Nicaragua-Reisebericht :Mittelamerika und Kolumbien 2015

Nicaragua - The Land of No Smile

Auf Nicaragua freute ich mich. Zu DDR-Zeiten hingen in meiner Schule regelmäßig Plakate, die zu Spenden aufriefen für den sozialistischen Bruderstaat. Damals erschien mir die Welt noch unendlich groß und nie hätte ich gedacht, dieses Land einmal zu besuchen.

Eine von zwei gängigen Biersorten in Nicaragua - beide schmeckten nach amerikanischen Wasserbieren.

Eine von zwei gängigen Biersorten in Nicaragua - beide schmeckten nach amerikanischen Wasserbieren.

Als wir in Leon ankamen, war es schon dunkel. Die Gruppe englischer Mädels aus meinem Bus marschierte schnurstracks ins Partyhostel "Bigfoot". Weil ich aber nur eine Nacht bleiben wollte und mich die laut Billard spielende Horde Aussies im Foyer des Hostels abschreckte, checkte ich im gediegeneren Hostel gegenüber ein (Name vergessen). Mit meinem Zimmergenossen machte ich mich erstmal auf den Weg, etwas zu schnabulieren. Die Stadt war voll mit Kolonialarchitektur und weil es irgendwas zu feiern gab, schmissen die Einwohner besinnungslos mit schweinelauten Böllern um sich. Nachdem wir mit gefülltem Magen den überschaubaren Altstadtkern durchmessen hatten, gingen wir zurück ins Hostel. Mein dänischer Zimmergenosse arbeitete als Skilehrer in Norwegen, was ihm für den Rest des Jahres ausreichend Zeit und Geld bescherte, durch die Welt zu reisen. Nachdem mich die Zahl der von ihm besuchten Länder (45) nur mäßig beeindruckte (mein Stand damals: 68 Länder), erzählte er mir halt den ganzen Abend davon, wieviel Geld er verdiente und dass er beim jährlichen tax return Geld sowohl aus Dänemark als auch aus Norwegen erhalten würde. Ich freute mich für ihn und gemeinsam tranken wir uns durch die Cocktail-Karte unseres Hostels.

Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg nach Granada, um dort das deutsche Pärchen zu treffen, das ich auf Caye Caulker während des Segelboottrips kennengelernt hatte. Mit einem Minibus ging es zunächst nach Managua und von dort weiter mit einem Chicken bus. Auf der Fahrt nach Managua versuchte der Busfahrer einen mitfahrenden Amerikaner abzuzocken, der ihm gerade 100 Cordobas in die Hand gedrückt hatte. Nachdem der Fahrer, kurz abgelenkt durch ein Gespräch mit einem der anderen Halsabschneider, den Kopf wieder in den Bus steckte und weiter abkassieren wollte, hatte er auf einmal vergessen, dass ihn der Ami bereits bezahlt hatte und nunmehr auf sein Wechselgeld wartete. Mehr als geduldig zu argumentieren, blieb einem da kaum übrig. Die gewisse Grundaggressivität beim Preise verhandeln und Betrüger loswerden, die ich mir durch längere Aufenthalte in Asien erworben habe, hilft einem in Nicaragua nicht unbedingt - aggressiv sind sie hier nämlich selber. Im Chicken bus nach Granada konnte ich mich wieder voll auf maps.me verlassen und der Busfahrer ließ mich auf ein Zeichen fast direkt am mit den Freunden vereinbarten Hostel aussteigen.

Ein klassischer Chicken bus in Central fährt jeden Tag die selbe festgelegte Route und funktioniert so, dass vorne ein maulfauler Fahrer sitzt, der seine Lieblingsmusik in Überlautstärke spielt. Zwischen den Sitzbänken rennt ein zweiter Kollege hin und her, der immer ein Riesenbündel Geldscheine in der Hand hält, von denen ein Teil bereits als Wechselgeld zu einzelnen Scheinen gefaltet zwischen den Fingern steckt. Die Preise im Chicken bus sind günstig (50 Cent bis EUR 1 für längere Fahrten), Kinder, die auf den Schoss genommen werden, kosten nichts. Der Kassierer hilft alten Leuten in den Bus, nimmt Sperrgepäck entgegen und - weil es ja immer schnell gehen muss - hebt auch schon mal kleine Kinder auf die Straße, wenn Mutti und Vati aussteigen wollen. Fahrer und Kassierer verständigen sich ausschließlich über Klopfzeichen oder kaum hörbare Pfiffe. Nicht ein einziges Mal wurde ich in einem derartigen Bus übers Ohr gehauen.

