Indien-Reisebericht :Zanskar 2005

Im Land der Klöster und Gelbmützen

Durch die wilden Schluchten des Zanskar

Ich schrecke im Bett in Srinagar, Kaschmir, hoch. Es ist 5.00 Uhr morgens. Was war heute? Ach ja, richtig, es geht weiter Richtung Zanskar, in den Himalaya. Mein Entdeckergeist meldet sich und ich bin hellwach. Habe mich entschlossen, alleine weiterzureisen, ist für mich immer noch die beste Art der "Entdeckertour" anderer Länder.

Ich lasse mich zuerst mit meiner kleinen "hauseigenen Gondel", einer Shikara, ans Ufer und dann mit Jeep zum Busbahnhof bringen.
Die vor einigen Jahrhunderten 14-tägige Karawanenreise nach Zanskar ist inzwischen eine schon fast bequeme Reise von 48 Stunden geworden, unterbrochen von einer Übernachtung im moslemischen Kargil, 2.650 m hoch.
An die Stelle der Esel und Packpferde sind öffentliche Busse, buntbemalte Lastautos und grün gestrichene Fahrzeuge der Armee getreten. Unser Bus schlängelt sich über eine mehr oder weniger asphaltierte Straße, die sich über hohe Pässe, enge Schluchten und trockene Steinebenen unbeschreiblichen Ausmaßes schlängelt. Über teilweise noch alte Holzbrücken, dem Flusslauf folgend, führt die Straße durch enge Täler. Kleine Dörfer mit sattgrünen Wiesen, Pfirsich-, Birn- und Apfelbäumen säumen den Weg. Schneebedeckte Berge, Nadelwälder und Weideland oberhalb der Baumgrenze werden sichtbar. Der Militärposten gibt die Passstraße für den Zivilverkehr frei, es beginnt der steile, kurvenreiche Anstieg auf einer engen Schotterstraße, die bereits von manchem Reisenden vergangener Zeiten gefürchtet wurde. Der Dras-Fluss wird zum ständigen Begleiter. Wilder Rhabarber wächst im ganzen Tal. Ponies, Kühe, Schafe und Ziegen finden ausgezeichnetes Weideland. Kleine Ortschaften sowie das Militärlager sind die einzige Unterbrechung bis sich 2 Flüsse vereinen und die Straße nunmehr am reißenden Suru-Fluss entlanggeht.

Wir sind in Kargil, endlich. Mir ist dieser Ort unheimlich. Ein knappes Viertel dieses Distrikts wurde von Pakistan besetzt, dessen Grenze nur 30 km entfernt ist. In den vergangenen Jahren wurde dieser Ort oftmals beschossen und es schleicht sich ein beklemmendes Gefühl bei mir ein. Abends wird mir nach plötzlichem Stromausfall im Fotoladen zugeflüstert, mich doch schnell in mein Hotel zu verziehen. Dies trägt natürlich nicht gerade zu einem ruhigen Schlaf bei... Um 3.00 Uhr morgens schleiche ich mich mit Sack und Pack zum stockdunklen Busplatz. Mir ist schlecht - wie immer bei solch nächtlichen Busfahrten, mich nervt einfach alles und jeder. Irgendwie steige ich dann doch in den richtigen Bus nach Padum, "Hauptstadt" der südlich des Indus gelegenen Provinz Zanskar ein.

Dann beginnt sie: die wundervollste und interessanteste, aber auch anstrengendste und schlimmste 16-stündige, 240 km lange Busfahrt meines Lebens:

Im Sommer 1978 legte das erste motorisierte Fahrzeug diesen ehemals zehntägigen Fußmarsch unzähliger Karawanenzüge auf der neuen, bislang unasphaltierten Straße zurück. Seit diesem Bau bricht in die Kultur des Mangels die Barbarei des Überflusses ein. Der Alltag wird beeinflusst von Handel, Tourismus und indischen Bürokraten, die auch diese Täler modernisieren möchten. Die Technik beeinflusst nunmehr Leben und Mentalität der Bevölkerung, die Jahrhunderte lang den eigenen Kräften und Tieren als Mittel der Fortbewegung vertraute. Infolge der Motorisierung wird sich der bisherige Rhythmus um ein Vielfaches beschleunigen und die jahrhundertealte tibetische Kultur verändern. Zweifellos wird die neue Straße die Zanskaris dem erwünschten Fortschritt nach westlichem Muster näher bringen, doch wie viel Nutzen das Land daraus zieht, bleibt offen....Es ist ihnen zu wünschen, dass sie keinen Schaden an ihrer Seele nehmen. (Näheres dazu in meinem Bericht über Ladakh)

Es fängt an mit immer wiederkommenden indischen Kontrollpunkten: kleine Zeltstädte mit "Militärhonorationen", in denen ich mich als Ausländer melden und in ein Buch eintragen muss. Dieses soll sich nun die nächsten Hunderte von Kilometern unaufhörlich wiederholen.

