Lust auf Zug

Südafrika-Reisebericht  |  Reisezeit: August / September 2019  |  von Herbert S.

Johannisburg - Apartheid Museum und Soweto

In der Misty Lodge haben wir nicht besonders geschlafen; Ulrike hat inzwischen von der eiskalten Pirschfahrt um 6.00 Uhr vor ein paar Tagen den Husten, und ich habe wenig Schlaf. Um 6:15 Uhr klingelt der Wecker, wir packen soweit wir können alles zusammen und machen die Koffer fertig, die um 7:30 Uhr abgeholt werden. Zum Frühstück geht es ins Summerhouse, um 8:30 identifizieren wir unsere Koffer und los geht es heute mit einem anderen Bus. Vorgesehen ist das Apartheitmuseum und in Soweto das Nelson Mandela Haus.

Misty Lodge

Misty Lodge

Die Fahrt zum Apartheitmuseum führt an dem bekannten First National Bank Stadium vorbei, das für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 komplett umgebaut wurde.
Nachdem es 1989 als erstes für internationale Fußballspiele geeignetes Stadion in Südafrika eröffnet worden war, fand in dem Stadion 1990 die erste Massenkundgebung Nelson Mandelas nach seiner Freilassung statt.
Da Sponsorennamen bei Weltmeisterschaftsstadien nicht erlaubt sind, gestattete die First National Bank, die dreimonatige Änderung des Namens in Soccer City.
In dem Stadion wurde auch die Trauerfeier für Nelson Mandela im jahre 2013 gehalten.

First National Bank Stadium - mit Textil verkleidet

First National Bank Stadium - mit Textil verkleidet

Vor dem Museum sieht man 7 Betonsäulen: beschriftet mit: democracy, reconciliation, diversity, responsibility, freedom, respect und equality!

Am Eingang werden zunächst die Taschen kontrolliert und man wird darauf hingewiesen, dass Fotografieren im Museum nicht erlaubt ist.

Im Inneren sind die 'bill of rights' von 1996 sorgfältig aufgelistet. Sie entsprechen im Prinzip der deutschen Verfassung.

Wir sollen dem lokalen Führer folgen und wegen der Unübersichtlichkeit des Msueums ("man könnte sich verlaufen!") bei der Gruppe bleiben, aber das ist fast unmöglich, denn er sucht sich die lautesten Stellen aus, um Erklärungen abzugeben. Didaktisch erscheint mir das Museum sehr gut aufbereitet, doch methodisch liegt es im Argen. Das Museum müßte audioguides einführen, um die von allen Seiten einströmenden überlauten Geräusche für Besucher zu reduzieren.
Die sehr informativen Texte der schwarzen Tafeln geben einen guten Einblick in die Geschichte der Apartheit und leiten den Besucher durch das Museum in einer Ein-Stunden-Tour. Weiße Tafel geben Zusatzinformationen.
Der Hauptfilm ist schockierend, wird aber durch die deutsche Übersetzung von Inge so gestört, dass ich weder den deutschen noch den englischen Text verstehe. Erst nach einem Hinweis meinerseits fast am Ende der Tour ‚dürfen‘ wir auch alleine gehen.

Die Fahrt nach Soweto führt wieder an dem mit Textil verkleideten Stadion der Fußballweltmeisterschaft vorbei, man kann zwar einige kleine Areale sehen, die schlimm aussehen, aber andere – so erklärt es uns der Führer – sind inzwischen mit festen Bauten versehen, die als ‚matchboxes‘ genannt Zweizimmerhäuser darstellen. Es gibt aber auch bereits größere Häuser die bis zu 2 Mill. Rand kosten sollen.