Granada ist wunderschön. Jedes der herrschaftlichen alten Häuser im spanischen Kolonialstil verfügt über einen riesigen Innenhof, in dem manchmal ein Pool, manchmal ein Garten oder auch nur die Lounge Area eines Hostels untergebracht ist. Am ersten Abend haben wir, nachdem die erste Flasche Begrüßungs-Rum vertilgt war, an einem Pubquiz teilgenommen. Der Quizmaster sowie die meisten Teilnehmer waren freilich Engländer sodass wir wegen der auf diese angepassten Fragen keine Chance auf den Sieg hatten; Spaß gemacht hat es trotzdem. Rückzu hatten wir ein wenig Schwierigkeiten, einen lästigen Eingeborenen loszuwerden, der uns in der Kneipe erst um Zigaretten und Bier anschnorrte und uns dann vorschlug, doch auf ein weiteres Bier mit zu ihm zu kommen. Weil sein immer-ernstes, verschlagenes Gesicht eher zum Reinschlagen einlud, aber nicht vertrauenserweckend war, haben wir davon gerne Abstand genommen. Angetrunken sind wir nachher noch in ein anderes Hostel, wo ich auch den deutschen Arztsohn aus El Tunco wieder getroffen habe, der zwar immer noch keine Schuhe hatte, aber gut gelaunt am Kiffen war.

Am nächsten Tag haben wir den regional bekannten Markt in Masaya besucht. Ich liebe Märkte, weil man dort die lokale Bevölkerung unverfälscht beobachten kann. Nachdem wir Zeuge wurden, wie ein kleines, noch lebendiges Ferkel verkauft und dann recht unsanft in einen Sack verfrachtet wurde, sind wir dann auch wieder nach Hause gefahren. In Granada haben wir eine sehr gute Pizza gegessen (überhaupt gibt es etliche gute Restaurants in dem Ort), in einer Bar bei Livemusik Bier getrunken und dann noch ein wenig auf dem Marktplatz gesessen und dem Treiben zugeschaut. Zwei deutsche Mädels erzählten uns, dass ihnen ein jugendlicher Radfahrer beinahe die Handtasche vom Arm gerissen hätte - uns haben diese Patrouille fahrenden Verbrecher aber nur durchdringend angeschaut, wenn sie an uns vorbei sind. Mir ist hinsichtlich Kriminalität auf der ganzen Reise im Gegensatz zu anderen nichts passiert. Ich schreibe das gerne meiner Statur und meinem dauerhaft bösen Blick zu - vielleicht habe ich aber einfach nur Glück gehabt.

Einsamer Strand.

Einsamer Strand.

Am nächsten Tag fuhren wir für EUR 15 im Shuttlebus nach San Juan del Sur, einem "Surferparadies" am Pazifik. Vor Ort buchten wir gleich eine Surfstunde für den nächsten Tag. Die hübsche, aus Ungarn stammende Mitinhaberin der Surfschule versprach uns natürlich das Blaue vom Himmel. Den Unterricht würde ihr Boyfriend, ein regionaler Surfchampion geben. Auch sei der Unterricht bei ihr qualitativ besser, weil alle anderen Surfschulen Dich lediglich auf die Welle schubsen, aber nichts erklären würden. Am nächsten Morgen tauchten dann zwei gelangweilte Babuben ohne Surfchampion am Strand auf und schubsten uns ohne Erklärung auf die Wellen. Währenddessen schauten sie Weibern auf den Arsch und machten anzügliche Sprüche. Unter anderem lernten wir so, dass Geschlechtsverkehr unmittelbar nach dem Surfen nicht zu empfehlen sei, weil doch noch zuviel Meerwasser aus der Frau liefe. Kann ich nicht überprüfen, aber die Jungs machten den Eindruck, als wüssten sie, wovon sie reden. Während ich lediglich eine Welle richtig gestanden habe, machte der männliche Teil des befreundeten Pärchens eine hervorragende Figur. Zwei-, dreimal geschubst, dann hat er sich die Wellen schon selbst erpaddelt und konnte sie dann auch mindestens ein Dutzend mal bis an den Strand erfolgreich zu Ende stehen. Naturtalent.

Eingemietet hatten wir uns 12 km nördlich von San Juan an der Playa Maderas. "Matilda" vermietete an diesem Strand mehrere Hütten und weil off-season war, hatten wir den Strand fast ganz für uns allein. Es gab dort noch eine kleine Hütte, aus dem heraus eine ältere Dame einfache Snacks und Bier feilhielt. Diese Dame machte wie viele Nicos einen recht dummen Eindruck, so hat sie sich mehrfach zu unseren Gunsten verrechnet. Überhaupt sind sie nicht die schlauesten hier. Selbst einfache Rechenoperationen - etwas kostet 50 Cordobas, ich gebe 100 - können sie nur mit Taschenrechner bewältigen.

