Italien-Reisebericht :Abruzzen: Der Gran Sasso Nationalpark

Campo Imperatore - das Herz des Gran Sasso

Doch nun geht's hinein in das Herz des Gran Sasso, zum Campo Imperatore, eine zwanzig Kilometer lange, und zwischen drei und sieben Kilometer breite Hochebene, 1500 bis 2000 m über dem Meeresspiegel gelegen. Die Straße führt vorbei an einfachen Bauernhöfen mit sanften, weißen Kühen und Schafherden. Durch den Regen sind Wiesen und Felder tief grün, die Natur gibt sich maienfrisch.

Zuerst halten wir uns in Richtung Castelli, um dann links nach Rigopiano (18 km) abzubiegen. Der Verkehr ist gleich null, die Straße gehört hier den Kühen. Schon nach nur einem Kilometer führt der erste Wanderweg hinein in diesen grünen Laubwalddschungel: Der Weg führt hinauf zum Gran Sasso und auf den Campo Imperatore. Links und rechts der Straße gehen weitere Wanderwege ab, unter anderem zum Campo und seinem Fonto della Creat (1.254 m), sowie hinunter nach Castelli (2 Std. 45 Min.). Vorsicht: Es wird auf den Wanderwegen auch geritten und manche Zeitangaben scheinen davon auszugehen, dass man zu Pferd unterwegs ist.

Schon bald erreichen wir den Vado di Sole, ein Pass auf 1.621 m Höhe, der die L'Aquila-Bergseite von der Pescara-Bergseite scheidet. Von hier eröffnet sich ein grandioser Ausblick auf die Bergwelt des Gran Sasso: Monte Vito (1892 m), Monte Siella (2027 m), Monte Tremoggia (2331 m), Monte Canucia (2564 m), Monte Brancastello (2385 m) und Monte Aquila (2494 m) - sowie die sich unterhalb ausbreitende bizarre Landschaft des Campo Imperatore.

Die Straße windet sich vom Pass hinunter auf den Campo. Menschen- und tierleer breitet sich die Riesenebene vor uns aus. Kein Wunder, dass die karge Gegend hier auch piccolo Tibet genannt wird.

In der Mitte des Campo stoßen wir auf zwei Bretterbuden, eine als ristorante und die andere als macelleria genutzt. Für das Abendessen decken wir uns bei letzterer mit Lammkoteletts und formaggio pecorino ein. Die Bretterbuden stammen wohl noch aus der Zeit, als der Campo die Kulisse für Italo-Western abgab.

Eine kleine Straße führt zum Fonto della Creat, der sich als ein kleines refuggio entpuppt. Von hier gehen Wanderwege hinein in die Berge, zum Corno Grande bzw. Corno Piccolo. Wir wandern bergauf durch grüne Tannen- und Zedernwälder. Enzian, Vergissmeinnicht und viele andere Blumen blühen auf den Wiesen. Der Gran Sasso Nationalpark wartet mit zahlreichen endemischen Pflanzen auf und viele Tiere wie Falken, Wölfe, Bären, Füchse oder camosci - Abruzzen-Gemsen - sind hier zuhause.

Zurück am Campo Imperatore treffen wir bei einem Wasserloch auf eine Herde wilder Pferde: Die Stuten haben Fohlen und werden von den Hengsten sorgsam bewacht.

Wir biegen ab in eine gerade auf die Berge zulaufende strada bianca. Am Beginn der Gletschernase - von den Gletschern sind hier am Campo nur noch Geröllzungen übrig - beginnen wir eine Wanderung entlang des ausgetrockneten Flussbetts, das hinein in die hohen Berge führt. Schon bald stoßen wir auf letzte Schneereste und plötzlich führt der Fluss auch wieder Wasser.

Zurück von diesem wunderbaren Naturerlebnis lassen wir uns abends von Patricks Freunden aus dem Dorf mit äußerst schmackhaften gegrillten Lammspießchen, genannt rosticcini, verwöhnen. Dazu werden Tomatensalat und mit Olivenöl beträufeltes Weißbrot gereicht. Unsere italienischen Grillmeister beklagen meinen Stilbruch, als ich die Lammspieße mit Zitronensaft beträufle: Ausschließlich Salz wird zum Würzen akzeptiert und mein angebotener insalata mista ist total daneben. Die Lammspieße schmecken wirklich köstlich und uns wird versichert, dass bei Festlichkeiten pro Person gut und gerne an die fünfzig Spieße verzehrt werden. Doch wie staunen wir, als sich herausstellt, dass die Spießchen erst der Auftakt waren und als Hauptgang feinste Steaks in der Größe von Wagenrädern gegrillt werden. Die wunderhübschen Kühe und die idyllischen Schafherden dienen hier nicht nur als Kulisse...

© Angelika Gutsche, 2008
Du bist hier : Startseite Europa Italien Italien-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Auf dieser Reise möchten wir den nördlichsten Teil der Abruzzen erkunden: den Gran Sasso. Er ist das einzige hochalpine Gebirgsmassiv Italiens außerhalb der Alpen und das höchste Gebirge des Apennin. Hier finden sich überwältigende Natureindrücke und faszinierende Kulturdenkmäler.
Details:
Aufbruch: 24.05.2008
Dauer: 14 Tage
Heimkehr: 06.06.2008
Reiseziele: Italien
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors