Bulgarien-Reisebericht :Mit der Paradiso auf der Donau von Linz nach Sulina und zurück

Diesel kommt per Seilbahn

Am Samstag genießen wir einen gemütlichen Vormittag, die Etappe nach Silistra ist etwas kürzer. Als wir in den Bala Kanal einfahren, meldet dies Andreas über Funk auf Deutsch. Der Bala Kanal ist für die größeren Verbände schon eine Herausforderung, da er teilweise nicht sehr breit ist und enge Kurven hat. Bei Km 370 funkt die Calarasi port control:
"Paradiso wohin fahren, wie viele persona?" Andreas antwortet, dass wir nach Silistra fahren und zwei Personen an Bord sind. 5 Minuten später funkt uns die port control Silistra an und weist uns zuerst an den Ponton 2. Es sind auch gleich zwei Helfer da, um die Leinen in Empfang zu nehmen. Dann kommt auch schon der Hafenkapitän. Im Büro hat er schon alle Formulare vorbereitet und freut sich über unseren Stempel. Wir spazieren in die Stadt, zuerst zu einer Wohnsiedlung, vor der ein zweistrahliger Düsenjet steht. Andreas hat diesen bereits von der Donau aus gesehen. Der Jet steht einfach da, eingezäunt und hat offensichtlich keine Funktion. Auch wie er hergekommen sein könnte, finden wir nicht heraus - es gibt kein Schild.

Gibt es in Silistra einen Flughafen mitten in der Stadt?

Gibt es in Silistra einen Flughafen mitten in der Stadt?

Nein, aber dieser Vogel ist im Wohngebiet gelandet.

Nein, aber dieser Vogel ist im Wohngebiet gelandet.

Dann spazieren wir durch einen wunderschönen Park an die Donau, wo wir in einem Restaurant sehr gut essen. Das Personal ist flott und freundlich. Gegen 20.30 Uhr kommen wir zurück auf die Paradiso und sehen zwei Männer, die unsere Verheftung wegen des Windwechsels verbessert haben. Am Ponton 1 neben uns läuft ein Ausflugsschiff zu einer Abendfahrt aus. Einer der beiden Männer ist offensichtlich der Besitzer. Plötzlich läutet sein Telefon und dann drückt er Andreas sein Handy in die Hand. Andreas versteht nur soviel, dass wir uns auf den Ponton 1 legen sollen. Erst als wir am Ponton 1 liegen, sehen wir, dass hier ein Polizist in einem kleinen Kämmerlein sitzt und offensichtlich die Nacht hier verbringen wird. Wir fragen ihn nach Strom und nach einem Telefonat steckt er unser Kabel an. Somit haben wir unseren eigenen Wachdienst.
Am Sonntag laufen wir kurz vor 8.00 Uhr aus. Andreas muss feststellen, dass wahrscheinlich der Dieselvorfilter voll ist, weil der Motor kein Gas annimmt. Wir brauchen einen Stopp, möglichst an einem Anleger. Auf der Karte ist Popina mit einem Anleger eingezeichnet. Dieser entpuppt sich leider als brüchiges Holz-Irgendwas. Also werfen wir den Anker aus und Andreas macht sich an die Arbeit. Die Leute am Ufer beobachten uns und nach kurzer Zeit kommt auch ein Boot mit Polizisten, um nachzufragen, ob wir Probleme haben. Nach dem sich die beiden überzeugt haben, dass wir ohne fremde Hilfezurechtkommen, verabschieden sie sich freundlich und fahren wieder. Nach einer Stunde sind wir wieder gut in Fahrt. Das Fahren erweist sich als Herausforderung. Die Donau ist stellenweise nicht sehr tief. An einer Stelle, an der man nördlich einer Sandinsel fährt, ist sie 100 Meter breit. Plötzlich geht das Log rasch herunter. Wo ist die Fahrrinne? 80 Zentimeter Tiefe, da kommen wir ins Schwitzen. Wir haben einen Tiefgang von 75 Zentimeter. Das Wasser muss in den letzten Wochen stark gefallen sein. Dies ist auch in Oltenita der Fall. Vor uns plötzlich eine Menge Schubverbände, die ebenfalls stromaufwärts fahren, einer hinter dem anderen und zwar links an einer roten Tonne vorbei. Dann sehen wir auch schon, dass die Matrosen am Bug der Bargen mit langen Stangen loten. Unsere "elektronische Stange" zeigt manchmal nur 1,0 Meter. Wir überholen einen nach dem anderen. Es wird gewunken und getutet. Der Kapitän der Dushanbee ruft die Paradiso über Funk. Er möchte wissen, ob wir nach Austria fahren, und wünscht uns noch eine gute Reise. Erstmalig nach mehr als 2 Monaten haben wir heute einen Fahrtag bei bedecktem Himmel. Die Temperatur ist angenehm, weil es nicht mehr so heiß ist. Auf halber Strecke haben wir dann Gegenwind und 20 Kilometer vor Rousse tröpfelt es ein wenig. In Rousse fahren wir in die Marina. Klingt nach Luxus, das heißt Strom und Wasser. Wir sehen aufs Erste ein paar Fischerboote, ein deutsches Segelboot, einen österreichischen Katamaran und eine deutsche 20-Meter-Jacht namens Lara. Lara liegt mit dem Bug trocken am Ufer. Hier fehlen mindestens 1,5 Meter Wasser. Ein Bulgare namens Borku bietet uns seinen Platz an. Perfekt, die Fender haben gerade noch Platz zwischen Steg - oder vielmehr Holzverkleidung und dem nächsten Boot. Borku klärt uns auf, dass dieser Platz nicht zur Marina gehört. Strom hat er auch und Wasser können wir auch bekommen, nur Toiletten hat er nicht. Und den Müll nimmt er auch noch an.

