Frankreich-Reisebericht :Paris by bike

Tour-Impressionen: Bei Regen durchs Elsass

März 1994:
Was kann man schon machen, wenn einem daheim die Decke auf den Kopf fällt, die Schule gerade Ostern feiert und man eh' schon immer mal nach Paris wollte?
Genau.
12 Stunden, nachdem die Entscheidung gefallen war, befand ich mich an einem verlassenen Bahnhof im deutschen Niemandsland irgendwo zwischen Horb und Eutingen (das ist die Ecke "Schwarzwald"). Und wenn man noch nie Dornbüsche über die Straße rollen gesehen hat, dann ist man hier genau richtig.

Verdammt, was habe ich mir dabei gedacht?
Wie soll ich denn hier jemals wieder wegkommen?

Verdammt, was habe ich mir dabei gedacht?
Wie soll ich denn hier jemals wieder wegkommen?

Allen Hindernissen zum Trotz erreiche ich die Grenze Frankreichs, eines Landes, über das man beim Auswärtigen Amt folgende Information erhält:
"In kritischen Situationen, in denen sich Reisende mit
schwerer Gewaltkriminalität und einer Gefahr für Leib und Leben konfrontiert sehen können, ist auf die Sicherheitskräfte kein Verlass."

Oder war das doch die Reisewarnung für Haiti? Da gibt's auch Franzosen ...
Sei's drum - mich lassen die Sicherheitskräfte jedenfalls passieren (ja, damals gab es noch den Zoll!).

Die ersten zwei Etappen: Strasbourg - Saverne - Nancy.

Die ersten zwei Etappen: Strasbourg - Saverne - Nancy.

Am Grenzübergang Kehl-Straßburg.

Am Grenzübergang Kehl-Straßburg.

Dieses Münster habe ich zufällig gefunden; es war gleichzeitig mit mir in Straßburg.

Dieses Münster habe ich zufällig gefunden; es war gleichzeitig mit mir in Straßburg.

Nach wenigen Kilometern schon stelle ich fest, dass ich beim Erstellen meiner Packliste wohl besser mein Gehirn benutzt hätte:
Denn

  • meine gesamte Musikabteilung inkl. Walkman,

  • 3 fette Bücher (die ich in der kurzen Zeit garnicht lesen kann),

  • ein Übermaß an Klamotten

  • und ein Stapel gusseisernes Werkzeug

sind gewichtsmäßig durchaus Argumente gegen eine Überquerung der Vogesen.
Darum schlage ich von Straßburg aus den Weg Richtung Norden ein. Über Saverne im Elsass will ich fauler Sack die Vogesen nach Möglichkeit umfahren.

Am Rhein-Marne-Kanal entlang geht's nach Norden. Leider können auch Gewässer Steigungen haben, so z.B. durch hunderte von Schleusen, die die Kähne übers Gebirge bringen.

Am Rhein-Marne-Kanal entlang geht's nach Norden. Leider können auch Gewässer Steigungen haben, so z.B. durch hunderte von Schleusen, die die Kähne übers Gebirge bringen.

Mein Abend im elsässischen Saverne gerät zu einem finanziellen Desaster, da ich mich außer Stande sehe, auf den guten Elsässer Flammkuchen zu verzichten. Leider wird man davon erst satt, wenn man mehrere in sich hineinschiebt.

Erstaunlicherweise sind hier sogar andere Radfahrer außer mir unterwegs, obwohl ich den ganzen Tag niemanden gesehen habe. Allerdings muss ich mich schon fragen, ob alle Tourenfahrer so seltsam sind wie die Gesellen, die hier so unterwegs sind.

Blick aus der Jugendherberge in Saverne.
Hat was für sich, im Schloss zu wohnen.

Blick aus der Jugendherberge in Saverne.
Hat was für sich, im Schloss zu wohnen.

Von Saverne aus steht mir noch eine Kanaletappe bevor: ehrlich gesagt habe ich schon jetzt das kalte Dreckswetter satt und würde gerne mal wieder ein bisschen mehr Sonne und ein bisschen weniger düstere Wälder sehen.
Aber ich hab mir die Reise ja nicht ausgesucht (...) und überhaupt: WARUM eigentlich Frankreich, wo's doch in Ägypten so schönes Wetter gibt?

Zugegebenermaßen ist mein Blick kein bisschen intelligenter als der meines Gegenübers, als wir uns plötzlich und unerwartet Aug-in-Aug gegenüber stehen.
Sie sind ja ein nettes Volk, aber ich frage mich schon, was sich die Franzosen dabei denken, ein Wüstentier auf die Weide zu stellen.

Zugegebenermaßen ist mein Blick kein bisschen intelligenter als der meines Gegenübers, als wir uns plötzlich und unerwartet Aug-in-Aug gegenüber stehen.
Sie sind ja ein nettes Volk, aber ich frage mich schon, was sich die Franzosen dabei denken, ein Wüstentier auf die Weide zu stellen.

Wie schon weiter oben erwähnt: mit Schleusen machen die Franzosen den Fahrradfahrern das Leben zur Hölle.
Hier eine der Kleineren bei Lutzelbourg.

Wie schon weiter oben erwähnt: mit Schleusen machen die Franzosen den Fahrradfahrern das Leben zur Hölle.
Hier eine der Kleineren bei Lutzelbourg.

© Martin Gädeke, 2002
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Aus einer Laune heraus ist diese Reise zustande gekommen. Eigentlich überraschend dass ich überhaupt angekommen bin, wo doch die Entscheidung erst 12 Stunden vor Abfahrt gefallen ist."
Details:
Aufbruch: 27.03.1994
Dauer: 13 Tage
Heimkehr: 08.04.1994
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Martin Gädeke berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Martin sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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