Tour de History 2015

Deutschland-Reisebericht  |  Reisezeit: August / September 2015  |  von Jason Staab

Keep moving

Nach Prora

Gegen 8:00 am nächsten morgen wurde ich wach und konnte nicht mehr schlafen. Also zog ich mich an, was in dem kleinen Ein-Mann-Zelt eher artistischen Übungen gleicht, und ging schauen, ob wenigstens der Bäcker wirklich ab 7:00 auf hatte. Er hatte! Ich kaufte ihm ein Croissant, ein Käsebrötchen und ein Ei ab und setzte mich dann an die Tische vor der geschlossenen Gaststätte. Danach packte ich meine Sachen zusammen, bezahlte den Platz und machte mich auf den Weg zum Bahnhof.

Mit dem Zug fuhr ich wieder nach Zinnowitz, wo ich eine Weile auf den Zug nach Stralsund warten musste, der auch von der UBB betrieben wird. In Stralsund hatte ich fast eine Stunde Aufenthalt, die ich dazu nutzte, bei McDonalds was zu essen. Schliesslich fuhr ich dann mit einem Regionalexpress bis Prora Ost.

Von der Haltestelle ist es noch rund 1km bis zum Campingplatz.
Der hatte noch eine Stunde Mittagspause, also setzte ich mich auf eine Bank in die Sonne und beobachtete, wie immer mehr Wohnmobile ankamen.
Schliesslich bekam ich einen Platz am äusseren Rand der Zeltwiese.

Ich baute das Zelt auf und liess es erstmal lüften und trocknen. Dann kehrte ich mit den Händen den Sand zusammen und beförderte ihn nach draussen. So ganz gelang mir das aber nicht. Als das Zelt eingeräumt war, ging ich ein T-Shirt waschen, bastelte mir dann eine Wäscheleine und hängte es auf.

Dann begab ich mich zum Strand und einen ersten Blick auf den "Koloss von Prora" werfen.

Beim Anblick des Strands konnte ich verstehen, warum die Nazis sich ausgerechnet für diese Lage entschieden hatten. Stünden dort noch ein paar Palmen, könnte man sich glatt am Mittelmeer wähnen.

Vor dem zweiten Weltkrieg riefen die Nazis die Organisation "Kraft durch Freude", kurz KdF, ins Leben. Was nach aussen wie eine Art Reiseveranstalter wirkte, diente in Wirklichkeit dazu, das Volk fit und bei Laune für den Krieg zu halten. Bloss erfuhr das Volk nichts davon.

So war geplant, mehrere Seebäder zu bauen, wo bis zu 20000 Leute auf einmal Urlaub machen konnten. Prora war das erste, und auch das Einzige, was wirklich gebaut wurde. Jedoch kam der Bau durch den Ausbruch des Krieges zum Erliegen. Die Arbeiter wurden für wichtigere Projekte, z.B. die HVA in Peenemünde, abgezogen.

Während des Krieges wurden Zwangsarbeiter einquartiert, um die Anlage instand zu halten. Ein Polizeibattalion wurde dort ausgebildet, und Nachrichtenhelferinnen.

Die Planungen hatten vorgesehen, dass jedes Zimmer Seeblick haben sollte, daher erstreckt sich die gesamte Anlage in 7 Blocks über insgesamt rund 6km Länge. Es waren Gemeinschaftshäuser mit Theatern und Restaurants geplant, eine Versammlungshalle für 20000 Mann, ein Aufmarschplatz, 2 Hallenbäder, etcpp... Ein Theater wurde wirklich gebaut, sowie die Blocks, alles andere aber nicht.

Nach dem Krieg übernahm die russische Armee das Gelände. Ein Block wurde gesprengt und abgetragen, an einem anderen wurden Sprengübungen vorgenommen. Noch heute sind seine Ruinen erhalten, aber, wegen Einsturzgefahr, nicht begehbar.

Danach kam die NVA und baute die Anlage teilweise fertig. Allerdings wurde nur ein Teil zum Urlauberheim für Offiziere, der Rest wurde Kaserne und militärisches Sperrgebiet.

Nach der Wende ging das Gelände an die Bundeswehr über, die es nach kurzer Zeit aber abstiess an die Bundesrepublik.

Es folgte Leerstand, Vandalismus und Verfall. Dann wurden die Blöcke verkauft. In einem ist heute eine Jugendherberge, in anderen sind Museen, und wiederum andere werden von verschiedenen Firmen zu luxuriösen Eigentumswohnungen umgebaut. Ein Block ist noch ungenutzt.

Die Anlage steht unter Denkmalschutz.

Interessanter Fakt, übrigens: Hitler hat die Baustelle nie besucht, obwohl die Idee zu dem Projekt angeblich von ihm selbst stammte.

Vom Strand gehe ich auf der Seeseite an den Blocks entlang. Zwischen noch komplett entkernten Teilen, wo gebaut wird, stehen schon fertig sanierte Teile. Es findet sich dort eine Bäckerei, ein Cafe und eine Eisdiele, bei der ich hängen bleibe, bevor ich mich auf den Weg zurück zum Campingplatz mache.

My home, away from home

My home, away from home

Der Strand von Prora

Der Strand von Prora

Das eine Ende des Kolosses. Hier entstehen Eigentumswohnungen.

Das eine Ende des Kolosses. Hier entstehen Eigentumswohnungen.

© Jason Staab, 2015
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Kurztrip nach Peenemünde, Prora und Sassnitz, sowie eine Tagestour nach Bremerhaven
Details:
Aufbruch: 27.08.2015
Dauer: 7 Tage
Heimkehr: 02.09.2015
Reiseziele: Deutschland
Der Autor
 
Jason Staab berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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