Simbabwe-Reisebericht :Wo Afrika Am Schönsten Ist

"Der Rauch der donnert"

Victoria Falls, Simbabwe, 18.06.2009

Ich beginne meine Victoria-Falls-Touren in Simbabwe. Der Trip ist nicht ganz billig. Die Gebühren läppern sich, seitdem beide Länder keine Tagesvisa mehr ausstellen: das Einreisevisum für Simbabwe kostet 30 Dollar, Eintritt in den VicFalls-Nationalpark 20 Dollar, Wiedereinreise nach Sambia 50 Dollar, dazu die Taxikosten von Livingstone zu den Fällen und zurück ca. 15 Dollar.

Aber es lohnt sich allemal und der Trip ist ein Pflichtprogramm für jeden Besucher. Und so ganz nebenbei kann ich für mich mit Simbabwe ein weiteres Land abstreichen. Nr. 39 mittlerweile außerhalb Europas, ein ganz besonderes Land allemal, wenn auch leider in negativem Sinne.

Die Grenzformalitäten sind die unkompliziertesten, die ich je in Afrika erlebt habe. Wen wunderts, schließlich ist man auf jede Menge Touristen eingerichtet. Nach dem Ausreisestempel auf sambischer Seite geht es zu Fuß ca. 500 Meter bis zu den Grenzgebäuden Simbabwes.

Man passiert die berühmte Eisenbahnbrücke, Schauplatz einiger haarsträubender Aktivitäten. Abenteuertourismus pur. Allerdings noch nicht jetzt am frühen Morgen.

Gleich hinter den Zollgebäuden beginnt der Zugang zu den Fällen. Zunächst darf man die Statue des (offiziellen) Entdeckers der Viktoriafälle, David Livingstone, bestaunen. Mittlerweile hat sich das Rauschen, das man schon in weiter Entfernung vernimmt, zu einem gewaltigen Donnern gesteigert.

"Mosi Oa Tunya" - der Rauch der donnert, nannten die Eingeborenen dieses Naturereignis, bevor es Livingstone zu Ehren der englischen Königin umbenannte. 1400 Kilometer entfernt von seiner Quelle stürzt der Sambesi auf einer Breite von 1,7 Kilometer gut 100 Meter hinab in die erste Schlucht. Welches nun die größten Wasserfälle überhaupt sind, darüber streiten sich die Gelehrten. Die Viktoriafälle jedenfalls gelten als die größte einheitlich hinabstürzende Wassermasse der Welt, mit durchschnittlich einer Million Liter pro Sekunde und zählen zu den sieben Naturweltwundern der Erde.

An solche Zahlen denkt man nicht wenn man die Fälle zum ersten Mal livehaftig erblickt. Man ist einfach nur fasziniert und überwältigt von den unbändigen Naturgewalten, die hier am Werk sind.

Die Besichtigung der Fälle jetzt im Juni habe ich günstig gewählt. Während der Regenzeit zwischen Februar und April sind die herabstürzenden Wasser so gewaltig, dass man außer einer Nebel- und Gischtwand kaum etwas sieht von den Fällen. In der Trockenzeit zwischen September und Dezember dagegen hat man eine prima Sicht, aber die Wassermengen erreichen nur noch fünf Prozent von denen in der Regenzeit. Auch dann versiegen die Fälle zwar nicht, aber an manchen Stellen bleibt dann nicht mehr als ein Rinnsal.

Nun im Juni habe ich beides, die gigantischen Wassermengen und eine gute Sicht. Zunächst ist der Abstand zu der gegenüberliegenden Fallkante groß genug um den wunderbaren Blick zu genießen auf den westlichen Teil der Fälle bei strahlend blauem Himmel.

Man kommt dann durch einen kleinen Regenwald mit einer eigenen Flora, entstanden durch die Dauerberieselung mit dem Spray der Fälle. Bis hierher kommt das Regencape, das ich am Parkeingang geliehen habe, noch nicht zum Einsatz. Nur selten gibt es eine leichte Dusche, je nach Windrichtung.

Richtung "Danger Point" am östlichen Katarakt bekommt man dann das Wasserinferno am eigenen Leib zu spüren. Besser bekäme, wenn man denn tatsächlich bis zum äußersten Punkt gehen würde. Von den herabstürzenden Wassermengen ausgelöst steigt eine Hunderte Meter hohe Gischt auf und prasselt als heftiger Dauerregen wieder herunter. Angesichts der völlig durchnässten Gestalten, die von dort zurückkommen, verzichte ich aber auf dieses Erlebnis. Am Folgetag bin ich mutiger, aber dazu später mehr.

Stattdessen gehe ich weiter zum "Bridge View", von dem man, der Name sagt es schon, einen tollen Blick auf die Brücke hat. Dauer-Regenbogen inbegriffen.

Nach drei Stunden Besichtigung der Viktoria Fälle spaziere ich in den nahegelegenen Ort auf simbabwischer Seite gleichen Namens, Vic Falls. Der Ort ist klein und überschaubar und ganz auf Tourismus eingestellt, mit Hotels, Geschäften, Souvenirläden und einem Kunsthandwerksmarkt, Restaurants und Banken. Und er hat mit dem Rest des Landes wenig gemein, vermute ich.

Früher war hier das Zentrum des Victoria Falls Tourismus. Nach dem unsäglichen Politikwechsel Robert Mugabes mit den katastrophalen Auswirkungen auf das Land und ihre Menschen bleiben aber seit geraumer Zeit die Besucher weg. Das kleine, an sich schmucke Zentrum wirkt fast wie eine Geisterstadt. Wenn da nicht die fliegenden Händler wären. Ihre Zahl und die der Bettler übertrifft die ihrer Zielgruppe, der Touristen, bei weitem.