Eigentlich ist die "Straße" nur ein halbtrockener Flusslauf mit riesigen Gesteinsbrocken darin, an einigen Stellen knöcheltiefem Wasser und vielen anderen Gemeinheiten. Aber es beginnt auch ein Märchen. Ich erreiche nämlich das Auenland der Hobbits. Ja, ihr habt richtig gehört. Doch der Reihe nach:

Der islamische Einfluss der Srinagar/Kargil-Gegend nimmt allmählich ab.
Nach und nach tauchen auf der linken Straßenseite die ersten Steinskulpturen buddhistischer Herkunft auf. Die Inschrift, aus der Zeit zwischen 700 und 1200 n. Chr. stammend, ist ein Beweis für die einst starke Verbreitung der buddhistischen Lehre in diesem gesamten Talabschnitt.

Unsere "Straße" durchquert eine lange enge Schlucht, die von hohen Felswänden aus Granit- und Vulkansgestein umgeben ist. Jetzt im Sommer entwickelt sich in dieser kargen Landschaft eine ungeahnte Farbenpracht, wenn rosa und gelbe Rosenbüsche den Wegrand säumen. Ich sehe Nomadenstämme, die ihre Zelte auf einem Rundbau übereinander gelegter Steine befestigt haben. Man sieht überall Chörten (tibetisches Wort für Stupa), Sakralbauwerke, deren Architektur eine komplizierte Symbolik beinhalten. Sie sind Gedenkstätten für bedeutende Leute wie Lamas, Sektengründer, Regenten, Heilige und andere. Lange Gebetsmauern mit den mystischen, aus Stein gehauenen Formeln "Om mani padme hum" (gesegnet sei das Juwel im Herzen des Lotus) säumen den Weg. Gebetsfahnen wehen im Winde.

Ich denke an Hesse's Siddharta und an seine Lehre. Sie ist keine Religion, sondern eher eine Philosophie. In der Lehre kommen die Vergänglichkeit der Welt und das Leiden in ihr besonders stark zum Ausdruck, aber auch das leuchtende Ziel, das Heil zu erlangen, das über allem stehende Nirwana. Um dieses Ziel zu erreichen, spricht Buddha (also Siddharta) der Erleuchtete von den vier edlen Wahrheiten über das Leiden, die Ursache des Leidens, die Auflösung des Leidens und den achtfachen Pfad, der zur Aufhebung des Leidens führt. Dieser tugendhafte Pfad ist gekennzeichnet durch rechtes Leben; rechtes Handeln, rechtes Verstehen, rechtes Denken, rechtes Sprechen, rechte Bemühungen, rechte Gesinnung und rechte Meditation. Siddharta hat den rechten Weg nicht nur gefunden und gepredigt, sondern er hat ihn auch vorbildlich vorgelebt.

Schafe und Ziegen grasen überall - und natürlich Yaks. Es ist das wichtigste Tier, das zum Überleben der Bewohner entscheidend beiträgt. Es verträgt nur das Klima über 2.500 m auf den Hochweiden. Es dient nicht nur als Reittier und Transporteur von bis zu zwei Zentner schweren Lasten, sondern auch als Lieferant von Milch, Butter, Käse, Haaren, Fleisch und Leder. Getrockneter Yak-, Kuh und Dzo-Dung (Kreuzung zwischen Yak und Rind) ist oft das einzige Brennmaterial in den baumlosen Gebieten und auf den nährstoffarmen Böden. Kleine Wasserläufe kommen mir entgegen und ab und an liegt ein zerstörter Lastwagen im Abgrund.
Ich finde kaum Worte für diese grandiose Landschaft (und das will schon was heißen bei mir), sie ist atemberaubend, majestätisch. Die Straße windet sich höher und höher, immer an dem rauschenden Fluss, dem Zanskar, entlang. Die Luft ist klar und die Aussicht auf die umliegenden 7000er Berge ist grandios. Ein Glücksgefühl überkommt mich und ich werde ehrfürchtig in Anbetracht dieser Landschaft.