Hafenkapitän Borku

Hafenkapitän Borku

Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zum Hafenkapitän, der uns zuerst zur Border Control und zum Zoll schickt. Zwei Crewlisten abgeben - das ist eine Sache auf 2 Minuten. Während ich eine halbe Stunde beim Hafenkapitän bin, ist Andreas in einem Bootszubehörladen erfolgreich: Die Wasserpumpe ist in Varna erhältlich und wird umgehend nach Rousse geliefert. Wir können sie morgen Mittag abholen. Wir erkunden Rousse:
eine lange Einkaufsstraße mit vielen Geschäften und Lokalen.

Innenstadt von Rousse

Innenstadt von Rousse

Es schüttet und stürmt bis 19.30 Uhr. Die im Schlamm festgefahrenen Jachten jubeln.
Am Dienstag regnet es noch immer. Die pünktlich angekommene Wasserpumpe wird eingebaut. Als Alpenländer haben wir für die Spritanlieferung eine Idee. Für die steile Böschung bauen wir eine Seilbahn. Zum Glück haben wir eine 50 Meter lange Leine als Tragseil. Alle sind schon gespannt auf die Diesel-Seilbahnaktion. Zuerst werden die leeren Kanister zusammengebunden und nach oben transportiert. Das funktioniert schon perfekt. Dann auf zur Tankstelle zur Füllung der 13 Kanister. Die Spannung steigt, ob das Experiment auch wirklich funktioniert. Der erste Kanister ist fixiert und geht auch schon rasant auf die 50 Meter Reise. Gekonnt fängt ihn Andreas ein. So kommen in zwei Touren 24 Kanister mit mehr als 500 Liter Diesel wohlbehalten auf die Paradiso. Die anwesenden Einheimischen zerkugeln sich vor Lachen und finden diese Idee sensationell gut.

Wir melden uns beim Hafenkapitän ab. Das ist rasch erledigt, denn der junge Dienst habende Hafenmeister ist flink beim Schreiben. Dann geht's weiter zur Border Control. Oje, da warten schon zwei Männer. Der Grenzpolizist kommt und entscheidet, dass Brigitte als Erste hinein kann. Ein Stempel, eine Unterschrift und ein freundliches "Gute Reise" - keine zwei Minuten. Wolfgang vom Segelboot "Trear" kommt noch zu uns. Er und Toni sind schon seit einer Woche hier in Rousse und können aufgrund des niedrigen Wasserstandes nicht weiterfahren. Sie haben 1,80 m Tiefgang. um 10.00 Uhr laufen wir bei wenig Wind aus. Kurz nach Km 511 geht das Log runter auf 2,3 Meter. Wo ist die Fahrrinne? Bei Km 524 fahren wir wieder einen Slalom durch rote und grüne Tonnen und überholen wieder einmal den Schubverbands- Konvoi. Wo ankern wir heute? Der niedrige Wasserstand hindert uns daran, in einen Seitenarm einzufahren. In Somovit sehen wir einen Ponton, der sehr schief am Ufer hängt.

