Indien-Reisebericht :Heilige Kühe und GoGo-Girls

INDIEN SPEZIAL: das urgestein

monique ist mir schon am abend in einem gästehaus aufgefallen. nein, nicht das, was jetzt alle denken! sie war gut gelaunt, erzählfreudig und offenkundig an anderen leuten interessiert. das sind grundsätzlich doch schon mal ganz gute eigenschaften, aber noch interessanter wird es, weil monique wie 60 ausschaut.
menschen diesen alters sind durchaus häufig unterwegs in indien, dann aber meistens in organisierten gruppen oder im privattaxi.
weil die masche mit dem motorrad bei frauen immer noch gut zieht [], hab ich die gelegenheit beim schopfe gepackt und monique zu einer tour eingeladen. gemeinsam haben wir den höchsten punkt in mt. abu besucht und die 300 stufen gemeistert. dabei hat mir monique erzählt, dass sie vor kurzem an einer anderen heiligen stätte 10.000 stufen erklommen hat. sie hat dafür den ganzen tag gebraucht. respekt, respekt.

monique.

monique.

wir fangen an, uns zu unterhalten, und meine vermutung bestätigt sich: ein interessantes leben, das ich nur in auszügen wiedergeben kann, sonst wird die geschichte zu lang.

monique hat die schule mit 18 abgebrochen, um mit ihrem damaligen freund nach marokko zu reisen. seitdem ist sie schon in vielen ländern gewesen, auch südamerika, aber vor allem in indien. sie ist mittlerweile das 6te mal in indien, und hat sogar schon mal 5 jahre am stück hier gelebt. die meiste zeit davon im bundesstaat "tamil nadu", im süden indiens. 1983 ist sie zum ersten mal nach indien gekommen, und damals war es wohl nicht ungewöhnlich, hier drogensüchtig zu werden, und so kam es auch bei ihr. im aussteigerparadies "goa" probierte sie zum ersten mal heroin, und kam davon nicht mehr los.
irgendwann traf sie dann auf axel, einen deutschen, ebenfalls auf drogen. die beiden verliebten sich, heirateten und zogen nach kodaikanal, das ist ein bergort auf ca. 2000 m höhe. dort lebten die beiden in einem großen haus, hatten ein motorrad und sogar hausangestellte. moooment, drogensüchtig und dann so ein leben? jep, denn die beiden waren auch "geschäftsleute". ok, klar, sie verkauften drogen, aber davon kann man in indien nicht reich werden - zu groß ist die auswahl und die konkurrenz. nein, viel besser - sie kauften travellerchecks und pässe.
zu der zeit gab es hier kaum computer, deshalb konnte man die nummern der angeblich und tatsächlich gestohlenen travellerchecks nicht schnell und effektiv sperren. monique und axel reisten also jedes jahr mindestens einmal nach "goa", wo bereits die langzeittouristen und aussteiger sehnsüchtig auf sie warteten, um ihnen voller dankbarkeit ihre schecks - für ca. 40-50% ihres wertes - zu verkaufen.
axels aufgabe war es, die dazugehörigen pässe (es wurden immer schecks und pässe zusammen gekauft) zu fälschen, offenkundig seine spezialität. die ausweise hatten nun moniques foto, und sie versuchte die unterschrift möglichst perfekt nachzuahmen. danach klapperte sie verschiedene banken ab und löste die schecks ein. das war ein einträgliches geschäft mit hohem profit (besonders angesichts der lebenshaltungskosten in indien).
als der boden in kodaikanal zu heiß wurde, setzten sich die beiden nach pondicherry ab, einer ehemaligen franz. kolonie unterhalb von madras. dort lebten sie solange ganz gut, bis ein junger amerikaner beim drogenschmuggel ertappt und von der polizei unter druck gesetzt wurde. er sagte gegen die beiden aus und sie wurden verhaftet. man fand bei ihnen ein halbes kilo heroin (eigenverbrauch und zum verkaufen), sowie insgesamt 17 pässe, 5 davon trugen bereits moniques foto. ihre identität war so schnell nicht zu klären, aber das war nicht weiter wichtig, denn auf drogenhandel gab es sowieso die höchststrafe von 30 jahren. aufgrund ihrer sucht wurden die beiden in ein krankenhaus verlegt und nach 4 monaten knast durften sie (es lebe das englische rechtssystem!) gegen eine kaution von 100.000 rs (heute ca. 1.800 Euro) in freiheit auf ihren prozess warten. ist ja klar, dass die beiden sich sofort aus dem staub machten und wahrscheinlich war das auch der polizei klar. weil ihr motorrad sehr auffällig war, konnten sie es nicht so einfach verkaufen und tauschten es stattdessen gegen 120 g heroin ein. das langte für die eigene sucht und bargeld.