Im Angebot haben sie Schnitzereien, aus hiesigem, besonderen Stein gefertigte Gegenstände - und Geldscheine. Im Zuge der zuletzt nicht mehr messbaren Mega-Inflation wurde kürzlich die heimische Währung, der Zimbabwe-Dollar, abgeschafft. Zahlungsmittel sind nun US-Dollar und der südafrikanische Rand, so dass die Zim-Dollar-Scheine, für die es ohnehin nichts mehr zu kaufen gab, an die Touris verscherbelt werden. Die erfreuen sich bei diesen wegen der absurden aufgedruckten Beträge großer Beliebtheit. So auch bei mir. Besonders interessiert bin ich an den Anfang 2009 noch ausgegebenen 100 Trillionen (nach unserer Zählweise nur Billiarden, aber immerhin) Dollar-Geldscheinen (als Zahl: 100.000.000.000.000), als Mitbringsel für die Daheim Gebliebenen.

Die Händler sind so aufdringlich und verzweifelt wie nirgendwo sonst, klagen ihr Leid wegen der ausbleibenden Touris, den miesen Geschäften und den hungernden Angehörigen. Als ich mit den Ersten ins Geschäft komme, dann noch zwei dürren, zerlumpten kleinen Mädchen einen Dollarschein in ihre kleinen Händchen drücke (ich weiß, ich habe mir eigentlich vorgenommen, bettelnden Kindern nie Geld zu geben, aber das ist nicht immer durchzuhalten), versammelt sich halb Vic Falls um mich, und ich kämpfe mich mühsam Meter für Meter vor zu dem Ort meiner Mittagsrast.

Das altehrwürdige Victoria Falls Hotel ist das älteste Hotel Simbabwes, erbaut 1904, liegt etwas abseits am Ortsrand in einem üppigen Park und bietet das perfekte Ambiente der längst vergangenen britischen Kolonialzeit, mit entsprechend ausgestatteten, luxuriösen Gästezimmern, Kaminzimmern mit Plüschsesseln, Jagdtrophäen und Gemälden an den Wänden, Speisesäle mit Silberbesteck, ergrauten Kellnern in schwarzem Anzug und schwarzer Fliege -und sogar den passenden Gästen, "Very British" aussehenden älteren Ladies und Gentlemen. Ein perfekter Ort, die glorreiche Vergangenheit wiederaufleben zu lassen.

Auf der Terrasse suche ich mir aus der exquisiten Speisekarte das billigste aus, eine Mulligatawny-Suppe (mit der auch Miss Sophie an jedem Sylvesterabend ihr Dinner For One beginnt) zu 5 Dollar, eine Dose Cola zu 2 Dollar. Die Suppe, serviert mit frischem Weißbrot, schmeckt köstlich und man hat einen wunderbaren Blick über feinsten englischen Rasen auf die Sambesischlucht mit der Eisenbahnbrücke und die Gischt der Wasserfälle im Hintergrund.

Nach dem Essen schreibe ich meine Ansichtskarten zu je 1 Dollar und klebe Briefmarken zu je 2 Dollar drauf. Alles wird ja jetzt in US-Dollar ausgezeichnet, Cent gibt es nicht, also sind die Einheiten immer volle Dollar. Darauf vorbereitet habe ich mir die Taschen voller druckfrischer Ein-Dollar-Noten gestopft. Mit dem Wechseln gäbe es sicher Probleme, besonders bei den Händlern.

Danach flaniere ich noch im prächtigen Garten mit dem tollen Blick, versuche, zu verstehen, wie sich solch ein Anwesen in derartiger Umgebung halten kann und wieso auch ich auf diese Dekadenz hereinfalle und bereite mich langsam wieder auf die simbabwische Wirklichkeit des Jahres 2009 vor, die draußen gleich jenseits der Hoteleinfahrt beginnt.

Ganz allein schleiche ich mich noch zur Besichtigung des Bahnhofes.

Dann werfe ich mich wieder ins Getümmel und erstehe auf dem großen Kunsthandwerksmarkt unter freien Himmel ein paar Tierschnitzereien, Amulette und weitere Geldscheine. Selbstverständlich gehört das Feilschen dazu, aber ich handele nicht so hart wie ich das sonst gemacht hätte, kaufe auch das ein oder andere mehr als geplant und hoffe, dass meine Dollarnoten bei den richtigen Leuten ankommen.

Anschließend geht es zurück zur Grenze, natürlich in zahlreicher Begleitung. Je näher die Grenze rückt desto mehr fallen die Preise. Für meine beiden alten mitgebrachten T-Shirts bekomme ich derart hohe Angebote, dass es mir langsam peinlich wird. Schließlich hat sich der Inhalt und das Gewicht meines Tagesrucksacks gegenüber dem Hinweg vervielfacht, u.a. mit einem riesigen Stapel von Geldscheinen unterschiedlichsten Wertes. Nur 100-Billionen-Dollar-Scheine finde ich nicht mehr. Den Markt dafür habe ich wahrscheinlich schon im Ort leer gekauft.

© Uwe Decker, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Drei Wochen allein durch Malawi und Sambia - auf den Spuren von wilden Tieren und David Livingstone, mit Sightseeing, Badeurlaub, Safari und vielen anderen Aktivitäten ...
Details:
Aufbruch: 03.06.2009
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 22.06.2009
Reiseziele: Malawi
Sambia
Simbabwe
Der Autor
 
Uwe Decker berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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