Srinagar-Reisebericht :Kaschmir 2005

Höllentrip ins wilde Kaschmir: Srinagar - Kaschmir's Herzstück

Es ist dunkel und wir sind endlich da, hurra, lebend geschafft! Nun "nur noch" Unterkunft, das heißt Hausboot auf dem Dal Lake suchen und ausruhen. Kaschmir zu besuchen und nicht auf einem Hausboot zu übernachten würde so ähnlich sein wie Agra zu besuchen und das Taj Mahal nicht zu besichtigen. Also, wir steigen nach Diskussionen mit den Abschleppern in eine Shikara, eine kleine Gondel, wie man in Venedig sagen würde, die uns zu dem gewünschten Übernachtungsplatz bringen soll. Wir sind es leid, noch groß zu reden und nehmen das, was man uns anbietet, der Morgen wird zeigen, wo und wie wir sind!

Unser Hausboot ist einfach überwältigend, 30 bis 50 m lang, bestehend aus einer Lounge, einem Esszimmer, Sonnendeck und 2 oder 3-Bettzimmer. Hergestellt ist das Hausboot aus poliertem Zedernholz mit phantasievoll geschnitzten orientalischen Mustern und mit einem Charakter der 30iger Jahre. Wie moderne Kolonialherren/damen schlürfen wir in der Abenddämmerung auf dem Deck Gin Tonics. Man teilt sich die Lounge and das Esszimmer mit anderen Besuchern. Viele Boote gehören einer Familie, die für die Gäste kochen und man bekommt einen guten Einblick in das Leben der Kaschmiris.

Hausboote auf dem Dal-See

Hausboote auf dem Dal-See

geschnitzter Eingang meines Hausbootes

geschnitzter Eingang meines Hausbootes

Feierabend für Shikara-Fahrer

Feierabend für Shikara-Fahrer

Shikaras für Touristen

Shikaras für Touristen

Das Tal - mit der Stadt Srinagar im Mittelpunkt - ist Kaschmirs fruchtbares Herzstück mit einer Kulisse grüner Berge. Dichte Fichten- und Kiefernwälder, Felder voller kostbarer Safrankrokusse, Reisterrassen, Maulbeerhaine; Gärten mit Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Walnussbäumen. Der größte Teil von Kaschmirs legendärer Schönheit ist immer noch unversehrt. Selbst im Herzen Srinagars, wo kastenförmige Betonhäuser aus dem Boden schießen, ist genug Altes intakt, um die Phantasie des Besuchers zu beflügeln. Der Dal-See (umgeben von den hohen Gipfeln des Himalaya und den Kämmen des Pir Pandschal), der Fluss Dschelam und ein mäandernder Kanal, der die beiden verbindet, machen aus dem geschäftigsten Viertel der Stadt eine Insel. Von den etwa zwei Dutzend Brücken, die sich über Fluss und Kanal wölben, kann man beobachten, wie die Kaschmiris mit kleinen Holzbooten an den alten Häusern vorbeistaken. Wir unternehmen eine Shikara-Fahrt durch die Lotusfelder, alle Menschen grüßen uns sehr freundlich, da sich in diesen Teil Indiens bis jetzt nur wenige ausländische Gäste verirren, meistens sehen wir indische Ferienreisende und Hochzeitspärchen. Abends sitze ich am Wasser, höre das leise Plätschern der abendlich heimkommenden Shikaras, mit einem Gondelfahrer habe ich ein sehr interessantes, philosophisches Gespräch, was mir wieder d a s Indien zeigt, das mich weiterbringt. Und da ist sie, eine der Antworten auf die Frage, warum ich immer wieder dieses Land bereise.

Wir werden oft fotografiert und immer wieder gefragt, wie wir Kaschmir finden. Ein Shikarafahrer knüpft mir eine Kette aus Lotusblüten, ich bin wie verzaubert... Hätte das jemals ein Mann in Deutschland für mich gemacht (selbst wenn es hier Lotusblüten auf einem See geben würde)? Nie! Der hätte höchstens gesagt: Knüpf dir deine Kette selber, du bist doch emanzipiert!