© Annette W., 2006
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Die Reise
 
Details:
Aufbruch: Juli 2005
Dauer: circa 5 Wochen
Heimkehr: August 2005
Reiseziele: Indien
Der Autor
 
Annette W. berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Annette sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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Annette über sich:
Hi liebe Welterforschende!
Mein Lebensmotto lautet:
Es gibt nichts Schöneres, als ins Unbekannte aufzubrechen!
Bin eine humorvolle, bisschen ver-rückte, sehr gerne auch provozierende und durchgeknallte Frau. Ich liebe Musik, Musik, Musik und abenteuerliche, nachdenkliche und interessante Expeditionsreisen in die abgelegensten Ecken der Welt sowie mein "Hexenmobil". Ich reise gerne alleine oder auch mit anderen Weltliebhabern mit Rucksack durch die Gegend. Ich finde junge und jung gebliebene Menschen klasse, die ähnlich denken und reisen. Freu mich auf einen Gedankenaustausch mit euch!

Ständig werde ich gefragt: Hast Du keine Angst? - Bist Du nicht einsam? - Woher nimmst Du Deinen Mut? - Warum reist Du alleine? usw. usw.:
Mit diesem Bericht möchte ich nun andere Frauen, vielleicht auch nicht mehr so ganz jung an Jahren wie ich, ermutigen, diesen offensichtlich noch immer ungewöhnlichen Schritt zu unternehmen - und gleichzeitig Männern aufzeigen: Es geht auch mal ohne Euch!!
Die Welt des Reisens hat mich schon seit Jahren gepackt. Bereits vor 16 Jahren habe ich zusammen mit meinem damaligen Mann, ausgehend von Australien mit Frachtschiff, Neuseeland durchstreift. Doch meine wahre Liebe galt immer dem Urwald und dem Abenteuer. 1990 enschloss ich mich spontan, einen 6-wöchigen Trip nach Indonesien zu unternehmen und flog kurzerhand nach Singapur, ohne KKM: Kind, Kegel, Mann. Nach den ersten stark gewöhnungsbedürftigen Nächten an einer 8-spurigen Straße im "Why not homestay"-Guesthouse in einem ca. 20-Männlein-Weiblein-Schlafsaal und dem ersten "Schock" des Exotischen ging's weiter mit Flugzeug nach Sumatra, anschließend per Bus, Schiff, Zug, Motorrad, etc. nach Java, Bali, Lombok - und (für Kenner) Gili Travangan. Meine Erfahrungen mit Urwald, mit dem ich das erste Mal zus. mit meinen beiden indonesischen Führern für ein paar Tage Kontakt hatte, mit der einheimischen Bevölkerung und dem Alleinreisen waren durchweg positiv . Fast überall wurde ich bestaunt und immer wieder gefragt: Warum reist Du allein? Auf diese Frage muß frau situationsbedingt antworten: allein unter Frauen, was selten der Fall ist: die Wahrheit, allein unter Männern: Interesse am Land, schreibe ein Buch, Ehemann hütet zu Hause die beiden Kinder (Bilder immer in der Tasche) ! Resultat: Alle sind zufrieden und ich kann beruhigt meiner Wege gehen. Auf dieser Reise traf ich auch eine ganze Menge Traveller aus aller Welt, die ich dann im weiteren Verlauf manchmal wiedergetroffen habe. Ab und zu sind wir zusammen weitergereist, dann mal wieder alleine weiter, usw.
Nach diesen erfolgreichen Wochen bekam ich noch mehr Mut und plante meine nächste Reise nach Borneo unter dem Motto: Allein unter Kopfjägern! Ausgehend von Kuala Lumpur startete ich in Sabah, Kuta Kinabalu, dem malaysischen Teil von Borneo. Von dort ging es mit Bussen weiter in den Norden der Insel, anschließend auf dem Seewege in den indonesischen Teil Kalimantan. Die Reise führte mich weiter in den Süden. Es folgte ein kurzer Abstecher nach Sulawesi zum Tauchen. Auf dieser 2 1/2-tägigen Schiffsfahrt traf ich den einzigen Europäer unter ca. 300 Indonesiern, nämlich Erich, den deutschen Schiffssicherheitsingenieur, der sich freute, mir das einzige freie Plätzchen in seiner Kabine zur Übernachtung anbieten zu können und (ausschließlich!) glücklich war, endlich mal wieder Deutsch sprechen zu können, was er dann auch fast ununterbrochen