aber wie aus indien rauskommen und auch noch in indien reisen ohne pass? auch das problem löste sich, als sie ein franz. pärchen trafen, das sich vorgenommen hatte, ein jahr lang in höhlen zu leben und deshalb keine pässe brauchte, aber geld. für 300$ wechselten also die pässe - drei monate lang - die besitzer. axel tat was er am besten konnte, und so reisten die beiden unbehelligt 1988 über katmandu nach frankreich. die pässe schickten sie an das pärchen zurück und aus reinem zufall trafen sich die vier in paris einige zeit später.
die freiheit in frankreich währte allerdings nicht lange - die beiden wurden wegen drogenvergehen verhaftet. es stellte sich heraus, dass axel nicht axel hieß und in deutschland schon einiges auf dem kerbholz hatte. in frankreich sollten die beiden je 5 jahre absitzen, axel (oder wie er auch immer hieß) sollte danach noch an die brd überstellt werden. nach einigen monaten im französischen knast brachte er sich um.
monique durfte, da ersttäterin, nach 2,5 jahren in den offenen vollzug. endlich clean holte sie ihr abitur nach und fing an zu studieren (wobei mit der vorgeschichte ein arbeitsplatz auch schwer zu finden wäre). und was studierte sie wohl ... richtig! ... sozialarbeit.
jahrelang arbeitete sie mit aidskranken im endstadium und machte drogenprävention im gefängnis. jetzt interessiert sie sich für yoga und studiert psychotherapie. nach indien hat sie sich erst 1996 wieder getraut und auch nur auf dem landweg. da es keine probleme gab, kommt sie seither alle 2 jahre und verbessert ihre yogafähigkeiten.

na, hab ich zuviel versprochen?

ich habe versucht mich jeglicher wertung zu enthalten, da kann sich jeder selber seine meinung bilden.
ach ja, monique ist nicht 60 jahre alt, sondern 48.

© Ralf Knochner, 2004
Du bist hier : Startseite Asien Indien Indien-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
. := Auf einer Enfield Bullet durch den Norden Indiens := . . Den zweiten Teil der Reise findet ihr in der Rubrik Südostasien/Laos unter "Dauerlächeln und Bombenstimmung - der Fortsetzungsroman in Südostasien". Bis jetzt ist erst der Teil über Laos fertig, Kambodscha folgt noch.
Details:
Aufbruch: Januar 2004
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: 18.07.2004
Reiseziele: Indien
Jaipur
Udaipur
Jaisalmer
Leh
Der Autor
 
Ralf Knochner berichtet seit 14 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Ralf sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
Bild des Autors
Ralf über sich:
ok, zugegeben, das bild ist nicht mehr aktuell und schmeichelt mir. damals, nach meiner ersten sechsmonatigen indienreise, war ich halt noch jung und schlank. jetzt, 9 jahre später, bin ich 33 und schon "vom leben gezeichnet". mein faible für das fernöstliche äußert sich in meiner buddhaesken erscheinung und meiner enormen geduld, vor allem mit mir selbst
mein interesse auf dieser reise gilt weniger den sehenswürdigkeiten oder historischen ereignissen, das kann man alles im reiseführer nachlesen. auch mache ich keine angaben zu hotels, preisen und ähnlichem (ausnahmen bestätigen diese regel). ich möchte menschen kennenlernen und ein wenig hinter die fassaden schauen. ihr könnt mit mir hoffen, dass mir das gelingt ..... danke für euer interesse!