Snapshots of India

Reisezeit: Januar / Februar 2005  |  von Timmi from Hawaii

Gepflegte Langeweile

Während der Zeit in Pushkar kletterte ich täglich auf einen der zahlreichen Hügel rund um die Stadt, von wo aus man weit in Wüste blicken konnte. Von unten klangen manchmal heilige Gesänge herauf, ein paar Affen gesellten sich dazu und es ward friedlich und warm.

Hello Pushkar

Hello Pushkar

Hello Tim

Hello Tim

Am ersten Abend probierte ich eines dieser fahrbaren STD-Telefone aus und es funktionierte tatsächlich! Deutschland im Schneesturm klang durch den schweren, roten Telefonhörer, der aus einer Apparatur herausragte, die ein stolzer Inder auf einem Wagen durch die Gegend schob. Wir standen am Stadtrand in der untergehenden Wüstensonne und waren umringt von fasziniert lauschenden und glotzenden Indern aller Altersstufen, die scheinbar kurz vorm Beifall klatschen waren. Nach dem Gespräch tauchte ich in die nächtlichen Gassen ein, nicht ohne die Zusicherung, dass ich morgen Früh ganz bestimmt wieder auf einen Tee vorbei käme.

Das ist die Wüste

Das ist die Wüste

Schon komisch hier, ab 20.00 Uhr werden die Häuser verrammelt. Zurück bleiben ein paar Strassenköter auf der Suche nach einem saftigen Kuhfladen, rudelweise Wildschweine die auf den am Tag angehäuften Müllbergen grunzend und quiekend herum stöbern und ein paar einsame Gestalten, die durch die gelbbeleuchteten Schatten umherstreifen. So wie ich. Ich mag diese Zeit einfach gerne, es ist so schön ruhig. Die Familien ziehen sich (hier wenigstens) in ihre Häuser zurück, die Kühe und Ziegen werden gemolken und ab und zu fährt ein Fahrrad von Haus zu Haus um aus einem Kessel frische Milch zum Abendbrot zu servieren. Andere fegen sie Strasse vor ihrem Haus und pinkeln bei dieser Gelegenheit in die Gosse. Da wird ja auch gerne mal rein gekackt.

20.00 Uhr, Pushkar

20.00 Uhr, Pushkar

Mein neues Stammlokal war ein Restaurant mit Küche vorne und Küche hinten, in dem man in der Mitte mit leckerer Musik und indischem Essen versorgt wurde. Dort gab es vor allem Thali, das heisst "heisse Platte" auf Hindi und ist quasi das Standard-Essen in Rajhastan. Es wird serviert auf einem blechernen Teller, der in fünf Fächer unterteilt ist, in denen sich Reis, Yoghurt, unidentifizierbare Masse 1, unidentifizierbare Masse 2 und unidentifizierbare Masse 3 befindet, die man dann mit Chapati, einem runden, leckeren Brot aus dem Naan-Ofen isst. Falls ein oder zwei unidetifizierbare Massen ungeniessbar sein sollten (zu scharf oder zu unidentifizierbar) kann man von einem grossen Vorteil dieser Volksspeise profitieren, nämlich dass man von allem anderen soviel haben kann wie man will (habe ich von meinem sparsamen Bayern gelernt!). Da wird der grösste Hunger für kleinstes Geld gestillt.

Während meines Aufenthalts in Pushkar gab's ziemlich viele Hochzeiten. Die wurden in so einer Art Massenabfertigung gefeiert. Das ist vielleicht praktisch bei diesen gezwungenen Ehen, das kann man dann routiniert erledigen. So eine Hochzeit besteht immer aus einem Umzug, der unter grösstmöglicher Lautstärke durch die Stadt zieht und die gesamte Palette von indischem Kitsch und Nerv zur Schau stellt. Das sieht dann so aus, dass vorneweg ein paar Jungs rennen und mit Böllern rumschmeissen, die einen wahrscheinlich umbringen, wenn sie einen träfen. Dann kommen ungefähr 20 Mann in schlecht sitzenden, kack-braunen Uniformen mit Pauken und Trompeten und jeder paukt und bläst was er kann. Hauptsache, es ist nicht im Takt und lauter als das Instrument des Nebenmanns. Dann kommen die Hochzeitsgäste. Frauen in wirklich schönen gelben und knallroten Saris. Und Männer, weniger schön in geschmacklosen, ausgebeulten C&A-Anzügen aus den achtziger Jahren. Rechts und links rennen wieder Jungs rum, die Kronleuchter mitschleppen. Und weil die natürlich Strom zum Leuchten benötigen, sind diese hintereinander mit Kabeln verbunden (was den Zug rechts und links flankiert, ab und zu verheddert sich auch mal eine Kuh oder einer der grinsender Tourist darin), die wiederum ganz hinten am Umzug von einem knatternden Generator angeschlossen sind, wahlweise von schwitzenden Männern geschoben oder einem stinkenden Lastwagen gezogen. Der Bräutigam reitet direkt vor dem Generator auf einem wild geschmückten Ross daher, sieht aus wie Sindbad der Seefahrer und hat wahrscheinlich auf dem Weg (wohin auch immer) drei Hörstürze, weil er zwischen Generator und Musikkapelle dauerhaft ca. 600 Dezibel ausgesetzt ist. Wo die Braut bei dem ganzen Spektakel steckt, konnte ich nie so Recht rausfinden. Später, wenn die eigentliche Vermählung im Festsaal stattfand, und ich mehr als einmal mit auf's Hochzeitfoto kam, war sie jedenfalls wieder da und sah dabei immer wunderschön und irgendwie unglücklich aus. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Lauter! Lauter!

Lauter! Lauter!

Da kann mir doch jetzt keiner erzählen, dass die Braut glücklich aussieht, oder?

Da kann mir doch jetzt keiner erzählen, dass die Braut glücklich aussieht, oder?

So vergingen die Tage in Pushkar und ich sammelte neue Kraft für das Land hinter den Hügeln. Mein sparsamer Nachbar, mit dem ich eine sehr angenehme und unterhaltsame Zeit verbrachte, war am fünften Morgen einfach verschwunden. Er hinterliess mir nur einen Zettel an meiner Tür mit einer kleinen Abschiedsbotschaft. Schade, aber irgendwie cool. Für mich war das das Zeichen um auch weiter zu ziehen.

So ist das.

So ist das.

Chai gibt's hier auch.

Chai gibt's hier auch.

Und Farben in den Schatten. Seht selbst.

Und Farben in den Schatten. Seht selbst.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Die versammelten Berichte eines planlosen Reisenden, der am Ende von Indien nichts Neues findet. Nur sich selbst.
Details:
Aufbruch: 21.01.2005
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 22.02.2005
Reiseziele: Indien
Der Autor
 
Timmi from Hawaii berichtet seit 19 Jahren auf umdiewelt.
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