Kailash - Eine Reise zum Mittelpunkt der Welt

Reisezeit: Mai / Juni 1996  |  von Udo Pagga

Trauer um Tibet

Tage später liege ich wieder in meinem Zelt, friere und kann nicht schlafen, aber das macht nichts. Ich freue mich immer noch, dass der Kailash so gnädig zu mir war und die Umrundung zugelassen hat. Die Gedanken wandern weiter zu einem weiteren Höhepunkt der Reise, das vor 400 Jahren verlassene Königreich Guge mit der Tempelstadt Tsaparang und der ehemaligen Hauptstadt Toling. Um nach Guge zu gelangen, muss man einen der spektakulärsten Canons der Welt durchqueren, das tief eingeschnittenen, von bizarren Felsformationen geprägte Tal des Sutlej. Der Grand Canon kann nicht eindrucksvoller sein. Und nirgends ein Mensch, keine hektischen Touristenmassen, keine geschäftstüchtigen Andenkenverkäufer, keine störende Coca-Cola-Reklame, nur Ruhe, Frieden und unendliche Einsamkeit. Die Tempel von Tsaparang waren früher von erlesener Kostbarkeit, unvergleichliche Fresken illustrierten das Leben Buddhas und der unendlich vielen Götter und Heiligen des buddhistischen Pantheons. Heute sieht man nur noch an einigen wenigen Wänden Farben von sagenhafter Leuchtkraft und Frische und entdeckt Formen und Details, die man sonst in Tibet nirgends findet. Begierig nahm ich diese Harmonie und Komposition der Darstellungen, diese Zeugnisse einer absoluten und einmaligen Hochkultur in mich auf.

Und weil das alles so unvergleichlich schön ist, packte mich in meinem Zelt die kalte Wut. Die Tempel, die lange Zeiträume in dem trockenen Klima Zentralasiens fast unbeschädigt überstanden hatten und die Anagarika Govinda eindrucksvoll in dem erwähnten Buch beschrieben hatte, wurden von den Roten Garden in der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 gründlich zerstört. zerkratzt, die Statuen auf der Suche nach ver-mutetem Gold und Edelsteinen sinnlos zerschlagen. Durch die kaputten Dächer drang Wasser ein und führte das Werk der Zerstörung weiter fort. Tsaparang teilt das Schicksal mit unendlich vielen, kostbaren Kulturgütern Tibets, die vernichtet wurden, um die eigenständige, Jahrhunderte alte tibetische Kultur auszulöschen und einer neuen, fragwürdigen Ideologie den Weg frei zu machen. Von einst 6000 Klöstern blieben lediglich 13 stehen. Und nicht nur die Kultur, auch die Menschen wurden zu Hunderttausenden gefoltert und getötet, seit der chinesischen Invasion sollen 1,2 Millionen Tibeter umge-bracht worden sein. Hier in dem abgelegenen, menschenleeren Tsaparang zeigen sich die Zeichen der sinnlosen, rohen Gewalt besonders eindrucksvoll und erschreckend. Wem haben diese Zerstörungen genutzt? Wer wurde von einem Irrweg bekehrt? Diese schlimme Zeit ging zwar vorbei, wurde jedoch durch eine subtilere Form der Zerstörung der Kultur und der Unterdrückung ersetzt. Durch die staatlich geförderte massenhafte Infiltration mit Han-Chinesen, die staatlich verordnete und mit Geld und Gewalt durchgeführte Sinisierung sind die Tibeter in den Städten in das soziale Abseits gedrängt worden, zu sagen haben sie nichts und ihr Land wird ausgebeutet. Die einzigartige tibetische Kultur und Religion wurde zur Folklore für zahlungswillige Touristen degradiert. Sie dient den Machthabern als Alibi für ihre angebliche Toleranz und die Autonomie der Minderheiten. Erst jetzt, in jüngster Zeit, musste die Welt erschrocken zur Kenntnis nehmen, wie der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung erneut brutal niedergeknüppelt wurde.

Für den eiligen Touristen zeigt sich diese Zwangseingliederung des Landes und seiner Kultur in den chinesischen Zentralstaat zwar nur an wenigen Dingen, wie dem Erscheinungsbild der völlig chinesisch aussehenden Städte, an der Allgegenwart der chinesischen Polizei und des Militärs und am Wirken einer ausgeprägten, umständlichen und selbstherrlichen Bürokratie. Warum musste man selbst in der Einöde von Tsaparang stundenlang warten, bevor sich ein Beamter, der offensichtlich seinen Mittagsschlaf dringend brauchte, bequemte, einen horrenden Eintrittspreis für den Tempel zu kassieren und der einem klar machte, dass man zum Fotografieren gefälligst einen wahrhaft fürstlichen Entgelt zu entrichten habe? Diese Gedanken raubten noch das letzte bisschen Schlaf, aber sie gingen vorüber und die positiven Erinnerungen nahmen wieder überhand und in mir breitete sich eine tiefe Überzeugung aus: dieses Land, diese Kultur, die von einer unvorstellbaren Frömmigkeit und Inbrunst der Bevölkerung getragen wird, wird auch diese schlechten Zeiten überstehen und wird nicht untergehen.

Literatur

Baumann, Bruno - Kailash - Tibets heiliger Berg (2002 München)
Davi-Neel, Alexandra - Mein Weg durch Himmel und Hölle (1989 München)
Dowman, Keith - Geheimes, heiliges Tibet (2001 München)
Först, Hans - Verbotene Königreiche im Himalaya - Guge, Spiti, Mustang (1994 Graz)
Govinda, Anagarika Lama - Der Weg der weißen Wolken (1992 Bern)
Harrer, Heinrich - Sieben Jahre Tibet (1984 Frankfurt)
Hedin, Sven - Transhimalaya I-III (1920 Leipzig)
Hedin, Sven - Eroberungszüge in Tibet (1942 Leipzig)
Johnson, Russel; Moran, Kerry - Der heilige Berg Tibets - Kailash (2001 München)
Tichy, Herbert - Zum heiligsten Berg der Welt (1937 Wien)
Weyer, H.; Aschoff, J.C. - Tsaparang - Tibets großes Geheimnis (1992 Freiburg)
Lehman, Steve - Die Tibeter - Ein Kampf ums Überleben (1999 Kempen)

© Udo Pagga, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Reise nach Westtibet mit Umrundung des Kailash. Ich bin erst jetzt dazu gekommen, den Bericht zu schreiben.
Details:
Aufbruch: Mai 1996
Dauer: circa 5 Wochen
Heimkehr: Juni 1996
Reiseziele: Tibet
Der Autor
 
Udo Pagga berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.