Mit dem Rucksack durch Mittelamerika

Reisezeit: Juli - September 2007  |  von Morris B.

Nicaragua: Managua 30.08.-31.08.07

Manuel heisst er. Er ist Mitte 40, vielleicht Anfang 50. Kraeftig gebaut. Wir sitzen auf Plastikstuehlen im "Barrio Monumental", dem Touristenbezirk Managuas. Hinter uns haben wir die hoellische Reise aus El Castillo: 3 Stunden Motorboot und dann mit einem Plastikbeutel "Gallo Pinto" (Reis mit Bohnen) in den Bus in die Hauptstadt. Auf den ersten 6 der insgesamt 9 Stunden klapperte der Chickenbus auf der mit Schlagloechern durchsetzten Piste so laut, dass man sein eigenes Wort kaum verstand. Immerhin waren lateinamerikanischer Pop und Verkaeufer ebenso wenig zu verstehen.
Da sitzen wir nun mit droehnemen Kopf und lauschen Manuels Geschichte.
Als er noch zur Schule ging, so sagt er, haben die von den Konservativen untestuetzten Paramilitaers seinen Vater, seine Schwester und mehrere seiner Tanten und Onkel regelgerecht hingerichtet. Sandinistas, nein, das seien sie nie gewesen. Irgendjemand in der Schule hatte ein Geruecht gestreut und wenige Tage spaeter fand er, der 15 jaehrige Manuel seine Familie erschossen im Wohnzimmer. Die Einladung eines Freundes hatte ihm quasi das Leben gerettet. Seine Geschichte sei nur ein Bespeil von vielen, die waehrend der Revolution und dem von den USA finanzierten Kontra-Krieg ihr Hab und Gut, Familienangehoerige oder sogar ihr Leben verloren haben. Und wie bei so vielen so wuchs auch bei ihm der Hass gegen Regierung und Paramilitaers. Bevor er allerdings selber auf Seiten der Sandinistas mitkaempfen konnte, holte ihn seine Mutter nach Amerika, wo er Lastwagenfahrer wurde. Mit 35 kehrte er zureuck in sein Heimatland. Er heiratete eine ehemalige Sandinistakaempferin (wie er stolz betont!) und kaufte mit dem in den Staaten Ersparten drei LKWs, mit denen er seither Kaffee an alle mittelamerikanischen Haefen liefert. Fuer den Sandinistafeuhrer Ortega, der seit Januar wieder Praesident ist, habe er wenig uebrig. Westliche Unternehmen zu verstaatlichen, wie es gerade vor zwei Wochen im Falle von ESSO und anderen internationalen Tankstellenketten geschehen ist, dass sei der falsche Weg. "Wir brauchen doch auslandische Investoren!" fuegt er zum Abschied hinzu, packt das Essen fuer seine Frau ein und steigt in seinen Truck.

Wir bleiben an unserem letzten gemeinsamen Abend noch etwas laenger draussen sitzen, bevor wir uns im "Hotel Santos" schlafen legen.
Um 4:30Uhr klingelt der Wecker fuer Julia, um 10:30Uhr fuer mich. Julia muss zureuck nach Guatemala. Eine zwei taegige Busreise steht ihr bevor. Da habe ich es besser! Mit Fruehstueck im Bauch schlendere ich ein wenig ueber den Mercado Central und kaufe Souveniers. Eine zweite Nacht brauche ich in dieser haesslichen und gefaerlichen Stadt allerdings auch nicht und setze mich nocvh am selben Tag in den Expressbus nach San Juan del Sur.
Auf einer Treppe sitzend warte ich auf meinen Bus, als mir ploetzlich eine Hand auf die Schulter gelegt wird. "Where are you from?", fragt ein aelterer Herr in energischem Tonfall. Die Antwort haette wohl nicht besser ausfallen koennen, denn noch bevor ich "Alemania" zu Ende stammeln kann, faellt er mir ins Wort und beginnt Nonstop in gebrochenem Deutsch auf mich einzureden. Ja, in Deuscthland habe er studiert. Sechs Jahre in Konstanz. "Ich liebe Deutschland und die Deutschen!", meint er ueberschwaeglich vor Glueck einen gefunden zu haben. Ueberhaupt scheint er alles mit der Silbe "Deutsch" zu lieben. Er schwaermt von Gastfreundlichkeit und Sauerkraut, von Helga Becker und Monika Schmidt. "Das waren Frauen!" Ein breites Grinsen huscht ueber sein Gesicht und er gibt zu, noch heute oft an sie zu denken. Dass er damals als studierter Nachrichtentechniker nicht in seiner Wahlheimt bleiben und sich eine kleine Existenz aufbauen durfte, dass versteht er allerdings noch immer nicht. Eine zufriedenstellende Antwort kann ich ihm da auch nicht geben. Zumal es spielend einfach fuer uns Deutsche ist, sich in Nicaragua oder anderen sogenannten Dritte-Welt-Laendern niederzulassen. Verbittert ist er trotzdem nicht. Er will mich auf ein Bier einladen, was ich mit Blick auf die Uhr leider ablehnen muss. Mindestens muss ich ihm aber versperechen Deutschland und alle Deutschen von ihm, von Linonel, zu greussen. Zweimal ruft er mir noch "Gruess Deutschland von mir! Guress alle von Linonel!", nach.

Lionel am Terminal

Lionel am Terminal

© Morris B., 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Ein Gabelflug Guatemala-Nicaragua ist gebucht. Angesichts der auf Grund der guatemaltekischen Wahlen im September und der damit verbundenen Ungewissheit über die politische Situation im Land scheint ein Rückflug von Nicaragua durchaus sinnvoll. Dazwischen liegen 9-11 Wochen Spanisch lernen und vor allem Reisen; Guatemala, Belize, Honduras, El Salvador, Nicaragua - wohin? Das wird sich zeigen...
Details:
Aufbruch: 04.07.2007
Dauer: 10 Wochen
Heimkehr: 11.09.2007
Reiseziele: Guatemala
Belize
Honduras
Nicaragua
Der Autor
 
Morris B. berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
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