecke stehen Mülleimer zur Mülltrennung, das Regenwasser wird gesammelt und z.B. zur Rasensprengung verwendet. Mit mir sind zwei andere, kolumbianische Touris im Boot angekommen. Die heuern einen Führer an und verschwinden schnell mit dem Boot zum Delphin-Watching. Das kommt für mich erst später, in Iquitos und so schlendere ich einfach nur durch den Ort. Alles ist blitzsauber. Die Menschen sind gut gelaunt und grüßen freundlich, die vielen Schulkinder gehen lachend zur Schule. An der großen Info-Tafel in der Ortsmitte für die Neuigkeiten hängt ein Zeitungsartikel, welche Alternativen es zu Whatsapp gibt nach der Übernahme durch Facebook. Aha, die schöne neue Smartphone-Welt ist also auch hier nicht gänzlich unbekannt.

Am Ortsrand bietet ein Turm die Möglichkeit, sich das Dorf und die wunderschöne Gegend von oben anzuschauen. Ganz oben auf der Plattform döst ein Mann vor seiner Auslage mit Holzschnitzereien. Armer Kerl, denke ich, was für ein langweiliger und umsatzarmer Job. Ich komme mit ihm ins Gespräch. Er stammt aus Iquitos und gibt mir ein paar Tipps für meinen Aufenthalt dort. Eher aus Mitleid kaufe ich ein paar Holztiere.

Aber weit gefehlt. Zum Mittag finde ich mich im vom meinem LonelyPlanet empfohlenen Restaurant zum vorzüglichen Mittagsbüffet ein. Ich bin der einzige Gast und habe die freie Auswahl. Richtiger gesagt, ich bin der Erste. Denn nach mir treffen in kurzen Abständen aus allen Richtungen kleine und größere Reisegruppen nebst Guide ein, alle spanisch sprechend. Es wird richtig voll. Als ich am Nachmittag wieder am Aussichtsturm vorbei komme sehe ich die Gruppen in einer langen Menschenschlange am Aufstieg. Na da wird mein Verkäufer oben ja richtig gut zu tun bekommen.

So angenehm es ist, im Dreiländereck ohne Kontrollen hin und herlaufen zu können, so mühsam ist es, von hier wieder weg zu kommen, inklusive aller erforderlichen Stempel. Denn sonst gibt es später Ärger. Das gilt zumindest für die Weiterreise auf dem Wasserweg, sprich Amazonas.

Ich möchte nach Iquitos/Peru. Als eiliger 3-Wochen-Tourist nehme ich das Speedboat, hier Lancha Rapida genannt. Das braucht nur ca. 12 Stunden, die langsamen Amazonasdampfer dagegen etwa 4 Tage.

Zunächst muss ich mir den Ausreisestempel aus Kolumbien besorgen. Den gibt es bei Beamten, die ein Büro im Flughafen von Leticia haben. Dann geht es mit einem Boot zur peruanischen Insel Santa Rosa, von der das Boot ablegt. Nach einigem Fragen finde ich das Gebäude der Immigration und lasse mir von einer jungen Senorita den Einreisestempel für Peru verpassen. Sicher ist sicher. Das Boot legt nachts um 3.30 Uhr ab und ich vermute, dass sich zu dieser nachtschlafenen Zeit wohl kaum ein Zöllner an den Ablegesteg verirrt. Dann zurück zum Hostel, Sachen packen, Auschecken, Boot suchen, Preis aushandeln und wieder nach Santa Rosa.

Das Farbenspiel der untergehenden Sonne entschädigt für die triste Umgebung. Der armselige Ort besteht nur aus einer Straße, an der sich Bretterbuden reihen. Zum Abend hin scheint das ganze Dorf auf den Beinen und ich vertreibe mir die Zeit bei lauter und schlechter Livemusik und mehreren Bieren in einem Bretterverschlag auf Stelzen über dem Wasser, der als Dorfkneipe dient. Immerhin kann ich dem Beladen eines Amazonasdampfers zusehen, der heute Abend abfahren soll.

Trotz Strommasten versinkt der Ort schnell in völliger Dunkelheit und ich miete mir für ein paar Stunden ein Zimmer, liege auf meinem Bett und schlage in kurzen Abständen Moskitos tot. Dann setzt ein Tropengewitter ein, das nicht heftig und kurz, sondern heftig und lang andauert. Im noch andauernden Unwetter balanciere ich mitten in der Nacht völlig durchnässt auf glitschigen Balken knapp über bzw. bereits im Wasser mit vollem Gepäck zu dem wackeligen Ponton, an dem "mein" Speedboat liegt. Immerhin legt es fast pünktlich ab und ich freue mich wie Bolle, dass nur wenige Leute mitfahren und ich mich ausbreiten und etwas Schlaf nachholen kann.

Die Freude währt zwei Stunden, dann steigen unterwegs in einer Kleinstadt Menschenmassen zu. Nun wird mir klar, warum mir geraten wurde, mich rechtzeitig um ein Ticket zu bemühen. Es wird voll, die Sitze sind eng und ich bin für die nächsten zehn Stunden eingezwängt und kann mich kaum bewegen. Das nächste Mal nehme ich von Leticia aus auf jeden Fall das Flugzeug ...

© Uwe Decker, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Von der Karibikküste zum Amazonasdschungel – Drei Wochen Allein durchs Nördliche Südamerika
Details:
Aufbruch: 05.03.2014
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 29.03.2014
Reiseziele: Kolumbien
Peru
Der Autor
 
Uwe Decker berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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