Blumenverkäufer mit Shikara

Blumenverkäufer mit Shikara

Das Ganze erscheint ziemlich unwirklich, einfach wie im Märchen. "Wo die Welt endet und das Paradies beginnt", Straßenschild auf der indischen Seite der Waffenstillstandslinie, die den indisch besetzten vom pakistanisch besetzten Teil der Region trennt, 1998.

Damit komme ich zur anderen Seite dieses Teils von Indien -die allgegenwärtige Präsenz des Militärs und das geopolitische Spannungsfeld zwischen Indien und Pakistan. Hier lebt ein Volk, dessen Angehörige sich weder für Inder noch für Pakistanis sondern für Kaschmiris halten und sich durch eine künstliche Linie getrennt sehen. Indische Soldaten patroullieren in den Straßen unaufhörlich. Sie tragen kugelsichere Westen über Tarnuniformen, dazu Maschinenpistolen. An jeder Ecke Sandsackunterstände, Militärposten und Checkpoints. Bunker mit starkem Maschendraht vor den Eingängen, zum Schutz vor Granaten mit gestapelten Sandsäcken abgedeckt, beherrschen die größeren Verkehrskreuzungen. Milizsoldaten halten Autos und knatternde Dreiradtaxis an, scheuchen die Fahrer herum und suchen unter den Sitzen nach Bomben und Waffen. Der Hass in den Blicken von Passanten lassen keinen Zweifel zu, dass die Kaschmiris die Soldaten als Besatzungsarmee betrachten.

militärischer Kontrollposten mitten in Srinagar

militärischer Kontrollposten mitten in Srinagar

Die Region ist seit fast einem halben Jahrhundert Streitobjekt zwischen Indien und Pakistan. Seit der Abspaltung Pakistans von Indien im Jahre 1947 führten die beiden Staaten zwei Kriege um das Kaschmirtal, das unter Vermittlung der UN 1949 aufgeteilt wurde. Ein Drittel des Gebietes ging an Pakistan, zwei Drittel erhielt Indien. Ende der achtziger Jahre flammte der Kaschmir-Konflikt wieder auf. Seitdem kämpfen im indischen Teil Kaschmirs moslemische Rebellengruppen um die Loslösung des überwiegend von Moslems bevölkerten Gebiets. Wen wundert's, dass Kaschmir als einer der gefährlichsten Explosionsherde der Erde gilt. Im Januar vergangenen Jahres leiteten die beiden Atommächte allerdings einen Friedensprozess ein.

Nach 7 wunderschönen Tagen auf meinem Hausboot und gemischten Gefühlen verlasse ich Kaschmir in Richtung Zanskar, dem buddhistischen Teil meiner Reise.

Für alle, die gerne individuell reisen ein kleiner Tipp:

Der 1974 gegründete Club ist die älteste Globetrottervereinigung Deutschlands und der größte Zusammenschluß leidenschaftlich Reisender auf ideeller Basis in Europa

www.globetrotter.org

© Annette W., 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
2000 km mit Bus durch den Himalaya
Details:
Aufbruch: 15.07.2005
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 15.08.2005
Reiseziele: Kaschmir
Srinagar
Der Autor
 
Annette W. berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Annette sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
Bild des Autors
Annette über sich:
Hi liebe Welterforschende!
Mein Lebensmotto lautet:
Es gibt nichts Schöneres, als ins Unbekannte aufzubrechen!
Bin eine humorvolle, bisschen ver-rückte, sehr gerne auch provozierende und durchgeknallte Frau. Ich liebe Musik, Musik, Musik und abenteuerliche, nachdenkliche und interessante Expeditionsreisen in die abgelegensten Ecken der Welt sowie mein "Hexenmobil". Ich reise gerne alleine oder auch mit anderen Weltliebhabern mit Rucksack durch die Gegend. Ich finde junge und jung gebliebene Menschen klasse, die ähnlich denken und reisen. Freu mich auf einen Gedankenaustausch mit euch!