tat. Sobald ich mich aus meiner Kabine herauswagte, sprach es sich auf dem Schiff wie ein Lauffeuer herum, daß "die Fremde" draußen wäre, und innerhalb von 5 Minuten war ich umringt von ca. 30 Leuten, die mich bestaunten. Dann weiter auf Borneo per Bus und Mini-Flugzeug (4 männl. Passagiere, 1 Pilot) wieder aus dem indonesischen Teil in den malaysischen Staat Sarawak. Meine beiden Trips auf einem der zahlreichen Wasserstraßen ins Landesinnere mit jeweils einem indonesischen Führer verliefen auch sehr positiv und abenteuerlich. Die Familie wurde mir vorgestellt, ich wurde zusammen mit allen fotografiert, hinterließ ein paar deutsche "Andenken" und alle waren glücklich. Von dieser Reise muß ich allerdings sagen, daß ich zu oft alleine nur mit den Einheimischen war und ich sehnte mich nach den meist sehr lustigen und netten Zusammentreffen mit anderen "back-packern". Wo ich auftauchte, erregte ich Aufsehen und wurde bestaunt, was einem nach einer Zeit doch sehr auf den Nerv gehen kann. Die fehlenden Englisch-Kenntnisse der Insulaner waren dann auch manchmal zeitraubend und anstrengend, worauf ich beschloss, vor der nächsten Reise die entspr. Sprache einigermaßen zu erlernen.
Meine weiteren Erfahrungen in Marokko waren manchmal sehr nervend, da die arabischen Männer doch recht aufdringlich sind, besonders wenn sie mitbekommen, daß frau Französisch spricht. Mir wurde auch einmal nach längeren Diskussionen mit einem marokkanischen Mathematiklehrer gesagt, daß er es nicht gutfände, wenn selbstbewußte, alleinreisende und dann noch in seinen Augen feministische Frauen "aufrührerisches Gedankentum" in sein Land brächten und er wolle sich nicht länger mit mir unterhalten. Anderseits war ein Hotelbesitzer total begeistert, wollte mich heiraten und hatte die Idee, daß ich marokkanische Frauen selbstbewußter in ihrer Eigenschaft als Frau unterstützen solle.
Die Gründe für meine alleinigen Unternehmen sind pragmatischer Art: Reisen ist meine absolute Leidenschaft. Ich habe nichts dagegen, mit einem Freund oder Freundin zusammen zu reisen. Dieses scheiterte meistens jedoch an der bei manchen noch vorh. Familie, Geld, Mut, Zeit oder auch mangels Masse an entspr. Leuten. Dadurch dachte ich: Wat mut, dat mut, reise alleine, wenn Du die Welt kennenlernen willst und warte nicht auf Mitreisende, denn dafür ist das Leben zu kurz und Leute trifft frau unterwegs meistens genug! Was den Mut anbelangt, so wächst er mit der Zeit immer mehr. Wenn frau selbstbewusst auftritt, weiß, was sie will, ebnet Mann ihr wirklich den Weg. Zum Thema Einsamkeit muß gesagt werden, daß man unterscheiden muß zwischen Alleinsein und Einsamsein. Voraussetzung für das Alleinsein auf Reisen sind psychologische Kenntnisse der eigenen Persönlichkeit, das Wissen, auch mit schwierigen Situationen allein fertigwerden zu können , wunderschöne Erlebnisse auch alleine genießen zu können sowie gutes Informationsmaterial für entspr. Rucksackreisen. Einsamkeit stellt sich manchmal an blau-grünem Wasser, einsamen Korallenstränden, wunderschönen rauchenden Vulkanen und bei phantastischen Erlebnissen ein, wenn dann gerade nicht der (die) entsprechende Freund/in da ist, um das mit einem zu teilen. Doch diese Momente vergehen meistens schnell, da ich weiß, daß zu Hause genügend Freunde da sind, die später intensiv an den Erlebnissen Interesse haben werden. Erwähnen möchte ich noch, daß ich mich seit jeher bemühe, einen sanften Tourismus zu praktizieren, d.h. mich in einer umweltverträglichen und sozialverantwortlichen Art und Weise in den jeweiligen Ländern zu verhalten.
Also auf, Frauen: Fehlen die entsprechenden Mitreisenden und Ihr habt Lust, die Welt zu entdecken, reist, reist!! Es ist ungefährlicher als Ihr denkt! Doch bemüht Euch auch, dieses in einer integrativen Form zu tun.
Kamala H.(1996)