Unser erster Stopp ist am Mahnmal für die erschossenen Schüler Sowetos. Am 16. Juni 1976 protestierten Schüler und Studenten aus Soweto gegen die rassistische Bildungspolitik des Apartheidsregimes. Obwohl sie nur ungenügend in Englisch und Afrikaans unterrichtet worden waren, sollten die Prüfungen in diesen Sprachen abgelegt werden. Die Proteste eskalierten, die Polizei ging mit äußerster Härte gegen die Kinder und Jugendlichen vor. Es gab über 500 Tote. Als erstes Opfer gilt Hector Pieterson. Das weltbekannte Bild des sterbenden Pieterson, der von Mbuyisa Makhubo auf dem Arm getragen und von seiner Schwester Antoinette Sithole begleitet wird ist am Mahnmal zu sehen.

Auf dem zum ca. 800m weiter liegenden Mandela House finden wir ein weiteres Denkmal für den Schüleraufstand.

Dann biegen wir in die Vilakazi-Street ein, in der das besagte Haus liegt. Leider ist die Straße mit unzähligen Ständen, Bars, Bussen und Menschen zum Tourismuszentrum geworden.

Mandela House - gleich um die Ecke steht das kaum sichtbare Haus von Bischoff Desmond Tutu, dem politischen Lehrer Mandelas -

Mandela House - gleich um die Ecke steht das kaum sichtbare Haus von Bischoff Desmond Tutu, dem politischen Lehrer Mandelas -

Nicht weit entfernt wird dann an einer Brauerei Mittagspause gemacht. Die Brauereibesichtigung ist an sich ein Witz, putzig ist jedoch, dass dort fünf verschiedene Sorten Bier hergestellt werden: das klassische Lager, ein Stout (kommt dem Guinness schon ein wenig nahe, ein Cherry-Bier (ähnelt dem belgischen Kriek-Lambic), eine apple-Bier, ein Ginger-Bier – an einem Zitronen/Limonen-Bier wird gerade gearbeitet.

heute auch noch passend?

heute auch noch passend?

14.00 Uhr geht es dann zum Flughafen, der ziemlich genau auf der anderen Seite von Johannisburg (NO) liegt. Nun kann man auch ein paar alte Slumgebiete sehen,

aber auch die 'matchboxes'.

Einchecken, Sicherheitskontrolle und Passkontrolle gehen schnell. Um 16.00 Uhr haben wir dann schließlich nach kurzem gezielten Einkauf einer Kette für Schwester Gisela die Business-Lounge erreicht. Das iphone braucht unbedingt ‚Saft‘, so dass ich mich an einen der Tische mit Strom setzen muß. Ulrike setzt sich in Sichtweite und liest, bald höre ich ihre Stimme und sie unterhält sich mit unseren kleinsten Reiseteilnehmer Alexander.
Das boarding findet zwar etwas chaotisch statt aber dafür startet der Airbus 340-600 fast pünktlich um 19:37 Uhr. Die Menukarte weist in englisch und deutsch zwei unterschiedliche Menus aus – es gilt aber nur eines, trotzdem ist uns das alles zuviel. Die Canapés taugen nichts, mein Fisch ist trocken. Ulrike dreht sich bald um und versucht zu schlafen. Ich genehmige mir noch einen Amarula auf Eis und schreibe die letzten Reste des Bordbuchs, bevor ich mich zur Ruhe begebe.

letzter Blick auf das abendliche Johannisburg

letzter Blick auf das abendliche Johannisburg

© Herbert S., 2019
Du bist hier : Startseite Afrika Südafrika Südafrika-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Die Welt per Zug entdecken? … oder was eine Schienen-Kreuzfahrt von einer Bahnfahrt unterscheidet. Nach unseren Erfahrungen mit der Transsib haben wir uns entschlossen eine weitere Schienenkreuzfahrt in Afrika von Simbabwe nach Südafrika zu unternehmen.
Details:
Aufbruch: 19.08.2019
Dauer: 15 Tage
Heimkehr: 02.09.2019
Reiseziele: Simbabwe
Südafrika
Mosambik
Swasiland
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
Bild des Autors