Ständig werde ich gefragt: Hast Du keine Angst? - Bist Du nicht einsam? - Woher nimmst Du Deinen Mut? - Warum reist Du alleine? usw. usw.:
Mit diesem Bericht möchte ich nun andere Frauen, vielleicht auch nicht mehr so ganz jung an Jahren wie ich, ermutigen, diesen offensichtlich noch immer ungewöhnlichen Schritt zu unternehmen - und gleichzeitig Männern aufzeigen: Es geht auch mal ohne Euch!!
Die Welt des Reisens hat mich schon seit Jahren gepackt. Bereits vor 16 Jahren habe ich zusammen mit meinem damaligen Mann, ausgehend von Australien mit Frachtschiff, Neuseeland durchstreift. Doch meine wahre Liebe galt immer dem Urwald und dem Abenteuer. 1990 enschloss ich mich spontan, einen 6-wöchigen Trip nach Indonesien zu unternehmen und flog kurzerhand nach Singapur, ohne KKM: Kind, Kegel, Mann. Nach den ersten stark gewöhnungsbedürftigen Nächten an einer 8-spurigen Straße im "Why not homestay"-Guesthouse in einem ca. 20-Männlein-Weiblein-Schlafsaal und dem ersten "Schock" des Exotischen ging's weiter mit Flugzeug nach Sumatra, anschließend per Bus, Schiff, Zug, Motorrad, etc. nach Java, Bali, Lombok - und (für Kenner) Gili Travangan. Meine Erfahrungen mit Urwald, mit dem ich das erste Mal zus. mit meinen beiden indonesischen Führern für ein paar Tage Kontakt hatte, mit der einheimischen Bevölkerung und dem Alleinreisen waren durchweg positiv . Fast überall wurde ich bestaunt und immer wieder gefragt: Warum reist Du allein? Auf diese Frage muß frau situationsbedingt antworten: allein unter Frauen, was selten der Fall ist: die Wahrheit, allein unter Männern: Interesse am Land, schreibe ein Buch, Ehemann hütet zu Hause die beiden Kinder (Bilder immer in der Tasche) ! Resultat: Alle sind zufrieden und ich kann beruhigt meiner Wege gehen. Auf dieser Reise traf ich auch eine ganze Menge Traveller aus aller Welt, die ich dann im weiteren Verlauf manchmal wiedergetroffen habe. Ab und zu sind wir zusammen weitergereist, dann mal wieder alleine weiter, usw.
Nach diesen erfolgreichen Wochen bekam ich noch mehr Mut und plante meine nächste Reise nach Borneo unter dem Motto: Allein unter Kopfjägern! Ausgehend von Kuala Lumpur startete ich in Sabah, Kuta Kinabalu, dem malaysischen Teil von Borneo. Von dort ging es mit Bussen weiter in den Norden der Insel, anschließend auf dem Seewege in den indonesischen Teil Kalimantan. Die Reise führte mich weiter in den Süden. Es folgte ein kurzer Abstecher nach Sulawesi zum Tauchen. Auf dieser 2 1/2-tägigen Schiffsfahrt traf ich den einzigen Europäer unter ca. 300 Indonesiern, nämlich Erich, den deutschen Schiffssicherheitsingenieur, der sich freute, mir das einzige freie Plätzchen in seiner Kabine zur Übernachtung anbieten zu können und (ausschließlich!) glücklich war, endlich mal wieder Deutsch sprechen zu können, was er dann auch fast ununterbrochen tat. Sobald ich mich aus meiner Kabine herauswagte, sprach es sich auf dem Schiff wie ein Lauffeuer herum, daß "die Fremde" draußen wäre, und innerhalb von 5 Minuten war ich umringt von ca. 30 Leuten, die mich bestaunten. Dann weiter auf Borneo per Bus und Mini-Flugzeug (4 männl. Passagiere, 1 Pilot) wieder aus dem indonesischen Teil in den malaysischen Staat Sarawak. Meine beiden Trips auf einem der zahlreichen Wasserstraßen ins Landesinnere mit jeweils einem indonesischen Führer verliefen auch sehr positiv und abenteuerlich. Die Familie wurde mir vorgestellt, ich wurde zusammen mit allen fotografiert, hinterließ ein paar deutsche "Andenken" und alle waren glücklich. Von dieser Reise muß ich allerdings sagen, daß ich zu oft alleine nur mit den Einheimischen war und ich sehnte mich nach den meist sehr lustigen und netten Zusammentreffen mit anderen "back-packern". Wo ich auftauchte, erregte ich Aufsehen und wurde bestaunt, was einem nach einer Zeit doch sehr auf den Nerv gehen kann. Die fehlenden Englisch-Kenntnisse der Insulaner waren dann auch manchmal zeitraubend und anstrengend, worauf ich beschloss, vor der nächsten Reise die entspr. Sprache einigermaßen zu erlernen.
Meine weiteren Erfahrungen in Marokko waren manchmal sehr nervend, da die arabischen Männer doch recht aufdringlich sind, besonders wenn sie mitbekommen, daß frau Französisch spricht. Mir wurde auch einmal nach längeren Diskussionen mit einem marokkanischen Mathematiklehrer gesagt, daß er es nicht gutfände, wenn selbstbewußte, alleinreisende und dann noch in seinen Augen feministische Frauen "aufrührerisches Gedankentum" in sein Land brächten und er wolle sich nicht länger mit mir unterhalten. Anderseits war ein Hotelbesitzer total begeistert, wollte mich heiraten und hatte die Idee, daß ich marokkanische Frauen selbstbewußter in ihrer Eigenschaft als Frau unterstützen solle.
Die Gründe für meine alleinigen Unternehmen sind pragmatischer Art: Reisen ist meine absolute Leidenschaft. Ich habe nichts dagegen, mit einem Freund oder Freundin zusammen zu reisen. Dieses scheiterte meistens jedoch an der bei manchen noch vorh. Familie, Geld, Mut, Zeit oder auch mangels Masse an entspr. Leuten. Dadurch dachte ich: Wat mut, dat mut, reise alleine, wenn Du die Welt kennenlernen willst und warte nicht auf Mitreisende, denn dafür ist das Leben zu kurz und Leute trifft frau unterwegs meistens genug! Was den Mut anbelangt, so wächst er mit der Zeit immer mehr. Wenn frau selbstbewusst auftritt, weiß, was sie will, ebnet Mann ihr wirklich den Weg. Zum Thema Einsamkeit muß gesagt werden, daß man unterscheiden muß zwischen Alleinsein und Einsamsein. Voraussetzung für das Alleinsein auf Reisen sind psychologische Kenntnisse der eigenen Persönlichkeit, das Wissen, auch mit schwierigen Situationen allein fertigwerden zu können , wunderschöne Erlebnisse auch alleine genießen zu können sowie gutes Informationsmaterial für entspr. Rucksackreisen. Einsamkeit stellt sich manchmal an blau-grünem Wasser, einsamen Korallenstränden, wunderschönen rauchenden Vulkanen und bei phantastischen Erlebnissen ein, wenn dann gerade nicht der (die) entsprechende Freund/in da ist, um das mit einem zu teilen. Doch diese Momente vergehen meistens schnell, da ich weiß, daß zu Hause genügend Freunde da sind, die später intensiv an den Erlebnissen Interesse haben werden. Erwähnen möchte ich noch, daß ich mich seit jeher bemühe, einen sanften Tourismus zu praktizieren, d.h. mich in einer umweltverträglichen und sozialverantwortlichen Art und Weise in den jeweiligen Ländern zu verhalten.
Also auf, Frauen: Fehlen die entsprechenden Mitreisenden und Ihr habt Lust, die Welt zu entdecken, reist, reist!! Es ist ungefährlicher als Ihr denkt! Doch bemüht Euch auch, dieses in einer integrativen Form zu tun.
Kamala H.(1996)