Hier kommen nicht oft Jachten vorbei

Hier kommen nicht oft Jachten vorbei

Der einzig anwesende Einheimische spricht weder Deutsch noch Englisch und ruft nach jemand. Kurz darauf kommt Georgi, ein bulgarischer Jüngling, dessen Redeschwall nicht zu bremsen ist: "Männer haben mich aus Kneipe geholt, kann nur ich hier Deutsch sprechen. Du möchten mit Jacht hier bleiben. O.K. - O.K. Kann sein, Du musst bezahlen Taxe. Weiß nicht wie viel. Wie viel PS hast Du?" So geht es weiter. Wir haben bereits großen Hunger und freuen uns schon auf die Koteletts, die wir in Rousse gekauft haben. Kurz, nachdem Brigitte die Kartoffeln zugestellt hat, kommt der Hafenkapitän und ersucht freundlich, mit ihm ins Büro zu kommen. Dort "the same procedere as everywhere", nur noch viel langsamer. Endlich sind Arrival und Departure-Rapport fertig. Brigitte weiß, dass noch die Eintragung in das große querformatige Buch kommt. Doch er tut nichts dergleichen. Auf die Frage nach dem Preis lächelt er großzügig und gibt zu verstehen, es kostet nichts. Brigitte bedankt sich freundlichst und eilt zurück zum Boot. Genau in dem Augenblick, als die Koteletts in die Pfanne wandern, kommt der Hafenkapitän, in einer Hand das querformatige Buch. Um unser Abendessen nicht zu gefährden, widmet sich Andreas der Angelegenheit. Er braucht noch eine Nummer vom Schifferausweis, dafür gibt es im Buch eine Spalte. Geduldig erklärt Andreas, dass es in Österreich keinen Schifferausweis gibt und als "Attest" die internationale Zulassung für Sportboote mit dem Kennzeichen gilt. Wie lange dauert die Zubereitung von vier Stück Koteletts? Genauso lange, bis der Hafenkapitän sich geschlagen gibt und unser Kennzeichen in das Buch hinein schreibt!
Am Donnerstag verlassen wir pünktlich um 9.00 Uhr, wie wir dem Hafenkapitän versprochen haben, Somovit. Das Wetter ist auch heute wieder ganz auf unserer Seite. Wieder viele Begegnungen mit bereits bekannten Schubverbänden. Die Überholmanöver sind manchmal eine ganz schöne Herausforderung. Bei Km 704 liegt die "Radetzky", eine Replik des österreichischen Raddampfers (K&K 1851), der beim Aufstand gegen die Türken eine Rolle spielte.

Raddampfer Radetzky

Raddampfer Radetzky

Langsam fahren wir hinzu und erblicken zwei Männer an Bord. Wie selbstverständlich kommt einer der beiden vom Oberdeck herunter und lädt uns zum Anlegen ein. Nachdem die Leinen fest sind, stellen wir uns gegenseitig vor. George ist erfreut, eine Jacht aus Linz zu Gast zu haben.

Kapitän Georg

Kapitän Georg

Über 40 Jahre war er auf der Donau unterwegs und häufig in Linz.
Am Freitag warten wir ein Gewitter mit einem kurzen heftigen Regen ab und laufen bei klarer Sicht aus. Schon bald überholt uns das Kreuzfahrtschiff "Casanova", wodurch wir über eine lange Strecke einen "guiding star" haben. Das ist auch gut so, denn in den letzten Wochen wurden offensichtlich viele Bojen verlegt, sodass die Aufzeichnungen auf der Donaukarte oft nicht mit der Realität übereinstimmen. Die bulgarische Stadt Vidin ist unser Tagesziel. Hier möchten wir zwei Nächte bleiben, nicht nur um aufzubunkern, sondern auch um die angekündigten Gewitter an einem sicheren Platz zu überstehen.

Luxusanleger in Vidin

Luxusanleger in Vidin

(Fortsetzung folgt)

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Im Sommer 2007 haben wir unseren lang gehegten Wunschtraum erfüllt: Die Fahrt mit unserem Hausboot "Paradiso" ins Donaudelta und zurück. 4.450 Stromkilometer führten uns in 109 Tagen zu interessanten Begegnungen mit freundlichen Menschen und faszinierenden Landschaften.
Details:
Aufbruch: 30.05.2007
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 16.09.2007
Reiseziele: Österreich
Slowakei
Ungarn
Serbien
Rumänien
Bulgarien
Der Autor