Weil wir recht abgelegen wohnten, war die "Lichtverschmutzung" gleich null, sodass sich hundert mal mehr Sterne erkennen ließen, als wenn man sich den Sternenhimmel in der Stadt anschauen würde. Gemeinsam mit einem Kanadier philosophierten wir über dies und das und hatten eine schöne Zeit. Matilda hatte auch mehrere Hunde, unter anderem einen etwas älteren Rottweiler. Dieser war als einziger kräftig genug, die qua Gummizug unter Spannung stehende Gartentür aufzudrücken. Zweimal am Tag schleppte sich das alte Vieh runter zum Strand. Er ging aber nicht ins Wasser, sondern ließ sich nur kurz die Klöten von den Wellen umspülen und trabte wieder nach oben, um im Schatten weiter zu ruhen. Mehr Aktivität entfaltete er an einem normalen Werktag nicht.

Am zweiten Tag kletterten wir auf eine Felsnadel, die an der Spitze einer kleinen Landzunge etwa 50 Meter hoch aufragte. Das war ein rechtes Abenteuer, weil wir, um hinzugelangen mehrfach zwischen Felsen in stark strömendes Wasser springen mussten. Wir kletterten dann immerhin bis zum Sattel der Felsnadel, machten ein paar Fotos und hatten hernach leichte Probleme, ohne Sturz wieder hinunterzugelangen. Abends schauten wir uns am menschenleeren Nachbarstrand den Sonnenuntergang an und tranken später etwas Rum unterm Sternenhimmel. Von der bei Matilda geltenden Happy Hour (jeden Donnerstag von 17-19 Uhr [sic]) konnten wir leider keinen Gebrauch machen, weil Matilda (oder ihr nutzlos-fetter Sohn, genau weiß ich es nicht mehr) erst Punkt 19:05 Uhr aufschlug. Auf meinen erregt vorgebrachten Hinweis auf die verpasste Happy Hour erwiderte sie nur indifferent "si" und scherte sich sonst nicht weiter um uns.

Hat in Mathe oft geschwänzt.

Hat in Mathe oft geschwänzt.

Am nächsten Tag hieß es, Abschied nehmen von den Freunden, die weiter nach Costa Rica fuhren. Ich entschied mich, in San Juan noch den "Sunday Funday" mitzumachen, einer Art Pub Crawl nur, dass man von Swimming Pool zu Swimming Pool zieht und es für die 30 US lediglich ein hässliches T-Shirt und ein Gummiarmband gibt. Mitgebrachte Getränke durfte man in die jeweiligen Hotels und Hostels nicht mit hineinnehmen, aber war natürlich eingeladen, sich an der dortigen Bar für den vollen Preis etwas zu kaufen. Nach diesem größten rip-off aller Zeiten habe ich T-Shirt und Armband gleich am nächsten Morgen in den Mülleimer geschmissen. Die Abzocke ergänzte meinen Gesamteindruck, den ich von Nicaragua hatte. Jeder versucht Dich übers Ohr zu hauen, nie kriegt man von irgendwem ein Lächeln. Selbst wenn man es versucht, sich zum Beispiel in einem Laden, in dem man gerade 20 US für Rum und Zigaretten ausgegeben hat, nach dem Namen der niedlichen Tochter erkundigt, erhält man nur Eiseskälte zum Dank.

Abschließend habe ich noch ein paar Tage auf der Isla Ometepe verbracht. Die Insel besteht aus zwei Vulkanen und liegt im Nicaraguasee. Dort bin ich ein bisschen Roller gefahren, habe zwei hübsche Holländerinnen kennengelernt und wohlweislich von der Vulkanbesteigung Abstand genommen.

Als mir im Bus nach Costa Rica zwei Angestellte der staatlichen (!) Busgesellschaft noch ein an der Grenze angeblich benötigtes Rückreiseticket für 27 US überhelfen wollten, hatte ich endgültig die Schnauze voll von Nicaragua. Seit 1989 die Berliner Mauer fiel, war nicht mehr so froh, ein Land endlich verlassen zu können.

Wasserfall auf Ometepe.

Wasserfall auf Ometepe.

Schlauer Geselle.

Schlauer Geselle.

Einer der zwei Vulkane auf Ometepe.

Einer der zwei Vulkane auf Ometepe.

Abendlicher Blick vom Hostel.

Abendlicher Blick vom Hostel.

© Christian T, 2016
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Zweieinhalb Monate von Mexiko bis Panama, 6 Wochen Kolumbien.
Details:
Aufbruch: 17.07.2015
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 14.11.2015
Reiseziele: Mexiko
Belize
Guatemala
El Salvador
Nicaragua
Costa Rica
Panama
Kolumbien
Der Autor
 
Christian T berichtet seit 3 Jahren auf umdiewelt.